In einem demokratischen Staate, wie Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in England, wo die Ministerien häufig wechseln, und morgen schwarz wird, was heute weiß war, in allen Ländern, wo das Volk zur Mitarbeit an der Regierung nicht nur pro forma, sondern de facto berufen ist, finden wir nichts von diesem Anstaunen der amtlichen Würdenträger. Wenn es bei uns nur öfters vorkäme, daß z. B. ein Ingenieur wie Freycinet, ein Advokat wie Haldane, ein Börsenmakler wie Benteaux Kriegsminister würden oder ein ehemaliger Arbeiter, wie Burns, Arbeitsminister und wenn häufiger Subalternbeamte in höhere Stellen aufrückten, da sie doch nicht selten alle Arbeit leisten, für die die hohen Herren ihre Titel und Orden beziehen, – dann ließe dieser lähmende Respekt vielleicht etwas nach.
Wirksamer freilich, wenn auch betrüblicher, sind die Enthüllungen letzter Jahre, die uns alle Bewunderung in Verwunderung verwandelt haben. Da entringt sich der bescheidenen Untertanenbrust der Ruf: »Na, viel ungeschickter hätt' ich's auch nicht angestellt!« – Das hat also das eine Gute, daß sich das matte Selbstbewußtsein – die saure Frucht von endlosen Erziehungsbemühungen – wieder etwas auffrischt. Ich habe noch das Glück, einige sog. Diplomaten persönlich zu kennen. Das wirkt auf die Streckmuskeln des Rückens besonders stärkend.
Mit »einem Tropfen demokratischen Öles« ist schon nichts mehr zu leisten, wir brauchen alle schon einen gehörigen »Schuß« Öl, um zur Selbstbesinnung und zu einer manneswürdigen Selbstachtung zu kommen.
Fast schlimmer noch als der seit Jahrhunderten dem deutschen Untertanen angezüchtete Respekt vor der weisen Obrigkeit ist der vor tönenden Namen der Wissenschaft und der Kunst. Auch da erstirbt jedes eigene Urteil in Demut. Wer in irgendeinem Pünktchen Goethes Meinungen bekämpft, gilt als Barbar oder dreister Umstürzler.
Fast jeder »Gebildete« befindet sich bei uns im Banne des Angelernten. Werturteile über ganze Völker, über politische und sonstige Größen gehen um wie schlechte Kupfermünzen. Wie selten trifft man noch Menschen mit eigenen Köpfen! Die »Bildung«, die Schule mit ihrem von Arthur Bonus so heftig angezweifelten Kulturwerte, nimmt den Menschen alle Höhen und Tiefen. Je »besser« die Schulen, um so flacher die Menschen, die aus ihnen hervorgehen.
Geheimer Justizrat L. Passarge in Jena schreibt in seinem Buche: »Ein ostpreußisches Jugendleben«, als 81jähriger: »In meiner Jugend war fast jeder Mensch ein Original: die Bildung hatte noch nicht alle über einen Kamm geschoren.« Die Überzeugungen waren damals noch nicht im Massenvertrieb von den Regierungen ins Volk geworfene Fabrikware.
Die Wertschätzung eines strebsamen jungen Mannes liegt jetzt in der Hand irgendeines Gewaltigen der Feder: von einer herabsetzenden Kritik eines namhaften Kunstgelehrten erholt sich der Betroffene oft im ganzen Leben nicht wider: denn man traut den überbrachten Worten lieber als dem eigenen Urteile. Ich könnte zu diesem Kapitel die lehrreichsten Einzelbeobachtungen beibringen; aber die Sache bedarf wohl keiner eingehenderen Begründung. Wir alle kennen das Übel schon zur Genüge.
Noch schlimmer aber als der Respekt vor Titeln und Namen ist der von ererbten Lehren und Anschauungen. Es gibt Tausende von solchen gläubig oder nur gedankenlos hingenommenen Scheinwahrheiten, die zu prüfen man sich scheut. Zumal werden eine Menge religiöser Lehren nur deshalb noch ernst genommen, weil sie uns irgendein Mensch mit ernster Miene vorgetragen hat. Als Sklave einer anerzogenen Gedankenlosigkeit beansprucht der Unfreie noch die Achtung eines besonnenen, pietätvollen, bescheidenen Menschen. Man sollte ihn lieber feig und unehrlich nennen.
Natürlich leisten auf diesem Gebiete wieder ehemalige Militärs das Stärkste. Diesen Herren ist es zumeist unverständlich, wie ein Mensch zu abweichenden Meinungen kommen könne, da sie in der vermeintlich »tadellosen« Welt leben. Alles, wie's sein muß: Gottesdienst, patriotische Gesinnung, gesellschaftliche Haltung. Geschmack und Urteil – alles in bester Ordnung. Als R. von Egidy ein eigenes Glaubensbekenntnis aussprach, hielt man ihn in seinem Kreise für »einfach verrückt –, war ein tüchtiger Soldat und angenehmer Kamerad. Schade um den Menschen«!
Es wird gut sein, der Jugend, wenn sie in die Jünglingsjahre tritt, zu sagen, daß alle großen geistigen und moralischen Erfolge ein starkes Selbstvertrauen und damit verbunden Mangel an Autoritätsglauben voraussetzen. »Kopernikus hatte keine Furcht vor der Bibel, er hätte sonst die Astronomie nicht reformieren können, Luther fürchtete nicht den Papst, nicht die Mönche und die ganze katholische Kirche – –, Galilei fürchtete weder Bibel noch Aristoteles, sonst hätten alle seine Geisteskräfte nicht hingereicht, die moderne Naturwissenschaft zu begründen« (Popper, Voltaire, Dresden, Carl Reißner. 1905. S. 309) und so sind Descartes, Giordano Bruno, Spinoza, Bayle, Rousseau, Voltaire alle respektlos gewesen gegen die Autoritäten, die sie erst stürzen mußten, um selbst wirken zu können. Voltaire zumal, »der vor nichts in der Welt Furcht hatte und nie auf halbem Wege stehen blieb, der deshalb als Kämpfer, Erwecker, Aufrüttler, Bahnbrecher unübertroffen ist, als Minierer, als Feind jeden hohlen Wesens und falschen Scheines, als der Mann, der jede Maske herunterriß, dessen Schriften Schlachten, und zwar lauter gewonnene Schlachten sind, der alle Bastionen des Mittelalters mürbe schoß und mehr als irgendein andrer Mensch durch die Gesundheit seines Naturells zum Feind alles dumpfen Hinbrütens in geisteszerrüttendem Phantasiespiel wurde« (ebenda S. 310 ff.). Statt des hirn- und herzlosen Respektes, den man heute der Jugend predigt, lehre man sie Achtung vor jedem ehrlich Strebenden, vor jeder selbst erworbenen und mannhaft verteidigten Überzeugung.