Bild 74. „Wahrer Grundriß des weltberühmten kgl. Lustgartens zu Versailles.“
(Nach einem Stich von M. Diesel.)

Vor ihm hatte sich die Gartenkunst Europas nördlich der Alpen unberührt von derjenigen der Renaissance entwickelt. Hier war man noch viel ärmer als dort und fühlte sich außerhalb der ummauerten Städte und Burgen nicht sicher genug, um den vorhandenen kleinen Ziergarten hinaus in die Landschaft zu verlegen. Und als auch die wirtschaftlichen und politischen Zustände sich hier so weit gebessert hatten, daß man an ein Landhausleben wie in Italien denken konnte, so blieb die Gartenanlage wie sie im Mittelalter gewesen war, eine „geschachzabelte und gevierte“, d. h. eine schachbrettartig regelmäßig aufgeteilte, ebene Anlage. So sehen wir diese Gärten, von denen kaum etwas erhalten ist, noch in den Kupferstichwerken des 17. Jahrhunderts als eintönige, regelmäßige Anlagen, deren meist gleich große quadratische Felder mit geschnittenen Hecken umgeben waren. Die Wege waren oft mit Laubengängen aus Gitterwerk überdacht, die zu zierlichen Pavillons führten. Auch Springbrunnen und Skulpturen fehlten nicht, ebenso waren mit Vorliebe verwickelte Gänge in Form von zu senkrechten Wänden geschnittenen Buchs- und Eibenhecken als Labyrinthe vorhanden, die den Besucher nach langer Irrfahrt endlich zu einem Platze im Mittelpunkt der Anlage führte; doch war bei ihnen von einer einheitlichen Kunstwirkung, zusammen mit dem Hause, keine Rede, wie sie im italienischen Garten so eindrucksvoll durchgeführt war, ganz abgesehen davon, daß diese kleinen Anlagen sich in der Ebene befanden und schon deshalb für einen architektonischen Aufbau, wie im italienischen Garten, keine Keime in sich trugen.

Schon zu Ende des 16. Jahrhunderts begann unter italienischem Einflusse ein neuer großzügiger Geist in die Gartenanlagen der französischen Königsschlösser zu kommen. Man brachte wie in Italien die Linien des Hauptgebäudes, des Schlosses, mit dem Garten in Verbindung und schuf damit einen weiten Durchblick, eine Perspektive; auch legte man um das Schloß einen freien Platz, um dadurch das Gebäude als den Mittelpunkt der ganzen Anlage hervorzuheben. Durch diese Neuerungen, die Claude Mollet, der Gärtner Ludwigs XIII., an den königlichen Gärten von Fontainebleau in Verbindung mit der Anlage großer Wasserbecken mit Springbrunnen zuerst in Frankreich einführte, erhielt der Garten einen Zug ins Großartige und begann sich damit dem Glanze der französischen Kultur anzupassen, die im 17. Jahrhundert diejenige der Nachbarländer, namentlich Deutschlands, das währenddem unter den Schrecknissen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden hatte, weit überragte. Ihren Höhepunkt erreichte diese Zeit unter der Regierung des Sonnenkönigs, Ludwigs XIV., und die Gärten, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für ihn und die Ersten des Landes angelegt wurden, spiegeln deutlich die Eigentümlichkeiten des französischen Hoflebens dieser Periode wieder mit der Gemessenheit und Steifheit seines Zeremoniells und seiner theatralischen Grandezza, die ihren bezeichnenden Ausdruck in den schwülstigen Allongeperücken und den die Gestalt erhöhenden Stöckelschuhen fand.

