Dem homerischen Zeitalter war die Dattelpalme noch durchaus fremd. Erst an einer Stelle der Odyssee, die nicht früher als aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert stammen dürfte, wird in Worten höchster Bewunderung von einer heiligen Palme auf der Insel Delos gesprochen, mit der der vielgewanderte Dulder Odysseus die schlanke Tochter des Königs der Phäaken, Nausikaa, vergleicht, die ihn nach seinem Schiffbruch, als er nackt und ohne irgend welche Habe von den Wogen ans Land geworfen wurde, freundlich aufnahm und zu ihrem Vater Alkinoos geleitete. Es war das die einzige Palme, die er auf seinen weiten Wanderungen sah; ja, er sagt von ihr, daß sonst nirgends auf Erden ein solcher Baum wachse, als nur dort: „denn nicht trägt ein solches Gewächs sonst irgend die Erde.“

Wenn schon die zierliche Gestalt des nicht Frucht tragenden Baumes im Abendlande solches Entzücken erregte, so wird man begreifen, daß im Morgenlande selbst, wo der Baum durch seine wohlschmeckenden, nahrhaften Früchte dem Menschen ganz unentbehrlich ist, er als Inbegriff der durch große Nützlichkeit hervorgehobenen Schönheit von den Dichtern in den schönsten Bildern besungen wird. Wer denkt da nicht an die Stelle im Hohen Lied des Alten Testaments, dem einzigen uns erhaltenen, ums Jahr 800 v. Chr. entstandenen und ganz mit Unrecht dem König Salomo zugeschriebenen Erzeugnis der weltlichen Lyrik der Hebräer, da der Sänger seine Geliebte in begeisterten Worten beschreibt und von ihr sagt: „Dein Wuchs gleicht der Palme und deine Brüste den Datteltrauben“, dann an den Gebrauch der Israeliten und Vorderasiaten überhaupt, ihre Töchter mit Vorliebe tamar, d. h. Dattelpalme zu heißen.

Die athenische Sage berichtet, daß ihr mythischer König Theseus nach der Überwindung des Minotaurus auf seiner Heimfahrt von Kreta auf Delos gelandet sei und mit seinen Genossen zu Ehren des dort verehrten Gottes Apollon ein Kampfspiel aufgeführt habe. Die Sieger seien dann mit Zweigen jener berühmten Palme geschmückt worden, und seither sei der Palmwedel das Symbol des Siegers und der Siegesfreude. Schon in der Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts stiftete der Tyrann Kypselos, der Herrscher der auf phönikischen Ursprung zurückgehenden Stadt Korinth, eine eherne Palme als Weihgeschenk für den delphischen Apollon, wie später auch die Athener nach ihrem Doppelsiege über die Perser am Flusse Eurymedon im Jahre 466 v. Chr. Endlich prägten Ephesus und andere Griechenstädte, so auf Kreta und Euböa, Palmen auf ihre Münzen.

Von den Griechen kam die Dattelpalme zu den Römern, die vorher bloß die auf heißen Standorten Siziliens und Unteritaliens wachsende Zwergpalme (Chamaerops humilis) gekannt hatten. Auch bei ihnen war der Palmwedel das Abzeichen und der Preis des Siegers in den öffentlichen Spielen wie bei den Triumphzügen, und mit ihm bestickten sie als ganz besondere Auszeichnung die tunica palmata, das kurzärmelige, wollige Unterkleid, das die Männer unter der Toga trugen. Die ersten Dattelpalmen auf italienischem Boden pflanzten die unteritalischen Griechen um die dem Apollon geweihten Tempel und von ihnen drangen sie mit der Zeit zu den Römern vor, von denen der Geschichtschreiber Livius das erste Exemplar aus dem Jahre 291 v. Chr. aus dem Hain des Apollo in der Hafenstadt Antium in Italien erwähnt. Aber erst im letzten vorchristlichen Jahrhundert kamen die Früchte dieses Baumes als Handelsartikel durch die Vermittlung der Griechen häufiger zu den Römern unter der dem semitischen Worte dafür dachel entlehnten griechischen Bezeichnung dáktyloi, woraus das lateinische dactyli und zuletzt unser deutsches Wort Dattel wurde. Daß nun die Griechen aus dem von den Phönikiern gehörten Wort dachel dáktyloi machten, mag wohl auf einer Ideenverbindung mit dem Worte Finger, was dáktylos eigentlich bedeutete, beruhen, da diese Früchte entfernt fingerförmige Gestalt besitzen.

