»Ruhig, sachlich, objektiv,« sollen auch die Lehrer sein und bleiben. Es geht eben wieder der Ruf durch Deutschland: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« Die stille, unendlich mühsame und segensreiche Arbeit, die von unseren Lehrerstande jahraus jahrein geleistet wird, hat ihren Lohn in sich und bedarf keiner lauten Lobpreisung.

Ich mag in meiner Kritik der deutschen Schule zu streng gewesen sein – freilich stimmt mir die Öffentlichkeit und der Erfolg von Tag zu Tag mehr zu – ich mag zu sehr verallgemeinert und vielfach Gutes nicht gekannt und deshalb nicht genannt haben, was hier und da schon gewollt und geleistet wird: das Recht und den Zorn der freien Rede lasse ich mir nicht bestreiten und nehmen. Aber es gibt Zeiten und Stimmungen, in denen diese »innere stille Reform«, wie man es jetzt nennt, nicht ausreicht. Jetzt geben selbst hohe Schulbeamte zu, daß der laute Schrei des Unwillens berechtigt war, daß trotz und zum Teil infolge jenes stillen, geduldigen und fügsamen Lehrfleißes ein unheilvolles »Regiment des Buchstaben und der Paragraphen, eine krankhafte Anschwellung des nüchternen Verstandes auf Kosten der Herzens- und Gemütsbildung, der Phantasie, des Anschauungsvermögens, zumal des Wollens und Empfindens, eben eine ganz verkehrte und einseitige Überernährung des Verstandes erzielt worden sei. »(Worte des Dresdner Stadtschulrates Dr. Lyon. Man vergleiche dazu mein Buch: »Der Deutsche und seine Schule«, 2. Aufl. S. 240.)

Ein riesenhaftes Sündenregister der deutschen Schule! Jetzt erkennt man endlich, daß uns das Regiment der Schulkanzlisten »in das niedere Gestrüpp der Kleinigkeitskrämerei« gelenkt hat, daß in der »philisterhaften Enge, in der die Spießer das große Wort hatten« (Worte von Dr. Otto Anthes; s. meine oben genannte Schrift, Vorwort zur zweiten Auflage), keine starken und fröhlichen Menschen, keine Persönlichkeiten wachsen konnten! Also eine staatliche Entmannungsanstalt!?

Ein vernichtendes Verdikt über diese deutsche Schule! Und wenn das wahr ist, auch nur zur Hälfte wahr ist, so soll und darf man sich doch nicht erregen? Ja, beim Himmel, wo wäre denn ein heiliger Zorn am Platze, wenn nicht hier, wo es unserem Volke ans Innerste geht, an das Mark des Lebens? Auch da sollen wir korrekt, ruhig und sachlich bleiben und uns auf unsere Instruktionen beschränken?

Auf einmal wurden uns aber doch von oben her heitere und ermunternde Worte zugerufen: »Kinder, seid doch lustig! Kinder, seht doch: die Sonne geht uns noch täglich auf! Kinder, wir meinen es ja so gut mit euch! Freut euch doch! Wir haben ja das große, herrliche schöne deutsche Vaterland! Wer will da noch trübe sehen? Laßt euch von der modernsten Sorte deutscher Philisterei, von der Nörgelsucht die gute Laune nicht nehmen! Kommt, Kinder, wir wollen hinaus auf die Wiese, in den Wald! Kommt, laßt uns singen, laßt uns baden! Wollt ihr Ruderfahrten machen? Wollt ihr? Alles, alles sei euch gewährt. Nur seid lustig, Kinder, lacht doch! Lacht doch einmal wieder! Wir wollen frohe Menschen, frohe Menschen sehen!«

Staunend hört die Kapelle diese neuen, fremden Worte. »Das war doch früher nicht so?« Sofort werden alle Instrumente neu gestimmt. Auf das Serioso soll also jetzt ein Scherzetto folgen. »Zu Befehl!«

Wenn der Meister mit seinem Dirigentenstäbchen auf das Pult schlägt, da horcht die ganze Kapelle aufmerksam auf. »Also los: Scherzetto!« In den Konferenzen wird nun kund getan: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, daß die Jugend heiteren Mutes sei!« »Verzeihen, Herr Direktor, aber strenge Pflichterfüllung werden wir doch nach wie vor –« »Bitte, Herr Kollege, wollen Sie nicht vom Thema ablenken. Wir haben es hier mit einer höheren Anweisung zu tun, die sich unserer Kritik entzieht. Dieser Anweisung haben wir Folge zu leisten und ich lege Wert darauf, daß Sie mir bekennen, von dieser Willenskundgebung der hohen vorgesetzten Behörde durch mich Kenntnis erhalten zu haben. Herr Kollege, Sie haben wohl die Güte, diese Tatsache zu Protokoll zu nehmen.« – »Darf ich mir, Herr Direktor, noch eine Frage gestatten?« – »Bitte sehr, Herr Kollege!« – »Tritt diese Verfügung sofort in Kraft oder erst von nächsten Ostern ab?« »Darüber gibt der Wortlaut der Urkunde keine sichere Aufklärung. Es dürfte sich also empfehlen, gleich morgen damit zu beginnen.« Die jüngeren Herren werfen sich beglückte Blicke zu. ›Also morgen! Endlich!‹

Und so geschieht's. Der Leiter der Anstalt selbst, wie in allem auch hierin vorbildlich, tritt gleich nächstenmorgens mit seinem neuen Gesicht an. Sein Antlitz, von fast 50jähriger unerbittlich strenger Pflichterfüllung, von dem düsteren, durch Lebensgrundsätze und Lebensstellung geforderten »sittlichen Ernst« erstarrt und kalt wie ein von Eisspalten zerklüftetes Gletscherfeld, versucht mit einmal heiter, sonnig, glücklich und beglückend zu blicken. Er will lachen und milde schauen, aber sein Gesicht verzieht sich ihm – zur Fratze.

»Mehr Licht, Luft, Sonnenschein in den Schulen!« – »Die Schulfenster auf!« – »Freude an der Schule!« – so tönt es jetzt aus hundert Kehlen. In den Schulprogrammen ergeht man sich in immer neuen Vorschlägen, wie man die Schule zur Pflegestätte der Lebensfreude machen könne. Man plätschert in Humanität!