Wie der Zitronenbaum die mannigfaltigsten, in bezug auf Gestalt, Farbe, Größe und Geschmack der Früchte abweichenden Kultursorten hervorgebracht hat, ja, in der Limetta, die besonders an der ostafrikanischen Küste vielfach angepflanzt wird, eine süßfrüchtige Art besitzt, so hat sich auch der Orangenbaum in zahllose samenbeständige Kulturvarietäten aufgelöst, von denen wir hier nur die süße, die wir in allen Fruchtläden zu Gesicht bekommen, und die bittere besprechen wollen.

Die süße Abart (Citrus aurantium chinense s. dulcis) besitzt schwach blaßgrüne, wenig aromatische Blätter. Die kugelige Frucht ist orangefarbig, selten gelb und enthält unter einer meist dünnen Schale ein schwach säuerliches, wohlschmeckendes, in den hochkultivierten Sorten bereits kernlos gewordenes Fruchtfleisch. Der Baum ist wie die anderen Citrusarten empfindlich gegen kalte Winde, deshalb zieht man ihn wie den Zitronenbaum, mit dem er dieselben Gegenden als für den Anbau geeignet teilt, soweit er solchen Winden ausgesetzt ist, in Reihen, die durch dichte Hecken eng nebeneinander gepflanzter Zypressen geschützt werden. Diese hohen Zypressenhecken fallen einem jeden auf, der durch die Provence oder Algier reist.

Von Genua bis Marseille findet man ihn an den geschützten Lagen angepflanzt, dann besonders in Sizilien, Spanien, Portugal, Nordafrika; in Nordamerika besitzen besonders Kalifornien und Florida gewaltige Orangengärten. Erst in Sizilien und von da weiter südlich erreicht er die Größe unseres Apfelbaums und liefert dann, gut gehalten, 600–800 Früchte jährlich, während ein ausgewachsener Zitronenbaum bei voller Kraftentfaltung sogar 1000–1100 Früchte in demselben Zeitraum liefert. Man rechnet nach Theobald Fischer in den berühmten Zitronen- und Orangengärten in der Conca d’oro bei Palermo einen durchschnittlichen jährlichen Rohgewinn von 3000 Lire vom Hektar. Was das besagen will, geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gemüse- und Fruchtgärten bei Paris es nur zu einem jährlichen Rohgewinn von 2500–2700 Franken auf den Hektar bringen. Dies ist allerdings nicht zu vergleichen mit dem Ertrage der Südfrüchte in Kalifornien, wo der Morgen, also etwas mehr als ¼ Hektar bis 4000 Mark einträgt und eine 5 Morgen umfassende Erdbeer- oder Obstplantage ein Einkommen von 7–10000 Mark abwirft. Allerdings ist der Geldwert drüben bedeutend geringer als bei uns, so daß wir einen entsprechenden Abzug machen müssen, um diese Verhältnisse auf die unsrigen zu übertragen.

Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen aber nur einige wenige zu uns gelangen, worunter außer der gewöhnlichen die immer beliebter werdende Blutapfelsine (var. sanguinea) mit blutrot gestreiftem oder ganz blutrotem, süßem Fruchtfleisch, ebenso die doppelfrüchtige Orange, bei der jede Frucht in ihrem oberen Teile sozusagen noch eine zweite enthält, ferner auch die violette Orange, deren Blätter, Blüten und unreifen Früchte teilweise violett überhaucht sind und welche, wie die kleine buchsbaumblättrige Orange nur als Zierbaum gezüchtet wird. Die gleichfalls meist nur als Zierstrauch dienende myrtenblättrige Orange besitzt mispelgroße Früchte, die zuweilen auch wie die chinesische Bigaradie eingemacht werden.

