Was für verschiedene Pflanzengifte die ältesten Menschen Europas zu solchem Rausche verwandten, das steht völlig dahin. Nur das eine wissen wir, daß der berauschende Honigtrank mit der Zeit die anderen weniger angenehmen Berauschungsmittel verdrängte und sich in späterer vorgeschichtlicher Zeit allgemeiner Beliebtheit erfreute. Auch hier führte der Zufall zur Entdeckung dieses Betäubungsmittels der Urzeit. Überall sammelt der Mensch auf niederer Kulturstufe mit Vorliebe den leckeren Honig wilder Bienen, den er, weil dessen starke Süße in konzentrierter Form in größerer Menge seinem Geschmacke widerstand, in Wasser verdünnt genoß. Blieb eine solche Honiglösung in einer als Gefäß benützten dürren Kürbisschale oder sonst welchem Naturgefäß einige Tage hindurch stehen, so begann sie durch spontane alkoholische Gärung infolge von Hineingelangen der allgegenwärtigen Hefepilze berauschend zu wirken. Als man diese Erfahrung gemacht hatte, stellte man absichtlich in Wasser stark verdünnten Honig beiseite, um sich daraus das älteste alkoholische Getränk, den Met, als sehr geschätztes Berauschungsmittel zu bereiten.
Diesen Honigtrank liebten schon die Indogermanen, als sie zu Ende der Steinzeit noch als ein Volk in Norddeutschland hausten. Wie im Sanskrit mádhu Honig und Honigtrank bedeutet, so bedeutet im Griechischen méthy der berauschende Trank schlechthin und méthē die Trunkenheit. Im Deutschen benutzen wir dafür das Wort Met, das wie das altslawische medu sowohl Honig als den daraus bereiteten Trank bedeutet. Den ältesten nachweisbaren Germanen war der aus Wildhonig bereitete Met das beliebte Festgetränk, das noch in der Edda als die Menschen und Götter gleicherweise erfreuend häufig genannt wird. In einer der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen aus Hellas, dem orphischen Fragment 49, gibt die personifizierte Nacht dem Zeus den Rat, den Vater Kronos, der seinerseits bereits seinen Vater Uranos (d. h. Himmel) entthront und seine sämtlichen Kinder außer Zeus verschlungen hatte, wenn er „honigberauscht“ unter den Eichen liege, zu binden und zu entmannen. Es war also auch bei den Griechen, die schon sehr früh mit dem Wein bekanntgemacht wurden, die Urzeit als mettrinkend gedacht. Und noch in der klassischen Zeit Griechenlands waren die in Südrußland wohnenden Skythen, wie die in Mitteleuropa hausenden Barbaren den Griechen als Mettrinker bekannt. Bei diesen letzteren, die uns später als Germanen entgegentreten, war es bis ins Mittelalter hinein Pflicht des Häuptlings und Fürsten, seine Dienstmannen, wie seine Gäste, reichlich mit diesem beliebten Getränk zu bewirten.
Die Herstellung dieses Nationalgetränkes der Deutschen, wie Europäer der Urzeit überhaupt, war bis in die merowingische Zeit einfach genug. Man sott das Honigwasser, um die spätere Gärung zu beschleunigen, und stellte es dann in offenen Gefäßen zur Ausgärung hin. Von der Merowingerzeit an liebte man es mit würzigen Kräutern, besonders Salbei, zu versetzen und etwas Hefe hinzuzufügen, welch letztere nach erfolgter Wirkung wieder abgeschieden wurde. Erst im 12. Jahrhundert hat dann das höfische Leben das bis dahin noch allgemein herrschende Ansehen des Metes in Mitteleuropa zugunsten von Bier und Wein herabgedrückt, bis derselbe schließlich in ganz Süd- und Mitteldeutschland mit dem Ende des 15. Jahrhunderts völlig außer Gebrauch kam. Nur in Norddeutschland, speziell Westfalen, und in Rußland hat er sich als beliebtes Volksgetränk bis auf unsere Zeit erhalten.
