Tafel 146.
Blumenstand am Viktualienmarkt in München.
Was die Kultur der tropischen Orchideen betrifft, so gelang es erst am Ausgange des 18. Jahrhunderts einige Epidendronarten in einem europäischen Treibhause zu ziehen. Im Jahre 1813 kultivierte man in dem weltberühmten botanischen Garten von Kew bei London nicht mehr als 40 Orchideenarten. In den 1830er Jahren befanden sich Orchideen in Privatgärten Hamburgs und Dresdens, und 1851 kultivierte man im Garten des Grafen Thun schon gegen 500 tropische Arten derselben. Bald wurden an den verschiedensten Orten eigene Orchideenhäuser gebaut, und vor etwa 40 Jahren begann das Populärwerden dieser Zucht bei den Vornehmen besonders Englands. Gegenwärtig schätzt man die Zahl der kultivierten Orchideenarten auf etwa 2000. Dabei hat die Liebhaberei für diese eigenartig zierlichen Blütenpflanzen eine erstaunliche Höhe erreicht und werden einzelne derselben mit Zehntausenden von Mark bezahlt.
Unglaublich mannigfaltig ist wie die ganze Form, so auch die Gestalt und Farbe der verschiedenen Orchideenblüten. Manche der letzteren sehen aus wie gewisse Insekten, Kraken, Vögel, besonders Pinguine, dann kleine Gnomen usw.
In Mittelamerika wächst die San Espiridoorchidee, die ihren Namen und eine sich daran anschließende fast abgöttische Verehrung bei den bigotten Spaniern in ihrer Heimat davon erhielt, daß ihre zierliche Blüte an eine herabschwebende weiße Taube erinnert, in Gestalt welcher der heilige Geist sich auf Christus bei seiner Taufe im Jordan herabgesenkt haben soll. Von den winzigsten, zu lang herabhängenden Trauben vereinigten Blüten gibt es alle Übergänge zu solchen, die so groß sind wie zwei zusammengelegte Männerhände, von weißen, einfachen bis zu den in den leuchtendsten, buntesten Farben gefärbten, von duftlosen bis zu solchen, die weithin einen fast betäubenden Wohlgeruch aushauchen. Dabei sind die Orchideenblüten noch mehr als diejenigen der anderen Blütenpflanzen dem Besuche ganz spezieller Insekten angepaßt; und daß solche Besucher sie an ihren oft sehr versteckten Standorten finden und die Befruchtung der Blüten vornehmen können, sind sie mit einer im übrigen Pflanzenreich meist beispiellosen Dauerhaftigkeit der vielfach sehr dicken, mit wachsglänzender Oberfläche versehenen Blüten begabt, so daß sie unter Umständen viele Wochen warten können, bis endlich das zur Vornahme der Befruchtung erwartete Insekt erscheint und dieselbe vornimmt. Gerade diese Dauerhaftigkeit ihrer wunderbaren Blüten macht sie zu besonderen Lieblingen aller Blumenfreunde, die sich den Luxus einer solchen Kultur leisten können.
Der hohe Preis der für viele dieser Orchideen bezahlt wird, findet sehr leicht seine Erklärung in der oft äußerst schwierigen und mit Lebensgefahr verbundenen Beschaffung derselben; denn kaum eine andere Beschäftigung bringt so viel Mühen und Abenteuer mit sich als diejenige eines Orchideensammlers. Nur gesunde, intelligente, kühne und dabei im Verkehr mit den Eingeborenen höchst diplomatisch handelnde, sprach- und lebensgewandte Männer eignen sich zu diesem schweren, aber schönen und gutbezahlten Beruf. Die besten unter ihnen sind die Deutschen, die alle nach einem gewissen, bewährten System arbeiten und an Ort und Stelle zahlreiche Eingeborene in ihren Dienst nehmen, ohne die sie nur wenig ausrichten würden. Es ist eine überaus schwierige Sache, den Standort seltener Orchideen, die sich so hoch in den Wipfeln angesiedelt haben, daß man sie vom Boden aus überhaupt nicht zu sehen vermag, auszukundschaften. Und ist dies endlich gelungen, so beginnt erst die Mühe des Sammlers; denn, um sie zu erlangen, muß er oft mächtige Urwaldstämme mit der Axt umhauen lassen, bis er endlich zum heißerstrebten Ziele gelangt.
So wurde festgestellt, daß für drei Exemplare des schönen, durchaus nicht seltenen Odontoglossum mindestens ein solcher Baum mühsam gefällt werden muß. Wieviel Urwaldriesen haben schon ihr Leben lassen müssen, um die zahlreichen Orchideensorten von oft sehr beschränkter Verbreitung in unsere Orchideenhäuser zu liefern! Und sind endlich die Orchideen glücklich erlangt, so heißt es, sie durch kunstgerechtes, vorsichtiges Trocknen überhaupt versandfähig machen. Diese Prozedur nimmt oft viele Wochen in Anspruch. Wenn dadurch alle austreibbare Feuchtigkeit aus ihnen entwichen ist, werden sie in luftdurchlässige Behälter gepackt und müssen auf den Köpfen von Menschen oft viele Tagereisen weit über reißende Ströme und bodenlose Sümpfe, durch gefährliche Dschungeln und schwer passierbare Gebirge mühsam transportiert werden, bis sie auf die Eisenbahn gebracht und dann in Schiffe verladen werden, und so die Reise nach ihrem Bestimmungsorte antreten können. Wie vor Feuchtigkeit müssen sie gleicherweise auch vor zu großer Hitze und vor Licht geschützt werden. Und hat man auch alle diese Bedingungen sorgsam erfüllt, so ist es gleichwohl möglich, daß schließlich die meisten oder gar alle Exemplare unterwegs Schaden gelitten haben und zugrunde gegangen sind, so daß alle Arbeit und alle Auslagen umsonst waren. Für solche Verluste kann der Sammler natürlich nicht verantwortlich gemacht werden; sie gehören eben zum selbstverständlichen Geschäftsrisiko, der oft viele Tausende von Mark beträgt und deshalb diese wunderbaren Erzeugnisse der Tropen so teuer macht.