Im Hofe die Gänse,

Die Gudrun zog.

Nachdem sie im Herbste fett geworden waren, wurden sie, da man sie nicht vollzählig überwintern konnte, zum größten Teil geschlachtet und dem Gotte Thor zu Ehren gegessen. Als der heilige Martin den letzteren bei der Christianisierung der Germanen ablöste, verspeiste man sie dem letzteren zum Gedächtnis. Noch heute ist bei uns die Martinsgans in Ehren. In Norddeutschland wird die gerupfte und ausgenommene Gans wie das Schweinefleisch seit alter Zeit geräuchert, um sie so in den Winter hinein aufbewahren zu können.

Die Veränderungen, die unsere Hausgans gegenüber der Wildgans erlitt, sind eigentlich unbedeutend. Ihr Gang ist infolge des erhöhten Gewichtes schwerfälliger geworden und ihre Flugfähigkeit hat sich bedeutend vermindert, der Rumpf wurde etwas tiefer gestellt und der Schwanz kürzer als bei der Graugans. Auch die Färbung wurde bei den grau gebliebenen Schlägen einfacher in der Zeichnung. Eine solche graue Art von bedeutender Schwere ist die Toulouser Gans, die oben dunkelgrau und unten hellgrau ist, mit fleischfarbenem Schnabel. Eine kleine Varietät derselben mit struppigen, gekräuselten oder gelockten Federn, deren dünner Schaft eine zerschlissene Fahne besitzt, ist die Sebastopol- oder Struppgans. Die meisten europäischen Abarten besitzen als Folge des durch Domestikation weit gediehenen Leucismus ein rein weißes Gefieder, einen gelbroten Schnabel, hellblaue Iris und orangefarbene Füße, so die Emdener Gans und die durch ihre Größe ausgezeichnete pommersche Gans.

Mit den Europäern haben die Hausgänse sich auch in die von jenen kolonisierten Länder verbreitet, so besonders nach Nordamerika. Dieses Land hat aus seinem reichen Bestand von wilden Gänsen in der Folge ebenfalls eine zur Domestikation geliefert. Es ist dies die Kanadagans (Anas canadensis), deren von wild lebenden Tieren ausgenommene Eier mehrfach von Hausgänsen europäischen Ursprungs ausgebrütet wurden. So war es nicht schwer Zuchtmaterial von ihr zu erhalten. Doch gelang es nur, wenn diese Tiere ganz jung waren, sie untereinander fortzupflanzen. Für die Volkswirtschaft hat aber das Tier, das keine Vorzüge vor der Hausgans europäischen Ursprungs darbietet, durchaus keine Bedeutung erlangt und wird in seiner Heimat, wie auch bei uns, meist nur als Ziervogel auf größeren Teichen gehalten. Da niemand auf seine Fortpflanzung achtete, wird es immer wieder erloschen sein, um dann später gelegentlich neu aufzutauchen. So erwähnt es schon Willoughby 1676 als im Besitze König Jakobs I. befindlich. Bald danach berichtet Edwards, daß sich der Vogel in der Gefangenschaft fortgepflanzt habe. In neuerer Zeit scheint dies öfter vorzukommen. Doch ist dies alles aus obengenannten Gründen bedeutungslos geblieben. Der Vogel hat eben keinen praktischen Wert für die Züchter.

