Doch, wir wollen nicht Wissenschaft treiben, wir wollen die Eigenart unseres Gebirges dem Laien verständlich zu machen suchen und uns bemühen, ihm zum freudigen Genuß der landschaftlichen Schönheit des Schwarzwaldes zu verhelfen. Lassen wir darum nochmals die Augen umherschweifen. Aus den freundlichen Tälern grüßen, von saftig grünen Wiesen und goldgelben Ackerfluren umkränzt, anmutig gelegene Gehöfte und Ortschaften herauf; gut gebaute Straßen und Bergpfade, die gelegentlich im dichten Wald verschwinden und dann beim Heraustreten ins Freie sich wieder weithin verfolgen lassen, geben uns eine Vorstellung davon, wie groß das Verkehrsbedürfnis der dicht angesiedelten Bevölkerung, und wie wohl erschlossen für jeden Verkehr das an sich verkehrsfeindliche Gebirge ist. Zwischen den Tälern ragen Bergketten auf, eine hinter der anderen, auf denen wir auch noch fast überall die Spuren menschlicher Arbeit wahrnehmen, sei es im herrlich gepflegten Hochwalde mit seinen stolz ragenden Edeltannen, sei es im freien Weidefeld mit seinen Rinderherden, die sich um einen Brunnen mit mächtigem Wasserreichtum oder um eine „Viehhütte“ lagern oder ihre Bewegung durch den Klang ihrer Glocken weithin verraten. Da und dort steigt zum tiefblauen Himmel der weiße Rauch eines Hirtenfeuers auf, über dem das einfache Mahl der sommerlichen Bergbewohner bereitet wird. Über den Hochflächen erheben sich Berge mannigfachster Gestalt, doch überwiegt die sanft gerundete Kuppe. Die Siedlungen bleiben hinsichtlich ihrer oberen Verbreitungsgrenze nur unwesentlich hinter den beherrschenden Gipfeln zurück. Da schaut ein Einzelhof unter seinem mächtigen, altersgrauen Strohdach hervor, dort streckt eine Dorfkirche oder eine einsame Kapelle ihren schlanken Turm zum Himmel auf, kurz, das Bild ist trotz der Höhe unseres Standpunktes nicht etwa menschenfremd, es überwiegt nicht, wie beim Rundblick von einer Hochzinne der Alpenwelt, das Anorganische. Im Gegenteil. Dem aufmerksamen Auge ist alles ringsum belebt, belebt nicht nur von den gegenwärtigen Bewohnern der Landschaft und den überall erkennbaren Zeichen ihrer Tätigkeit, sondern durchgeistigt von dem Walten einer vielhundertjährigen Geschichte, es ist eine herrliche Kulturwelt, über die unser Blick hier oben schweift. Gleichwie die Farben des vor uns ausgebreiteten Bildes sich abtönen vom gesättigten Dunkelgrün der nächsten Wälder durch alle Abstufungen von Grün durch Blau bis zum verhauchenden Grauviolett der weitesten Fernen, so dringt unser geistiges Auge von dem klaren Lichte der Gegenwart rückwärts zu immer weiter abliegenden Zeiten, in denen auch schon Menschen hier oben lebten und arbeiteten und sich, wenn auch nicht so sicher und dauernd wie heute, des Lichtes freuten. Lange ist es her, seit der düstere Urwald, der einst fast die ganze Fläche bedeckte und dem Gebirge den Namen gab, gerodet, seit der erste Felssteig auf die Höhen angelegt wurde. Und was haben die Bewohner des um uns ausgebreiteten Landes seit langen Jahrhunderten erlebt und geduldet, wie waren sie wirtschaftlich bedrängt, was für Elend ist über sie hereingebrochen in den Zeiten des Krieges! Wie lange hat es gewährt, bis sie sich sicher fühlen konnten in ihrem Besitz, bis mit der allmählich sich festigenden äußeren Stellung auch eine höhere Auffassung des Lebens und seiner Zwecke in die bescheidenen Häuser der Wälderleute seinen Einzug halten konnte, so daß diese aus der früheren Weltabgeschiedenheit hervortraten, an allen Betätigungen menschlichen Schaffens sich beteiligen lernten, in ansehnlicher Zahl hinauszogen in alle Welt und für die Daheimgebliebenen das wurden, was man vergleichsweise Sauerteig nennen möchte, so daß im Verlauf weniger Generationen die Schwarzwaldbevölkerung sich heraufarbeiten konnte zu einem der vorgeschrittensten und in jeder Hinsicht tüchtigsten unter den deutschen Stämmen. Auf Schritt und Tritt verraten sich unserem aufmerksamen Auge tausendfältig die Spuren der geordneten, behäbigen Lebensführung des Schwarzwälders und seines bescheidenen Wohlstandes.
Abb. 4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten. (Zu [Seite 11].)
Land und Leute.
Nirgends mehr schreckt das Düster undurchdringlichen Waldes; alles, was uns auch auf abgelegenen Pfaden vor Augen tritt, atmet Sicherheit, Behagen, Ordnung und Kultur. Dabei nirgends etwas von Aufdringlichkeit, von Protzigkeit. Die gut gearteten Menschen, ihre Bauwerke und Wege, ihr Schmuck und die Äußerungen ihres Vergnügens, alles ist der freundlichen Natur sinnvoll angepaßt. Nichts erscheint gekünstelt oder als Ergebnis plumper Effekthascherei. In allen Dingen finden wir eine wohltuende Harmonie zwischen den Bildern der Schöpfung und ihrer Belebung durch den Menschen. Und darum ist der Schwarzwald so schön, darum bereitet das Scheiden von ihm den Einheimischen so herben Schmerz, darum zieht er so viele an, die sich in unserer in allen Stücken aufs Große gerichteten Gegenwart noch den Sinn für Schlichtheit bewahrt haben. Das letztere sei hier allerdings nicht so gemeint, als ob etwa der Schwarzwaldreisende auf das verzichten müßte, was man Komfort nennt. Im Gegenteil!
Abb. 5. Lößlandschaft bei Kenzingen.
Nach einer Photographie von Prof. Dr. P. Paulcke in Freiburg.
(Zu [Seite 20].)