Noch beliebter als die Primeln waren im vergangenen Jahrhundert, während welchem sie sehr viel gepflanzte, spielartenreiche Modeblumen waren, die in der Gegenwart stark an Beliebtheit eingebüßt haben, die Aurikeln, die ihren Namen von der ohrförmigen Gestalt ihrer Blätter erhielten. Früher hieß man sie auricula ursi, d. h. Bärenöhrchen. Die Ausgangsform der Gartenaurikeln ist die auf Torfboden und an Felsen der Voralpen und Alpen, wie auch des Schwarzwalds wachsende Primula auricula mit mehlig bestäubten Blättern und schwefelgelben, wohlriechenden Blüten mit flachem Saum. Diese traf der Botaniker und Arzt Clusius (Charles de l’Ecluse, 1526 bis 1609), damals Hofbotaniker in Wien im Jahre 1582 im Gschnitztal südlich von Innsbruck und nahm sie mit sich nach Wien und 1593 bei seinem Wegzuge nach Leiden. Zugleich mit ihr führte Clusius die rotblühende Primula pubescens, die als ein Bastard der vorigen mit Primula hirsuta anzusehen ist und bei Innsbruck wächst, in die Gärten ein. In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden beide Primelarten besonders in Belgien, Holland, England und Deutschland in mehreren Farbenvarietäten mit Vorliebe gezogen. In der Folge aber verschwand die beständigere P. auricula wieder vollständig aus den Gärten und P. pubescens war ausschließlich der Ausgangspunkt der mächtig aufblühenden Aurikelzucht, die in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Unter den über 1000 Spielarten unterscheidet man einfarbige, zweifarbige (Dublettenaurikeln), mehrfarbige (Bizardaurikeln) und verschiedenfarbige Aurikeln (Picottaurikeln). Eine holländische Art heißt Luiker, d. h. Lütticher. Englische Sorten werden als „gepuderte“ unterschieden, weil sie eine starke Bestäubung der Oberfläche mit Wachskügelchen aufweisen.
Wichtiger als die einheimischen sind aber gegenwärtig die ostasiatischen Aurikeln, vor allem die Primula chinensis aus Südchina mit Dolden sehr großer, hell lilafarbiger, rosenroter oder weißer Blüten. Obschon sie erst im Jahre 1824 von China nach England kam, zählt sie heute sehr viele Spielarten mit weißen und roten, einfachen und gefüllten Blüten. Sie ist als Zimmer- und Gewächshauspflanze gleich wertvoll, blüht das ganze Jahr hindurch und liefert gutes Material für Buketts, was sehr wichtig ist. Besonders die weißen, gefüllten Blüten sind für die Blumenbinderei von großer Bedeutung. Ebenso stammt die sehr reichblühende Primula obconica aus China; sie ist dadurch allgemeiner bekannt geworden, daß die Drüsenhaare an der Oberfläche der Blätter eine gelblichgrüne Flüssigkeit ausscheiden, die bei Berührung der Pflanze empfindliche Hautentzündung mit beträchtlich gestörtem Allgemeinbefinden verursacht. Es scheint bei gewissen Individuen eine besondere Disposition vorhanden zu sein; oft tritt die Erkrankung erst mehrere Stunden oder Tage nach der Berührung der Pflanze ein. Auch Primula cortusoides aus dem Osthimalaja und aus Jün-nan, wie auch Pr. japonica werden in mehreren Spielarten in unseren Gärten kultiviert. Nicht minder geschätzte Winterblüher als die chinesische lieferte die nach ihr eingeführte Himalajaprimel, die mit den ostasiatischen und europäischen Arten mehrfach gekreuzt wurde. Gelegentlich werden auch der blaue Speik (Primula glutinosa) mit violetten, wohlriechenden Blüten mit abstehendem Saum, der in den Zentralalpen auf Urgestein zu finden ist, und die zierliche, im hohen Norden heimische, als Relikt der Eiszeit auf feuchten Alpenwiesen und auf Torfboden des norddeutschen Tieflandes — aber auch in der Magelhaensstraße — angetroffene mehlig bestäubte Primel (Primula farinosa) mit fleischroten oder violetten Blüten mit gelbem Schlunde in Töpfen angepflanzt oder in Gärten gehalten. Gelegentlich geschieht dies auch mit der Alpensoldanelle (Soldanella alpina) mit ihren zierlichen bläulichen oder violetten Blütenglöckchen mit gefranstem Saume.
