Uns aber führt die Bahn weiter nach Westen. In der typischen Torfmoorlandschaft von Hinterzarten überschreiten wir bei 893 m Meereshöhe — es ist das die höchste Stelle, welche die badischen Eisenbahnen erreichen — die Wasserscheide der Wutach gegen die Dreisam, und nun geht’s rasch in die Tiefe hinab. Nur 11 km sind es bis zum Himmelreich, aber 438 m Höhenunterschied müssen auf dieser kurzen Strecke überwunden werden; zu diesem Zwecke ist bis zur Station Hirschsprung der Zahnradbetrieb eingeführt, der ein Gefälle bis 1 : 18 gestattet, freilich bei sehr langsamer Fahrt. Noch geht es zunächst durch schön aufgeschlossene Moränen ([Abb. 55]), dann im anstehenden Gneis hoch über dem Löffeltal hin, dann durch einige Tunnels und auf 144 m langem Viadukt 37 m hoch über die wilde Ravennaschlucht ([Abb. 56]), an deren Ausgang ins Höllental gerade unter der Bahnlinie die alte St. Oswaldskapelle neben dem großen, weitum bekannten Sternwirtshaus liegt. Das Tal zeigt sich zunächst noch freundlich und lieblich. Durch grüne Wiesen plätschert der Rotbach neben der Talstraße, während die Bahn sich oben an der Berglehne hält. Das ändert sich erst unter der Station Hirschsprung, wo die Felsen von beiden Seiten sich so nahe treten, daß die Straße nur durch Sprengungen neben dem Bach Raum gewinnen konnte, während die Bahnlinie die Bergwand in drei Tunnels durchbricht. Diese Enge, der Hirschsprung, ist die großartigste Stelle des Tales und darf sich den wildesten Talschluchten aller Mittelgebirge an die Seite stellen ([Abb. 57]). Freilich ist sie nur kurz, doch wahrt das Tal auch unterhalb dieses Engpasses noch den schluchtartigen Charakter ([Abb. 59]); ist seine Sohle doch beiderseits von 400 bis 600 m hohen Flanken eingefaßt, so daß es sich gut begreift, wie die Raubritter der Feste Falkenstein von ihrem Felsnest aus dem Berufe des Wegelagerertums erfolgreich obliegen konnten, bis sie schließlich ihr Schicksal ereilte, und ihre Burg 1390 zerstört wurde.

Abb. 85. Rothaus.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 101].)

Bei Himmelreich (455 m), wo mächtige Flußterrassen die Talhänge flankieren und uns zeigen, wie die Geschiebeführung nach dem Abschmelzen der Gletscher auch hier eine viel mächtigere war als in der Gegenwart ([Abb. 58]), öffnet sich plötzlich die Landschaft zum weiten sonnigen Taltrichter der Dreisamebene, die eine größte Breite von 6 und bis Freiburg eine Länge von 14 km hat. Der Gegensatz gegen die Enge der soeben noch durchmessenen Talstrecke ist wirklich ein großer und erklärt genugsam die Benennungen: Himmelreich und Höllental. An der alten Keltenniederlassung Tarodunum (Zarten) vorbei, die schon Ptolemäus erwähnt, und die eine ausgesucht günstige Lage auf hoher Terrasse innehat, wird das am Fluß des vielbesuchten Giersberger Wallfahrtshügels ([Abb. 60]) frei gelegene Kirchzarten erreicht, von wo mehrere Straßen nach Nord und Süd ins Gebirge abzweigen, und bald darauf nähern wir uns der natürlichen Schwarzwaldhauptstadt, Freiburg im Breisgau (271 m).

Straßen von Schwaben ins Breisgau.

Der Gebirgsübergang Donaueschingen-Freiburg ist einer der wichtigsten im Schwarzwalde; er hat oft eine große Rolle im Krieg und Frieden gespielt. Das Schwabentor in Freiburg weist durch seinen Namen schon auf die Bedeutung der Straße hin, welche die obere Rheinebene mit der Bodenseegegend, dem Donautal und Neckargebiet in Verbindung setzt. Freilich umging sie früher das Höllental, das bis 1755 nur einen Saumpfad, dann einen holperigen Fahrweg besaß, welcher 1770 in Rücksicht auf Maria Antoinettens Brautfahrt von Wien nach Paris besser ausgebaut wurde; 1857 ward die jetzige Kunststraße, 1887 die Eisenbahn Freiburg-Neustadt angelegt. Die alte Heerstraße vermied die Schlucht, sie hielt sich möglichst auf den Höhen und erreichte von Donaueschingen aus durchs Bregach- und Urachtal die Wasserscheide auf der „Kaltenherberge“ (1030 m), stieg auf dem wallartigen Kamm zwischen dem Wildgutach- und Joostal noch bis 1102 m zum „Schwabenstutz“ hinauf, 208 m höher als die Paßhöhe von Hinterzarten, ging dann über den oft verschanzten Hohlen Graben zum Turner (1035 m), von wo ein zwar steiler aber unschwieriger Abstieg durch das Spirzental und die Wagensteige ins Dreisamtal ebensowenig ein Hindernis bot als die Fortsetzung des Höhenwegs über die Klöster St. Märgen (890 m) und St. Peter (722 m) und durch das Eschbacher Tal nach Freiburg, oder durch das Glottertal etwas weiter nördlich in die Rheinebene. Dieser Höhenweg war auch von Rottweil-Villingen oder von Neustadt her leicht zu gewinnen. Er bildete durch mehrere Jahrhunderte die Hauptstraße von Schwaben ins Breisgau und ist viel umstritten worden, besonders auch im Dreißigjährigen und im spanischen Erbfolgekrieg, sowie in den Tagen von Moreaus Rückzug aus Bayern und Schwaben, 1796.

Abb. 86. Moräne Seebruck am Schluchsee.
Nach einer Photographie. (Zu [Seite 101].)

IX. Freiburg im Breisgau.