VI.
Die Agrumen.

Unter der Bezeichnung agrumi faßt der Italiener die verschiedenen Vertreter der Gattung Citrus, also die Zitronen, Orangen, Mandarinen usw. zusammen. Die Kultur dieser in seinem Lande und neuerdings auch bei uns so beliebten Früchte scheint uns untrennbar mit dem Begriffe Italien oder Spanien zu sein. Seit Goethe in seinem Mignonlied der Sehnsucht des Nordländers nach den sonnigen südlichen Gestaden so treffenden Ausdruck gegeben hat, können wir uns das glückliche warme Mittelmeergebiet nicht vorstellen ohne das satte Grün dieser Fruchtbäume, ohne den würzigen Blütenduft der Zitronen und das prächtige Gleißen der schimmernden „Goldorangen“. Dem ist aber nicht immer so gewesen. Es sind vielmehr noch keine tausend Jahre verstrichen, seitdem die ersten Vertreter dieser Produkte ostasiatischer Kultur dem Fruchtbaumbestande Südeuropas durch die damals das Mittelmeer beherrschenden Araber einverleibt wurden.

Das Altertum hat diese Früchte durchaus nicht gekannt. Wohl kennen die römischen Schriftsteller das Wort citrus, mit dem sie aber einen ganz anderen Begriff als wir verbanden. Die Bedeutung dieses Wortes verstehen wir erst, wenn wir daran erinnert werden, daß sie dasselbe wie so unendlich viele andere Kulturgüter und deren Bezeichnungen den in bezug auf Gesittung weiter als sie fortgeschrittenen Griechen verdankten. Citrus ist das romanisierte kédros der Griechen, das mit dem Namen Zeder zusammenhängt. Darunter verstanden die Römer wie die Griechen, von denen sie Wort und Begriff übernahmen, das duftende, den Würmern widerstehende Holz verschiedener Nadelhölzer, besonders Zedern-, Wacholder- und Lebensbaumarten, das zur Herstellung von mottensicheren Truhen zur Aufbewahrung der ja vorzugsweise aus Wolle hergestellten Kleider diente. Für die Römer der Kaiserzeit war es wohl in erster Linie das schön gemaserte, wohlriechende weil öl- und harzdurchtränkte Holz der nordafrikanischen Zypressenart Callitris quadrivalvis — die Produzentin des echten Sandarakharzes —, welche, weil durch ihren starken Duft vor Motten schützend, zur Fabrikation von solchen Kleiderkisten — Schränke kannte man damals noch nicht — diente.

Von den Griechen hatten sie vernommen, daß auch die starkduftenden, im übrigen aber nicht eßbaren Früchte eines aus dem Orient bezogenen Baumes vortrefflich zur Abwehr von Motten in den Kleiderkisten seien. Es waren dies eiförmige, über faustgroße grüne bis gelbe Früchte mit einer überaus dicken, reich mit ätherischen Ölen durchsetzten, feinhöckerigen Schale, die wir im Deutschen als Zedraten oder Zitronatzitronen bezeichnen, weil aus ihren würzigen, dicken Schalen durch Kochen in Zucker das Zitronat hergestellt wird. Die Zedraten, von den Italienern cedro genannt, sind weit größer als unsere bekannten Zitronen und erreichen in runden, bis stark in die Länge gezogenen Formen oft die Größe eines Menschenkopfes. Ihr Fruchtfleisch enthält einen mäßig sauren Saft — jedenfalls bedeutend weniger als bei der Zitrone — dem durch den Gehalt an Zitronensäure fäulniswidrige Eigenschaften innewohnen.

Diese Zedraten waren schon den alten Ägyptern als kitri und den Hebräern zur Zeit des Moses als hadar bekannt. Der Baum scheint zur Zeit der 18. Dynastie (1580–1350 v. Chr.) aus Südasien nach dem Niltal gekommen zu sein, wo ihn später die Griechen kennen lernten. Bei den letzteren galt die wenig schmackhafte, säuerliche Frucht der Zedrate nicht nur als gutes Mittel um, in die Kleiderkisten gelegt, die Motten davon fernzuhalten, sondern geradezu als ein äußerst wirksames Gegengift. Nach ihrem Dafürhalten konnte, wer immer davon aß, in den nächsten darauffolgenden Stunden nicht vergiftet werden.

