Der bereits erwähnte Athenaios (um 200 n. Chr.) sagt: „Aus den Komikern ersieht man, daß der Kedrosapfelbaum aus Asien nach Griechenland versetzt wurde“ und an anderer Stelle: „Zur Zeit des Theophrast und bis auf die Zeit unserer Großväter hat kein Mensch Kedrosäpfel gegessen; sie wurden dagegen in Kleiderschränke gelegt.“ Zu seiner Zeit wurde der, wie Plinius meldet, in Kübel aus gebranntem Ton in Medien gepflanzte Zedratbaum wie zur Zeit Ludwigs XIV. und seiner Nachahmer die Orangenbäume zur Zierde der Villen vornehmer Römer in deren Alleen aufgestellt. Bald lernte man ihn aber auch im Lande selbst ziehen. So beschreibt uns der Grieche Florentinus ums Jahr 218 n. Chr. die Kultur der von ihm kítria genannten Bäume ganz in der Art der heute noch in Italien betriebenen Agrumen, und fügt hinzu, daß reiche Leute sie auch in freiem Lande an nach Süden gerichteten Wänden pflanzen und sie im Winter zudecken, da sie vom Froste leicht eingehen. „Die Früchte werden schwarz, wenn man Reiser des kítrion-Baumes auf Apfelbäume, rot dagegen, wenn man sie auf (schwarze) Maulbeerbäume pfropft; auch lassen sie sich auf Granatbäume pfropfen.“
Fast zweihundert Jahre später gibt uns der noch im Mittelalter viel gelesene römische Ackerbauschriftsteller Palladius ums Jahr 380 n. Chr. ausführliche Kunde über die Kultur des Zedratbaums, dessen Früchte teilweise schon einen süßen Saft in ihrem inneren Fruchtfleisch entwickelt hatten. Er schreibt: „Im Monat März nimmt man die Vermehrung des Citrusbaums (citri arboris) vor, und zwar auf vier verschiedene Arten, nämlich durch Samen, Äste, Stecklinge und Keulen. (Hier folgen die näheren Angaben über das Vorgehen dabei, die uns nicht interessieren.) Man pfropft ihn auch an warmen Stellen im April, an kalten im Mai nicht in die Rinde, sondern in den Stamm selbst, den man über der Wurzel spaltet. Man kann auch Zedratreiser, wie einige behaupten, auf Birn- und Maulbeerbäume pfropfen, aber man muß dann das Propfreis dadurch schützen, daß man ein Körbchen oder Töpfchen darüber stülpt.
Der Citrusbaum liebt einen lockeren Boden, ein warmes Klima und fortwährende Nässe. Am liebsten steht er an warmen, bewässerten, dem Meere nahe gelegenen Stellen. Will man’s aber erzwingen, daß er in einem kalten Klima wachsen soll, so muß er von Winden geschützt und auf der Südseite stehen, muß auch den Winter über eine Umhüllung von Stroh bekommen. Man glaubt, daß er auch besser gedeiht, wenn in seiner Nähe Flaschenkürbisse (cucurbita) gepflanzt werden, deren Sprosse man auch verbrennt, um eine dem Citrusbaum förderliche Asche zu bekommen. Um größere Früchte zu erzielen, gräbt man die Erde um den Baum fleißig um. Man darf aber an ihm, außer dürren Ästen, fast nie etwas abschneiden.
Martialis sagt, der Citrusbaum habe in Assyrien immerfort Früchte; dieselbe Erfahrung habe ich in meinen in Sardinien und bei Neapel gelegenen Gütern gemacht. Dort sind Boden und Luft lau und genügend feucht. An den auf diesen Gütern stehenden Bäumen hängen immer unreife Früchte, wenn reife abgenommen werden, und Blüten, während die unreifen Früchte wachsen. Man sagt, das Mark der Citrusfrucht werde süß, wenn man die zu pflanzenden Kerne drei Tage lang in Honigwasser oder in Schafsmilch, was noch besser ist, aufweicht. Manche bohren im Monat Februar unten in den Stamm ein schiefes Loch, das aber auf der andern Seite nicht herauskommen darf. Aus diesem lassen sie Saft fließen, bis die Früchte sich bilden, dann füllen sie das Loch mit Lehm aus und behaupten, durch dieses Verfahren werde die Mitte der Citrusfrucht süß. — Die reife Frucht hält sich am Baume hängend fast das ganze Jahr, und jedenfalls besser, als wenn man sie in Gefäße legt. Will man sie pflücken und nachher längere Zeit aufbewahren, so nimmt man sie in einer mondlosen Nacht in der Weise ab, daß noch ein beblättertes Zweigstück bleibt, und legt jede so, daß sie die andern nicht berührt. Manche Leute legen auch jede Citrusfrucht einzeln in ein besonderes Gefäß, verstreichen den Deckel mit Gips und stellen die Gefäße an einen schattigen Ort. Die meisten aber heben sie in Zederspänen (besonders Spänen von Wacholder und Lebensbäumen) oder in Häckerling oder Spreu auf.“
Was für Künsteleien die von den reichen Römern als Gärtner in ihren Landhäusern mit Vorliebe gehaltenen syrischen Sklaven, die sich mit der Pflege dieser empfindlichen Importbäume abgaben, gelegentlich an solchen Früchten vornahmen, darüber berichtet uns Julius Africanus, ein zur Zeit des Kaisers Alexander Severus (222–235 n. Chr.) lebender Christ, der sagt: „Um zu bewirken, daß eine Citrusfrucht, ein Apfel, eine Birne, ein Granatapfel usw. die Gestalt eines Tieres oder sonst eines beliebigen Gegenstandes annehme, so umschließt man sie, wenn sie die Hälfte ihres Wachstums erreicht haben, mit einer entsprechenden, aus Gips oder Lehm geformten, in zwei Hälften geschnittenen, getrockneten und in letzterem Falle im Töpferofen gebrannten Form.“