Viel länger im Mittelmeergebiet bekannt als die, wie gesagt, erst im Jahre 1548 direkt von China nach Portugal eingewanderte süße Art, ist die bittere, die stets im Mittelalter unter den poma aurantia verstanden war. Die Äste und Zweige des Baumes sind mit Dornen besetzt, die Blätter sind dick, tief dunkelgrün und riechen sehr aromatisch; sie bilden die offizinellen Orangenblätter, die zur Herstellung eines wohlschmeckenden Tees Verwendung finden. Aus ihnen und den jungen Trieben wird ebenso wie aus den unreifen Früchten das als essence de petit grain bezeichnete ätherische Öl gewonnen. Besonders reich an dem Glykosid Hesperidin sind die jungen Früchte, die ebenfalls als Aurantia immatura offizinell sind, d. h. in den Apotheken und Drogerien gehalten werden. Aus den relativ großen, weißen, an Wohlgeruch diejenigen des Apfelsinenbaums übertreffenden Blüten wird in großen Mengen das ebenfalls für die Parfümerie wichtige Nafa- oder Neroliöl — auch Orangenöl genannt —, ebenso das Orangenwasser gewonnen. Die kugeligen, tief orangeroten Früchte enthalten ein bittersaures Fruchtfleisch, dessen Saft wie derjenige der Zitrone zur Herstellung von Limonade dient, besonders aber zur Bereitung der berühmten Orangenmarmelade benutzt wird. Zu diesem Zwecke werden jährlich viele Schiffsladungen Sevillaorangen nach der schottischen Stadt Dundee, wo dieses Genußmittel hauptsächlich bereitet wird, importiert. Die sehr dicke, rauhe Schale von tiefer Orangefarbe kommt als kandierte Pomeranzen- oder bittere Orangenschale oder auch einfach getrocknet in den Handel. Sie ist die offizinelle Pomeranzenschale und enthält bis zu 2,4 Prozent das angenehm riechende, aber bittere Bigaradieöl. Sie wird vorzugsweise zur Bereitung von Likören (Pomeranzenlikören, Curaçao, Kurfürstlichem Magenbitter aus Danzig usw.), zur Würze von Weinen (Bischofessenz) und allerlei Konfitüren benutzt. Da der Stamm des bitterfrüchtigen Orangenbaums sich als besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so benutzt man ihn auch häufig als Unterlage, um auf ihn andere, weniger widerstandsfähige Citrusarten aufzupfropfen. Eine Varietät des Pomeranzenbaums ist die chinesische Bitterorange oder Bigaradie, die kleiner als die Sevillaorange und fast kugelrund ist und häufig in Sirup eingemacht wird, zumal in Frankreich, wo sie als bigaradier chinois in allen Delikatessenhandlungen der Großstädte zu finden ist.

Aus seiner südostasiatischen frühesten Kultur gelangte der bittere Pomeranzenbaum sowohl nach Hinterindien und den Sundainseln, als über Indien nach Persien. Seit dem Ende des 9. christlichen Jahrhunderts ist er in Arabien nachweisbar. Die Araber verbreiteten ihn dann im 10. Jahrhundert nach Afrika und Spanien. Im Jahre 1002 finden wir ihn auch in dem damals von den Arabern (Sarazenen) besetzten Sizilien frisch eingeführt, wo er auch heute noch einen wesentlichen Bestandteil der Agrumenplantagen bildet. Die Kreuzfahrer sahen ihn in Syrien und Palästina und haben ihn wahrscheinlich mit dem Zitronenbaum an die Riviera gebracht.

In China und Japan wird die japanische Zwergorange, kumquat oder kinkan genannt, viel kultiviert. Es ist dies ein niedriger, gegen Frost empfindlicher Strauch mit kleinen, schmalen Blättern, winzigen Blüten und etwas über kirschgroßen, von einer sehr aromatischen Schale bedeckten säuerlichen Früchten, die namentlich von Kindern, auch roh, gegessen werden. Meist werden sie aber in Sirup eingemacht und gelten als Delikatesse. In neuerer Zeit werden sie in dieser Zubereitung auch exportiert. In Ostindien werden die Früchte einer anderen Citrusart, marmelo genannt, häufig gegessen und ebenfalls besonders gerne mit Zucker eingekocht. Von ihnen rührt unsere Bezeichnung Marmelade her. Aus den höchst aromatischen Fruchtschalen der erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bekannten Bergamotte (Citrus bergamea) mit blaßgelben Früchten und angenehm säuerlichem Fleisch, das aber für gewöhnlich nicht gegessen wird, gewinnt man das für die Parfümerien und die Apotheken sehr wichtige Bergamottöl, während die sehr kleinen Früchte der myrtenblätterigen Abart (Citrus myrtifolia) in Zucker eingekocht die beliebten „Chinois“ bilden. Wie für alle Agrumen, ist auch für diese Sizilien der Hauptproduktionsort, das über 100000 kg Bergamottöl und fast ebensoviel aus Pomeranzen gewonnenes Portugalöl (vom italienischen portogallo für die bitterfrüchtige Pomeranze) jährlich exportiert. Das Bergamottöl ist ein dünnflüssiges, angenehm riechendes, bitter schmeckendes ätherisches Öl, welches bei längerem Stehen einen gelben, festen Bodensatz, den Bergamottölkampfer, ausscheidet.

