Großen Schaden verursachen auch zahllose Blattkäfer und Blattflöhe. Unter den ersteren ist besonders der in Nordamerika heimische Kolorado-Kartoffelkäfer berüchtigt, der sich seit etwa vierzig Jahren über das ganze Land ausgebreitet hat und oft einen Ausfall von 30 Prozent und mehr der Kartoffelernte bewirkte, ja manchenorts so zahlreich auftrat, daß die durch ihn angerichteten Verwüstungen den Menschen zwangen, den Anbau der Kartoffeln zeitweise ganz einzustellen. Trotzdem er durch amerikanische Saatkartoffeln nach Europa verschleppt wurde, hat er sich glücklicherweise bei uns nicht einbürgern können, da ihm offenbar das Klima hier nicht behagt.
Es ist völlig unmöglich, dem geneigten Leser auch nur einen annähernden Begriff von der Zahl der tierischen Schmarotzer zu geben, die neben den pflanzlichen Krankheitserregern unsere verschiedenen Kulturpflanzen bedrohen. Es genüge, hier als Beispiel nur die Baumwollstaude anzuführen, an der die praktischen, für die Erkenntnis der Schädlinge der Kulturpflanzen äußerst verdienten Nordamerikaner außer 30 verschiedenen Pilzkrankheiten nicht weniger als 470 Tierarten gelegentlich oder ausschließlich schmarotzen. Unter diesen befinden sich drei Schädiger ersten Ranges, nämlich die Baumwollraupe, die Kapselraupe und der mexikanische Kapselkäfer. Sie alle vermehren sich in fabelhafter Weise und richten da, wo sie auftreten, großen Schaden an. Bedenkt man, daß eine einzige die Räupchen hervorbringende Motte wenigstens 500 Eier legt, die sich im Laufe eines Sommers in fünf Generationen zu unzählbaren Millionen fortpflanzen, so begreift man, daß der Mensch völlig außerstande wäre, seine verschiedenen Kulturpflanzen gegen ihre zahllosen Schädiger in erfolgreicher Weise zu schützen, wenn nicht jeder der letzteren wenigstens einen Spezialfeind in der niederen Tierwelt besäße, der ihm das Leben sauer macht. Im Bunde mit diesen seinen Freunden und Bundesgenossen führt der Herr der Schöpfung einen unausgesetzten Kampf gegen das große Heer der Schädlinge und bedient sich dabei der verschiedensten Hilfsmittel, unter denen das Spritzen mit ätzenden, giftigen Stoffen und die Fangkulturen in erster Linie stehen. Unter den letzteren versteht man gewisse zwischen den Hauptkulturen gesetzte Pflanzungen, die sich früher entwickeln als diese und die nur zum Zwecke angelegt werden, um die tierischen Schädlinge anzulocken und dann mit diesen zusammen vertilgt zu werden. So benutzt man beispielsweise bei der Baumwolle dazu eine frühreifende Maisart, die auf schmalen Beeten zwischen den Baumwollfeldern angepflanzt wird.
Endlich werden auch manche tierische Schmarotzer durch ihre natürlichen Feinde zu bekämpfen gesucht. So wird seit einigen Jahren der Kapselkäfer der Baumwolle in Amerika durch eine rote Ameise bekämpft, die man in Massen züchtet und auf den Baumwollfeldern ansiedelt. In neuester Zeit hat man auf Java die sogenannte Kakaowanze, die die Kakaobäume vernichtet und den Ertrag der betreffenden Plantagen auf Jahre hinaus zerstört, in ähnlicher Weise und mit gutem Erfolg mit Hilfe einer schwarzen Ameise zu bekämpfen gesucht, die sich als Vernichterin jener Schmarotzerin vorzüglich bewährt hat. Die Nester dieser Ameise werden in Kisten aus Blech gefaßt und in den Kakaobäumen aufgehängt. Von hier aus beginnen die Ameisen alsbald ihr Vernichtungswerk und töten rasch die gefürchteten Wanzen.
Sehr leistungsfähige staatliche Insektenzuchtinstitute besitzen besonders die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unter ihnen ist dasjenige von Sakramento in Kalifornien das bekannteste, das alljährlich große Lieferungen an Private besorgt. So hat dieses Institut beispielsweise im vergangenen Monat April nach den Zeitungsberichten 52 Millionen Marienkäfer in Gewicht von 1000 kg in besonderen Eisenbahnwagen nach den Melonenfeldern von Imperial Valley in Kalifornien spediert, wo ihnen die Aufgabe zufällt, Blattläuse und Insekten aller Art zu vertilgen, die die Melonenpflanzungen verheeren.
Der beste Schutz gegen die Schädlinge ist und bleibt aber die peinlich sorgfältige Pflege der Kulturpflanzen und ein tadellos gesundes Saatgut, soweit die Vermehrung durch Aussäen des Samens bewerkstelligt wird. Auch müssen bei der Einführung von Setzlingen nicht nur der Stamm und die Zweige, sondern vor allem auch die Wurzeln mit allen ihren Ausläufern genau auf die Anwesenheit von Schmarotzern untersucht werden. Hätte man dies getan, so wäre beispielsweise auch die in Amerika bei den viel kräftigeren einheimischen Reben nur geringen Schaden anrichtende Reblaus nicht nach Europa eingeschleppt worden und hätten die gewaltigen Verluste, die hier die Rebbau treibenden Länder erleiden mußten, vermieden werden können.
