Aber außer in der Form ist das Huhn auch physiologisch weitgehend durch die Zucht beeinflußt worden. So ist vor allem seine Legefähigkeit enorm gesteigert. Während die wilde Stammform, sobald sie erwachsen ist, was nach einem Jahre der Fall ist, wie wir sahen, höchstens 11 Eier legt, soll einer der besten Leger, aber dadurch ein schlechter Brüter, nämlich die auch bei uns viel gehaltene italienische Rasse bis zu 120 Eier im Jahre legen. Nach der Vermutung von Baldamus ist diese hochgezüchtete Rasse sehr alt und geht nicht nur auf die Hühner der Römer und Griechen zurück, sondern reicht in ihren Anfängen bis zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends zurück. So zeigen Darstellungen auf assyrischen Siegelzylindern in Umrissen und Proportionen große Ähnlichkeit mit dem italienischen Huhn.

Am nächsten stehen der wilden Stammform die eleganten Kampfhühner, die nur eine geringe Einwirkung der Domestikation zeigen. Der auffallend schlanke Körper zeigt vielfach Unterschiede in der Färbung. Am Kopf sind die Fleischlappen und der Kamm klein, der Hals ist beim Hahne lang, die Halsfedern kurz. Die Schenkel sind lang und kräftig, die Sporne lang und scharf. Die Hähne werden zu Hahnenkämpfen verwendet, die Hennen sind schlechte Legerinnen. Ihnen nahe stehen die Malaienhühner, die ebenfalls hochgestellt sind und lange, orangegelbe Beine haben. Sie sind ebenso streitsüchtig wie die vorigen und die Hennen schlechte Eierlegerinnen. Sie kommen in rotbraunen, weißen und schwarzen Farbenvarietäten vor und werden ebenfalls mehr zum Luxus als für praktische Zwecke gehalten. Während sie einen kurzen Schwanz besitzen, ist derjenige der bereits erwähnten Phönixhühner ganz außerordentlich verlängert, so daß er stark am Boden schleift. Er erreicht eine Länge von nicht weniger als 2 m und mehr. Damit er nicht beschädigt werde, hält man diese Hühner auf hochgelegenen Stangen. Sie sind ein spezielles Zuchtprodukt Japans und kamen erst vor kurzem als Merkwürdigkeit nach Europa. Dem Äußeren nach gleichen sie den gewöhnlichen Landhühnern, die wenig hochgezüchtet sind und in der Form und Färbung der wilden Stammart noch ziemlich nahe stehen. Aus ihnen sind in den verschiedenen Ländern spezielle Rassen gezüchtet worden. Unter ihnen sind zu nennen die spanische Rasse von stolzer Haltung, mit weißem Gesicht, mit langen Kehllappen und großem, gezacktem Kamm. Das Gefieder dieses Huhnes ist bei den reinrassigen Vögeln schwarz mit grünem Schiller. Sie sind im Hühnerhofe sehr geschätzt, weil sie viele und große Eier legen. Ihnen nahe stehen die Minorcas mit scharlachrotem Gesicht und sehr großem Kamm, ferner die diesen gleichenden Anconas mit gesperberter Federzeichnung und die Andalusier mit rotem Gesicht, schwarzem Hals und dunkelschieferblauem Gefieder.

Sehr stattlich ist die englische Dorkingrasse, welche sich zur Fleischnutzung sehr empfiehlt und gute Brüter liefert. Das volle Gefieder kann dunkel, gesperbert, silbergrau oder weiß sein. Die Brust erscheint breit. Das Gewicht geht bei der Henne bis zu 4 kg, beim Hahn bis zu 5 kg. Ein sehr zartes, weißes Fleisch haben auch die Hamburger Hühner, deren Zucht stark verbreitet ist. Sie besitzen einen nach hinten spitz auslaufenden Rosenkamm, weiße Ohrlappen, einen hornfarbigen Schnabel und blaue Beine. Dazu besitzt der Hahn im Schwanze lange Sichelfedern. Nach der Färbung unterscheidet man grünschillernde, schwarze Silbersprenkel, Goldlack und Silberlack. Die Hennen gelten als gute Eierlegerinnen, sind aber zum Brüten schlecht.