In Cochinchina und Südchina ist auch die Mandarine (Citrus nobilis) zu Hause, wo sie seit Urzeiten unter dem Namen kan kultiviert wird. Sie ist heute noch in China und in Japan, in welch letzterem Lande sie mikan genannt wird, die vorzugsweise angebaute Orange, die hier den Winter über in großer Menge und sehr billig zum Verkauf kommt. Der Mandarinenbaum ist in allen Teilen kleiner als der Apfelsinenbaum und durch einen buschigeren Wuchs ausgezeichnet. Die lanzettlichen, schwach gekerbten Blättchen sitzen an kurzen, kaum geflügelten Blattstielen. Die in Büscheln stehenden weißen Blüten liefern die bekannten, an den Polen abgeflachten, kleinen, orangeroten, süßen Früchte, die jetzt ebenfalls Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien und Spanien geworden sind. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser als der Apfelsinenbaum. Wie gegen Frost, ist er auch gegen heiße, trockene Winde empfindlich, die hier vollkommen fehlen. Aus seiner ostasiatischen Heimat gelangte er ziemlich früh nach den Sundainseln, wo er viel angebaut wird. Erst im Jahre 1828 ist er in Südeuropa und 1848 in San Remo an der Riviera eingeführt worden. Wegen des feinen, aber nicht jedermann zusagenden Geschmacks hat die Kultur der Mandarine im Mittelmeergebiet in den letzten 30 Jahren einen ganz außerordentlich großen Umfang angenommen und hat besonders im westlichen Mittelmeergebiet, in Spanien, Algier, Malta, sowie auch noch in der Provence und in Ligurien Fuß gefaßt.

Ohne weiter auf verschiedene andere, namentlich in Ostindien kultivierte Citrusarten mit oft ziemlich großen Früchten einzugehen, die meist Varietäten der Zitrone sind, wollen wir hier noch einer durch Veredelung festgehaltenen monströsen Zitronenform gedenken, welche in Indien hervorging und als buddhafingerige Zitrone beim dortigen Volke zu allerlei abergläubigen Vorstellungen Veranlassung gab. Diese, auch in manchen Gärten der Riviera gezogene Art ist eigentlich nichts anderes als eine erblich gewordene Mißbildung, wie z. B. der Blumenkohl und unter den Haustieren Mopse, Dachshunde usw. Sie beruht darauf, daß die einzelnen Fruchtfächer statt zu einer runden Frucht vereinigt zu bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt die Frucht fünf Fortsätze, die entfernt an die vorgestreckten Finger einer Hand erinnern.

Noch merkwürdiger ist die ebenfalls bisweilen in den Gärten der ligurischen Küste angetroffene Bizzarria, ein Citrusbaum, der zugleich Orangen und Zitronen trägt, aber auch solche, welche die Mitte zwischen jenen beiden Fruchtarten einhalten und solche, an welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere wiederum dasjenige von Zitronen besitzen. Ihre Entstehung ist bis jetzt nicht endgültig aufgeklärt worden. Die einen halten sie für Bastarde, während andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des aufgepfropften Edelreises entstanden. Sonst weisen die Bastarde im allgemeinen wohl eine Verschmelzung der elterlichen Eigenschaften, aber kein getrenntes Nebeneinander derselben wie in diesem Falle bei der Bizzarria auf. Andererseits lehrt die Erfahrung, die wir täglich bei der Veredelung unserer Obstbäume, der Rosen und sonstigen Gewächse machen, daß die Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide vielmehr ihre besonderen Eigenschaften unvermischt beibehalten.