Alles am Renntier wird von diesen Leuten benutzt, nicht bloß die Milch und der daraus bereitete wohlschmeckende Käse, das Fleisch und das Blut, sondern auch jeder einzelne Teil des Leibes. Aus dem weichen Fell besonders der Renntierkälber verfertigt man warme Pelzröcke und Pelzstiefel; die Sehnen benutzt man zu Zwirn, die Gedärme zu Stricken. Wie zur Renntierzeit werden auch heute noch aus Horn und Knochen allerlei Gerätschaften, besonders Fischhaken und Angeln hergestellt. Außerdem wird das Tier zum Tragen der Gerätschaften, besonders der Zeltbestandteile und Effekten seines Besitzers verwendet. In Lappland benutzt man das Renn hauptsächlich zum Fahren, weniger zum Lasttragen, weil ihm letzteres, des schwachen Kreuzes wegen, sehr beschwerlich fällt. Nur die Tungusen reiten auch auf den stärksten Rennhirschen, indem sie einen kleinen Sattel gerade über die Schulterblätter legen und sich mit abstehenden Beinen daraufsetzen. Auf diese Weise reiten sie selbst über Moorgebiete, in die Pferde und Menschen tief einsinken müßten, mit erstaunlicher Sicherheit hinweg. Der Korjäke dagegen fährt im Renntierschlitten und Wettfahrten gehören zu seinem Hauptvergnügen. Weder zum Fahren, noch zum Reiten werden die Tiere besonders abgerichtet, sondern man nimmt dazu ohne viel Umstände ein beliebiges, starkes Tier aus der Herde und schirrt es zum Ziehen des bootartigen Schlittens oder zur Aufnahme des kunstlosen Sattels an. Ein gutes Renntier legt mit dem Schlitten in einer Stunde etwa 10 km zurück und zieht 120–140 kg, wird aber gewöhnlich viel geringer belastet. Schont man solche Zugtiere, indem man sie nur morgens und abends einige Stunden ziehen, mittags und nachts aber weiden läßt, so kann man erstaunlich große Strecken zurücklegen, ohne sie zu übermüden. Doch ist auf die Dauer der Zughund leistungsfähiger als sie; deshalb haben die Kamtschadalen im Gegensatz zu ihren Nachbarn, den Korjäken, ihre Hunde zum Ziehen der Schlitten nicht mit dem Renntier vertauscht. Auch die Giljaken im Mündungsgebiet des Amur sind vom Renntiergespann wieder zum Hundeschlitten, als dem leistungsfähigeren Fortbewegungsmittel, zurückgekehrt. Allerdings muß man den Hunden für Nahrung sorgen, während das Renntier sich sein Futter selbst sucht.
Außer im Norden von Skandinavien ist das Renntier in Finnland stark verbreitet. In Rußland ist das Gouvernement Archangelsk am reichsten daran; auch die Gouvernemente Perm und Orenburg besitzen noch starke Bestände davon. Durch ganz Sibirien haben die Nomadenstämme der Samojeden, Ostjaken, Tungusen, Tschuktschen und wie sie sonst heißen mögen, große Herden von Renntieren, von denen sie neben der Jagd auf die wilden Renntiere leben. Als Proviant wird Renntierfleisch getrocknet; solchergestalt läßt es sich lange Zeit aufbewahren ohne zu faulen. In neuester Zeit hat man versucht, von Sibirien aus Renntiere in Alaska einzubürgern, um die soziale Lage der dortigen Einwohner zu heben. Ob dieser Versuch tatsächlich geglückt ist, steht dahin; doch wird dies wohl der Fall sein, da dieses Tier keine Schwierigkeiten bei der Haltung macht.
Da das Renntier erst so kurze Zeit im Haustierstande ist, hat es sich noch nicht in verschiedene Rassen spalten können. Immerhin sind bei der zahmen Art, abgesehen von der geringeren Größe, der größeren Häßlichkeit und der unregelmäßigen Bildung des Geweihs, das auch später abgeworfen wird, bereits kleine Farbenunterschiede bemerkbar. Bei vielen ist die Färbung des Felles schon ziemlich rein weiß, bei anderen scheckig geworden. Das wohlschmeckende Wildbret des Renns ist bei uns so beliebt geworden, daß es im Winter von Skandinavien aus regelmäßig auf unseren Markt gelangt und willige Abnehmer findet.
XI. Der Elefant.
Die letzten spärlichen Stammhalter einer einst durch zahlreiche Arten vertretenen Säugetiergattung sind die Rüsseltiere, unter denen die Elefanten die wichtigsten und für den Menschen nützlichsten sind. Schon seit dem hohen Altertum gezähmt und zum Nutztier des Menschen abgerichtet, sind sie indessen bis jetzt nie eigentlich zu Haustieren geworden, indem sie sich in der Gefangenschaft nur ausnahmsweise fortpflanzen.
