Die Wasserfälle im Englischen Garten in München.

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GRÖSSERES BILD]

Tafel 140.

Ein Tempelteich bei Tokio mit der blaublütigen heiligen Lotosblume aus Indien (Nelumbium speciosum).

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GRÖSSERES BILD]

Trotz seiner Absonderlichkeiten übte der holländische Garten im 16. und 17. Jahrhundert einen nicht geringen Einfluß auf die Gartenkunst der übrigen Länder Mitteleuropas, namentlich auch auf England und Deutschland aus. Es mag das wohl mit daran gelegen haben, daß holländische Gärtner einen guten Ruf genossen, den sie sich in der Baum- und Blumenzucht ihrer Heimat erworben hatten. Wir merken diesen Einfluß heute noch in manchen absonderlichen Zieraten kleiner Gärten, an der Verwendung von Muscheln und ähnlichen Dingen zum Einfassen von Beeten, an glänzenden Glaskugeln und beschnittenen Bäumen und Sträuchern. Als dann der französische Garten Le Nôtres sich dem holländischen und englischen Geschmack unterwarf, da begegnete diese Vorliebe seinem beschnittenen Buschwerk, und bald wurden darin wahre Orgien gefeiert, aus den Bäumen und Sträuchern die bizarrsten Formen zu schneiden, nicht bloß Nachbildungen von Tier- und Menschengestalten, sondern auch die mannigfaltigsten frei erfundenen phantastischen Gebilde. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der geniale Reformator auf dem Gebiete der Wissenschaften und zugleich Staatsmann Francis Bacon (1561–1626) — seit 1619 Lordkanzler und Baron von Verulam in einer Schrift „Essay on the gardens“ sich gegen die geschmacklosen, aus Buchs und Eibe geschnittenen Figuren ausgesprochen, die nur für Kinder paßten, und hatte Grundsätze aufgestellt, nach denen der Garten anzuordnen sei. Derselbe solle aus drei Teilen bestehen, von denen die beiden ersten nicht wesentlich von dem damals Üblichen abwichen, während der dritte Teil eine Wildnis sein sollte. Es war dies also schon ein deutlicher Anklang an den späteren Landschaftsgarten. In der Folge erhoben sich immer mehr Stimmen gegen den herrschenden Gartengeschmack. Sie trafen zusammen mit den Vorboten jener sentimental romantischen Epoche, die auf das verschnörkelte, im Zeremoniell erstarrte Zeitalter Ludwigs XIV. folgte. In England leitete Milton mit seinem „verlorenen Paradies“ (zuerst gedruckt 1667), in Frankreich Rousseau mit seinem „Emile“ (1761), in Deutschland Albrecht von Haller, Kleist und Geßner mit ihren Naturdichtungen diese Periode ein, alle predigten die Rückkehr zur Natur. Von diesem Standpunkte aus ging man dem herrschenden französischen Garten zu Leibe, in welchem man in seinem damaligen englischen Zustande allerdings ein Muster von Unnatur erblicken konnte. Der englische Dichter Pope (1688–1744) verspottete seine Baum- und Wasserkünsteleien; er und der englische Philosoph Addison (1672–1719) waren unter den Ersten, die in der Praxis völlig mit dem herrschenden Gartengeschmack brachen. Letzterer legte seinen eigenen Garten nach dem philosophisch von ihm begründeten Grundsatze: „Nachahmung der Natur“ an. Nach seiner eigenen Beschreibung sollte sein Garten den Eindruck einer von selbst entstandenen Wildnis machen. Küchengewächse und Blumen standen durcheinander wie wildwachsend auf den Gartenplätzen; Feld- und Gartengewächse, Obst- und andere Bäume wuchsen gemischt und eine Quelle war als Bach in vielen Windungen und Verzweigungen durch den Garten geleitet.

Bei dieser absonderlichen Art der Naturnachahmung kam nichts Vernünftiges heraus. Den ersten Schritt zu einer neuen Gartenkunst tat im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts William Kent, der als Landschaftsmaler sein Auge für die besonderen Reize der englischen Natur geschärft hatte. Diese Naturschönheiten im Garten darzustellen, also ein künstlerisch schönes Landschaftsbild mit dem Wechsel grüner, vom Wasser belebter Wiesenflächen mit Baumgruppen und Gehölzen zu schaffen, war sein Ziel. Dadurch mußte jede gerade Linie aus dem Garten verschwinden, und um ihn mit der Umgebung zu verbinden und in Einklang zu bringen, fielen auch die umgrenzenden Mauern und wurden durch Gräben ersetzt. So sollte unter allen Umständen die Täuschung aufrechterhalten werden, daß man sich nicht in einem Gebilde von Menschenhand, sondern in der freien Natur befinde. Diese an sich gesunde Richtung artete nun bald zur widerlichen Manier aus, als der phantasielose und nicht das geringste Verständnis für malerische Naturschönheit besitzende Gärtner des Königs in Hamptoncourt, Brown, sie in seiner Art in die Praxis umsetzte. Als gesuchter Landschaftsgärtner gestaltete er um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit seinen Schülern die alten Gartenanlagen Englands der Reihe nach um, durch seine armselige, handwerksmäßige Manier jene verwüstend und ihren reizvollen alten Baumwuchs zerstörend. Spott und Ärger über dieses Treiben konnten nicht ausbleiben. Der vielgereiste Architekt William Chambers klagte, wie die Axt oft an einem Tage das Wachstum eines Jahrhunderts vernichte, wie tausende ehrwürdiger Bäume, ja ganze Wälder weggeschlagen würden, um schlechtem Grase und einigen amerikanischen Kräutern Platz zu machen. Er beschreibt sehr anschaulich die neuen Anlagen: wenn man sie betreten habe, erblicke man ein weites grünes Feld, worauf in geringen Abständen Bäume wachsen, umgeben mit einer verworrenen Einfassung von Gesträuchen und Bäumen. Ein in regelmäßiger S-Form geschlängelter Fußweg winde sich zwischen Einfassungen von Gebüsch hindurch. Auf der andern Seite des Gartens erblicke man genau dasselbe, was man vorher gesehen habe. Nirgends biete sich Schatten, und wenn der Wanderer ermüdet und aus Mangel an Erquickung sich entschließe, nichts mehr zu sehen, so bleibe ihm doch nur die Wahl, den Weg weiter bis zum Ausgange zu verfolgen oder umzukehren und den langweiligen Weg noch einmal zu machen.

