Man gebe ihr Hebbels und Emersons Schriften in die Hand. Da wird sie Mannhaftigkeit verstehen und lieben lernen. Man nähre ihre Selbstachtung, den Stolz auf ihre Eigenart, den Willen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zu behaupten und durchzusetzen!

Man lasse Überzeugungen wachsen, man gebe alles Denken frei, man schütze und ehre das freie Wort – und mit Staunen wird man gewahren, wie viele Männer in Deutschland erstehen. Regierungen, Schulen, Eltern und Erzieher sind nicht dazu da, das geistige und sittliche Wachstum zu hemmen, sondern ihm eine freie Entwicklung zu sichern. Kultur wird von der Regierung und Behörden nicht geschaffen, sondern bestenfalls geschützt. Eine Regierung, die sich anmaßt das Geistesleben ihres Volkes in Religion, Wissenschaft und Kunst zu kommandieren, zerstört oft mehr geistige Werke, mehr Menschenglück, mehr Lebens- und Entwicklungskeime als blutige und hartnäckige Kriege, durch die doch auch Kräfte, selbst die edelsten, befreit und entfesselt werden. Nichts demoralisierender für ein Volk als die Stickluft einer Gesindestube, vermischt mit dem Weihrauchdunst der Höflinge und der Klerisei. Das ist wahrhaft männermordend.

Weshalb kommen die Japaner, weshalb die Nordamerikaner so schnell vorwärts? Weil sie Respekt nur vor dem haben, was sie selbst von seinem Werte lebhaft überzeugt, was sie für ihr eigenes Leben brauchen können. Alte, erstorbene Autoritäten gelten ihnen nichts. Sie rufen jeden noch so großen Namen vor den Richterstuhl ihres gesunden Verstandes. In England oder Amerika kann man ein Urteil wie: I dont like Raffael; I dont like Schiller, sehr oft hören und kein Mensch entsetzt sich darüber. In Deutschland muß man Raffael und Schiller bewundern. Wenn das Verständnis dazu nicht langt, dann lügt man eben.

Mit den Namen unserer großen Pädagogen macht man »drüben« gar keinen Eindruck. Wenn man einen dortigen Erzieher sagt: »Aber Herbart, der große Pädagoge, sagt« – so wird die Antwort lauten: »Wer ist Herbart? Ich kenne diesen Menschen nicht. Was er da sagt, ist mir gleichgültig. Es scheint sehr töricht zu sein.«

Keméni sagt bei dieser Gelegenheit: »Frei von jedem Autoritätsglauben ist der Amerikaner in kein einziges Erziehungssystem befangen, sondern prüft, vergleicht, probiert und wählt das Gute dann und daher, wo er es eben findet. Er freut sich, wenn er auf dieser Suche von Erfolg begünstigt ist und bekennt das stets mit mannhafter Ehrlichkeit.«

Die Folge dieser »Respektlosigkeit« ist eine große geistige Beweglichkeit und deren Folge wieder: ein gesundes Wachstum und blühender Fortschritt.

Ist erst das Selbstvertrauen gestärkt, dann werden wir in Deutschland endlich auch wieder das zu hören bekommen, was Arndt den »Zorn der freien Rede« nennt.

Eines der handgreiflichsten Anzeichen unserer moralischen Schwäche ist, daß wir kein mannhaftes Wort mehr ertragen können.

Man darf sich nicht einmal mehr entrüsten. Das schickt sich nicht. Man ist widerlich anständig, korrekt, ruhig und sachlich geworden. Das danken wir wieder der Beamtenschaft. Im Dienste ist jedes Pathos untersagt. Da gibt es nichts Hohes, Heiliges, nichts Begeisterndes, Entrüstendes. Da herrschen nur die starren, kühlen amtlichen Maßnahmen, Verfügungen und Akten. Alles findet da seine kühl abgemessene Erledigung. Die Hauptsache: Einhaltung des Instanzenweges und gut geordnete Aktenbündel. Man tut seinen Dienst und schert sich nicht um das, was nicht mit ins Ressort gehört. Für die Stimmung wird »oben« gesorgt. Ehe man nicht weiß, wie diese läuft, ist man empfindungslos. Es ist das die Praxis von Lakaien, die auch beim Servieren nichts hören, nicht lachen und sich nicht ärgern dürfen.