So gewöhnte Menschen begreifen gar nicht, wie man sich erregen kann. Begeisterung nun gar würde einem da bald gelegt werden. Das beste Mittel, man läßt so einen Hitzkopf ein paarmal mehrere Stunden lang im Zimmer des Bureaudieners antichambrieren und ihm dann mit Bedauern melden, daß man wieder nicht zu sprechen sei: Dienstliche Abhaltung, wichtige Sitzung.
Über religiöse Fragen zu sprechen, schickt sich in der deutschen Gesellschaft nicht mehr; Politik schließt man auch lieber aus, weil von irgendeinem Herrn, der der Regierung nahe steht, diese oder jene Bemerkung »unliebsam« empfunden werden könnte. Man fängt leider Gottes im Deutschen Reiche selbst am Biertische wieder zu tuscheln an. Als ich auf der Sommerfrische einem General a. D. meine Ansichten über den »Racker Staat« vortrug, sah er sich scheu um und sagte: »Lieber Herr Professor, da drüben sitzt ein Staatsanwalt!« – »Nun, da will ich etwas lauter sprechen!« Der General hatte 1866 und 1870 mit Auszeichnung gekämpft.
Und nun prüfe man unsere Zeitungen! Das Gott Erbarmen! Was wird da mit Ausnahme von wenigen, die der Wahrheit ehrlich zu dienen bestrebt sind, was wird da zusammengelogen!
Wie schlürfen da die geschäftigen Reporter auf Gummischuhen einher, wie leichtfertig »greifen sie heute etwas aus der Luft«, um es morgen zu dementieren.
Wie feig verstecken sich ihre wahren Meinungen! Wie wird da mit »sollte, dürfte, könnte, möchte vielleicht« gearbeitet, damit man nur ja nicht zu fassen ist! Wie versteckt man sich hinter Pseudonymen, um aus dem Hinterhalt zu treffen! Wie fälscht man Empfindungen und Tatsachen je nach Bedarf und nach Bezahlung!
Jüdische Artikelschreiber schwärmen für die fröhliche, selige Weihnachtszeit, machen alle Wonnen des kirchengläubigen Herzens auf dem geduldigen Papiere mit, erglühen für liebenswürdige Prinzen, Prinzeßchen, die sie nie gesehen haben und die ihnen völlig gleichgültig sind, ereifern sich für hohe Gäste ihrer Landesherren, mögen diese auch innen und außen schwarz sein wie der Teufel, dulden keine öffentliche Erregung, obschon sie sie lebhaft teilen, besänftigen jede Lebenswelle, auf daß der Bürger ruhig weiter schlafe und kein Abonnent abspringe, und berichten über Vorstellungen und Konzerte, die sie nicht mitgemacht haben mit erdichteter Begeisterung oder Entrüstung.
»Feil ist in der geschändeten Brust der Gedanke«, man lese weiter bei Schiller im »Spaziergang« nach, was den Zusammenbruch verkündet!
Wenn Wahrhaftigkeit die erste Mannestugend ist, dann hat Graf Tolstoi recht, der den Simplizissimus das beste Blatt in Deutschland nennt. Jedenfalls kann ein künftiger Historiker die Stimmungen des ungebundenen deutschen Volkes nirgends besser studieren als an diesem satirischen Blatte, das, wie die Flugblattliteratur zu Luthers Zeiten, die bestehenden Schäden rückhaltlos aufdeckt und die große geistige Revolution, die kommen muß, erbarmungslos vorbereitet.
Übrigens ist es sogar eine ideale Aufgabe, die Lüge zu bekämpfen und den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen. Für dieses Verdienst nimmt man manche Roheit, manchen zu plumpen Witz gerne mit in Kauf. In der tapferen Zeitschrift »Das freie Wort« stand jüngst ein bitterböser, aber sehr zutreffender Artikel über die berechtigte »Simplizissimusstimmung«.[19] Man findet dieses Blatt jetzt auch in allen »guten« Familien, in allen vornehmen Restaurants Deutschlands und Österreichs und das gegen den Simpel gerichtete Verbot eines Eisenbahnministers (der nur für guten Bahnverkehr, nicht auch für die politische Erziehung der großen Kleinkinderbewahranstalt Deutschland zu sorgen hätte) hat das Vaterland vor »Reichsverdrossenheit. Nörgelsucht und Schwarzsehern« nicht behüten können.
Überhaupt werden die Leute dadurch nicht vergnügter, daß man ihnen verbietet, ihren Ärger laut werden zu lassen.