»Wir haben im Beginn des 16. Jahrhunderts und am Anfang des 19. Jahrhunderts Perioden gehabt, wo ein großer sittlicher und geistiger Läuterungsprozeß über das deutsche Volk gekommen ist, und dieser geistigen Wiedergeburt des deutschen Volkes in jenen beiden großen Zeitläufen unserer deutschen Geschichte verdanken wir eigentlich, daß wir zu einem deutschen Nationalstaat gekommen sind. Ich hoffe und es tut dringend not, daß das deutsche Volk wieder eine solche geistige und sittliche Wiedergeburt erlebt voll Opferfreudigkeit und Selbstlosigkeit für die großen Aufgaben der Zeit! Dann werden die besitzenden Klassen und wird die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland sich den Einfluß und die Schwerkraft erhalten, die sie trotz jeden Wahlrechts in jedem Staate und unter jeder Verfassung besitzen muß und die sie in jedem zivilisierten Staate in der Tat auch besitzt.«
Das war seit langer Zeit das erste verständige Wort, das uns von oben her erklang.
Mit den bekannten Redensarten von den Geistern des Umsturzes, mit Einschüchterungsversuchen und Drohungen komme man uns also nicht! Was wir stürzen wollen, das ist schon längst morsch und faul und muß fallen, damit ein neues Leben möglich werde.
»Jahrelang, jahrhundertlang die Mumie dauern,
Mag das trügende Bild lebender Fülle bestehn,
Bis die Natur erwacht und mit schweren, ehernen Händen
An das hohle Gebäu rühret die Zeit und die Not.«
Es wäre noch viel zu sagen, aber ich muß ein Ende finden! Nur das möchte ich zum Schluß noch mit Nachdruck hervorheben: Mit Gewaltmitteln ist Mannhaftigkeit nicht zu erzielen. Alle die rohen Abhärtungsmittel, eiskalte Abgüsse, das Hinunterwürgen ekelerregender Speisen, die blinde Gehorsamkeit selbst Launen gegenüber, das Schicken in dunkle Kammern zur Bekämpfung der Furcht, die Überanstrengung im Arbeiten, bei Märschen und beim Turnen – alle diese Brutalitäten sind zwecklos, ja schädlich und verabscheuungswürdig, vor allem natürlich die Prügelstrafe.
Ich verweise darüber auf das, was ich in meinem Buche »Der Deutsche und seine Schule« S. 49 ff. ausgeführt habe. Jetzt erlebe ich die Freude, zu lesen, daß der Leipziger Lehrerverein den Beschluß gefaßt hat:
»Der Leipziger Lehrerverein strebt die Entfernung der körperlichen Züchtigung aus der Volksschule an und wird dahin wirken, daß durch Gemeinde und Staat Ersatzmittel geboten werden, die trotzdem eine gedeihliche Entwicklung der Volksschule gewährleisten.«
(Vgl. die sehr empfehlenswerte Zeitschrift »Neue Bahnen«, K. Voigtländers Verlag in Leipzig, XVIII, Heft l, Oktober 1906 und darin S. 35 den Aufsatz von Clemens Pönitz, »Prügelstrafe und Schularbeit«.) Vivant sequentes!
Nachtrag und Schlußbetrachtung.
Ich kann mit hellem Lachen schließen: Ein Bundesgenosse ist mir erstanden, der allen Widerspruch niederschlägt. Ein Dank dem Hauptmann von Coepenicum!