Nach und nach erwachten die Geister aus der dumpfen Enge der geistigen Beschränktheit, in der sie das ganze Mittelalter hindurch verharrt hatten. Langsam erwachte die Freude an dem bis dahin für sündliche Fleischeslust gehaltenen Naturgenuß, das ästhetische Vergnügen an schönen Landschaftsbildern, an zierlichen Pflanzen, an der Form und Farbe ihrer Blüten. Aus dem praktische Zwecke verfolgenden Arzneigarten wurde am Bauernhause das rein idealen Zwecken der Freude an schönen Farben und Formen dienende Blumengärtchen. Gleicherweise fand dieser Prozeß in den Gärten zwischen den Höfen der Bürgerhäuser und vor den Stadtmauern, wie bei den Adeligen an der Burgmauer statt. Gleichzeitig erwachte die Freude an schönen Bäumen; namentlich die Linde stand neben der Eiche und der Eberesche in hohem Ansehen, wie im Orient die Platane als Schattenbaum bevorzugt wurde. Um die Linde waren Bänke errichtet, die zum Ruhen einluden, und der umgebende Rasen war mit „geschachzabelten und gevierten“, d. h. in schachbrettartig, mit Vierecken gemusterten Blumenbeeten ausgestattet, die dem Auge Freude gewährten. Dazwischen fanden sich allerlei Gemüse und Arzneikräuter. War der Besitzer reich, so schmückte ein Vogelhaus den Garten und wurden seltene Tiere in Käfigen gehalten. Manchmal war in einer lauschigen Ecke noch eine dichte Geißblattlaube vorhanden, in die Liebende sich mit Vorliebe zurückzogen, um ihrem jungen Glücke zu leben.
Mit der Befestigung der politischen Zustände und dem allmählich durch den regen Handel mit dem Morgenlande beförderten Wohlstand, der die Vorbedingung einer die Gartenkunst übenden vornehmen Lebenshaltung bildet, erwachte in den leitenden Kreisen der Stadtrepubliken und Tyrannenstaaten Italiens, durch die noch von den Gelehrten und den Vertretern der Kirche gesprochene lateinische Sprache und die Menge der noch vorhandenen Erinnerungen und Denkmäler begünstigt, in der Renaissance die Wiedergeburt antiken Denkens und Lebens. War schon am Ausgange des Mittelalters namentlich in den Dichtungen der Minnesänger das Naturgefühl wieder so weit zum Durchbruche gekommen, daß die einfachsten Erscheinungen in der Natur, wie das Erwachen des Frühlings, das Knospen und Blühen der Bäume, das wohltuende Grün des Grases und der Blätter in Wald und Feld, der liebliche Gesang der Vögel, wieder als etwas Schönes empfunden wurden, so entstand in den Italienern mit der Renaissance zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte die selbst den Gebildetsten des Altertums versagte Fähigkeit, die Gestalt der Landschaft als Ganzes in ihrer mehr oder weniger ausgesprochenen Lieblichkeit oder Grandiosität zu erfassen. Sie kommt in der Malerei vom 15. Jahrhundert bereits zum Ausdruck, indem die Landschaft nicht mehr nur mit dem Bestreben, einen Schein der Wirklichkeit hervorzubringen, sondern schon mit der Absicht, ihr einen besonderen poetischen Gehalt unterzulegen, dargestellt wird. Dieses modern empfindende Naturgefühl kommt auch in der italienischen Literatur dieser Zeit zum Ausbruch. So genießt der 1405 zu Pienza in Toskana geborene Äneas Sylvius de Piccolomini, der von 1458–1464 als Pius II. auf dem päpstlichen Throne saß, mit Entzücken das Panorama, das sich ihm vom höchsten Gipfel des Albanergebirges, vom Monte Cavo aus, darbot, oder die Schönheit des Hügellandes um Siena mit seinen Villen und Klöstern auf den Höhen.
Bild 73. Anlage eines italienischen Renaissancegartens mit Architektur.
(Nach J. B. Ferrarii „De florum cultura“ 1633.)