Aus dem Geiste dieser vornehm tuenden Zeit heraus bildete André Le Nôtre den regelmäßigen französischen Garten zum architektonischen um. Das Haus, das Schloß, war der Brennpunkt seines Gartens und sollte möglichst von allen Hauptpunkten der ausgedehnten Anlage sichtbar sein; andererseits sollte vom Schloß aus der ganze Garten überblickt werden können. Um dies leichter zu ermöglichen, wurde es auch in der Ebene auf eine erhöhte Terrasse von gewaltigen Dimensionen gebaut, wodurch es frei aus dem Garten herausgehoben wurde. Dasselbe Ziel verfolgte die Hervorhebung der Mittelperspektive auf das Schloß und vom Schlosse aus. Die von der Mitte des Schlosses ausgehende Hauptallee durchschnitt den Garten seiner ganzen Länge nach und war mit hohen geschnittenen Baumwänden eingefaßt. Längliche Wasserbecken in derselben Richtung unterbrachen sie. In dieser Perspektive schweifte nun der Blick über eine Fülle von Wasserbecken mit Springbrunnen in die Ferne, und umgekehrt bot sich vom Ende des Gartens, ja von weither gesehen, das Schloß auf seiner Terrasse eindrucksvoll dar. Außer dieser Mittelperspektive wurden überall, kreuz und quer durch den Garten, andere Durchblicke angelegt und damit das eintönige Schema der schachbrettartigen Aufteilung der Fläche durchbrochen. Um möglichst Abwechslung zu bringen, wurde jede dieser Nebenperspektiven, deren meist mehrere strahlenförmig von einem Punkte ausgingen, mit einem point de vue, einer Fontäne, einer Statue, einem kleinen Gartenhäuschen oder etwas Ähnlichem ausgestattet. Die abgelegenen Gartenpartien wurden von hohen Heckenwänden, meist geschnittenen Hainbuchen, umgeben und ihr Inneres mit Baumwuchs erfüllt, was den Eindruck hervorrief, als seien alle den Garten durchquerenden Perspektiven mit hohen grünen Kulissen umstellt. Zwischen diesen stilisierten Anlagen waren, damit neben der strengen Form auch die spielende Phantasie ihr Recht bewahre, allerlei Labyrinthe und Irrgänge, Grotten, Naturtheater und verschieden ausgestattete Plätze mit Lusthäusern aus Gitterwänden oder Springbrunnen und plastischen Gruppen jeder Art zerstreut. Der ganze Garten war nach italienischem Muster mit Statuen der antiken Götter- und Halbgötterwelt belebt, die frei oder in nischenartigen Vertiefungen der Heckenwände aufgestellt waren und mit ihrem Weiß das eintönige Grün des Hintergrundes unterbrachen. Noch mehr als im italienischen Garten war das Wasser zur Mitwirkung herangezogen. War es dort das lebendige, in Kaskaden herabrauschende und in Fontänen aufsprudelnde Wasser gewesen, so waren es hier ausgedehnte Wasserbecken, die an sich schon durch die Masse wirkten, gleichfalls belebt von Springbrunnen, welche aus plastischen Gruppen hervorschossen, und hintereinanderstehenden Wasserstürzen.

Als ein Hauptstück des Gartens breitete sich unmittelbar vor dem Schlosse das Blumenparterre in Gestalt von Blumenteppichen aus, wie es schon der ältere französische Garten, gleich demjenigen der italienischen Renaissance, besaß. Um ihre Zeichnung gehörig zur Geltung zu bringen, beschränkte man sich ebenso wie in Italien nicht auf Blumen, die nicht ausreichten, als die Muster feiner und zierlicher wurden, sondern man verwendete dazu Rasen und geschnittenen Buchs und füllte die Zwischenräume zwischen den einzelnen Figuren mit gefärbtem Sand, mit Ziegelmehl oder Kohlenstaub. In der Mitte der Blumenbeete waren die hohen Ziergewächse, wie Sonnenblumen und Malven, gruppiert und wurden von immer niedrigeren eingefaßt. Für den Frühling wurden Tulpen, Hyazinthen und Narzissen in schachbrettförmiger Anordnung auf die Beete gepflanzt, um nach dem Verblühen durch anderen Blumenflor abgelöst zu werden. Selten fehlte auch die Orangerie, die meist ein besonderes Parterre an geschützter Stelle bildete, an welche sich die zum Überwintern nötigen Kalthäuser anschlossen. Hier standen in Reihen südliche Gewächse in Kübeln, wie Orangen, Zitronen, Myrten und Lorbeer. Aber ihre Verwendung war durchaus nicht auf die Orangerie beschränkt, sie begleiteten vielmehr auch die Linien des Parterres und umgaben die Wasserbecken. In diesen großartigen Anlagen, die durchaus keine bürgerlichen Hausgärten waren, sondern den Bedürfnissen von Königen und Herren mit großer Hofhaltung entsprachen, dienten als Schauplätze glänzender Feste, ihre Boskets und cabinets de verdure waren der Ort für die arkadischen Schäferspiele der Hofgesellschaft. Ihre Kosten waren derart, daß sie nur entstehen konnten, wo den Launen eines absoluten Herrn unbeschränkte Mittel zur Verfügung standen, die durch rücksichtslose Besteuerung der Untertanen beschafft wurden.