Ganz anders steht es mit der chinesischen Gans, die von der ostasiatischen wilden Höcker- oder Schwanengans (Anas cycnoides) abstammt, aber sich von ihr dadurch unterscheidet, daß ihr jede Spur eines Höckers an der Schnabelwurzel fehlt, den besonders das Männchen der wilden Art sehr ausgeprägt zeigt. Sonst ähnelt der wilde Vogel in der Färbung unserer Märzgans. Der zahme Vogel zeigt aber meist die auch von der domestizierten Märzgans angenommene weiße Farbe; dabei weist das Männchen oft noch eine Art Kehlsack auf. Die chinesische Hausgans nimmt in ihrer Heimat China, weniger in Japan, ungefähr die Stellung der Hausgans bei uns ein. Hier geht, besonders im Süden, die Ente bedeutend an Wichtigkeit vor. Schon im 16. Jahrhundert wurde sie von den Portugiesen unter dem Namen spanische Gans oder — nach dem Wege über Afrika — Guineagans nach Europa gebracht. Doch hat sie hier nicht die Verbreitung gefunden, die sie verdient. Nur in Rußland, besonders im Süden, war sie schon im 18. Jahrhundert recht verbreitet. Sie war dahin auf dem Karawanenwege gelangt, wurde hier aber in der Folge stark mit der europäischen Hausgans gekreuzt, so daß die Vögel durchgängig gemischten Blutes sind. Hier benutzt man sie mit Vorliebe zu den Gänsekämpfen, die besonders dadurch possierlich werden, daß jedem der kämpfenden Männchen das Weibchen sekundiert. Neuerdings ist die chinesische Gans auch mit der kanadischen gekreuzt worden.

Viel später als die Erwerbung der Gans als Haustier erfolgte diejenige der Ente, die erst in historischer Zeit domestiziert wurde, und zwar wie die Gans sowohl in Europa, als auch in China in durchaus selbständiger Weise. Die alten Ägypter, Assyrer, Inder und homerischen Griechen besaßen sie so wenig als die älteren Römer. Erst vom Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts an scheinen sie die Römer und dann auch die Griechen mit andern Schwimmvögeln zusammen in besonderen Teichen gehalten zu haben. So schreibt der römische Ackerbauschriftsteller Columella etwa um 60 n. Chr.: „Im Entenpark hält man Enten (anas), Knäkenten (querquedula), Kriekenten (boscas), Wasserhühner und ähnliche Wasservögel. Das Ganze umgibt man mit einer 15 Fuß hohen Mauer, deckt es mit einem weitmaschigen Netz (damit keiner der Insassen hinaus und kein Raubvogel hinein könne, sagt an einer ähnlichen Stelle Varro), gräbt in der Mitte einen Teich von zwei Fuß Tiefe, der immer frisches Wasser erhält und dessen Ufer allmählich abwärtsgehen und mit Mörtel ausgestrichen sind. Rings am Ufer hin ist der Boden des Teiches gepflastert, in der Mitte dagegen besteht er aus Erde und ist daselbst mit Wasserpflanzen besetzt, unter welchen sich die Vögel verbergen können. Der Platz außerhalb des Teiches ist mit Gras bewachsen. Zum Nisten sind am Fuße der Mauer je einen Fuß ins Geviert haltende Zellen aus Stein gebaut, die von Buchs- und Myrtenbäumchen beschattet werden. Das Futter wird in einen besonderen flachen Wasserkanal geworfen. Am liebsten fressen sie die Körner der verschiedenen Hirsearten, aber auch Gerste. Hat man Eicheln und Weintrester, so gibt man auch diese. Ebenso sind Abgänge von Fischen, Krebse und kleine Wassertiere dienlich. Das Eierlegen beginnt im März. Zu dieser Zeit wirft man Hälmchen hin, aus denen sie ihre Nester bauen. Übrigens verfahren manche Leute beim Anlegen eines Entenparks so: sie lassen an Sümpfen Eier von wilden Enten sammeln und diese von Haushühnern ausbrüten. Solche nisten dann leicht in der Gefangenschaft, alt eingefangene dagegen nicht gern.“ Dieses letztere Verfahren, die Eier wilder Enten zu sammeln und sie durch Haushühner ausbrüten zu lassen, beweist, daß damals die Domestikation dieses Vogels erst im Gange war; auch muß die Flugfähigkeit desselben noch nicht vermindert gewesen sein, daß man Netze über die Ententeiche spannte.

Tafel 51.

Schwan aus Daschur. Altägyptische Holzschnitzerei aus der Zeit der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.).