Bild 33. Darstellung eines Renntiermännchens aus der Höhle von Combarelles, stark verkleinert.
(Nach Capitan und Breuil.)
Der europäische Diluvialjäger lebte vorzugsweise vom Renntier, das damals während der Kälteperiode bis gegen das Mittelmeer hinunter in großen Herden lebte und dem Menschen das weitaus wichtigste Beutetier war. Um es leichter in seine Gewalt zu bringen, zeichnete er es unter Murmeln von Zaubersprüchen, wie dies heute noch manche auf derselben Kulturstufe lebende Jägerstämme tun, an die Wände der Höhlen, die er bewohnte, und an allerlei Gegenstände seines Besitzes, wohl auch die aus gegerbtem Renntierfell bestehenden Zeltwände auf Stangen. Dabei galt der Glaube, daß, je naturgetreuer das Tier dargestellt werde, es um so sicherer in des Menschen Gewalt gelange. Außer dem Fell, das ihm seine Kleidung und Zeltumhüllung, wie auch Riemen und Schlingen aller Art lieferte, wurden nicht nur das Fleisch und alle Eingeweide vom hungrigen Renntierjäger verzehrt, sondern auch das Geweih und die Knochen des Tieres als bald noch wichtigeres Werkzeugmaterial als der Feuerstein benutzt. So war die ganze Kultur der Magdalénienjäger der frühen Nacheiszeit ganz wesentlich auf die Erbeutung des damals ausschließlich wildlebenden und durchaus noch nicht vom Menschen in Herden vereinigten Renntiers gegründet, wie solches heute noch von den auf der reinen Jägerstufe verbliebenen Indianern Kanadas und noch höherer Breiten geübt wird. Auch diese leben, wie King berichtet, fast ausschließlich vom Renn. Sie erlegen das Wild auf seinen Wanderungen mit der Feuerwaffe, fangen es in Schlingen, töten es beim Durchschwimmen der Flüsse mit Wurfspeeren, graben tiefe, mit dünnem Astwerk und Laub verdeckte Fallgruben oder errichten an den Furten, die sie durchschreiten müssen, zwei aufeinander zulaufende Zäune aus Stecken, die da und dort schmale Lücken lassen. In eine jede solche Lücke legen sie eine Schlinge. Wenn das Rudel zwischen die Zäune getrieben wird, fangen sich einzelne Individuen, die seitlich durchbrechen wollen, darin und werden abgestochen. Das Fleisch essen sie roh und braten und räuchern den nicht sofort zu bewältigenden Rest am Feuer. Aus den Geweihen und Knochen verfertigen sie ihre verschiedenen Knochenwerkzeuge, vor allem die Fischspeere und Angeln. Mit den gespaltenen Schienbeinen und anderen Teilen schaben sie, wie das Fleisch von den Knochen, so Fett und Haar von den Häuten ab, und mit Renntiergehirn reiben sie das Innere der Felle ein, um sie geschmeidig zu machen. Das durch Räuchern mit feuchtem Holze konservierte Leder alter Tiere hängen sie um ihre Zeltstangen, während sie aus dem pelzartig weichen Fell jüngerer Tiere ihre Kleidung herstellen, die sie mit Nadeln aus Renntierhorn vermittelst Sehnenfäden vom Renntier nähen. Vom Kopf bis zu den Füßen sind sie in Renntierpelze gehüllt, werfen ein weichgegerbtes Renntierfell auf den Schnee, decken sich mit einem andern solchen zu und sind so imstande, der grimmigsten Kälte Trotz zu bieten. Kein Teil des Renntiers bleibt von ihnen unbenutzt, nicht einmal der aus aufgeweichten und halb aufgelösten Renntierflechten bestehende Mageninhalt, der mit Blut vermischt ein ihnen höchst schmackhaft vorkommendes Gericht liefert, von dem sie nur ihren besten Freunden anbieten.
Bild 34. Von Magdalénienjägern auf ein Knochenstück eingeritzte Renntiere, worunter ein Männchen ein Weibchen beschnüffelnd, aus dem abri von La Madeleine in der Dordogne. (Etwa natürl. Größe.)
Das wilde Renntier hat aber auch noch andere Feinde als den Menschen. Der gefährlichste von ihnen ist der Wolf, der stets, besonders im Winter, die Rudel umlagert. In Norwegen mußten die Renntierzuchten, welche man auf den südlichen Gebirgen anlegen wollte, der Wölfe wegen aufgegeben werden. Auch Vielfraß, Luchs und Bär stellen den Renntieren nach. Sonst setzen ihm hauptsächlich die Mückenschwärme stark zu und peinigen es im Sommer auf höchst unangenehme Weise.
Jung eingefangene Renntiere werden bald zahm. „Man würde sich aber“, sagt Brehm, „einen falschen Begriff machen, wenn man die Renntiere, was die Zähmung anlangt, den in den Hausstand übergegangenen Tieren gleichstellen wollte. Nicht einmal die Nachkommen derjenigen, welche seit undenklichen Zeiten in der Gefangenschaft leben, sind so zahm wie unsere Haustiere, sondern befinden sich immer noch in einem Zustande von Halbwildheit. Nur Lappen und deren Hunde sind imstande, solche Herden zu leiten und zu beherrschen.“
Bild 35. Aus Renntierhorn geschnitzter Dolch eines Magdalénienjägers, dessen Griff ein Renntier darstellt, das, um die Hand beim Fassen der Waffe nicht zu behindern, die Schnauze erhebt und sein Gehörn in den Rücken drückt. Aus dem gleichen Grunde sind seine Vorderfüße unter den Bauch gebogen, als ob es davonspringen wolle. Aus dem südfranzösischen abri von Laugerie basse in der Dordogne. (1⁄3 natürl. Größe.)
Das Renntier ist sehr spät vom Menschen zum Haustier erhoben worden und ist im ganzen jetzt noch recht mangelhaft domestiziert. Wann dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen; doch kann dies vor nicht viel mehr als 500 Jahren geschehen sein. Nach Frijs in Christiania waren die Lappen im Norden Skandinaviens im 9. Jahrhundert noch Fischer und Jäger, die außer dem Hund noch keinerlei Nutztiere besaßen und das Renn nur als Wild kannten. Erst im 16. Jahrhundert gibt uns Olaus Magnus Kenntnis von zahmen Renntieren, die in ihrem Besitze waren. Julius Lippert hält es für wahrscheinlich, daß die Renntierzucht von Skandinavien ausging, während sie Eduard Hahn in ihrem Ursprung nach Nordasien verlegt und der Meinung ist, sie habe sich später von dort nach Westen ausgedehnt. Uns scheint diese letztere Annahme die allein richtige, da dort sicher die Renntierzucht eine ältere ist als in Nordeuropa.
Für die am Nordrande der Alten Welt lebenden Fischervölker, für deren Lebensweise der Hund zwar wichtig, aber nicht ausreichend war, wurde der Erwerb des Renns als Haustier von unschätzbarem Werte. Es war das einzige Wildmaterial, das ihnen für die Gewinnung eines nützlichen Haustiers zu Gebote stand, und so wurde es herdenweise in Pflege und Aufsicht genommen und trat dadurch in lose Verbindung mit dem Menschen, den es bis dahin als seinen ärgsten Feind geflohen hatte. Die Unterordnung unter das menschliche Joch ist aber heute noch eine sehr bedingte. Wohl werden die Herden durch wachsame Hunde zusammengehalten, indessen wenden sie sich doch dahin, wo es ihnen gerade paßt und die Weide günstig ist. Der Besitzer kann seine Tiere nicht beeinflussen und nach seinem Willen lenken, sondern er muß ihnen einfach folgen, wohin sie ihn führen. Günstig für ihn ist es, daß die Renntiere ein ausgeprägtes Herdenbewußtsein haben und stets geschlossen gehen, so daß sie sich nicht zerstreuen, was ihm das Hüten wesentlich erleichtert. Das Melkgeschäft ist durchaus keine Annehmlichkeit, da die störrischen Tiere beständig durchgehen wollen und nur mit einem Strick zum Ausharren bei diesem Geschäfte festgehalten werden können. Die Renntiermilch ist, wenn sie auch neben dem süßen einen starken Beigeschmack hat, sehr fettreich und nahrhaft; doch ist der Milchertrag gering.