In Siebenbürgen werden die Nackthalshühner gezüchtet, die durch ihren roten, von Federn entblößten Hals wie gerupft aussehen. Manche Züchter führen diese Eigentümlichkeit auf eine Kreuzung mit dem Truthahn zurück, was aber zweifellos unrichtig, ja unmöglich ist. Sie sind ziemlich groß, schwarz gesperbert oder weiß mit einem einfachen Kamm. Eine schöne französische Rasse sind die nach dem Dorfe La Flèche genannten La Flèche-Hühner von glänzend schwarzem Gefieder, rotem Gesicht mit langen Kehllappen und weißem Ohrfleck. Weil sich der niedrige Kamm in zwei lange, hörnchenartige Zapfen spaltet, nennt man sie auch poules cornette. Die Haubenhühner besitzen an Stelle des zurückgebildeten Kammes einen Schopf von aufrechtstehenden, mit den Spitzen überfallenden Kopffedern. Zu ihnen gehören die in Frankreich und Deutschland vielfach gezüchteten schwarzen Crève-cœur-Hühner, die neben dem Federschopf noch zwei aufrechte Kammspitzen von roter Farbe aufweisen. Dann die stattlichen schwarz und weiß gescheckten Houdanhühner, die neben der starken Haube einen Kamm mit gezackten Blättern besitzen. Diese stattlichen Tiere, deren Füße wie diejenigen der englischen Dorkings fünf Zehen besitzen, sind sehr mastfähig und werden besonders im Departement Seine et Oise gezogen. Eine starke Vollhaube und dazu noch Bärte besitzen die goldbraunen oder silberweißen Paduaner, die aber wenig mastfähig und schlechte Brüter sind. Rein schwarz mit weißer Haube sind die Holländer, die an Stelle des Bartes lange rote Kehllappen tragen. Der Kamm ist ganz klein und fehlt bei den reinrassigen Tieren.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus China bei uns eingeführte Rassen sind die großen Cochinchina-Hühner mit rundem, vollem Körper und breiter Brust. Der Kopf ist klein mit schwach entwickeltem, aufrechtstehendem Kamm. Die Flügel sind kurz, die dicken Beine sind an der Außenseite bis zu den Zehen hinunter befiedert. Der Schwanz ist auch beim Hahn recht kurz. Die Färbung ist meist gelb, doch kann sie auch schwarz, weiß, rebhuhnartig oder gesperbert sein. Sie besitzen ein vortreffliches Fleisch und sind gute Brüter. Sehr nahe verwandt damit sind die Brahmaputrahühner, die sich eigentlich nur durch die erbsenförmige Gestalt des Kammes unterscheiden. Ebenfalls ostasiatischen Ursprungs sind die Seidenhühner, die ihren Namen vom feinen, haarartigen Federkleide haben. Im Körperumriß ähneln sie den Cochinchinas; auch ihre Flügel sind auffallend kurz, so daß sie durchaus nicht fliegen können. Zu dem reinweißen Federkleide kontrastiert die blauschwarze Farbe der Beinhaut. Sie sind gegen Nässe empfindlich. Ihre Eier sind blaßgelb.

Aus Japan stammen die Zwerghühner oder Bantams, die nicht viel größer als Tauben werden. Sie sind schwarz, weiß oder gesperbert und machen sich durch ihr munteres Wesen beliebt. Wirtschaftlich spielen sie eine unbedeutende Rolle. Weit mehr geschätzt ist das neuerdings bei uns eingeführte Yokohamahuhn. Aus Nordostasien kamen die Langshans zu uns. Durch Kreuzung verschiedener alter Rassen erzielten die Amerikaner diverse neue, unter denen die Brahmas, Plymouth-Rocks und Wyandottes eine weitere Verbreitung bei uns erlangten. Die neuerdings durch die unternehmungslustigen Engländer auf den Markt gebrachten Orpingtonhühner sind noch nicht zu einer festen Rasse geworden.

Die Hauptaufgabe der Hühnerzucht ist das Heranzüchten eines guten Landhuhns, das während seines ganzen, etwa 6 Jahre dauernden Lebens, die meisten allerdings in den vier ersten Jahren, 500 bis 600 Eier legt und daneben noch als Fleischlieferant zu gebrauchen ist. Unter den deutschen Nutzhühnern spielt gegenwärtig das in Westfalen heimische Lakenfelderhuhn und das Ramelsloherhuhn aus der Lüneburger Heide eine Hauptrolle. Sobald die Hühner mit dem Eierlegen nachzulassen beginnen, mästet und schlachtet man sie, so daß sie dann noch als Fleischlieferanten von Nutzen sind.

XV. Perlhuhn, Pfau, Fasan und Truthuhn.

Von weiteren domestizierten Hühnervögeln ist das Perlhuhn (Numida meleagris) zu nennen, das in Westafrika bis Marokko heimisch ist. Es hat seinen lateinischen Namen meleagris von Meleager, dem Sohne des kalydonischen Königs Oineus, der auf der berühmten kalydonischen Eberjagd umkam. Darüber waren seine Schwestern ganz untröstlich und wurden durch das Mitleid der Götter in Vögel verwandelt. Da die auf schiefergrauem Grunde stehenden perlenartigen Tropfen an Tränen erinnerten, sollten sie die Tränen der Schwestern des Meleager bedeuten. Diese Vögel sollten nach Plinius auf dem Grabe des Meleager gehalten werden und dort zu Ehren des Toten kämpfen, wie in der Vorzeit zu Ehren Verstorbener abgehaltene Kampfspiele durch Menschen üblich waren.