Aus dem wachsenden Verständnisse für die landschaftliche Schönheit erwuchs dem gebildeten Italiener eine Vorliebe für das Landleben, die um so stärker zum Ausdruck kam, je größere politische und polizeiliche Sicherheit die einzelnen Städte und Staaten gewährten. Dabei waren von Sizilien und Unteritalien ausgehende Einflüsse, die auf arabischen Einfluß zurückzuführen sind, nicht zu verkennen. Wie die Normannen manche Feinheiten der arabischen Sitten angenommen und an ihre Nachbarn, die Italiener des Festlandes weitergegeben hatten, verbreitete sich die Freude an hübsch eingerichteten Gärten langsam über die italienische Halbinsel. Und so füllte sich denn bald wieder die Umgegend gewisser Städte, hauptsächlich Florenz, später auch Rom, mit den Landhäusern der durch Handel und Industrie reich gewordenen Städter. Damit war die Wiederanknüpfung an die noch vorhandenen Reste einer der köstlichsten Schöpfungen des alten Römertums gegeben, um so mehr, als inzwischen auch die Architektur bei den zahlreichen Überbleibseln der altrömischen Baukunst in die Schule gegangen war und einen neuen Baustil hervorgebracht hatte, eben den der italienischen Renaissance. Denn der italienische Garten der Renaissance, der nun entstand, war eine Schöpfung der Architektur, wie es wahrscheinlich der altrömische Garten auch gewesen war. Die ihn schufen, waren Architekten, jene Künstler der Renaissance, die nicht bloß Baumeister, sondern Universalkünstler waren, die alle bildenden Künste beherrschten und dadurch allen ihren Bauschöpfungen den Stempel völlig einheitlicher Kunstwerke aufprägten. So kam es, daß der Garten in der italienischen Renaissance nicht eine Kunstgattung für sich darstellte, sondern stets Teil eines Kunstwerks war, indem Villa und Garten als ein einheitliches Ganzes aufgefaßt wurden. Mit der Aufgabe, einen Palast, eine Villa zu bauen, übernahm der Architekt zugleich die Aufgabe, auch den dazu gehörenden Garten zu schaffen. Und da in dieser Verbindung von Haus und Garten für die künstlerische Lösung der Aufgabe das Haus mit seiner Lage und der Anordnung seiner Teile notwendigerweise die Richtschnur abgab, so hatte sich die Einteilung des Gartens der des Hauses unterzuordnen. Das Haus aber wurde von diesen Architekten in der Anordnung der Räume, wie im ganzen Aufbau strenger Symmetrie unterworfen; die Folge davon war, daß diese Gesetze auch auf den Garten übertragen wurden.
Da nun Italien durchweg ein gebirgiges Land ist, und für die Lage der Villen in erster Linie die Schönheit der Aussicht bestimmend war, sie also meistens an den Abhängen errichtet wurden, so mußte der Garten terrassiert werden, was an sich schon wesentlich dazu beitrug, ihn zu einem architektonischen Kunstwerk zu gestalten. Die Anlage solcher Terrassen aber erforderte das Aufführen von Mauern und Brüstungen, und untereinander mußten die Terrassen durch Treppenanlagen verbunden werden. So wurden die Terrassenanlagen mit ihren Brüstungsgeländern und ihren Freitreppen zu dem Hauptelemente bei der architektonischen Gestaltung, das den Charakter dieser italienischen Gärten bestimmte. Der regelmäßigen Anlage des Ganzen entsprechend, wobei die Mittelachse des Gebäudes sich in den Garten fortsetzte, traten auch die schmückenden Pflanzengruppen und Blumenbeete in architektonischen Formen auf und mußte sich der Pflanzenwuchs der Schere beugen. Die Blumen wuchsen in geometrisch geformten Beeten, und dazwischen stellte man die zahlreichen wieder ausgegrabenen, der Farbe beraubten, antiken Statuen oder Nachahmungen derselben zum Schmucke als willkommene Abwechslung für das Auge auf. Wenn immer möglich, durfte zur Belebung des Ganzen auch das strömende Wasser nicht fehlen. In rauschenden Kaskaden strömte es von oben herab, um, unten angelangt, in Springbrunnen wieder aufzusteigen und sich schließlich in weiten, gemauerten Bassins zu sammeln. Eine der ältesten solcher Anlagen war diejenige der Villa Rucellai in Florenz, die die durch die Einführung der Orseilleflechte aus dem Orient in die Färberei des Abendlandes reich gewordenen Nachkommen des im 13. Jahrhundert in der aufstrebenden Stadt ansässig gewordenen Deutschen Federigo, d. h. Friedrich, sich bauten. In ihr waren zur Staffage zahllose antike Trümmer aufgestellt, an denen der junge Michelangelo Studien als Zeichner und Bildhauer machte.
