Alpaca und Lama können leicht miteinander gekreuzt werden. Die Mischlinge, die unter dem Namen Guarizos oder Machorras bekannt sind, bieten aber durchaus keine Vorteile vor jenen. Als Lasttiere lassen sie sich ebensowenig gebrauchen als die Alpacas; auch erben sie die feine Wolle der letzteren nicht. Übrigens findet das Lama in Peru seit der Einführung des Maultiers und des Pferdes viel weniger Verwendung als Lasttier im Vergleich zu früher, da es noch ausschließlich als solches verwendet wurde. Zur Zeit der spanischen Eroberung gab es namentlich im südlichen Peru ungeheure Herden davon. Damals wurden nicht selten Züge von 500 oder selbst 1000 Stück angetroffen, alle mit Silberbarren beladen und unter Obhut weniger Männer ihres Weges ziehend. Für die Wegschaffung der Minenerzeugnisse von Potosi sollen zu jener Zeit allein über 300000 Lamas gebraucht worden sein. Der Spanier Acosta berichtet darüber: „Ich habe mich oft gewundert, diese Schafherden mit 2000–3000 Silberbarren, welche über 300000 Dukaten wert sind, beladen zu sehen, ohne eine andere Begleitung als einige Indianer, welche die Schafe leiten, beladen und abladen, und dabei höchstens noch einige Spanier. Sie schlafen alle Nächte mitten im Felde, und dennoch hat man auf diesem langen Wege noch nie etwas verloren; so groß ist die Sicherheit in Peru. An Ruheplätzen, wo es Quellen und Weiden gibt, laden die Führer sie ab, schlagen Zelte auf, kochen und fühlen sich, ungeachtet der langen Reise, wohl. Erfordert diese nur einen Tag, so tragen jene Schafe 8 Arrobas (92 kg) und gehen damit 8–10 Leguas (29 bis 36 km); das müssen jedoch bloß diejenigen tun, welche den armen, durch Peru wandernden Soldaten gehören. Alle diese Tiere lieben die kalte Luft und finden sich wohl im Gebirge, sterben aber in Ebenen wegen der Hitze. Bisweilen sind sie ganz mit Eis und Reif bedeckt und bleiben doch gesund. Die kurzhaarigen geben oft Veranlassung zum Lachen. Manchmal halten sie plötzlich auf dem Wege an, richten den Hals in die Höhe, sehen die Leute sehr aufmerksam an und bleiben lange Zeit unbeweglich, ohne Furcht oder Unzufriedenheit zu zeigen. Ein anderes Mal werden sie plötzlich scheu und rennen mit ihrer Ladung auf die höchsten Felsen, so daß man sie herunterschießen muß, um die Silberbarren nicht zu verlieren.“ Meyer schlägt die Wichtigkeit des Lamas für die Peruaner ebenso hoch an wie die des Renntieres, von dem alsbald die Rede sein wird, für die Lappländer.
Neuerdings beabsichtigt die preußische Regierung, das überaus genügsame Tier, dessen Fleisch einen sehr zarten Geschmack besitzt, in den sonstwie wenig brauchbaren Ländereien, so zunächst auf der Lüneburger Heide, einzuführen. Ob ihr die Akklimatisation gelingen wird, ist allerdings höchst fraglich, da diese Tiere im Tiefland nicht gedeihen.
X. Das Renntier.
Im Renntier (Rangifer tarandus), einem der jüngst erworbenen Haussäugetiere, das nur sehr oberflächlich gezähmt ist und sich noch weitgehender Freiheit und Selbständigkeit erfreut, haben wir den einzigen Vertreter der Familie der Hirsche vor uns, den der Mensch in seine Abhängigkeit brachte. Den Übergang von den eigentlichen Hirschen zum Renntier bildet der in den menschenleeren Einöden Nordchinas lebende Milu der Chinesen oder Davidshirsch (Elaphurus davidianus) der Europäer, so genannt, weil ihn 1865 der französische Missionar David durch einen Blick über die Mauer des kaiserlichen Wildparks bei Peking entdeckte. Dort wird dieses äußerst scheue und seltene Tier zum Vergnügen des Kaisers von China und seines Hofes in Gehegen gehalten. Durch die Vermittlung des damaligen deutschen Gesandten in Peking, v. Brandt, kamen von dort zwei Hirsche und ein Tier als außerordentliche Seltenheit in den Berliner Zoologischen Garten und von da auch in denjenigen von Köln. In seinem ganzen Bau, besonders der Füße, aber auch des Gehörns, erinnert der Milu viel mehr an das Renntier als an den Hirsch und läßt wie dieser bei jedem Schritt ein eigentümliches Knistern in den Fußgelenken hören, was sonst den Hirschen nicht zukommt.