William Chambers war in China gewesen und seine in den Jahren 1757 und 1772 herausgegebenen zwei Bücher über chinesische Gebäude und Gärten erregten nicht nur in England, sondern auch in Frankreich und Deutschland, wo sie in Übersetzungen erschienen, ungeheures Aufsehen. Ohnehin fanden damals, unter der Herrschaft des Rokoko, Erzeugnisse und Formen des chinesischen Kunstgewerbes in Europa weite Verbreitung. Gegenüber der Eintönigkeit des damaligen Landschaftsgartens konnten die Schilderungen, die Chambers in seinen Büchern vom chinesischen Garten gab, ihren Eindruck nicht verfehlen. Dieser letztere war im Gegensatz zum neuen englischen Garten sehr abwechslungsreich und bildete eine Vereinigung aller möglichen landschaftlichen Szenerien, wie zu Eingang geschildert wurde. Nach seinem Vorbilde errichtete man Berge, türmte Felsen auf, über die das Wasser in rauschenden Fällen herabstürzte, bildete Inseln, die man mit Brücken verband, baute griechische Tempel, chinesische Pagoden, ägyptische Pyramiden, türkische Moscheen mit Minarets. Um alles recht natürlich zu machen, kostümierte man die Dienerschaft so, wie es der Stil der einzelnen Gebäude verlangte. Da die führenden Geister der Zeit, wie Rousseau, die Rückkehr zum einfachsten Leben, zum Urzustande der Menschheit predigten, so errichtete man auch ländliche Gebäude und vor allem mit Baumrinde bekleidete Einsiedeleien, die Eremitagen, die den rechten Hintergrund für die Schäferspiele hergeben sollten, mit denen man in seidenen Hirtengewändern und mit bebänderten Hirtenstäben dem Rufe nach Natürlichkeit Folge zu leisten glaubte.

Das Ganze fand reichliche Nahrung an einem besonderen Zuge der Zeit, an der Empfindsamkeit, an dem Verlangen nach Rührung, an der Sucht, große Gefühle zu haben, wovon die ganze damalige Zeit erfüllt war. Man denke nur an Werthers Leiden von Goethe. Auch der Garten sollte bestimmte Empfindungen wecken, sollte nach dem Prinzip der Abwechslung mit seinen einzelnen Teilen verschieden auf die menschliche Seele wirken. In Deutschland wurde das alles mit bekannter Gründlichkeit in ein System gebracht. Der Kieler Philosoph Hirschfeld gab in den Jahren 1777–1782 ein fünfbändiges Werk: Theorie der Gartenkunst heraus. Er dachte sich den Garten als eine Anstalt, Bewegungen der Seele zu erregen wie Vergnügen, Wonne, Schwermut, Erstaunen, Andacht, Ehrfurcht, Ruhe, Frieden, und demgemäß unterschied er in ihm Teile, die solche seelische Empfindungen auslösen sollten. Dem Anmutigen und Heitern sollte das Erhabene oder Melancholische, dem Lieblichen und Sanften das Wilde oder Romantische folgen. Eine Überraschung sollte die andere ablösen und dadurch den Eindruck der Szenerien steigern. Dazu hatte man auch noch andere Mittel, die zur Anwendung gelangten. Man erbaute Tempel, die der Freundschaft, der Liebe, der Einsamkeit, der Tugend gewidmet waren. Um menschliche Großtaten auf sich einwirken zu lassen, errichtete man berühmten Männern, Helden, Dichtern, Gelehrten, Philosophen im Garten Monumente. Die Schauer der Wehmut, denen man sich nur allzugern hingab, weckte man an einsamen Stellen des Gartens durch Grabdenkmäler, durch den Genius des Todes mit gesenkter Fackel, durch epheubewachsene Sarkophage und von Trauerweiden beschattete Urnen. Da man gleichwohl das Gefühl hatte, daß alles dies nicht ausreiche, um den gewünschten Effekt zu erzielen, suchte man die nötige Stimmung durch Inschriften zu erzeugen. Überall waren gereimte oder ungereimte Sprüche, meist Zitate aus lateinischen und einheimischen Dichtungen, angebracht, in denen die Natur mit bestimmten seelischen Erregungen in Einklang gebracht wurde.