Da die Dattelpalme auf europäischem Boden keine süße Frucht trägt, sind mit dem Untergang der antiken Welt auch die anmutigen hier gepflanzten Exemplare, weil keine Früchte tragend, als nutzlos zugrunde gegangen. Die Araber dagegen verbreiteten dieses ihr heimatliches Gewächs überall hin, wo sie ihren Fuß setzten. So soll der Kalif Abdurrahman I. um das Jahr 756 in einem Garten bei Cordova mit eigener Hand die erste Dattelpalme auf spanischem Boden gesetzt haben, von der alle übrigen in Spanien abstammen sollen. Oft soll er sie in sehnsüchtiger Erinnerung an die arabische Heimat betrachtet haben. Die Sarazenen brachten den Baum wiederum nach Sizilien und Süditalien, wo sich seiner in der Folge die Christen bemächtigten, um die Blattwedel am Palmsonntage weihen zu lassen und das Jahr über als Schmuck in ihren Wohnungen aufzubewahren. Dieser Sitte verdankt Italien seinen größten Palmenhain, der sich bei Bordighera zwischen San Remo und Ventimiglia unter fast 44° nördlicher Breite befindet. Eßbare Früchte liefern sie natürlich hier nicht, dafür aber müssen sie ihre Blattwedel opfern. Die Einwohner dieses Städtchens haben das durch Gewohnheit geheiligte Vorrecht, zum Osterfest Palmen nach Rom zu liefern, und diese Industrie schuf mit der Zeit die über 4000 Stämme zählende Palmenanpflanzung. Dieses Vorrecht verlieh Papst Sixtus V. im Jahre 1586 der Familie Bresca als Belohnung dafür, daß ein Glied dieser Familie, ein Schiffskapitän, in jenem Jahre, während der Aufstellung des unter Kaiser Caligula 39 n. Chr. aus Heliopolis in Ägypten nach Rom gebrachten und damals den vatikanischen Zirkus schmückenden Obelisken auf dem Platz von St. Peter in Rom, als die trockenen Taue zu versagen drohten, durch den rechtzeitigen Ruf: „Wasser auf die Taue!“ dem die Aufstellung besorgenden Baumeister Fontana aus schwerer Verlegenheit half.

Den Palmwedel hat die christliche Kirche, wie so viele andere Symbole der Bildersprache des Orients entnommen. Wie Palmenwedel bei den Festen des Osiris in Ägypten, beim feierlichen Einzuge der Könige in Jerusalem prangten, die Sieger in Olympia schmückten und die Festgewänder römischer Imperatoren zierten, so bedient sich ihrer heute noch die katholische Kirche in Erinnerung an den Einzug des Christus (d. h. Messias) in die jüdische Hauptstadt. Bei der Feier des Palmsonntags sollen sie nicht bloß ein Zeichen des Sieges des Urhebers des Christentums, sondern zugleich ein Bild himmlischer Reinheit sein, deren Beispiel jener gab. Damit nun die Palmwedel möglichst farblos weiß bleiben, d. h. sich ohne Ausbildung des Blattgrüns entwickeln, werden die Kronen vom Hochsommer an fest zusammengebunden, so daß die innersten Blätter, vom Licht unberührt, vergeilen. Der Reisende, der um diese Zeit die Riviera di Ponente besucht, sieht dann die Palmwipfel in Form von riesigen Kugeln und begreift anfangs nicht, was diese Verstümmelung des schönen Baumes bezweckt. Im Dunkeln gehalten, werden solche Wedel auch schlank und lang. An ihren Enden laufen sie spitz aus und bleiben biegsam und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können.