Nächst Versailles war einer der schönsten von Le Nôtre angelegten Gärten derjenige von Marly, von dessen wundervollen Wasserwerken uns alte Kupferstiche ein gutes Bild geben. Der Garten von Groß-Trianon war kleiner und einfacher. Auch den Garten von St. Cloud baute Le Nôtre um und legte an der ziemlich steilen Talwand der Seine die berühmten Wasserwerke an. Der Garten von Chantilly kam an Ausdehnung demjenigen von Versailles gleich; er hatte einen Kanal von 3 km Länge, der 80 m breit war, während derjenige von Versailles bei 1600 m Länge nur 60 m Breite besaß. Auch die Gärten von St. Germain, Meudon und Fontainebleau baute er um und machte die Pläne zu zahlreichen auswärtigen Gärten; denn wie das Zeremoniell und die Sitten der Versailler Hofhaltung überall in Europa Nachahmung fanden, so war auch der Versailler Garten das vielbewunderte Muster für die übrigen Höfe, die es in allem dem „Sonnenkönige“ gleichtun wollten. Gärten dieser Art schossen sozusagen wie Pilze aus dem Boden hervor. Wir lernen sie wie die französischen am besten durch die Kupferstiche kennen, in denen die berühmtesten Gärten der damaligen Zeit abgebildet und beschrieben wurden. Da ist z. B. in England der Garten von Hamptoncourt, in Rußland derjenige von Peterhof, in Schweden derjenige von Drottningholm bei Stockholm. Die meisten Nachahmer fand aber der französische Garten, wie andere französische Dinge auch, in Deutschland, wo alle die zahllosen größeren und kleineren, bis zu den kleinsten Höfen, die sich, so gut oder so schlecht es ging, nach französischem Muster einzurichten suchten, eine Nachahmung des Versailler Gartens zur Erhöhung ihres Glanzes für unbedingt notwendig hielten. Von den vielen deutschen Anlagen dieser Art sind vor allem die Gärten von Schönbrunn bei Wien, Nymphenburg und Schleißheim bei München, Schwetzingen bei Heidelberg, Wilhelmshöhe bei Kassel, dessen Kaskadenanlage allerdings eine Nachahmung derjenigen der Villa Aldobrandini in Frascati bei Rom ist, dann in Hannover, Charlottenburg usw. zu nennen. Auch die geistlichen Fürsten wollten nicht hinter den weltlichen zurückbleiben; davon zeugen die Gärten der Fürstbischöfe von Salzburg (Hellbrunn und Mirabellgarten), Olmütz zu Kremster, Würzburg und Mainz. Einer der spätesten französischen Gärten war auch die jetzt ganz veränderte Schöpfung Friedrichs des Großen in Sanssouci, die bezeichnend für die Vorliebe des großen Königs für alles Französische ist.

Le Nôtres Nachfolger suchten den Mangel großer Verhältnisse in ihren Anlagen durch die Bereicherung der Einzelheiten zu ersetzen. Die als Fortsetzung der Räume des Hauses gedachten, von glatt geschnittenen, hohen Laubwänden umschlossenen Gartenräume des klassischen Le Nôtreschen Stils erschienen ihnen langweilig, und so gaben sie den langen Heckenwänden die bewegten Formen der Steinarchitektur, was sehr unnatürlich aussah. Man versah sie mit Säulen, Pfeilern und Gesimsen, man schnitt Tür- und Fensteröffnungen in sie hinein, bekrönte sie mit Kugeln und Obelisken, alles aus dem lebendigen Grün geschnitten. Die Laubengänge bildete man in Form von Kreuzgewölben oder gab ihnen aus Laubwerk geschnittene Dächer. Damit nicht genug, ahmte man schließlich ganze Gebäude, ja selbst Ruinen aus Heckenwerk nach. Mit dieser Unnatur hielt die künstliche Behandlung der Buchs- und Eibenpflanzungen Schritt, indem man von der Wiedergabe einfacher stereometrischer Körper zu derjenigen von Tier- und Menschenfiguren, ja zu ganzen aus solchen Figuren gebildeten bewegten Szenen überging. Je kleiner der Garten war, um so mehr ging er in solchen Künsteleien auf und um so unnatürlicher erschien er.