In den Wirren der Völkerwanderung ging dieser nutzlose Luxusbaum der Römer, mit dem die germanischen Stämme nichts anzufangen wußten, in Italien unter, wurde aber im späteren Mittelalter wieder aus dem Orient hier eingeführt. Heute wird er wieder ziemlich viel unter dem Namen cedro in Italien kultiviert, um aus dem Wertvollsten an den Früchten, der dicken, würzigen Schale, durch Einkochen in Zucker das Zitronat zu gewinnen, das einen für die Konditoreien begehrten Handelsartikel bildet. Auch ein für die Parfümerien verwendbares ätherisches Öl läßt sich daraus gewinnen. Noch mehr als in Italien wird aber der Zedratbaum im westlichen Mittelmeergebiet und auf den Azoren angepflanzt, obschon man neuerdings die Schalen einiger fruchtbarerer Spielarten der Zitrone, oder besser gesagt Limone, vielfach zur Herstellung von Zitronat verwendet.
Diese Zedrat-Zitronen, die eigentlich allein den Namen Zitronen verdienen und tatsächlich auch bei den meisten Völkern diesen Namen führen — nur die Deutschen und Franzosen nennen die Limonen Zitronen — variieren außerordentlich in ihrer Form und viele Abänderungen sind durch Pfropfen und Veredeln fixiert worden. So bekommt man neben stark in die Länge gezogenen auch fast runde Zedraten zu sehen. Manche Sorten erreichen eine gewaltige Größe und ein Gewicht von bis 10 kg. Eine solche besonders große, rundliche, durch stark höckerige Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Zedrate mit sehr saurem Fruchtfleisch wird als Adams- oder Paradiesapfel bezeichnet, weil sie im Mittelalter allgemein von Juden und Christen für die verbotene Frucht des Paradieses gehalten wurde. Ganz abgesehen davon, daß sich Adam, wenn wir seine Existenz zugeben, sehr wohl gehütet haben würde, in eine solche saure, unschmackhafte Frucht zu beißen, da er wohl bessere im Garten Eden zur Verfügung hatte, wissen wir heute bestimmt, daß der hebräische Mythus unter dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zweifellos die Dattelpalme verstand, die einer der ältesten Fruchtbäume Babyloniens war, wo die Juden, von den babylonischen Semiten beeinflußt, ihre Schöpfungssagen ausbildeten. Und weil die auf fabelhafte Fruchtbarkeit des Paradieses hinweisende großfrüchtige Zedrate heute noch neben dem Palmblatt und allerlei Zweigen beim Laubhüttenfest — ursprünglich einem Erntefest — der Juden Verwendung findet, wird sie vielfach aus Korfu, Palästina und Marokko, wo sie die Araber mit Vorliebe anpflanzen, bei uns eingeführt und kann bei vorgeschriebener Form einen sehr hohen Geldwert erlangen. Die lithauische Jüdin Pauline Wengeroff schreibt im 1. Band ihrer „Memoiren einer Großmutter — Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert“ über diese von ihr als Eßrog bezeichnete Frucht bei der Beschreibung des Versöhnungstages, des am 10. des Monats Tischri (September oder Oktober) gefeierten Fest- und Fasttages der Juden: „Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Eßrog (zitronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und frohgelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen völlig fehlerfreien Eßrog — einen sogenannten ‚Mibuder‘ — zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5–6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je einen Eßrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust.“
Manche andere Spielarten dieser großen Zedrate werden auch nur gezüchtet, um ihre riesigen Früchte zur Schau zu stellen, wozu sie sich schon deshalb besonders eignen, weil sie sich länger halten als alle übrigen Früchte der Gattung Citrus. Eine chinesische, den Europäern übrigens wegen des faserigen Fleisches wenig mundende Varietät bildet in ihrer Heimat einen Leckerbissen, den die Chinesen selbst in fremden Ländern nicht missen mögen, weshalb diese Früchte überallhin, wo jene sich niederlassen, nach Kalifornien, Hawai usw. exportiert werden. Die Chinesen schälen die innere, weiße, widerlich bitter schmeckende Schale mit größter Sorgfalt ab, um zum rötlichen, süßlich-sauren Fruchtfleisch zu gelangen, das sie nicht nur roh, sondern auch in Form von Mus und Gelee essen. Aus dem Saft bereiten sie ein erfrischendes Getränk und die Schalen kandieren sie, ähnlich wie wir dies mit den Pomeranzenschalen tun. Übrigens gibt es einige Spielarten, die auch dem Europäer sehr wohl schmecken; vor allem gilt dies von der Pompelmuse von Batavia, einer wirklich köstlichen Frucht, die in Indonesien häufig gezogen wird.