Eine weitere, sehr geschätzte Zierpflanze der Alpen und Voralpen ist das Alpenveilchen (Cyclamen europaeum), wegen seiner plattkuchenförmigen, fleischigen Knolle auch Erdscheibe genannt. Letztere schmeckt in frischem Zustande brennend scharf und enthält das Alkaloid Cyclamin, das, in den Magen gebracht, heftiges Erbrechen bewirkt und ins Blut eingespritzt tötet. Früher wurden die Wurzelknollen als drastisches Purgiermittel benutzt; sie verlieren aber durch Kochen oder Braten in Asche ihre Schärfe und werden deshalb von den Russen gegessen. Die Wildschweine sollen sie gerne und ohne Nachteil fressen, deshalb wird das Cyclamen auch Saubrot genannt. Das im einheimischen Gebirge wachsende südeuropäische Cyclamen war unter dem Namen kykláminon schon bei den alten Griechen bekannt und seine Wurzelknolle wurde als Heilmittel und zu Zauberei benutzt. Plinius, der sie selbst in Anlehnung an die griechische Bezeichnung cyclaminon nennt, sagt, sie werde von den Römern Erdknollen (tuber terrae) genannt, wachse im Schatten, habe purpurrote Blüten und eine breite, einer Rübe ähnliche Wurzel mit schwarzer Rinde. Sie diene gegen Schlangenbiß. „Sie sollte bei allen Häusern gezogen werden, wenn es wahr ist, daß da, wo sie steht, kein Zaubermittel wirkt, weswegen sie auch Amulett (amuletum) heißt. Wein, worin sie liegt, soll sogleich berauschen. Die Wurzel wird zerschnitten und getrocknet oder bis zur Honigdicke eingekocht und aufbewahrt.“ Wie die einheimische Art wird auch das persische Alpenveilchen (Cyclamen persicum) aus Vorderasien mit weißen, im Schlunde roten Blüten viel in Töpfen gezogen und ist durch Kulturpflege zu Formen mit sehr großen Blättern und Blüten in allen Nuancen von Rot neben Weiß gezüchtet worden. Dadurch, daß es im Winter zum Blühen gebracht werden kann und lange Zeit hindurch im Flor steht, ist es eine der am häufigsten angetroffenen Topfpflanzen der Städter geworden. Durch Kreuzung des bunt gezeichneten efeublätterigen Alpenveilchens mit kleinen Blüten mit dem persischen Alpenveilchen mit weit schöneren, größeren Blüten wurden Hybriden erzeugt, die die hübschen Blätter der ersteren neben den schönen Blüten der letzteren aufweisen.
Ebenfalls als Blatt- und Zierpflanzen sehr beliebt und deshalb häufig in Töpfen kultiviert angetroffen werden die Begonien oder Schiefblätter. Von den über 400 Vertretern der in den Tropen wachsenden Familie haben sehr viele prachtvoll gefärbte Blätter, wachsen sehr schnell und lassen sich sehr leicht aus Stecklingen ziehen. Legt man nämlich ein von ihnen abgeschnittenes Blatt auf feuchte Erde, so wachsen aus allen Stellen, an denen die Blattnerven verletzt wurden, junge Pflänzchen hervor. Unter den vielen bei uns in Gewächshäusern und als Zimmerpflanzen gezogenen Arten unterscheidet man 1. Blattbegonien, die wegen ihrer prachtvoll gefärbten, teilweise sehr bunten Blätter gehalten werden. Sie sind seit dem Anfang der 1850er Jahre höchst beliebt geworden und stammen hauptsächlich von dem ostindischen Königsschiefblatt (Begonium rex), dessen große, dunkelgrüne Blätter ein breites Silberband mit gleichgefärbten Flecken aufweisen. Es wurde mit anderen Formen aus den Tropen der Alten Welt gekreuzt und ergab zahlreiche schöne Spielarten. 2. Blüten- oder Knollenbegonien, die sämtlich aus Südamerika stammen und in bezug auf Effekt, Blütenfülle und Blütendauer mit den außerordentlich effektvollen Scharlachpelargonien wetteifern. Die wichtigsten Stammformen sind Begonia boliviensis mit leuchtendroten Blüten aus Bolivia, B. veitchi und davisi aus Peru und B. froebeli aus Venezuela. Die Blüten der durch Kreuzung dieser untereinander erhaltenen Blendlinge variieren von Weiß und sattem Gelb bis zum dunkelsten Rot, auch gibt es gefüllte Formen. Von den immergrünen, strauch- oder halbstrauchartigen Begonien werden mehrere Arten besonders aus Brasilien wegen ihrer Monate hindurch und mehrfach im Winter erscheinenden Blüten kultiviert.