Etwas jüngeren Datums, wenn auch schon sehr lange im Gebrauch, ist das Bier. Wie der aus Wildhonig bereitete Met vorzugsweise das Getränk des Jägers und Viehzüchters war, so war das Bier das Getränk des seßhaften Ackerbauers, das den Besitz von Getreide zu dessen Bereitung voraussetzt. Nach der Ernte und zu sonstigen Festzeiten wurde dann das, was man davon entbehren zu können glaubte, zur Herstellung dieses beliebten Trankes verwendet, das damals noch, wie auch der Met, so schwach an Alkoholgehalt war, daß erst größere Mengen davon berauschend wirkten.
Das Bier wurde in der Weise hergestellt, daß man das Getreide erst einweichte, bis die einzelnen Körner zu keimen begannen und aus dem Stärkemehl derselben durch Fermentwirkung Zucker entstanden war. Dann erst wurden die erweichten Körner auf der Handmühle zerquetscht und an der Sonne oder, wie das Obst, auf einer Hürde über dem Herdfeuer gedörrt, damit bei dem darauffolgenden Kochen kein Brei, sondern ein zuckerreicher Extrakt entstehe. Die durch Kochen ausgezogene Zuckerlösung wurde durch Hinzufügen des hefehaltigen Restes des letztgebrauten Bieres zum größten Teil zu Alkohol vergoren und damit war das Bier zum Trinken fertig.
Altgermanisch nannte man das Getränk alu, was zweifellos mit alan groß, kräftig werden zusammenhängt, indem man ihm, wie dies noch in geschichtlicher Zeit geschah, kräftigende Eigenschaften zuschrieb. Daher heißt das Bier heute noch in Skandinavien und Dänemark Öl, wie in England aus dem angelsächsischen ealu (altsächsisch alo) ale. Bei den Engländern heißt alehouse das Bierhaus. Ein weit jüngerer Name ist bei den Germanenstämmen das althochdeutsche bior, aus dem unsere Bezeichnung Bier sich ableitet, das durchaus nichts mit dem lateinischen bibere trinken zu tun hat, wie manche Etymologen fälschlicherweise heute noch annehmen.
Bild 43. Betrunkene Herren werden nach einem Gelage von ihren Dienern heimgetragen.
Altägyptisches Wandgemälde in Beni Hassan bei Theben. (Nach Woenig.)
Alle möglichen Getreidearten dienten und dienen heute noch den verschiedenen primitiven Völkern zur Herstellung von Bier, das zum Teil schon vor der Begründung des Ackerbaus aus wildwachsenden Getreidearten und vor der Erfindung der Töpferei durch Erhitzen mit darein geworfenen heißen Steinen bereitet wurde, wie letzteres beispielsweise bei den Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch der Fall war. Erst mit der Zeit traf man hierin eine Auswahl des Besseren und schließlich des Besten. Wie anderswo Hirsebier, so trank man noch im 12. Jahrhundert in Deutschland Hafer-, Weizen- und Gerstenbier. Wo aber schon frühzeitig vorzugsweise oder allein Gerstenbier genannt wird, so ist eben auch nur diese in Europa älteste Anbaufrucht die ursprünglich dazu benützte gewesen. Solchen Gerstentrank brauten schon die ältesten für uns nachweisbaren Ägypter. Sie nannten es haki und ließen zu seiner Herstellung, wie auch wir heute noch tun, die Gerstenkörner keimen und gewannen so aus dem Malz eine Zuckerlösung, die durch Hefegärung einen mäßigen Gehalt an Alkohol aufwies. Jedenfalls tranken sie dieses Erzeugnis gerne neben dem später aufgekommenen Wein. So mahnt der Schreiber Ani (ums Jahr 1000 v. Chr.) seinen Sohn Chunsuhotep nach einem auf uns gekommenen Papyrus: „Versitz nicht im Bierhaus die Zeit, und Übles vom Nächsten darfst du auch im Rausche nicht reden... Leicht fällst du zu Boden und brichst dir die Glieder, und keiner reicht dir die Hand zur Hilfe. Sieh deine Genossen, sie trinken und sagen. Geh heim, der du genug getrunken!...“ In einem in den Papyri Sallier und Anastasi uns erhaltenen Briefwechsel zwischen mehreren Schreibern rügt Kakabu das leichtsinnige Leben seines Kollegen Anana mit folgenden Worten: „Es ist mir gesagt worden, du verlassest das Schrifttum, du sehnst dich nach Lustbarkeiten, du gehest von Kneipe zu Kneipe. Der Biergeruch, wohin führt er? Man meide den Biergeruch, da er die Leute herunterbringt und ihren Geist benachteiligt.