Das Land, von dessen Gärten wir die ältesten geschichtlichen Urkunden und ausführliche bildliche Darstellungen an den Wänden der Grabkammern der Vornehmen besitzen, ist Ägypten. Um die Häuser, die, wie überall im Morgenlande, aus einem rechteckigen, von Gemächern umgebenen Hofe bestanden, zogen sich Reihen schattenspendender Bäume. Nach einer Richtung verlängerten sie sich und umschlossen ein rechteckiges Wasserbecken, das Lotosblumen und Teichrosen barg und zahlreichen Fischen und mannigfaltigen Wasservögeln zum Aufenthalte diente. Vielfach war es so ausgedehnt, daß es mit buntgeschmückten Gondeln befahren werden konnte. Der Regenmangel des Landes erzeugte das Bedürfnis, diese vornehmlich aus Sykomoren, Dattelpalmen, Zypressen und Platanen bestehenden Baumgärten ausgiebig zu bewässern, indem man das Wasser der aus dem Nil gespeisten Kanäle durch dieselben hindurch in die Bassins leitete. Buntbemalte Lusthäuser luden zur Rast ein, und im Schatten der Reblauben, Feigenbäume und anderer Obstbaumsorten lustwandelte der reiche Ägypter, der sich solchen Luxus leisten konnte, in seinen Mußestunden mit seiner Familie und seinen Freunden. Hier saß er beim Brettspiel oder hörte auf die Musik der Harfen, Flöten und Lauten und sah dem langsamen, feierlichen Tanze der Frauen zu, während seine Kinder unter den Bäumen mit ihren Bällen und Puppen spielten. Eine Menge von Dienern und Sklaven wartete der Befehle des Herrn in Haus und Garten. Ein Verwalter führte die Aufsicht über Haus und Grundstück, während ein Obergärtner die Sklaven in der Pflege des Gartens anleitete.
Ein solcher von schattenspendenden Bäumen bestandener Garten galt den alten Ägyptern als der Inbegriff des Reichtums und behaglichen Lebens. In einem in Bulak aufbewahrten Papyrus spricht der alte Schreiber zu einem begüterten Vornehmen: „Du hast dir ein bewässertes Grundstück angelegt, du hast dein Gartenland mit Hecken umgeben, Sykomoren hast du in Reihen gepflanzt, wohl sie ordnend auf dem ganzen Gebiete bei deinem Hause. Du füllst deine Hand mit allen Blumen, welche dein Auge erschaut...“ Und den Blumengärten wurde von den Ägyptern wie den Gemüse- und Obstgärten große Aufmerksamkeit geschenkt. So sehen wir einen solchen in einem Königsgrabe in Theben dargestellt. Alle Blumenbeete sind darin halbmondförmig angelegt und die Blumen darin in dem Beetrande parallel geschweiften Reihen gepflanzt. Jedes Beet trägt andere Blumen, die wir jedoch nicht recht zu bestimmen vermögen.
Auf einem Gemälde des Grabes Amenhoteps III. aus der 18. Dynastie (1411–1375) in Theben sehen wir eine Villa des Pharao mit Türmen, Obelisken und einem tempelartigen Bau. Davor erstreckt sich ein prächtiger Blumen- und Obstgarten, in der Mitte von einem Kanal durchzogen und von einem Teich bewässert. In ihm wachsen Lotus und Papyrus, und um ihn ragen verästelte Sykomoren. Die von ihren Dienerinnen umgebene Herrin des Hauses empfängt hier eben Damenbesuch und reicht einer der Geladenen einen schön gebundenen Blumenstrauß in Gestalt eines Füllhorns dar. Auf einem andern Wandgemälde in Theben blicken wir in Haus und Garten eines reichen Ägypters. Da bemerken wir unter anderem eine Frau, welche sich einen Ölzweig gepflückt hat und unter Granat- und Feigenbäumen dahinwandelt; eine andere tritt eben zur Pforte ein. Sie führt an ihrer Hand zwei Kinder, die sich mit Rebenranken geschmückt haben. Eine Dienerin trägt ihnen das Spielzeug und ein Rebmesser nach, vermutlich um Trauben, die in Fülle am Spaliere prangen, zum leckeren Mahle zu schneiden.