Aber auch das ältere Judentum benutzt noch die Palmwedel in Verbindung von Myrte und Bachweide zum Feststrauß für das Laubhüttenfest, das ursprünglich ein Erntefest war. Es verlor aber nach der Zerstreuung der Juden, die sich in der Fremde dem Handel zuwandten, diese seine Bedeutung und behielt nur die andere geschichtliche bei, eine Erinnerung an den göttlichen Schutz während der Wüstenwanderung zu sein, als ihre Vorfahren unter Mose in Hütten aus Palmzweigen wohnten. Die Bestandteile dieses, bei jenem im Oktober gefeierten Feste zur Aufstellung gelangenden Straußes mußten gewisse Bedingungen erfüllen, so auch der Palmwedel, der für die Juden grün bleiben muß. Der Schopf zu diesem Zwecke gehaltener Palmen wird in Bordighera weniger stark zusammengebunden, so daß auch die jüngeren Blätter etwas Licht erhalten und ergrünen können. Sie bleiben zugleich kürzer, schließen mit stumpfer Spitze ab und werden härter als diejenigen für die Katholiken.

Früher trug auch die Umgegend des kalabrischen Reggio und von Palermo auf Sizilien ganze Palmenwaldungen, die aber als Nachlaß der ungläubigen Sarazenen von den Christen zerstört wurden. Einzig in Südspanien, bei Elche, befindet sich noch ein aus mohammedanischer Zeit herrührender Palmenwald von etwa 60 000 Stämmen, der nicht nur Blätter für fromme Gläubige liefert, sondern auch genießbare Früchte zeitigt. An der Riviera wird neuerdings sehr häufig neben der Dattelpalme die ihr sehr ähnliche kanarische Phönix gepflanzt, von ihr nur durch gedrängteren, üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwicklung verschieden. Ihre Blätter werden gleichfalls häufig zu der an der Riviera blühenden Palmenflechterei benutzt.

In den Oasen Nordafrikas und Westasiens ist die Dattelpalme das wichtigste Kulturgewächs, ohne welches der Mensch hier nicht existieren könnte. Hier treibt sie ihre Wurzeln sehr tief in den Boden, bis die wasserführende Schicht erreicht ist, so daß sie ohne künstliche Bewässerung üppig gedeiht. Alles an ihr wird von den armen Oasenbewohnern verwertet. Die Früchte sind das fast ausschließliche Nahrungsmittel, das roh, getrocknet oder gekocht täglich mehrmals gegessen wird. In Körbe gepreßt oder in Sand gegraben, können sie bis zwei Jahre aufbewahrt werden und verderben selbst in der brennendsten Sonnenhitze nicht. Deshalb bilden Datteln auf den Karawanenreisen ein unentbehrliches Proviantmittel. Der Stamm der Dattelpalme liefert die Pfosten der Häuser, die Gerüste zu den Ziehbrunnen, die Bretter zu Türen und das Werkzeugmaterial überhaupt. Die Blätter dienen zur Bedachung der Hütten, die Rippen zur Einzäunung der Grundstücke wie auch zu Wanderstäben; ihre Fiedern werden zu Sandalen und Körben geflochten. Aus dem Fasergewebe der Blattansätze werden sehr haltbare Stricke gedreht, die besonders widerstandsfähig gegen Salzwasser sind und deshalb vielfach in der Schiffahrt Verwendung finden; die Herzblätter der Stammspitze liefern den wohlschmeckenden Palmkohl und durch Anzapfen des Stammes erhält man einen zuckerhaltigen Saft, der vergoren einen berauschenden Wein liefert. Meist aber wird solcher Dattelwein durch Gärenlassen von mit Wasser verdünntem Dattelhonig gewonnen, der durch Auspressen der frischen Datteln erhalten wird.

Die Fortpflanzung der Dattelpalme geschieht bisweilen durch die Fruchtkerne, in denen das Nährgewebe für den Embryo in Form von hornartig hartem Holzstoff angehäuft ist, das dann durch Fermente gelöst und in Zucker verwandelt wird, um dem jungen Pflänzchen zum Wachstume zu dienen. Am häufigsten aber wird dieser Fruchtbaum durch Schößlinge vermehrt, die man im Herbste aus der unmittelbaren Nähe des Mutterbaumes ausgräbt, verpflanzt und etwa drei Monate lang begießt, von wo an sie sich selbst erhalten können. Nach sechs bis acht Jahren beginnen diese die ersten Blüten zu treiben, aber erst vom 20. Jahre an liefern sie volle Erträge, die bis zum 70. oder 80. Jahre andauern. Von da an wird der Ertrag geringer, und etwa im Alter von 100 Jahren sterben die Bäume ab.