“ Trotz aller weiser Mahnungen muß es aber in Ägypten oft recht toll zugegangen sein und mancher schwere Rausch mit nachfolgendem Katzenjammer hat altägyptische Gelage beschlossen; denn gleich dem viel älteren Herodot, der ums Jahr 460 v. Chr. Ägypten bereiste, meldet uns der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, der in der zweiten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts seine „Historische Bibliothek“ in 40 Büchern schrieb, daß das von den Ägyptern aus Gerste gebraute, als zýthos bezeichnete Bier sie so lustig mache, als ob sie Wein getrunken hätten. Und wir finden auch tatsächlich in den bildlichen Darstellungen an den Grabwänden drastische Beispiele für die Wirkung dieses Gerstensaftes. In Beni Hassan sehen wir zwei Sklaven ihren Herrn als „Bierleiche“ davontragen, und eine zweite Leiche folgt hinterher. In einem Wandgemälde des Gräberfeldes von Theben ist eine ägyptische Dame so mit Bier gefüllt, daß sie den Überschuß des aufgenommenen Getränks erbricht. Besonders ausgelassen muß es nach Herodot an den großen Festen zugegangen sein, an denen bis tief in die Nacht zu Ehren der zu feiernden Gottheit getrunken wurde. Die auf uns gekommenen griechischen Papyrusurkunden lehren uns, daß aber auch noch in späterer Zeit, als schon reichlich Wein gekeltert wurde, allenthalben in Ägypten viel Bier gebraut und getrunken wurde. Unter den prunkliebenden Ptolemäerkönigen war die Bierbrauerei sogar ein königliches Monopol, was gewiß nicht der Fall gewesen wäre, wenn der Ertrag aus diesem Gewerbe nicht sehr erklecklich gewesen wäre.
Ebensolche Biertrinker wie die Ägypter waren die nichtarischen Urbewohner Spaniens und Italiens, die Iberer und Ligurer, ebenso die arischen Stämme der Phrygier, Thrakier und Armenier. So sagt der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon: „Die Ligurer wohnen an der Südseite der Alpen, leben großenteils von der Milch ihrer Herden und trinken (bei Festlichkeiten) Gerstenbier (kríthinon póma).“ Ebenso an einer anderen Stelle: „Die Lusitanier (im heutigen Portugal) trinken Bier und nur selten Wein; statt des Öls gebrauchen sie Butter. Bei Trinkgelagen tanzen sie nach dem Takt der Flöte oder Trompete und springen dabei in die Höhe.“ Plinius dagegen sagt: „In Spanien braut man sogar ein Bier, das sich lange hält.“ Viel früher, nämlich schon ums Jahr 700 v. Chr., berichtet uns der Grieche Archilochos, daß die Phrygier und Thrakier aus Gerste und dem Würzkraut konýzē ein als brýton bezeichnetes Bier brauen und trinken. Ein anderer Grieche, Xenophon aus Athen, ein Schüler Platons, der im Jahre 400 v. Chr. als Vierzigjähriger die zehntausend Mann griechische Truppen, welche dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe gezogen und geschlagen worden waren, durch das gebirgige Armenien ans Schwarze Meer und nach Byzanz führte, um sie von da aus zu Schiff nach Griechenland, ihrer Heimat, befördern zu lassen, berichtet in seinem über jenen strapaziösen Rückzug geschriebenen Bericht, der jedem Griechisch lernenden Schüler bekannten Anábasis, daß seine Leute, vom Karduchischen Gebirge kommend, in Dörfern rasteten, wo sie außer anderen Vorräten auch mit „Gerstenwein“ gefüllte Gefäße fanden. In ihnen habe noch die Gerste herumgeschwommen; zum Trinken aus diesem Gemisch dienten Rohrhalme, durch die man die Flüssigkeit einsog, ohne die darin befindlichen Gerstenkörner in den Mund zu bekommen. Das Getränk sei stark und berauschend gewesen, wenn man es nicht durch Zusatz von Wasser verdünnte; im übrigen aber hätten alle, die sich daran gewöhnten, diesem den weintrinkenden Griechen sonderbaren Tranke Geschmack abgewonnen.