Damit die Seele, der ka, des Verstorbenen sich im kühlen Schatten laubreicher Bäume ergehen und an Farbe und Duft der Blumen erfreuen könne, legte man vor den Gräbern kleine Gärten mit Wasserbassins an, die aus benachbarten Kanälen gespeist wurden. Oft liest man auf Grabstelen des neuen Reiches (1580–1205 v. Chr.) die Formel: „Möge ich wandeln am Ufer meines Teiches Tag für Tag ewiglich; möge meine Seele sitzen auf den Zweigen der Bäume in meinem Grabgarten, den ich mir bereitet habe; möge ich mich erfrischen tagtäglich unter meiner Sykomore.“ Eine dieser Epoche angehörende Stele aus Theben, die sich nun im Museum von Bulak befindet, bringt eine Illustration zu diesen Worten. Auf der annähernd perspektivisch gehaltenen Darstellung des Grabgartens bemerken wir links, am Fuße einer Bergkette gelegen, drei Totentempelchen. Seitwärts kniet mit in Anbetung erhobenen Händen der Selige, der aus seiner Grabkammer herausgegangen ist, um im Garten zu lustwandeln. In demselben stehen neben einer Sykomore zwei sehr naturgetreu gezeichnete Dattelpalmen mit schweren Fruchtgehängen, unter welchen auf einem Opfertisch Brote als Totenspeise liegen. Der Grabgarten des zur Zeit der 18. Dynastie (1580–1530 v. Chr.) lebenden vornehmen Anna in der Totenstadt von Theben enthielt nach dem auf uns gekommenen Verzeichnis 90 Sykomoren, 170 Dattelbäume, 3 Mimosen, 5 Granatbäume, 2 Behennußbäume usw. und 12 Reben. Nach dieser bedeutenden Zahl von Bäumen muß er also ziemlich groß gewesen sein.
Zu den vornehmsten Geschenken der ägyptischen Könige an ihre Gottheiten, denen sie ihren Dank für Siege und sonstiges Wohlergehen abstatten wollten, gehörten außer den prächtigen Tempeln, deren Wände allseitig mit buntfarbigen Darstellungen aus dem Leben des Spenders geschmückt waren, auch dementsprechende Gartenanlagen, die das Heiligtum umgaben. So heißt es in der Schenkungsurkunde des Königs Ramses III. (20. Dynastie, 1198–1167 v. Chr.) von den Gaben an den Sonnengott in Heliopolis: „Ich machte dir große Gärten, versehen mit ihren Bäumen, mit Reben und Ölbäumen. Ich versah sie mit Gärtnern, zahlreichen Leuten, um reines, bestes Öl zu bereiten und damit die Lampen in deinem prächtigen Tempel anzuzünden. Ich machte dir Baumplätze und Gehölze mit Bäumen, Dattelpalmen, auch Weiher, versehen mit Lotusblumen, Binsen, Gräsern und Beeten mit süßen, wohlriechenden Blumen jedes Landes für dein schönes Antlitz...“
Besonders groß und prunkvoll mit hübschen Anlagen und Alleen von Schattenbäumen geschmückt waren zur Zeit des neuen Reiches (1580–1205 v. Chr.) die Gärten um den Reichstempel, den großen Amonstempel in der Hauptstadt Theben. Von dem prachtvollen Vorhof desselben in Luxor, der alten südlichen Vorstadt von Theben, den die Baumeister Amenhoteps III. (1411–1375 v. Chr.) mit unerhörter Kühnheit aus zwei Reihen mächtiger, wohlproportionierter Säulen mit Kapitellen in Form von aufbrechenden Papyrusknospen angelegt hatten, erstreckten sie sich bis zum glänzenden Pylon, den derselbe König vor dem Tempel von Karnak errichtet hatte. Mitten durch sie hindurch führte eine Doppelreihe von steinernen Widdern, flankiert von Dattelpalmen, von einem Tempel zum andern. Die Gesamtwirkung jener herrlichen Schöpfung muß außerordentlich imposant gewesen sein. Die leuchtenden Farben der bunt bemalten Architektur mit den vergoldeten Säulen und Toren und den mit Silber ausgelegten Fußböden, darüber die an ihrer Spitze mit rot leuchtendem Kupfer verkleideten Obelisken, hoch sich erhebend über die nickenden Wipfel der grünen Palmen und des halb tropischen Blätterwerks, das wie ein Rahmen das Ganze einfaßte und auf der Oberfläche des Tempelsees sich spiegelte — alles dies muß einen prächtigen Eindruck gemacht haben, von dem die düstern Ruinen heute kaum eine Ahnung mehr geben.
Diese prunkvolle Anlage hat weit über ein Jahrtausend bestanden und wurde von späteren Pharaonen vergrößert. So erfahren wir, daß noch Ramses III. der 20. Dynastie, der von 1198–1167 v. Chr. regierte, in seiner Residenzstadt Theben einen weiteren prächtigen Bezirk und Garten für den Gott Amon errichten ließ, der nach einer uns erhaltenen schriftlichen Urkunde nahezu 8000 Sklaven zu seiner Bedienung erhielt. Schon diese große Zahl von Angestellten läßt auf die Größe der Anlage schließen. Übrigens hatten alle größeren Tempelanlagen Ägyptens wie ihren Teich zum Baden, so auch ihren Garten zum Lustwandeln für den betreffenden Gott und seine Diener. Speziell von Ramses III. wird uns auch durch Inschriften bekundet, daß er nicht nur in seiner Residenz- und Hauptstadt Theben, sondern auch im ganzen Reiche zahlreiche Bäume pflanzen ließ, die in einem Lande, dem die natürlichen Wälder fehlten, erquickenden Schatten boten.