So empfahl der um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebende griechische Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten als bestes Schutzmittel gegen Vergiftung eine in Honig gekochte Zedrate zu essen. Wer morgens früh ein halbes Glas des daraus gepreßten Saftes genieße, dem können den ganzen Tag über Gifte nichts anhaben. In seiner 15 Bücher umfassenden Schrift „Deipnosophistai“, die wichtige Nachrichten über Leben, Sitte, Kunst und Wissenschaft der alten Griechen enthalten, schreibt er: „Daß der Kedrosapfel (kedrómēlos) ein Mittel gegen Gift ist, weiß ich von meinem Landsmann, welcher Statthalter von Ägypten war. Er hatte einige Verbrecher dazu verurteilt, in dem zu Tierkämpfen bestimmten (Amphi-)Theater von wilden Tieren getötet zu werden. Als diese dahin geführt wurden, gab ihnen unterwegs eine mitleidige Frau einen Kedrosapfel, den sie zufällig bei sich hatte. Die Leute aßen ihn, wurden gleich darauf den wilden Bestien vorgeworfen und auch von Aspisschlangen gebissen, litten aber gar nicht. Der Statthalter wunderte sich nicht wenig darüber; und, wie er erfuhr, daß sie einen Kedrosapfel gegessen, ließ er am folgenden Tage dem einen eine solche Frucht geben, dem anderen nicht. Jener blieb gesund, dieser aber starb vom Schlangenbiß auf der Stelle. Dieser Versuch wurde öfters, und immer mit demselben Erfolg wiederholt.“ Diese Aspis der Griechen und Römer war, nebenbei bemerkt, die Ara, d. h. Aufgerichtete der alten Ägypter, gräzisiert als „Uräus“-schlange bezeichnet, die man als Sinnbild der Erhabenheit zu beiden Seiten der Sonnenkugel des Gottes Ra über dem Portal der altägyptischen Tempel eingemeißelt findet und deren Nachbildung der Pharao als zierendes Abzeichen seiner Hoheit und Herrschergewalt an seinem Diadem über der Stirne trug. Diese bis 2,25 m lange ägyptische Brillenschlange (Naja haje) ist noch größer als ihre südasiatische Verwandte und wird von jeher in Ägypten sehr gefürchtet. Wie heute noch die Gaukler auf den Straßen vor allem Volke die so überaus gefürchtete, in Ledersäcken verwahrte „Haje“ vorführen, so produzierten sich mit ihr schon Moses und Aaron vor dem Pharao. Sie war es auch, mit der sich die berühmte Buhlerin Kleopatra, Königin von Ägypten und nacheinander die Geliebte von Julius Cäsar und Marcus Antonius, nach des letzteren Selbstmord nach der verlorenen Seeschlacht von Aktium im Jahre 30 v. Chr. tötete, um nicht von ihrem ihren Gunstbezeugungen unzugänglichen Überwinder Octavianus Augustus im Triumph in Rom vorgeführt zu werden. Bevor dieses so viele Männer mit ihren Verführungskünsten bestrickende Weib in den Tod ging, ließ sie ihre vertrautesten Dienerinnen von solchen Schlangen beißen, um zu sehen, welchen Effekt der gefährliche Biß auf sie haben werde.

Der Zedratbaum (Citrus decumana), dessen oft fast nur aus Schale bestehenden, bis 6 kg schweren Früchte eines saftigen Fruchtfleisches in der Regel entbehren, ist ein 3–5 m hoher Baum mit stumpfen, dunkelgrünen Blättern, die an breitgeflügeltem Stiele sitzen, und weißen, wohlriechenden Blüten. Seine Heimat ist höchstwahrscheinlich im malaiischen Archipel zu suchen, wo er heute noch in zahlreichen Spielarten, auch solchen mit saftigem, säuerlichsüßem bis süßem Fruchtfleisch kultiviert wird. Schon früh kam er nach Indien, Hinterindien und China, in welch letzterem Lande er schon zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends unter dem Namen yu gepflanzt wurde. Von Indien aus gelangte er nach der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Medien und Persien, wo ihn die Griechen auf dem berühmten Zuge Alexanders des Großen ins Innere Asiens von 334 bis 324 v. Chr., der ihnen überhaupt eine Fülle neuer Naturprodukte aus dem Pflanzenreiche vermittelte, kennen lernten. Der pflanzenkundige Theophrastos (390–286 v. Chr.), nach Alexander selbst Schüler des großen Aristoteles, beschreibt diesen Baum, den er jedenfalls nur von der Beschreibung der Teilnehmer am Alexanderzuge kannte und nicht selbst sah, in seiner Pflanzengeschichte folgendermaßen: „Medien und Persien erzeugt unter anderen eigentümlichen Gewächsen auch den medischen oder persischen Apfel (mḗlon). Das Blatt dieses Baumes sieht fast genau so aus wie das der Andráchlē (Arbutus andrachne), auch hat der Baum Dornen wie der Birnbaum (ápios) und der Weißdorn (oxyákanthos); sie sind glatt, sehr spitzig und stark. Der Apfel wird nicht gegessen, allein er hat, so wie auch das Blatt des Baumes, einen sehr angenehmen Geruch; und der Apfel schützt Kleider, zwischen die er gelegt wird, vor Motten. Auch dient er als Arznei. Der Baum, der am besten auf lockerem, feuchtem Erdreich gedeiht, hat das ganze Jahr hindurch Früchte. Während man reife abnimmt, sind auch unreife und Blüten daran vorhanden.“