Südamerika lieferte uns auch die häufig als Zierpflanze, besonders als Schlingpflanze zur Bekleidung von Lauben gezogene vielblumige Feuerbohne (Phaseolus multiflorus), die weiße oder hochrote Blüten und eßbare Samen hervorbringt. Beliebte Gartenzierpflanzen liefern auch die verschiedenen Wicken, vor allem die in Südeuropa heimische wohlriechende Wicke (Lathyrus odoratus) mit sehr großen, rot und violetten oder rot und weißen, wohlriechenden Blüten. Sie blüht fast den ganzen Sommer hindurch und eignet sich vorzüglich zur Verzierung niedriger Geländer. Dann die nordafrikanische Wicke (Lathyrus tingitanus) mit großen, einfarbigen, violetten oder dunkelpurpurnen Blüten, die griechische Wicke (L. climenum) aus Griechenland und Kleinasien mit blauen Blüten, an denen nur die Fahne rot ist, die Bukettwicke (L. latifolius) mit einer Traube von großen, purpur- bis rosenroten Blüten, die großblütige Wicke (L. grandiflorus) mit besonders großen, aber schwach wohlriechenden, purpurroten Blüten, beide aus Südeuropa. Alle diese werden in mehreren Varietäten kultiviert.
Die Gattung der Winden (Convolvulus) mit trichterförmigen Blüten ist in den Gärten besonders durch die nichtwindende dreifarbige Winde (C. tricolor) aus dem Mittelmeergebiet mit himmelblauen, im Grunde gelben, in der Mitte weißen Blüten, dann durch C. mauretanicus mit ebenfalls himmelblauen und durch C. dahurica mit rosenroten Blüten vertreten. Verwandt damit sind die schlingenden Mina lobata und M. lex aus Mexiko mit gelb und rot gefärbten Blüten in langgestielten, gabeligen Blütenständen, die ebenfalls bei uns als Zierpflanzen kultiviert werden.
Ebensolche windende Kräuter sind die in 24 Arten ausschließlich im wärmeren Mittel- und Südamerika heimischen Wunderblumen (Mirabilis) mit großen, in der Nacht geöffneten Blüten. Unter ihnen werden die 60–120 cm hohe Mirabilis longiflora mit sehr langohrigen, weißen, am Schlund purpurnen, sehr wohlriechenden Blüten aus den Bergen Mexikos und die ebendort heimische M. jalapa, die falsche Jalape, mit schönen roten, gelben oder weißen, oder auch in diesen Farben gestreiften und gesprenkelten, geruchlosen Blüten in zahlreichen Varietäten bei uns kultiviert. Die Wurzel wirkt abführend und wurde früher wie die offizinelle Jalape verwendet.