Die weitaus wichtigsten Gehilfen des Menschen sind aber die Vögel, die infolge ihres beinahe unersättlichen Hungers — die Folge ihres äußerst raschen Stoffwechsels und ihrer maximalen Lebensintensität — die größten Feinde der meisten Schädlinge unserer Nutzpflanzen sind. Haben wir mit der einseitigen Anpflanzung weiter Gebiete mit denselben zu unserem Nutzen gezogenen Pflanzenarten auch die Schädlinge derselben in einer Weise, wie dies in der freien Natur, wo aber auch keine solche Anhäufung derselben Pflanzenart vorkommt, sondern überall gemischte Bestände vorhanden sind, unmöglich ist, sich vermehren lassen, so liegt es in unserem eigenen Interesse, auch die Zahl ihrer Feinde, der Vögel, möglichst zu vermehren. Statt daß man dies tat und diesen unseren größten Wohltätern durch Vogelschutzmaßregeln und Bieten von Nistgelegenheiten zu ungestörtem Brüten die Möglichkeit einer Existenz und der ausgiebigsten Vermehrung verschaffte, hat man sie in der grausamsten und kurzsichtigsten Weise aus Roheit, aus Leckerei und Modetorheit verfolgt und in der unglaublichsten Weise dezimiert. Damit hat sich die Kulturmenschheit leider nur ins eigene Fleisch geschnitten. Erst dann, wenn sie dies eingesehen hat und danach handelt, wird dieser Übelstand sich bessern und statt Fluch Segen hervorgehen. Wenn der Mensch durch seine Kultur das Gleichgewicht in der Natur gestört hat, so ist es seine absolute Pflicht, diese Störung nach Möglichkeit wieder auszugleichen. Hat er die einseitige Verbreitung der Kulturpflanzen bewirkt, so muß er auch vor allem die Feinde der künstlich heraufgeschraubten Kulturpflanzenvernichter künstlich heraufschrauben, d. h. so viel er kann die Vögel vermehren. Dies soll nicht nur durch möglichst weitgehenden Vogelschutz, sondern vor allem auch durch Darbieten von künstlichen Nistgelegenheiten zum ungestörten Brüten geschehen. Was wir in unseren Kulturländereien nötig haben, das sind dazwischen errichtete dornige „Nistgehölze“, durch die das Raubzeug und zugleich das größte Raubtier, der unkultivierte Mensch, am Beunruhigen der brütenden Wohltäter und dem Ausnehmen ihrer Nester verhindert werden.
Überall, wo solches bisher geschehen ist, hat es die reichsten Früchte getragen und der Land- und Forstwirtschaft den größten Nutzen gebracht. Dafür sei nur ein Beispiel unter vielen angeführt. So schreibt der verdiente deutsche Vorkämpfer des Vogelschutzes, Freiherr B. von Berlepsch: „Als im Frühjahr 1905 der gesamte, mehrere Quadratmeilen große, südlich von Eisenach gelegene Hainichwald gänzlich vom Eichenwickler (Tortrix viridana) kahlgefressen war, blieb mein Wald, der durch über 2000 daselbst aufgehängte Nistkästen einen reichen Meisenbestand aufweist, völlig davon verschont. Er hob sich von den umliegenden Waldungen tatsächlich wie eine grüne Oase ab. Erst etwa einen halben Kilometer jenseits der Grenze machten sich die ersten Spuren des Fraßes bemerkbar, nach weiterem halben Kilometer war er aber bereits in vollem Umfange eingetreten. Ein deutliches Zeichen, wie weit die Meisen und Genossen während des Winters, überhaupt außerhalb der Brutzeit, gestrichen waren.“ Gleiche Beobachtungen bei den Verwüstungen der Raupe desselben Schmetterlings wurden auch in großherzoglich hessischen Forsten gemacht, in denen ebenfalls der Vogelschutz seit einiger Zeit betrieben wird.
Aber nicht nur von Insekten, die unseren Kulturen schädlich sind und sie zugrunde richten, auch von solchen, die uns selbst lästig fallen, befreien uns die Vögel. Ungezählte Massen von Stubenfliegen, die Verbreiter verschiedener menschlicher Krankheiten, fangen die Schwalben ab, die unermüdlich gerade ihre Hauptbrutstätten, die Ställe und Düngerhaufen, nach ihnen abfliegen. Sie dezimieren auch die lästigen Stechmücken, in Süddeutschland Schnaken genannt, wie die im Wasser lebenden oder darin, wie die Enten, ihre Nahrung suchenden Tiere ihrer Brut nachstellen und uns so nützen.
Welchen Nutzen beispielsweise die verschiedenen Wildhühner ihren Standorten erweisen, daß können wir aus Beobachtungen von ihren gezähmten Verwandten, den Haushühnern, schließen. So wurden in einem Versuche von Professor Eckstein (Prometheus, 1908) Hühner in einen vom Kiefernspanner (Bupalus piniarius) befallenen Wald getrieben, damit sie die unter dem Moos auf dem Boden überwinternden Puppen auffräßen. Da zeigte es sich, daß jedes Huhn täglich etwa 4500 Puppen dieses schlimmen Forstschädlings verzehrte, und die Nachsuche ergab, daß auf dem Geviertmeter, der vorher 25–140 Puppen enthalten hatte, nach dem Absuchen durch die Hühner nur noch 2–3 dieser schädlichen Schmetterlingspuppen vorhanden waren.
Sehr groß ist auch der Nutzen der mäusefressenden Vögel, vor allem des Turmfalken, der verschiedenen Bussarde und Eulen, die sich, wie ausgedehnte Untersuchungen des Mageninhaltes geschossener Tiere bewiesen, zu 90 Prozent von diesen den Kornfrüchten und zahlreichen andern Kulturpflanzen des Menschen so überaus schädlichen Nagern ernähren. Jedenfalls sollte noch mehr als bisher von jedem Menschen der Ausspruch beherzigt werden: