XVI.
Unsere Wünsche.
Das alles schreibe ich nicht als Reichsnörgler und nicht in hoffnungsloser Stimmung, sondern nur zum Nachweise, daß mein Thema »Erziehung zur Mannhaftigkeit« zeitgemäß und dringlich ist, höchst dringlich.
Allerorten, sehen wir, meldet sich ein neues Leben, ein Sehnen nach sittlicher und geistiger Verjüngung. Noch leben in unserem edlen Volk all die Kräfte, die ihm seinen ehrenvollen Bestand und eine große Zukunft sichern. Aber mit der bisherigen Regiererei muß ein Ende gemacht werden, lieber heute als morgen. Geschieht das nicht, dann geht es unhaltbar mit uns bergab, dann geraten wir in eine Art römischen Imperiums mit seinen Prätorianern, seinem Bediententroß, seinem leeren Prunke, seiner zu Statisten degradierten Geistlichkeit, seinem entrechteten Pöbel mit dem Rufe nach »panem et Circenses«, dann müssen uns alle selbständigen Völker, zumal die Amerikaner und Engländer, so weit überholen, daß der Vorsprung nicht wieder einzubringen wäre.
Wir streben nach einer höheren Gesittung, nach einem echt germanischen Kaisertum. Wir wollen eine Jugend heranziehen von verinnerlichtem und mannhaftem Sinnen und Trachten, einen neuen wahrhaften Adel des Geistes, der sich die Tüchtigsten, Ehrlichsten, Mannhaftesten zur Führung erwählt, wollen, nachdem uns die Form des Reiches beschieden ist, darin ein wirklich freies, stolzes, selbstherrliches Volk erblühen sehen.
Unsere Jugend soll erst wieder lernen, für Ideen zu leben und sich für hohe menschliche und nationale Aufgaben zu begeistern.
Mit dem endlosen Schuldrill, den Examennöten, mit der unehrlichen Anbetung von erstorbenen Formeln in Glauben und Politik und mit der Anbetung des äußeren Erfolges, mit dem altklassischen Idealitätsschwindel, mit aller brutalen Vergewaltigung der Menschen, mit der feigen Unterwürfigkeit und erlogenen Demut, mit dem Lug- und Trugsystem, durch das sich die überbürdete und gehetzte Jugend mit den sog. Schulpflichten abfindet, mit all dem morschen Plunder wollen wir aufräumen.
Wir müssen den durch Unkraut überwucherten Boden erst wieder urbar machen, auf daß darauf ganze, gesunde, aufrechte Männer erwachsen können. Wir wollen einen heiligen deutschen Zorn erwecken und uns zu einem Tugendbund zusammenschließen, damit »das Gute wirke, wachse, fromme, damit der Tag dem Edlen endlich komme«.
Wir wollen den Mund weit auftun und in unserem Vaterlande laut unserer Rechte, unsere Menschen- und Manneswürde fordern. Vor allem aber wollen wir froher Hoffnung bleiben, uns an den großen Erfahrungen unserer Geschichte aufrichten und die Erziehung unserer Jugend zur Mannhaftigkeit wohlgemut und ohne Verzug in Angriff nehmen.
»Zwar haben wir an Flächenraum verloren, zwar ist der Staat an äußerer Macht und äußerem Glanze gesunken, aber wir wollen und müssen dafür sorgen, daß wir an innerer Macht und innerem Glanze gewinnen,« erklärte Preußens König nach dem Unglückstage von Tilsit. Und Fichte hielt seine »Reden an die deutsche Nation«, um sein Volk zu lehren, wie durch eine sittliche Neugeburt das Vaterland zu retten sei. Heute stehen wir besser, als damals. Weshalb verzagen?
Wenn wir auf Pestalozzi hinweisen, so geschieht das in Übereinstimmung eben mit Fichte, der, erfüllt von dem Gedanken einer Nationalerziehung, auf die Frage: »an welches der wirklichen Welt schon vorliegende Glied die Ausführung der neuen Erziehung sich anknüpfen soll«, die Antwort gab: »an den von Heinrich Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen schon in glücklicher Ausführung begriffenen Unterrichtsgang.«