Wie manche durch ihre Größe ausgezeichnete Diamanten, haben gewisse Orchideen ihre eigene, vielfach höchst interessante Geschichte aufzuweisen, die über ganze Menschenschicksale entschied und nicht selten den Kühnen, die sie für die Bewunderung der Kultureuropäer zu erobern suchten, den Tod brachte. Manche derselben sind an ganz bestimmte Standorte und Höhenlagen, andere wieder an kleinere Bezirke des Vorkommens gebunden, sterben leicht vollständig aus und verschwinden vom Schauplatz, und an ihrer Stelle erscheinen dann plötzlich zum Erstaunen der Blumenfreunde neue, bis dahin gänzlich unbekannte Orchideenarten.
Ein Kenner, Oliver Bartlett, schreibt in bezug auf die Gewinnung solcher seltener Orchideenarten: „Vor einigen Jahren bot eine Firma in St. Albans ihrem Vertreter in Kalkutta die Summe von 1000 Pfund (also 20000 Mark) für die Beschaffung eines blühenden Exemplars von Cypripedium fairrieanum, von welchem ein Forscher eine einzelne Art zufällig entdeckt hatte. Diesen hatte ein wilder Volksstamm auf dem abgeschlossenen Gebiet von Bhutan ergriffen und gezwungen, an ihren Kämpfen teilzunehmen, bei denen er schließlich den Tod fand. Noch tragischer ist das Ende des berühmten französischen Orchideensammlers Leon Humblot. Er ging vor einigen Jahren mit seinem Bruder und sechs französischen Landsleuten nach Madagaskar. Sie alle waren engagiert, um Insekten aller Art, Schmetterlinge, Vögel und Orchideen zu sammeln. Humblot, der eine völlig unbekannte Gegend durchforschte, hatte das Unglück, eine Ladung Vogelschrot in ein Götzenbild der Eingeborenen zu schießen, worauf die erzürnten Priester des Stammes ihn mit Öl begossen, anzündeten und lebendig verbrannten.“
Eine weniger tragische Geschichte weist die berühmte Cattleya skinneri auf, die eine hervorragend schöne, fleckenlose Blüte aufweist. Ihre Heimat ist Costarica, wo sie ursprünglich von Jesuitenpatres entdeckt wurde, die sie schleunigst auf die Dächer ihrer Kirchen verpflanzten; diese bedeckt sie nun zur Zeit der Blüte mit ihren reizenden, schneeigen Blüten.
Auch die Cattleya labiata hat ihre Geschichte. Sie war die erste ihrer Art, die, wie man vermutete, aus dem brasilianischen Organgebirge bei Rio de Janeiro stammend, in Europa eingeführt wurde. Plötzlich ging die Kenntnis ihres Standortes verloren, und da keine neuen Exemplare eingeführt werden konnten, wurde sie, selbst unter der geschicktesten Pflege, ganz außerordentlich selten. Verschiedene kostspielige Expeditionen wurden nach Brasilien und den angrenzenden Ländern gesandt, doch wurden nur andere wertvolle Cattleyas, nicht aber sie entdeckt. So fanden z. B. Arnold die Cattleya gaskelliana im schwer zugänglichen Carribogebirge und Seydl die herrliche Cattleya laurentiana. Jahre danach sandte der Forscher Bungeroth eine Pflanze in die Heimat, die er als eine neue Abart mit dem Namen Cattleya warroqueana bezeichnete, und die sich dann schließlich als die langgesuchte Cattleya labiata erwies.
Ein deutscher Orchideensammler, der dem Ufer des gewaltigen Flyflusses in Neuguinea entlang ging, stieß plötzlich auf eine papuanische Begräbnisstätte, auf welcher die gewaltige, hochrotblühende Orchidee mit dem Übernamen „Elefantenmotte“ in üppiger Fülle zwischen Knochen und Schädeln wucherte. Als er sich daran machte, einige derselben auszugraben, widersetzten sich die ihn begleitenden Eingeborenen aufs energischste gegen solches nach ihrem Glauben frevelhaftes und gefährliches Vorhaben. Erst nach langen Unterhandlungen und durch Geschenke an Baumwollstoff, Kupferdraht und Perlen vermochte er die abergläubischen Eingeborenen dazu zu bringen, ihn ungestört gewähren zu lassen. Als diese Orchideen in London zur Versteigerung kamen, war ein Exemplar derselben am meisten begehrt, das mit seinen prächtigen Blüten aus der Augenhöhle eines menschlichen Schädels herauswuchs. Diese Orchidee wurde für 120 Pfund (= 2400 Mark) verkauft.
Den Wert neu eingetroffener Orchideen kann auch der beste Kenner nicht genau beurteilen. So durchstreifte eines Tages ein gewisser Herr Harvey, ein begüterter Advokat aus Liverpool, die Treibhäuser von Herrn Frederick Sander, als er plötzlich auf ein Exemplar der Laelia anceps stieß, welche das Merkzeichen auf der Knolle viel höher trug, als dies sonst üblich ist. Da Herr Harvey schon viel von den „Launen“ der Orchideen gesehen und gehört hatte, kaufte er die Pflanze sofort für 48 Schilling (ebensoviel Mark), und in einer der späteren Saisons verkaufte er sie wiederum an Herrn Sander um den Preis von 200 Pfund Sterling (= 4000 Mark). Sie hatte Blüten getrieben, die einzig in ihrer Art waren.
Ein anderes Mal erhielt Herr Sander eine große Anzahl von Cypripedium insigne und bemerkte unter den Pflanzen eine, die statt der typischen braunen Blütenstengel solche von hellgelber Farbe aufwies. Er stellte die Pflanze besonders, und als sie zum Blühen kam, trieb sie Blumen von einem herrlichen Goldgelb — es war eine neue Spielart einer sehr kostbaren Sorte.
Wenn eine solche Abart einzig in ihrer Art und als das Produkt einer von der Natur selbst herbeigeführten Kreuzung dasteht, so wird sie niemals ergiebig sein; denn die Blüten können nicht, wie dies sonst üblich ist, mit dem Blütenstaub anderer Blüten befruchtet werden, und das einzige Mittel, sie zu vermehren, besteht darin, das Original zu teilen.