Der Baum, der die leuchtend gelben Zitronen zeitigt, die die Italiener und Engländer mit Recht mit ihrem geschichtlichen Namen als Limonen bezeichnen, war den Mittelmeervölkern des Altertums durchaus unbekannt, bis ihn die Araber im Laufe des 10. Jahrhunderts in Palästina und Ägypten, sowie in ganz Nordafrika ansiedelten. Im 11. Jahrhundert wurde er durch sie in Spanien, bald darauf auch in dem von ihnen eroberten Sizilien angepflanzt, wo der Italiener Falcando im Jahre 1260 besonders um Palermo herum diesen bevorzugten Schützling der Araber in Menge kultiviert fand. Denn dieses Volk, dem der Koran den Genuß alkoholhaltiger Getränke verbot, suchte sich am sauren, angenehm erfrischenden und den Durst löschenden Safte der von ihnen als limûn bezeichneten Zitronen, den sie mit gezuckertem Wasser vermischt als bevorzugtes Getränk vor der Einführung des Kaffees tranken, schadlos zu halten. Sie selbst hatten die Frucht eben als limûn von den Persern erhalten, die wiederum sie aus Indien unter dem dort gebräuchlichen Namen limu entlehnt hatten. Von den Arabern lernten die Italiener die Frucht als limone und den daraus bereiteten beliebten Trank als limonata kennen, woraus wir Deutsche unsere Limonade bildeten. Kreuzfahrer und Handelsleute der italienischen Seestädte, vorzugsweise Venedig, Pisa und Genua, brachten die Limone zuerst nach Europa, wo sie nördlich der Alpen nicht unter dieser jüngeren Bezeichnung, sondern der älteren, die auf der Bekanntschaft mit dem Zedrat-Citrus fußte, bekannt wurde. Auch hier lernte man, als dann die Frucht häufiger aus Italien dahin kam, wie im Orient den sauren Saft derselben und die aromatisch duftende, an wohlriechendem ätherischen Öl reiche Schale als angenehme Beigabe zu vielen Speisen schätzen und sie auch in Verbindung mit dem zu gleicher Zeit bekannt werdenden Zucker zu Limonaden und Bowlen verwenden. Auch als Medikament fand sie weithin Verbreitung; ist doch ihr saurer Saft stark fäulnishemmend und demnach sehr günstig bei allen Leiden, die mit Darmfäulnis zusammenhängen, wie ihr saurer Saft die beim Fieber erhöhte Alkalescenz des Blutes herabsetzt.
Die Heimat des Zitronenbaumes (Citrus medica var. limonum) ist das östliche Südasien von den mittleren Tälern am Südfuße des Himalaja über Nordbirma nach dem südlichen China und Cochinchina. Noch heute wird er von Gurwal bis Sikkim, in den Kasia- und Garrobergen wild wachsend in oft größeren Beständen gefunden. Zur weit größere und edlere Früchte zeitigenden Kulturpflanze wurde er wohl in Cochinchina erhoben, von wo er allmählich nach China und Japan verpflanzt wurde. Über Indien gelangte er etwa im 8. Jahrhundert n. Chr. nach Persien in den Machtbereich der Araber, die ihn dort kennen lernten und allmählich in dem ganzen von ihnen eroberten Gebiete ansiedelten. Von ihnen lernten die Kreuzfahrer den Baum und dessen Früchte in Syrien und Palästina kennen. Von solchen aus dem Morgenlande heimkehrenden Kreuzfahrern ist er gegen das Ende des 11. Jahrhunderts an der Riviera angesiedelt worden. Aber einen größeren Aufschwung nahm dessen Kultur erst vom 14. Jahrhundert an, bis sie im 17. Jahrhundert durch das Populärwerden der Limonade in Europa erst volle Bedeutung erlangte. Ums Jahr 1655, da der 1602 in Pescina in den Abruzzen (Süditalien) geborene Kardinal Jules Mazarin (eigentlich Mazarini, gestorben 1661) das Staatsruder Frankreichs führte, traten in Paris, wie zuvor in Italien, die ersten Limonadiers auf, um dort, wie bald hernach in den übrigen größeren Städten Europas eine ähnliche Rolle wie die sie darin später ablösenden Cafetiers zu spielen.