Die geweihtragenden Wiederkäuer eigneten sich im allgemeinen deswegen nicht zur Domestikation, weil sie ausgesprochene Waldbewohner sind und sich deshalb zum dauernden Aufenthalt im offenen Lande nicht recht verwenden lassen. Davon macht nur das Renntier eine Ausnahme; denn schon im Wildzustande meidet es den Wald und bewohnt heute im Norden jenen Gürtel, der sich zwischen der Waldzone und dem Eismeer ausdehnt und den man als Tundra oder Moossteppe bezeichnet. Hier lebt es vorzugsweise von der Renntierflechte. Damit es nun mit seinen Füßen im moorigen Boden der Tundra nicht zu weit einsinke, besitzen die niedrigen, kräftigen Beine breit ausladende Hufe und bis auf den Boden hinabreichende Afterklauen. Auf dem dicken, wenig aufgerichteten Hals sitzt der nach vorn nur wenig verschmälerte Kopf mit dem ausnahmsweise in beiden Geschlechtern entwickelten, bei den Weibchen nur kleineren, zackigen Geweih. Das dunkelbraune Sommerkleid ist weniger dicht und lang als das grauweiße Winterkleid, das sehr warmhält und seinen Träger vor der großen Kälte seiner Heimat schützt. Der Vorderhals trägt eine bis zur Brust herabreichende Mähne.
Bild 32. Darstellung eines weidenden Renntierweibchens auf dem aus Renntierhorn verfertigten Bruchstück eines Kommandostabes aus dem Keßlerloch bei Thaingen. (Nach Photogramm von Dr. Nüesch.)
Das wilde Renn lebt durchschnittlich nördlich vom 60. bis zum 80. Breitengrad der Alten wie auch der Neuen Welt. Die nordamerikanische Form ist nur etwas größer und dunkler gefärbt und wird als Karibu bezeichnet. Von ihm leben im Tundrengebiet Nordamerikas und in Grönland stattliche Herden bis zu 200 Stück, denen die Indianer stark nachstellen, die sie mit Pfeil oder Gewehr erlegen oder in Hürden aus Buschwerk treiben, um sie nachher mit Speer und Keule niederzuschlagen. Das altweltliche Renn, von dem man das größere „Waldrenn“ vom kleineren „Tundrarenn“ unterscheidet, die beide domestiziert wurden, lebt noch in großer Zahl wild auf Spitzbergen. Auf Island wurde es im Jahre 1770 eingeführt, ist dort vollständig verwildert und hat sich bereits in namhafter Zahl über alle Gebirge der Insel verbreitet. Es liebt die Geselligkeit überaus und lebt in Herden von 200–300 Stück, die gern wandern, so im Sommer, um der Mückenplage zu entgehen, nach den höheren, kühler gelegenen Gebieten, im Winter dagegen nach den weniger hoch mit Schnee bedeckten Niederungen. Es wittert ausgezeichnet, ist scheu und vorsichtig, wo es unter den Verfolgungen des Menschen zu leiden hat, kommt aber vertrauensvoll an Kühe und Pferde heran, die in seinem Gebiete weiden, mischt sich auch da, wo es Zahme seiner Art gibt, gern unter diese, obschon es recht wohl weiß, daß es nicht mit seinesgleichen zu tun hat. Hieraus geht hervor, daß die Furcht und Scheu vor dem Menschen die Folge der bösen Erfahrung ist, die es mit ihm gemacht hat, daß es also kein dummes Tier sein kann. Ende September ist die Brunst und Mitte April wird das Junge geworfen und längere Zeit von seiner Mutter gesäugt.