Als später in der Architektur ein anderer Geschmack aufkam und die noch maßvolle Hochrenaissance in die weniger ruhigen Formen des Barock überging, nahmen die Wasseranlagen in den Gärten derart überhand, daß sie in vielen Fällen durchaus den Eindruck beherrschten. Da konnte man bald der Wasserkünste nicht genug bekommen. Zahllose Springbrunnen in ganzen Alleen — in der Villa d’Este in Tivoli bei Rom z. B. zählte man deren an 1000 — schleuderten ihre Wasser in die Höhe, und die reiche, in Marmorfiguren wieder auflebende Welt der heidnischen Götter und Halbgötter, die als plastischer Schmuck sich nicht nur auf den Terrassen, den Treppen und ihren Balustraden erhob, sondern auch die Springbrunnen und Wasserbecken belebte, spie ebenfalls in oft recht geschmackloser Weise Wasser. Brunnen entsprangen den Treppen, sprudelten aus den Wänden der Terrassen hervor und selbst die Kaskaden, die sogenannten Wassertreppen, wurden von ihnen unterbrochen. Die Bergwände wurden ausgehöhlt und die Grotten, die man hier bildete, füllte man mit allerlei Wassereffekten. Schließlich arteten die Wasserkünste in Spielereien aus. Man ließ in den Grotten Wasser in hohle Röhren fallen und trieb dadurch die Luft hinaus in eine Pfeife, die tönte. Aus einer Anzahl solcher Pfeifen stellte man ganze Wasserorgeln her. Berühmt war in dieser Beziehung der Garten der vom Neapolitaner Pierro Ligorio für den Kardinal Hippolyto von Este erbauten Villa d’Este in Tivoli, in welchem zwischen den architektonischen Prospekten nicht bloß Äolsharfen, sondern auch vom Wasser getriebene Musikwerke für den Kardinal und seine Freunde ihre Melodien erschallen ließen. Der Vogelbrunnen in baumbeschatteter Grotte ahmte allerlei Vogelstimmen nach, bis das plötzliche Erscheinen einer großen, künstlichen Eule den kleinen Vögeln Schweigen gebot. Außerdem wurde das Wasser zu allerhand schlechten Scherzen gegen uneingeweihte Besucher benutzt, die unvermutet bespritzt wurden, wenn sie in den Grotten oder auf den beim Herumspazieren begangenen Wegen auf bestimmte Stellen des Fußbodens traten. Betrügerische Sitze waren angebracht; setzte man sich auf sie nieder, so spritzte ein Wasserstrahl unter den Füßen des Sitzenden hervor. In manchen Grotten standen Bildsäulen, die sich bei Berührung einer bestimmten Stelle umdrehten und den harmlosen Zuschauer mit Wasser begossen, und andere dergleichen Späße mehr.
Eine weitere, noch bedenklichere Ausartung betraf den Pflanzenwuchs. Die meisten Schmuckbäume des italienischen Gartens, vor allem die Pinie und Zypresse, welch letztere in ihrer aufstrebenden, scharf umrissenen Form etwas durchaus architektonisches hat, das keiner Nachhilfe bedurfte, dann die immergrüne Eiche, der Orangenbaum, der Lorbeer, ferner die Gesträucher, wie Myrten, Azaleen, Rhododendren und andere, haben von vornherein so bestimmte, feste Umrißlinien, daß die Versuchung, ihre Kronen zu beschneiden, durchaus fern lag. Anders war es schon mit den Hecken, mit denen die verschiedenen Teile des Gartens umschlossen waren. In den älteren Gärten waren die Flächen zwischen den Hauptrichtungslinien, die durch die Achsen der Villa bestimmt wurden, meist in quadratische oder doch wenigstens rechteckige Felder aufgeteilt, wobei die Kreuzungspunkte der Wege durch Baumgruppen, Springbrunnen oder Lauben geziert waren, während Alleen von Zypressen, den wichtigsten Bäumen des italienischen Gartens, die Hauptwege begleiteten. Die einzelnen Felder dieses Parterres, deren Begrenzung mit der Zeit von der einfachen, geradlinigen Linienführung zu gewundenen, selbst verschnörkelten Formen überging, waren in ihrem Innern mit saftig grünem Rasen, mit blühenden Gesträuchern und Blumen aller Art erfüllt. Da begann man statt der natürlich gewachsenen Formen allerlei aus Buchs und Eibe geschnittene Figuren, wie sie schon die Römer der Kaiserzeit geliebt hatten, zur Ausschmückung zu verwenden. Manche der Felder wurden auch als sogenannte Labyrinthe ausgebildet, d. h. zwischen mit der Schere zu grünen Wänden beschnittenen Hecken führten verschlungene Wege zu einem Platze im Mittelpunkt des Labyrinths, den man auffinden mußte, wobei man in allerhand Sackgassen geriet. Alle diese Buchs- und Eibenhecken reizten begreiflicherweise dazu, außer den geradlinig beschnittenen auch andere Formen herzustellen, z. B. die Endpunkte der Hecken durch Halbkugeln oder Kugeln auszuzeichnen oder den Heckenrändern statt einer geraden eine geschwungene obere Begrenzung zu geben. Solche Gärten aus dem 16. Jahrhundert finden wir noch andeutungsweise im heutigen Italien, z. B. in der berühmten, jetzt leider stark verfallenen Villa Aldobrandini in Frascati bei Rom, in den Giardini Giusti in Verona und Boboli hinter dem Palazzo Pitti in Florenz. In ihnen sind allerdings die einst in strengen Formen gehaltenen Gewächse der Schere entwachsen und haben riesige Dimensionen angenommen, die das einstige Aussehen nicht mehr wiedergeben, heute aber nach unserem Geschmack großartiger und schöner wirken.
