(Copyright Underwood & Underwood in London.)


GRÖSSERES BILD

Tafel 48.

Junger ostafrikanischer Elefant.

Zwei erlegte ostafrikanische Elefanten mit großen Stoßzähnen.
(Beide Bilder nach einer im Besitz der deutschen Kolonialschule in Witzenhausen befindlichen Photographie.)

Wenn auch die geistigen Fähigkeiten des Elefanten meist überschätzt werden, so ist gleichwohl zuzugeben, daß er außerordentlich gelehrig, klug und gehorsam ist, und dies in so hohem Grade, daß sich kein anderes ausgewachsenes Säugetier auch nur halbwegs so leicht zähmen läßt wie er. Seine sehr lange Entwicklungszeit von 25 und mehr Jahren und sein Leben in engstem Familienverbande, durch das die Jungen nicht bloß das Lernen, sondern auch die Alten das Lehren so gewohnt werden, daß sie es auch in der Gefangenschaft nicht lassen können, begünstigen in hohem Maße seine Dressurfähigkeit. Diese Neigung zum Bevormunden ist auch der Hauptgrund, weshalb die zahmen Elefanten so gern bei der Bändigung der wilden helfen. Wie Jäger sagt, steckt ihnen das Schulmeistern im Blute. Wenn nun auch der Elefant außerordentlich zahm ist und auf jeden Wink seines Führers gehorcht, so pflanzt er sich gleichwohl in der Gefangenschaft, wenigstens in Britisch-Indien, nur selten fort; doch soll die Elefantenzucht mit zahmen Weibchen in Teilen von Birma und Siam etwas ganz gewöhnliches sein. Sogar in Menagerien und Tiergärten pflanzt er sich gelegentlich fort, so bekam eine Elefantenkuh im bekannten Tiergarten von Schönbrunn bei Wien zweimal Junge, die gut gediehen. Der Elefantenbulle ist etwa im 20. Jahre fortpflanzungsfähig, wenn er auch erst mit 25 ausgewachsen ist und erst im 35. Jahre seine Vollkraft erreicht. Seiner langsamen Entwicklung entsprechend, wird er 100–150 Jahre alt. Die Weibchen bringen ihr erstes Kalb ungefähr im Alter von 16 Jahren zur Welt und weitere Junge in Zwischenräumen von durchschnittlich 2,5 Jahren. Die Tragzeit beträgt 201⁄2 Monate. Meist im Herbst wird das eine Junge geboren, das bei der Geburt 85 cm hoch und ungefähr 100 kg schwer ist und mit seinem Munde, nicht aber mit dem dann noch dünnen, kurzen und wenig beweglichen Rüssel, der dabei zurückgelegt wird, an den beiden an der Brust befindlichen Zitzen seiner Mutter saugt. Nur in seltenen Ausnahmefällen werden Zwillinge geboren. Hat ein Weibchen geworfen, so verbleibt die ganze Herde, der es angehört, rücksichtsvoll ein paar Tage an der Stelle, da solches geschah. Überhaupt leben die Mitglieder einer Herde äußerst friedlich zusammen. Nur bei der an keine Periode oder Jahreszeit gebundenen Brunst sind die Tiere leicht reizbar und können Streit miteinander bekommen, oder, wenn sie gezähmt im Dienste des Menschen stehen, wütend werden, besonders die Männchen, bei denen dann, wie übrigens auch bei den Weibchen, aus einer kleinen, zwischen Auge und Ohr gelegenen Schläfendrüse eine ölige Substanz herausfließt. Es ist dies ein sexuelles Reizmittel von für die menschlichen Nasen kaum merklichem Geruch, das aber für die so sehr viel feineren Geruchsorgane jener Tiere stark wirkt.

Da die indischen Elefanten so leicht gezähmt werden können, hat man sich gar nie die Mühe genommen, sie systematisch zu züchten und in der Gefangenschaft zur Fortpflanzung zu bringen. Weil sie überaus langsam wachsen und bis zu ihrem leistungsfähigen Alter sehr viel Futter verbrauchen, das der Mensch ihnen geben muß, ist es sehr viel einfacher, sie sich in der Wildheit fortpflanzen und verköstigen zu lassen, bis sie ein für den Dienst beim Menschen taugliches Alter erlangt haben, und sie dann zu fangen. Dazu treibt man eine oder einige Herden durch eine lärmende und schießende Treiberkette in eine aus Baumstämmen hergestellte Einfriedigung, eine sogenannte Keddah. Hier fängt und entfernt man die zum Behalten gewünschten Exemplare mit Hilfe zahmer Elefanten und läßt die übrigen laufen. Die gefangenen Individuen werden an starke Bäume angebunden, durch Entzug von Nahrung und Trank, wie auch der Gelegenheit zu Baden mürbe gemacht, dann zwischen zwei zahmen Elefanten zur Tränke und zum Bad und bald auch zur Arbeit geführt, wobei sie sich trotz ihrer Stärke ziemlich rasch unter die geistige Gewalt des Menschen beugen und seinem Willen gehorchen. Die Südasiaten sind Meister in der Kunst wilde Elefanten mit Hilfe von zahmen zu fangen und zu zähmen. Außer dem Fang in Einfriedigungen, in die die durch unmenschlichen Lärm erschreckten Tiere herdenweise getrieben werden, betreibt man den Einzelfang. Entweder sucht man wilde Elefanten vor dem Wind auf schnellen zahmen einzuholen und mit Schlingen zu fesseln, oder man folgt großen Männchen, auf die man es besonders abgesehen hat, mit zahmen Weibchen und bindet ihnen, wenn sie schlafen, die Hinterbeine zusammen.