Zur Gattung der Boretschgewächse gehört außerdem der als Gewürz und geschätzte Bienenweide in nicht nur dunkel- bis hellblauen, sondern auch roten und weißen Formen gezogene gemeine Boretsch (Borago officinalis), das in der gemäßigten Zone der Alten Welt in 30 Arten wachsende Vergißmeinnicht oder Mäuseohr (Myosotis); unter diesen ist das bei uns auf feuchten Wiesen und an Bächen wachsende gemeine Vergißmeinnicht (Myosotis palustris) mit in der Knospe rötlichen, später himmelblauen Blüten mit gelbem Schlund ein sehr beliebtes, auch in Gärten angepflanztes Blümchen. Neben ihm werden die zweijährige, mitteleuropäische M. silvatica mit der Abart M. alpestris mit rauhhaarigen Stengeln und himmelblauen Blüten und noch manche andere kultiviert. Das strahlendste Blau haben die Blüten von M. azorica. Blendlinge von ihr mit M. alpestris sind die M. semperflorens mit sehr langer Blütezeit und andere Formen, wie „Elise Fonrobert“. Ebenso werden von Hundszungen der Gattung Cynoglossum purpurrote, himmelblaue und weiße Arten in Gärten gezogen.
In der Bukett- und Kranzbinderei, besonders für Gräberschmuck viel verwendet werden die Immortellen, wie der französische Name sagt „unvergängliche“ Blumen, aus der Familie der Kompositen oder Korbblütler mit trockenhäutigen Blumenhüllblättern, die lange Zeit nach dem Abschneiden ihre Form und ihr frisches Aussehen bewahren. Im Deutschen bezeichnet man sie meist als Strohblumen, weil sie trocken wie Stroh erscheinen. Durch diese völlig trockenhäutigen Hüllblätter sind sie wie das ihnen sehr nahestehende, neuerdings ebenfalls als Zierpflanze kultivierte Edelweiß (Gnaphalium leontopodium) und andere filzige Kräuter, mit diesem die Wärme schlecht leitenden Überzug gegen zu starke Verdunstung an ihren von heißer Sonne beschienenen felsigen Standorten geschützt. Die wichtigste derselben ist die in ganz Südeuropa auf sonnigen, trockenen Felsabhängen wachsende gemeine oder gelbe Strohblume oder Gold-Immortelle (Helichrysum stoechas) mit am Rande — ebenfalls zum Schutze gegen zu starke Verdunstung — zurückgerollten, gerieben wohlriechenden Blättern und goldgelben Blüten. Wegen letzteren nannten sie die alten Griechen helichrýsos, d. h. Sonnengold. Sie, wie auch die Römer, verwandten sie vielfach zum Winden von sehr dauerhaften Kränzen und als Arznei. Der griechische Arzt Dioskurides (im 1. Jahrhundert n. Chr.) schreibt: „Die Gold-Immortelle (helíchrysos) wird auch chrysánthemon (d. h. Goldblume) und amáranton (d. h. die Unverwelkliche) genannt und dient zur Bekränzung von Götterbildern. Sie wächst an trockenen, felsigen Stellen und hat trockenen Trauben ähnliche, goldgelbe, runde Blüten. Man gebraucht sie als Arznei, legt sie auch zwischen die Kleider, um diese vor fressendem Gewürm zu schützen.“ Ähnlich meldet sein Zeitgenosse, der ältere Plinius: „Die goldglänzenden, büschelweise hängenden Blüten der Gold-Immortelle (helichrysos) welken nie und dienen zur Bekränzung der Götterbilder. Namentlich hat Ptolemäus, König von Ägypten, diese sehr sorgfältig damit geschmückt.“ 400 Jahre vor ihm schrieb Theophrast. „Es gibt Quacksalber, welche behaupten, man erlange einen guten Ruf, wenn man sich mit der Gold-Immortelle bekränzt und sich dabei mit Salbe aus einem Gefäß von gediegenem Gold einreibt. Jene Pflanze hat aber eine goldfarbene Blume, ein weißliches Blatt, einen weißlichen, harten Stengel und eine oberflächliche, dünne Wurzel.“ In seinen Idyllen sagt der um 280 v. Chr. lebende Dichter Theokrit aus Syrakus, der bedeutendste Dichter der alexandrinischen Periode, ein Meister der dann von Bion und Moschos und später von Vergil nachgeahmten bukolischen Poesie, d. h. der poetischen Darstellung des Hirtenslebens: „Der Becher ist mit Efeu und Gold-Immortellen bekränzt“, und „Ihr Haar war goldiger als Gold-Immortellen, ihre Brust glänzender als der Mond“. Auch der Dichter Nikander spricht von ihr.