Von den Griechen erhielten die Römer die Kenntnisse vom medischen Apfel. Der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) nennt ihn in Italien zuerst als „goldenen“ oder „Glücksapfel“. Er sagt von ihm in seiner Georgica: „In Medien wächst der Glücksapfel (felix malum), dessen Saft den jämmerlichen, lang anhaltenden Geschmack hat, aber ein herrliches Mittel gegen verschlucktes Gift ist. Der Baum selbst hat eine gewaltige Größe, sieht dem Lorbeer sehr ähnlich, riecht aber ganz anders. Die Blätter werden von keinem Winde abgerissen; auch die Blüte trotzt dem Sturm. Der Meder nimmt sie in den Mund, um dem Atem Wohlgeruch zu geben, und Greise stärken mit ihr die schwach werdende Brust.“ Man glaubte, wie verschiedene griechische Schriftsteller der römischen Kaiserzeit berichten, in ihnen die Äpfel der Hesperiden vor sich zu haben. Es waren dies der Sage nach die Töchter des Atlas und der Hesperis, die mit dem Drachen Ladon die „goldenen Äpfel“ der Hera im Garten der Götter im äußersten Westen des Okeanos bewachten, die dann der berühmte Heros Herakles auf Geheiß des delphischen Gottes Apollon im Dienste des Königs Eurystheus von Mykenä holte.

Der gelehrte ältere Plinius (23–79 n. Chr.) schreibt in seiner Naturgeschichte über ihn: „Aus dem Ausland stammt der medische Apfelbaum, den man auch cedrus nennt; er trägt Früchte, die man gegen Gifte braucht. Als Speise genießt man sie nicht, aber sie riechen vortrefflich, und auch die dem Erdbeerbaum (unedo) gleichenden Blätter, zwischen denen Dornen stehen, riechen. Dieser Geruch teilt sich Kleidern, zwischen welche man die Früchte legt, mit und schützt gegen Mottenfraß. Der Baum hat jederzeit Früchte, reife und unreife zugleich. Man hat diese Bäume, weil sie so ausgezeichnete Arznei liefern, in irdene Töpfe, welche Luftlöcher haben, gepflanzt und sie in andere Länder zu versetzen gesucht; denn jung gedeihen sie bis jetzt nur in Medien und Persien.“ An einer anderen Stelle nennt er die Frucht Citrusapfel (malum citreum) und den Baum citrea, spricht auch von Citrusöl (oleum citreum), das von den Vornehmen bereits als Parfüm gebraucht wurde.

Sein Zeitgenosse, der aus Anazarbos in Kilikien gebürtige, um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom praktizierende griechische Arzt Dioskurides schreibt in seinem Buche über Arzneiwissenschaft: „Allgemein bekannt ist der medische oder persische Apfel, auch kedrómēlon, von den Römern kítrion (= citreum) genannt. Der Baum hat das ganze Jahr hindurch Früchte, und diese sind länglich, runzlig, goldfarbig und haben einen starken, aber angenehmen Geruch. Die Samen sind denen der Birne ähnlich. Man legt die Früchte in Wein und braucht dann diesen gegen Gifte. Auch kocht man sie, und spült sich mit der Abkochung den Mund aus, um ihn wohlriechend zu machen. Legt man die Früchte in Kleiderkisten, so sollen keine Motten hineinkommen.“ Und der im Jahre 131 n. Chr. in Pergamon geborene und um 200 in Rom verstorbene griechische Arzt Galenos sagt: „Der auch kítrion genannte medische Apfel besteht aus drei Teilen: dem sauren, der in der Mitte liegt, dem fleischigen, der den sauren umgibt, und der wohlriechenden, gewürzhaften Schale. Wird letztere in Menge genossen, so ist sie schwer zu verdauen; kleingerieben und in geringer Menge stärkt sie dagegen die Verdauung. Das saure, nicht eßbare Mittelstück legt man in Essig, um diesen zu verstärken. Die fleischige Masse, die weder sauer noch scharf ist, wird mit Essig und Fischsauce (garum) gegessen.“