Wir wollen, daß uns und unsern Kindern wohl werde auf unserem heimischen Boden.
Wir wollen darauf als Herren leben, nicht als nur Geduldete, als Verfolgte, Gequälte oder Knechte.
Wir wollen gehobenen Hauptes auf den Fluren einherschreiten, die uns unsere Väter mit ihrem Schweiße und Blut erkauft haben.
Wir wollen recht tun und Gerechtes erleiden, wollen uns aber von keinem Menschen ausbeuten, schikanieren und verachten lassen, wollen uns vor keinem Menschen beugen und demütigen; am wenigsten uns schikanieren und demütigen lassen von geistigen Flurschützen, die uns auf dem Felde von Kunst, Wissenschaft, Glauben und Erziehung mit ihren amtlichen Verfügungen in den Weg treten und Gehorsam fordern, wo sie dienen sollten. Unsern Kindern soll es in ihrem Vaterlande wohl werden, wie auf dem Schoße ihrer Mutter. Da sollen sie sich sicher und geborgen fühlen – ein jeder mit gleichem Recht, auch der geistig Arme, ja der zumeist; denn die schwachen und zarten Kinder liebt und hegt eine gute Mutter mit besonderer Sorgfalt.
Das Bekenntnis: »Ich bin ein Deutscher«, soll wieder eine Freude und ein Stolz auch für unsere ärmsten Kinder werden.
Ich war einer der ersten Lehrer und bin mir dessen mit Stolz bewußt, der es laut forderte, daß den Schulkindern in Deutschland wieder eine Jugend beschieden sein möge. Mein Ruf hat tausendfaches Echo geweckt. Schulräte und Schulpfaffen haben mir zwar gesagt, es hätte eines solchen Spektakels nicht bedurft; ich hätte ihnen nichts Neues gesagt. Natürlich nicht! Wer kann einem Schulrate etwas Neues sagen? Für diese Herren hatte ich auch nicht gesprochen, wohl aber gegen sie und gegen ihre Praxis und für die deutschen Eltern schulpflichtiger Kinder. Seitdem leben diese Gedanken in unzähligen Herzen und stehen in Zeitungen und Fachblättern in wahrer Blütenpracht. Ich begegne ihnen zu meiner Freude auf Schritt und Tritt: »Nein,« ruft Heinrich Steinhausen, »in der Vaterlandsliebe kann man so wenig unterrichten wie in irgendeiner anderen, sondern sie gedeiht und erblüht im Volke lebendig und kräftig allein aus der Heimatsliebe. Sie den ärmsten und sonst vom Glück des Lebens versäumtesten Kindern selbst zu mehren, zu erhalten und zuzuführen, dazu könnte auch die Schule das Ihre beitragen. Dazu muß aber der Geist der Verdrossenheit, der auf unserem reglementierten, egalisierten, linealisierten Schulbetrieb wie ein Zaum liegt, wieder in die menschenleere Wüste weichen, wo er hingehört, und Schule und Unterricht müssen die Herzen der Kinder mit dem ›sanften Flügel der Freude‹ anwehen. Dann wird ihnen auch die Heimat lieb, und ihre süßen Erinnerungen begleiten und beglücken das ganze Leben und ihr braucht um Vaterlandsliebe, die mehr ist als Hurra beim Schmause oder Glase, nicht zu sorgen.« – Also eine völlige Umkremplung des ererbten Schulgeistes – Schulungeistes. »Selbst der jüngste Mensch«, so schreibt eine Erziehungs- und Schulreformerin in ihren Briefen, »muß schon die Achtung für sein Menschentum aus seiner Umgebung herausfühlen können, auf daß er in seinem Menschheitsbewußtsein, seiner eigenen Geisteskraft selbst sicher wachse und werde.« Bravo! Für die Briefschreiberin haben Hebbel und Nietzsche nicht umsonst gelebt. Weiter schreibt sie: »Ihr Weltverbesserer, hört auf das Kind zu quälen und zu verbilden, so werdet ihr am ersten die Welt verbessern! Gib den Menschen sich selbst, so wirst du ihn im besten Sinne der Menschheit geben. – Stärke dem Kinde den Mut zu sich selbst, zu seinem Frohsinn und zu seinen Schmerzen; verschütte dem Kinde seine Tiefen nicht! Überlasse das Kind sich selbst. Aber zuerst zerbrichst du den Willen, und dann verlangst du, daß es etwas Ganzes werde? Glaubt doch, ihr in euren Erbsündengedanken Befangenen, auch an das Erbgute. Lasset sich einen jeden offenbaren!«
»Viel, viel schweigen; schweigen und beobachten, lautlos handeln … Ein unmerkliches, liebevoll vorfühlendes Führen soll die Erziehung sein.« (Briefe an Eltern von Deiphobe.) Wie befreiend diese Worte wirken! Wie wecken sie die Hoffnung, daß demnächst unseren Kindern in Deutschland eine »kraftvoll-strahlende, furchtlos-jauchzende Jugend« beschieden sein, daß Eltern und Erzieher ihnen »ein frohes Schicksal schaffen werde«! Und die Verfasserin hat recht: »der Anfang ist das Entscheidende«.
Das alles ist nicht zu erreichen ohne Kampf gegen die im verborgenen so unheimlich ins Kraut geschossene Mißherrschaft der Hierarchie, des Bureaukratismus und der Plutokratie. Es gilt jetzt, diese Kulturfeinde gründlich kennen zu lernen, um sie mit Erfolg bekämpfen zu können.
Es gilt die Tatsache anzuerkennen und freudig als eine bedeutsame Entwicklungsepoche anzuerkennen, daß wir uns mitten in einer großartigen Reformation des gesamten Geisteslebens befinden; gilt, dieser Erkenntnis gemäß zu handeln. Was dabei herauskommt, wenn man den Köpfen das Denken, den Herzen die Begeisterung, den Händen das Handeln versagt, das lehren uns die traurigsten Kapitel unserer Geschichte. Deshalb sehe ich auch in dem reaktionären Schulgesetze eine drohende Gefahr. Es wird die Reihen der Sozialdemokraten um zahllose vordem regierungsfreundliche Mitglieder oder doch Kampfgenossen vermehren und, wie schon ein Stöcker ankündigte, den Austritt aus der Landeskirche beschleunigen helfen. Nicht Reaktion, sondern Aktion brauchen wir. Das hat Staatsminister Graf T. Posadowsky wohl richtig anerkannt, als er in der Reichstagsrede am 12. Dezember 1905 sagte: