Sonderbar, daß sie's jetzt auf einmal alle wissen! Sonderbar, daß kein Widerspruch laut wird. Wo stecken denn die bekannten alten knorrigen, überzeugungsstarken Lehrer, die Unentwegten, die ihren »Grundsätzen« treu sind bis in den Tod? Tritt denn keiner hervor und warnt vor der gefährlichen Neuerung? Keiner? Beziehen diese alten Catone sich alle ihre unerschütterlichen Lebens- und Erziehungsgrundsätze von oben? Vordem, als nur unangenehme Schulreformer, die Krakeeler der Presse, unerfahrene Probekandidaten und noch nicht »fest Angestellte« das gleiche forderten, da belächelte man doch den »Blödsinn«, jetzt wird der Blödsinn auf einmal zur Weisheit? Sonderbar, höchst sonderbar! Aber richtig, es war ja bei der Kunsterziehung, der Schularztfrage, der Berechtigung der realen Schulen gerade ebenso: wir haben eben doch eine musterhaft geschultes Beamtenheer! Das macht uns kein Volk der Erde nach!

Die Hauptsache aber: Herrscht denn jetzt in unseren Schulen dieser freiere, gesunder Geist? Ja, er fängt an zu herrschen, er fängt aber vorsichtig an.

Und weshalb ich mich nun doch nicht beruhige? Weil die Pflichtfanatiker doch nur zum Schein mitmachen und weil ich eine Umkehr fürchte. Das neue Schulgesetz und die Vormacht der Kirche verheißen uns nichts Gutes. In solcher Luft kann eine innerlich starke Jugend nicht erwachsen. Schon ist die Volksschule den Kirchen ausgeliefert, schon hat sich der Kampf auf die Hochschulen übertragen, die Mittelschulen werden folgen. Daher meine Sorge und Unruhe! – Auch deshalb, weil man alle Lehrziele und Examina beibehält und gegen die Schulreformer noch feindlich vorgeht.

Wenn nämlich Jünglinge, die diese Schulen verlassen hatten, mit unauslöschlichem Ingrimm im Herzen, mit dem Wunsche, nichts mehr von ihr zu hören und zu sehen oder mit dem brennenden Durst nach Rache, Rache für eine geraubte Jugend, für ein geknechtetes Gewissen, für ein gehemmtes moralisches Wachstum hervortraten, was geschah dann?

Man denunzierte diese Jünglinge bei den Behörden, zieh sie der Lüge, hetzte andere ehemalige Schüler gegen sie auf und machte sich und der Mitwelt weis, daß nichts an den Klagen wahr und berechtigt sei. Sanfte Jasager, unausgebackene Semmeln, gefügige und um ihr bißchen Rückgrat schon gebrachte Studenten, feige Bürschchen, die schon auf Karriere spekulieren, haben auch gegen mich in einem Lokalblättchen eine sog. Preßfehde eröffnet (auf die ich natürlich nie mit einem Wörtchen geantwortet habe) und haben sich dabei von einem Amtsbruder mit wertvollem Material und guten Winken bedienen lassen. Es wird zur Aufklärung der Wahrheit nützlich sein, dieses ganze dunkle und ehrenrührige Treiben einmal an die Öffentlichkeit zu bringen: zunächst aber habe ich Besseres zu tun.

Wenn meine öffentliche Tätigkeit nichts anderes gewirkt hat, als daß sie vielen jungen Leuten wieder den Mut belebt und die Zunge löst, dann hat sie genug gewirkt.

Wollte ich alle Zeugnisse der Zustimmung, des Zuspruchs und des oft überschwenglichen Dankes mitteilen, den mir gerade junge Leute, Schüler und Studenten, ins Haus schicken, dann würde man erkennen, daß ich ein gutes Wort zur rechten Stunde gesprochen habe.

Wer dem Deutschen, ohne ihn vorlaut, dreist und frech zu machen, sein Selbstbewußtsein belebt, tut etwas Nützliches, Notwendiges.