Italien galt damals für tonangebend in Geschmack und Sitten der großen Welt. So konnte es nicht fehlen, daß die französischen Könige wie die deutschen Kirchenfürsten seinen Gartenbau nachahmten. Claude Mollet, der Gärtner Heinrichs IV. von Frankreich, errichtete in dieser Weise die Gartenanlagen der Schlösser von Blois, Fontainebleau und St. Germain en Laye. Zwischen den geradlinigen Alleen waren kunstvolle als parterres en broderie bezeichnete Blumenbeete errichtet, zwischen denen die Kavaliere und Damen des Hofes lustwandelten. Aus verschiedenfarbigen Pflänzchen mühsam hergestellte Buchstaben und Sinnsprüche erfreuten die Besucher. Aus Hainbuchen und Weißdorn schnitt man Tiergestalten, Menschen und Schiffe, zwischen welchen weiße Marmorstatuen eine wohltuende Abwechslung boten. Und während die Gärten der Renaissance sich auf die nähere Umgebung der sie schmückenden Paläste beschränkt hatten, ging man mehr und mehr zu dem weiten, ausgedehnten Garten des folgenden Barock über.
Die Gärten der Barockzeit, wie sie uns in Italien in der Villa Borghese und in der Villa Pamphili Doria in Rom, leider stark verballhornisiert, entgegentreten, zeigen alle mehr oder weniger entwickelt schon Vorboten des freien Landschaftstils in Gestalt von in rein natürlichen Formen gehaltenen Waldpartien, die auf begrenztem Raum möglichst viel Naturschönheit künstlich vereinigen. Nach diesem Muster entstand in Frankreich allmählich der nach dem Architekten und Gartenkünstler Le Nôtre benannte regelmäßige Gartenstil zur Zeit Ludwigs XIV., der vorbildlich für ganz Europa wurde. Le Nôtre war 1613 als Sohn des Palast- und Gartenintendanten der Tuilerien geboren und mag sich schon früh mit Gartenangelegenheiten beschäftigt haben. Doch wurde er zunächst Maler und ging als solcher nach Italien, wo er besonders in Rom die dortigen Gärten kennen lernte. Die Eindrücke, die er hier vom Zusammenwirken von Haus und Garten als einheitlichem Kunstwerk und von der Wirkung und verschiedenen Verwendung des Wassers erhielt, sind zweifellos bestimmend für sein späteres Schaffen gewesen. Als Ludwig XIV. an Stelle des von Heinrich IV. angelegten und von Ludwig XIII. erweiterten Jagdschlosses im Walde von Versailles mit einem Aufwand von insgesamt mehr als einer Milliarde alter Franken eine üppig ausgestaltete neue Residenz baute, berief er Le Nôtre zur Anlage des gewaltigen, das Schloß umgebenden Gartens und fand in ihm den geeigneten Mann zur Verwirklichung seiner großartigen Pläne. Bis an das Ende seines langen Lebens — er starb 87jährig im Jahre 1700 — blieb er im Dienste des Königs, der ihm stets seine volle Gunst zuwandte, und schuf die Gärten der übrigen Königsschlösser der französischen Krone um. Er hat das große Verdienst, aus dem bis dahin nur regelmäßigen französischen Garten einen architektonischen geschaffen zu haben. Nicht, daß er dazu etwas Neues hätte erfinden müssen, er wandelte vielmehr nur um, was schon vorhanden war, unter dem Eindrucke dessen, was er in Italien gesehen hatte. Er verband Haus und Garten zu einem künstlerischen Ganzen und tat das in einer Weise, die dem nach theatralischen Effekten verlangenden Geiste seiner Zeit durchaus angemessen war.