Die unausbleibliche Reaktion gegen diese Ausartung einer in ihren Anfängen groß und ernst angelegten Kunstweise ging von England aus. In diesem Lande, das durch seine Inselnatur vor den kriegerischen Einfällen der Nachbarn geschützt war und sich schon seit dem 14. Jahrhundert geordneter sozialer Zustände erfreute, hatte die Kulturentwicklung keine Unterbrechung erfahren, und der zunehmende Seehandel brachte dauernden Wohlstand und teilweise sogar bedeutenden Reichtum weiter Kreise. Zu einer Zeit, da auf dem mitteleuropäischen Festlande Adel und Bürger noch hinter ihren Mauern saßen, konnte der englische Lord schon seine Burg, den keep, verlassen und sich ein bequemes Haus inmitten seines Gutsbezirkes bauen. Namentlich in dem glücklichen Zeitalter der Königin Elisabeth von 1558 bis 1603 füllte sich das Land, das seit der Eroberung durch die Normannen im 11. Jahrhundert das Übergewicht über die Städte erlangt hatte, mit prächtigen Landsitzen, deren Gärten sich allerdings im großen und ganzen nicht allzusehr von den gleichzeitigen in Frankreich und Deutschland unterschieden. Die Einteilung in rechteckige Felder, die Laubengänge und Irrgärten, die Wasserbecken und Springbrunnen waren wie diejenigen der mitteleuropäischen Gärten. Dagegen spielte bei ihm die terrassenförmige Anlage eine größere Rolle, vielleicht als eine Folge der hügeligen englischen Landschaft, vielleicht aber auch auf italienische Einflüsse zurückzuführen. Ferner hatte der englische Garten eine ausgeprägte Vorliebe für beschnittene Buchs- und Eibenpflanzungen, die wohl durch die Kenntnis des hierin gleichgearteten holländischen Gartens verstärkt wurde, zumal zur Zeit der Königin Elisabeth eine starke holländische Einwanderung stattfand. Dieser Einfluß wurde naturgemäß mit dem Erscheinen Wilhelms von Oranien in England und während seiner Regierung verstärkt.

Der holländische Garten war recht eigentlich, vermöge der Natur des Landes, ein Garten der Ebene mit schachbrettartiger Einteilung der von geradegeschnittenen Hecken umgebenen Felder. Da nun die kleinen Landsitze, die sie aufwiesen, sich meist an den die holländischen Provinzen in großer Zahl durchschneidenden Kanälen hinzogen, waren sie von dorther reich mit geradlinigen Wasseradern durchzogen, ohne Kaskaden und hohe Fontänen aufzuweisen. Selbst für die wenigen und spärlich fließenden Springbrunnen war man auf Maschinen angewiesen, die durch Wind- oder Pferdekraft in Bewegung gesetzt werden mußten. Schon durch die meist geringe Größe der Gärten begünstigt, waren alle seine Teile in kleinem Maßstabe gehalten, wodurch etwas Kleinliches, Langweiliges, jeden großen Zuges, wie er z. B. durch Terrassenanlagen in die Gärten hätte hineingelegt werden können, Bares in sie hineingelangte. Die peinliche Ordnung und Sauberkeit seiner Wohnung übertrug der Holländer in seinen Garten, dessen Baum- und Strauchwerk stets unter der Schere gehalten, ja mit Vorliebe zum Ausschneiden künstlicher Figuren benutzt wurde. Manchmal wurden sogar die Baumstämme weiß angestrichen, um sie schöner und sauberer erscheinen zu lassen. Die häufige Verwendung von künstlich gezogenen Zwergobstbäumen in Kübeln und Töpfen, wie die Aufstellung von Muscheln, Korallenstücken, Porzellanfiguren und anderen solchen Dingen, die der lebhafte Handel des aufblühenden Landes in Menge aus fremden Ländern herbeibrachte, war ein Ausfluß derselben Neigung. Was aber den holländischen Garten vor allem auszeichnete, das war sein reicher Blumenflor. Es war wohl eben jener Hang zum Kleinen und Zierlichen, der sich in der Freude des Holländers an der Schönheit und Farbenpracht der einzelnen Blume äußerte, namentlich der Tulpen und Hyazinthen, die in immer neuen Farbenvariationen und Formen zu ziehen der die Gartenkunst völlig beherrschende Ehrgeiz der Holländer wurde.