Viel weniger als von diesen Gärten der Ägypter wissen wir von denjenigen der alten Babylonier, die unter ähnlichen klimatischen Bedingungen Ruheplätze unter schattenspendenden Bäumen in von Wasser durchströmten Gärten liebten. Sehr stark von diesen gewöhnlichen Lustgärten Babyloniens wich eine besonders auffallende Anlage ab, von der uns etwas eingehender von einigen Schriftstellern des Altertums berichtet wird. Es sind dies die als eines der Weltwunder angestaunten „hängenden Gärten“, die einst am Ufer des Euphrat bei der Stadt Babylon errichtet wurden, wie die Sage erzählt, von der assyrischen Königin Semiramis, die zahlreiche Züge der babylonischen Liebesgöttin Ischtar trägt, aber gleichwohl eine historisch greifbare Persönlichkeit darstellt, nämlich die auf den königlichen Inschriftsteinen von Assur Scha-ammu-ramat genannte „Frau des Palastes Samsiadads, des Königs der Welt, Königs von Assyrien, Mutter des (um 800 v. Chr. regierenden) Adad-nirari, des Königs der Welt, Königs von Assyrien“. Sie war eine Babylonierin und muß als tatkräftige Herrscherin in den Kämpfen der Assyrer gegen das Reich Urartu, das die Stadt Van in seinem Mittelpunkt hatte und sich bis zum Urmiasee erstreckte, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Auch scheint auf ihre Mitwirkung hin im Jahre 787 unter ihrem Sohne Adad-nirari der Gott Nebo von Babylonien nach Assyrien eingeführt, d. h. beide Reiche staatsrechtlich vereinigt worden zu sein. Ihr Enkel wurde dann Unterkönig von Babylon. Daß dann später die Meder, die sich um 600 v. Chr. des Quellgebiets des Euphrat und Tigris bemächtigten, sie als Reichsgründerin von Assyrien betrachteten, das doch zu ihrer Zeit schon 800 Jahre bestand, und ihr zahlreiche Züge der Liebes- und Kriegsgöttin Ischtar andichteten, beweist, daß die Erinnerung an sie in Armenien noch lange Zeit nach ihrem Tode lebendig blieb. Vollends sagenhaft wurde sie später bei den Persern. Das erfahren wir aus dem Bericht, den Ktesias, der griechische Leibarzt des persischen Großkönigs Artaxerxes II., um 400 v. Chr. in seiner Erzählung von der Königin Semiramis von ihrem Leben gab. Jedenfalls hat sie durchaus nichts mit den später so eng an ihren Namen geknüpften „hängenden Gärten“ Babylons zu tun.
Der tatsächliche Erbauer dieses Wunderwerkes war einer jener gewaltigen, mit unerhörter Machtfülle ausgestatteten Herrscher des Landes, nach dem Berichte des Berosus, der zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts Belpriester in Babylon war und in griechischer Sprache ein Buch, betitelt: „Babylonisches und Chaldäisches“, schrieb, Nebukadnezar, der von 604–561 als Mehrer des Reichs und Verschönerer seiner Hauptstadt Babylon herrschte und gewaltige Kanalbauten anlegen ließ. Der griechische Geschichtschreiber Diodoros berichtet in seiner zur Zeit Cäsars und Augustus’ geschriebenen „historischen Bibliothek“, daß dieser machtvolle Assyrerkönig, der seine Herrschaft bis an die Grenzen Ägyptens ausdehnte und im Jahre 586 Jerusalem zerstörte, diese hängenden Gärten für seine Gemahlin Amyitis errichtet habe, die, im Berglande Medien geboren, in der Euphratebene sich nach den Bergen und Wäldern ihrer Heimat sehnte. Sie bestanden aus einer 50 m und mehr hohen, bis 400 m breiten Pyramide mit mehreren übereinander getürmten Terrassen, die auf dicken, in geringen Abständen errichteten Backsteinmauern ruhten. Sie waren mit einer hohen Erdschicht bedeckt, in die nicht bloß Blumen und Ziersträucher, sondern große Bäume gepflanzt waren, die mächtig emporwuchsen und der ganzen Anlage das Aussehen eines bewaldeten Berges gaben. Pumpwerke führten aus dem Euphrat Wasser auf die oberste der Terrassen, um von hier in Röhren und Rinnen durch die ganze Gartenanlage zu deren Bewässerung zu strömen und auch noch die Bäder zu speisen, die mit allerhand anderen Gemächern und Grotten in die Seitenwände der Terrassen eingebaut waren. Die Wurzeln der Bäume mögen schließlich das Mauerwerk zersprengt und den Einsturz des ganzen wunderbaren Baues herbeigeführt haben, dessen Ruinen man heute noch am Euphrat erkennen zu können glaubt.