Wenn wir von zahmen Elefanten sprechen, so verstehen wir darunter stets den etwas kleineren und mit kleinen Ohren versehenen indischen Elefanten (Elephas indicus), der ein ausgesprochenes Waldtier ist und die mit Wäldern bedeckten Teile von Vorderindien, Ceylon, Assam, Birma, Siam, Cochinchina, der Halbinsel Malakka und Sumatra bewohnt, aber auch in Borneo vorkommt, wo er indessen vielleicht nur eingeführt ist. Er ist fast haarlos, abgesehen von einer Reihe langer, grober Haare am Schwanzende, von dunkelgrauer Farbe und trägt an den Vorderfüßen 5, an den Hinterfüßen dagegen nur 4 Hufe. Weibchen werden meist bloß 2,4 m, Männchen durchschnittlich 2,7 m hoch, können aber bis 3,6 m Höhe und über 3000 kg Gewicht erlangen. Die Stoßzähne sind wurzellose Schneidezähne mit Emailüberzug, der nicht wesentlich härter ist als die innere Elfenbeinmasse. Sie wachsen ruckweise und bestehen aus dütenartig ineinander gesteckten einzelnen Schichten von Dentin. Beim Männchen sind sie stärker ausgebildet als beim Weibchen und dienen als Hebel zum Abbrechen von Zweigen und Entwurzeln von kleineren Bäumen, von deren Laub die Tiere sich ernähren. Gelegentlich können sie nicht nur beim Weibchen, sondern auch beim Männchen fehlen. Von den oben und unten nach und nach hervorbrechenden 6 Backenzähnen jeder Kieferhälfte sind meist nur 4 im Gebrauch, je einer oben und unten. Sie bestehen aus einer Anzahl sich selbständig entwickelnder, erst nachträglich durch Zement zusammengekitteter Platten, innen aus Dentin und außen aus Schmelz bestehend; und zwar ist der erste aus 4, der zweite aus 8, der dritte aus 12, der vierte gleichfalls aus 12, der fünfte aus 16 und der sechste aus 24 Querplatten zusammengesetzt. Die einzelnen Zähne sind weniger groß als beim afrikanischen Elefanten, weil seine Nahrung weicher ist. Sie besteht nämlich hauptsächlich aus verschiedenen Arten von Gräsern und Blättern, jungen Bambusschößlingen, aus Stengeln und Blättern wilder Bananen und aus den kleinen Blättern, den weichen Zweigen und der Rinde bestimmter Baum-, namentlich Feigenarten. Von einem ausgewachsenen Tiere werden täglich große Mengen von Nahrung, nämlich 300–350 kg, verzehrt. Dagegen trinken die Elefanten in der Regel nur zweimal am Tage, nämlich vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang. Sowohl das Wasser als auch die Nahrung führen sie mit dem Rüssel zum Munde, der ein überaus muskulöses Organ ist und aus über 35000 einzelnen Muskelbündelchen besteht, nämlich von in Reihen hintereinander geordneten Längs- und in Bogen verlaufenden Quermuskeln. Er ist beim indischen Elefanten länger als beim afrikanischen, etwa von der halben Körperlänge, und trägt vorn an der Spitze einen fingerartigen, äußerst nervenreichen Fortsatz, mit dem er die feinsten Gegenstände vom Boden aufzugreifen vermag. Die Augen sind auffallend klein und das Sehvermögen gering, das Gehör mäßig, aber der Geruch außerordentlich fein entwickelt.
Gewöhnlich lebt der indische Elefant in Herden von 30–50 Stück verschiedener Größe und beiderlei Geschlechts. Dabei gehören im allgemeinen alle Stücke einer Herde zu derselben Familie, sind also nahe miteinander verwandt. Verschiedene Herden vermischen sich nämlich nicht miteinander, obschon versprengte Weibchen und junge Männchen auch leicht in eine fremde Herde aufgenommen werden. Nur alte, griesgrämige Männchen leben gern für sich allein und können dann sehr bösartig werden. Der Anführer der Herde ist merkwürdigerweise stets ein Weibchen. Im allgemeinen sind alle Elefanten trotz ihrer Größe und Kraft furchtsame und schreckhafte Tiere, die dem Menschen, ihrem größten Feinde, sorgfältig aus dem Wege gehen. Abgesehen von den von den Engländern in Indien als rogues bezeichneten einzellebenden Männchen hat man sich besonders vor Weibchen mit Jungen zu hüten. Greift ein Elefant an, so benutzt er dabei die Füße und, falls es ein Männchen ist, seine Stoßzähne, nicht aber seinen Rüssel, den er beim Angriff vielmehr fest zusammenrollt. Den geworfenen Gegner zertrampelt er meistens.
Den größten Teil des Tages und der Nacht streicht der Elefant umher um zu fressen, ruht ungefähr von 9 oder 10 Uhr morgens bis nachmittags 3 Uhr und zum zweiten Male etwa von 11 Uhr abends bis 3 Uhr morgens. Beim Weiden zerstreut sich die Herde etwas, aber schnell sammeln sich ihre Mitglieder, sobald sie beunruhigt werden. Zum Schlafen legt sich der indische Elefant gleich andern Säugetieren nieder, während der afrikanische, der auch die Sonnenhitze besser erträgt, stets stehend schläft. In vielen Gegenden unternehmen die Elefanten zu bestimmten Jahreszeiten Wanderungen von beträchtlicher Ausdehnung, hauptsächlich wohl des Futters wegen, zum Teil aber auch, um gewissen, ihnen lästig fallenden Insekten aus dem Wege zu gehen. Bei den Wanderungen marschieren die Tiere im Gänsemarsch hintereinander; kommen sie bei warmem Wetter an Wasser, so baden sie, wälzen sich auch gern im Schlamme. Sind sie erhitzt, so spritzen sie mit dem Rüssel Wasser über ihren Körper. Können sie solches nicht haben, so benetzen sie ihren Rücken mit Speichel, werfen auch Erde und Blätter zur Kühlung darauf.
Tafel 47.