Zur Beantwortung dieser Frage mag es sich empfehlen, daß wir uns in Gedanken auf des Gebirges höchste Kuppe versetzen, auf den fast 1500 m hohen Feldberg, dessen Scheitel den Friedrich-Luisenturm trägt, so genannt, weil er 1856 zum Gedächtnis an die Vermählung des damaligen Landesherrn, Großherzog Friedrich I. von Baden, mit der Prinzessin Luise von Preußen, der Tochter des nachmaligen Kaisers Wilhelm I., errichtet worden ist. Bald wird das Gemäuer des Turmes, der über ein halbes Jahrhundert den scharfen Stürmen dieser Höhe getrotzt hat und allmählich etwas hinfällig geworden ist, einem stolzen Neubau Platz gemacht haben.
Abb. 2. Geologisches Profil durch den nördlichen Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)
Von dieser Hochwarte aus sehen wir zu Füßen ringsum und hinaus bis zum fernsten Horizont eine herrliche Welt ausgebreitet. Will es das Glück, so wird unser freudig strahlendes Auge aber immer wieder hingezogen in die Richtung nach Osten und Süden, wo von der trotzig und dunkel sich auftürmenden Kalkwand der Zugspitze bis zum blendend weiß schimmernden Schneedom des Montblanc, also auf eine Länge von rund 350 km ununterbrochen, als mächtiges, zusammenhängendes Ganze die Ketten der Alpen aufragen, so scharf und deutlich am Horizont sich abhebend, daß — natürlich günstigste Beleuchtung vorausgesetzt, wie sie nicht gerade immer zu treffen ist — jede Spitze, jeder Felsgrat, jedes Eisfeld unterschieden werden kann in all den Faltenzügen des Allgäu und Rhätikon, der Säntis- und Glärnischgruppe, des Tödi- und Gotthardgebietes, der Vierwaldstätter und Berner Alpen, um nur einige wenige Namen herauszugreifen. Davor ziehen sich, wenn wir den Blick in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen lassen, von der Gegend des Neuenburger Sees ab die nach oben fast geradlinig abschneidenden, mauerartigen Ketten des Schweizer Jura, auch eines gefalteten Gebirges, das im Nordosten in die massigen Erhebungen des ungefalteten Plattenjura in Schwaben übergeht, dessen Gebirgstafeln sich verfolgen lassen bis in die Gegend des Hohenzollern. Aus einer Lücke des Jurazuges ragen die Vulkankegel des Hegaues auf und weisen uns die Richtung nach dem Schwäbischen Meer.
Im Westen breitet sich lang hingestreckt und tief eingesenkt die Oberrheinische Ebene aus, durchzogen von dem silberglänzenden Bande des mächtigen Stromes. Aus der Tiefebene, deren Boden von den Geschiebemassen des fließenden Wassers gebildet wird, erhebt sich inselartig das kleine vulkanische Kaiserstuhlgebirge. Und jenseits des Rheines sehen wir das Gesichtsfeld durch das Massengebirge des Wasgenwaldes begrenzt, das an Höhe dem Schwarzwald beinahe gleichkommt. Im Südwesten nähert es sich dem Schweizer Jura bis auf eine kleine Entfernung. Die Lücke zwischen beiden ist die Burgundische Pforte, ein zu allen Zeiten bedeutsamer Völkerweg, den heute die Festung Belfort beherrscht. Durch diese geschichtlich hochwichtige Niederung schweift der Blick noch weit hinüber in französisches Land.
Abb. 3. Geologisches Profil durch den südlichen Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)
Innerhalb dieses interessanten Rahmens, der Falten-, Tafel-, Massen- und Vulkangebirge sowie eine Schwemmlandebene umschließt, erhebt sich nun, dem Beschauer unmittelbar nahe gerückt, die den Vogesen ähnliche Masse des Schwarzwaldes selbst. Welche Fülle der Formen und welcher Reichtum in der Einzelgestaltung vom Größten bis zum Kleinsten! Die breiten, sanftgeböschten Rücken der höchsten Erhebungen in allernächster Nähe sind kahl, einförmiges Weidefeld. Wo das Gefälle steiler wird, wo die windgeschützteren Flanken des Berges sich in die Täler hinabsenken, da sehen wir den herrlichsten Wald zu unsern Füßen. Die hintersten Talböden sind meist nischenartig wie Alpenkare in den Gesteinskörper hineingearbeitet, vielfach von schroffen Felswänden umrahmt, teilweise von Seen ausgefüllt, deren Abdämmung vom geübten Auge leichthin als Moränenbildungen erkannt werden. Erscheint so die jetzige Oberfläche der alten Gebirgsmasse von eiszeitlichen Wirkungen wesentlich beeinflußt, so zeigen uns die tiefen, oft schluchtartigen und schwer zugänglichen Rinnsale der nahen Bäche und weitum die vielverzweigten Talläufe aufs deutlichste die zerstörende und durch die Zerstörung neu gestaltende Wirkung des fließenden Wassers auf seine Unterlage. So können wir von unserm Standpunkte aus wertvolle Einblicke gewinnen in die Wirkungsweise der Kräfte, welche das Relief der Gebirge modellieren und ihre Vielgestaltigkeit hervorzaubern. Nicht ohne Recht hat einst Melchior Neumayr, der zu früh verstorbene Wiener Geologe, betont, daß kaum ein anderer Aussichtspunkt so geeignet sei zur ersten Einführung ins Studium und Verständnis der physischen Geographie und Geologie als der Feldberg im Schwarzwald.
Die Eigenart des Schwarzwaldes.