Sehr viel häufiger finden wir dagegen die Gans bei den Römern erwähnt, bei denen sie als Nutztier eine erhebliche Bedeutung besaß. Der römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt von ihr in seinem Buche über Landwirtschaft: „Die Gans wird vom Landmann sehr gern gehegt und gepflegt, weil man sich mit ihr nicht viel Mühe zu geben braucht und weil sie sorgfältiger wacht als ein Hund; denn sie verrät durch ihr Geschrei den Spitzbuben ganz sicher, wie sie denn einmal durch ihre Wachsamkeit das Kapitol (vor dem Überfall durch die Gallier oder Kelten) gerettet hat. Zur Gänsezucht gehört übrigens Wasser und viel Gras; auf Saatfeldern darf sie nicht weiden, denn sie reißt da die zarten Pflänzchen ab. Sie liefert nicht bloß Junge, sondern auch Federn, die man jährlich zweimal, im Frühling und Herbst, ausrupfen kann. Auf drei Gänse hält man einen Gänserich. Gewöhnlich beschränkt man die Zahl der Gänse auf wenige. Will man aber ganze Herden davon halten, so muß man einen See oder Teich oder Fluß für sie haben. Man baut dann für sie allein einen Hof, umgibt ihn mit einer neun Fuß hohen Mauer, diese an der Innenseite mit einem Gang, der ein Dach hat und eine Wohnung für den Wärter enthält. Rings im Gange werden für einzelne Gänse steinerne Verschläge gebaut, wovon jeder drei Fuß im Geviert mißt und eine feste Türe hat.
Außer dem Wasser müssen die Gänse auch Wiesen haben, ferner müssen Äcker für sie bestimmt sein, welche mit Wicken, Klee, sogenanntem griechischem Heu (Bockshornklee), vorzüglich aber mit Salat und einer Art Zichorie, welche die Griechen seris nennen, besät sind; denn diese weichen Blätter fressen die Gänse besonders gern und sie bekommen den Jungen vortrefflich. Man hält womöglich nur weiße Gänse, da sie die besten sind. Das Brüten beginnt im Februar oder März. Läßt man eine Gans nicht brüten, so legt sie jährlich zu drei verschiedenen Zeiten Eier, erst fünf, dann vier, dann drei. Man läßt die Eier am liebsten von Haushühnern ausbrüten, auch die Jungen von diesen oder von den Gänsen selbst führen. Zur Legezeit muß man gut auf die Gänse aufpassen und diejenigen, bei welchen man das erste reife Ei fühlt, einsperren, bis sie gelegt haben. Hat man das beim ersten Ei getan, so sucht dann die Gans für jedes andere dasselbe Nest wieder auf. Einem Haushuhn darf man nur drei bis höchstens fünf Gänseeier unterlegen, der Gans selbst 7 bis 15. Unter das Neststroh muß man Nesseln mischen; dadurch beugt man vor, daß später die jungen Gänschen nicht sterben, wenn sie von Nesseln gestochen werden. Gewöhnlich kriechen die Gänschen am 30. Tage aus dem Ei, bei warmem Wetter auch früher. Wie bei andern jungen Tieren, so muß auch bei den Gänschen dafür gesorgt werden, daß sie keine Natter, keine Otter, keine Katze, kein Wiesel anhauchen kann, geschieht es doch, so sind die zarten Wesen unrettbar verloren.“ Selbstverständlich ist letzteres eine abergläubische Ansicht, wie solche bei den Römern wie bei den andern Völkern des Altertums sehr zahlreich verbreitet waren.
Es gab damals bei den Römern, wie uns der gelehrte Varro zu Ende der Republik berichtet, eigentliche Gänsezüchtereien, die man mit dem griechischen Worte chēnoboskeíon bezeichnete. „Scipio Metellus und Marcus“, fährt dieser Autor fort, „besitzen große Gänseherden. Sejus schaffte große und weiße an; er hoffte von ihnen eine ebensolche Nachkommenschaft zu ziehen. Es gibt auch eine bunte (graue) Gänserasse, die man die wilde nennt, die sich nicht gern mit zahmen zusammentut und nicht leicht zahm wird. Man füttert sie mit der speziell für sie angepflanzten seris oder mit Gerste oder anderem Getreide oder gemischtem Futter. Zur Mast nimmt man Junge von 4 bis 6 Monaten, sperrt sie in einen Verschlag, gibt ihnen eine mit Wasser naßgemachte Mischung von Gerstengraupen und Mehl, so daß sie sich täglich dreimal sättigen können, und nach dem Fressen reichlich zu saufen. Auf solche Weise müssen sie in drei Monaten fett sein. So oft sie gefressen haben, wird ihr Verschlag gereinigt; denn sie verlangen, daß er rein sei.“
Schon bei den Feinschmeckern des alten Rom galt die Leber gemästeter Gänse als Leckerbissen. So schreibt der Dichter Horaz in einer seiner Satiren: „Um eine delikate, große Gänseleber auftischen zu können, werden die Tiere mit Feigen gemästet.“ Juvenal sagt: „Die Leber der Gans wird so groß wie die Gans selbst“, und Martial ruft einmal aus: „Da, sieh, eine Gänseleber, die größer ist als eine große Gans! Woher stammt denn diese?“ Der ältere Plinius bemerkt in seiner Naturgeschichte: „Die Römer sind pfiffiger (als die Griechen) und schätzen die Gänse weniger wegen ihrer Liebe zur Philosophie als wegen ihrer wohlschmeckenden Leber. Werden sie gemästet, so wird die Leber außerordentlich groß und nimmt an Umfang noch zu, wenn man sie in eine Mischung von Milch und Honig legt. Es ist eine wichtige Frage, wer zuerst diese köstliche Entdeckung gemacht hat, ob der Konsular Scipio Metellus oder dessen Zeitgenosse, der Ritter Marcus Sejus. Das ist dagegen unbestreitbar, daß Messalinus Cotta, Sohn des Redners Messala, die Erfindung gemacht hat, Gänsefüße zu rösten und nebst Hahnenkämmen einzumachen.“
Im ersten Jahrhundert n. Chr. lernten die Römer noch ein weiteres neues Produkt durch die Germanen kennen, nämlich die Daunen als überaus weiches und angenehmes Polstermaterial. Die Kulturvölker des Mittelmeers hatten vorher augenscheinlich diese Verwendung noch nicht gekannt. Wollte man weich sitzen oder liegen, so mußte man eben mehrere Decken oder Felle aufeinander legen. Im verweichlichten Orient kamen dann Hasenhaare und Rebhuhnfedern als Polstermaterial für Kissen auf, und als der aus Syrien stammende Kaiser Heliogabalus diese morgenländische Sitte nach Rom verpflanzte, unterläßt es sein Biograph Lampridius nicht, diese luxuriöse Neuerung anzuführen. Da lehrten die Feldzüge nach Germanien, besonders am Niederrhein, die Römer die Gänsedaunen als ein ganz besonders feines Polstermaterial kennen, und sie benutzten sie als solches gern. Der vorhin erwähnte ältere Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Einen andern Vorteil (als die Leber) zieht man aus den Federn der weißen Gänse. An manchen Orten rupft man sie zweimal des Jahres und sie bekommen doch wieder neue Federn. Der weichste Flaum sitzt der Haut am nächsten, der beste aber kommt aus Germanien. Die dortigen Gänse sind weiß, klein, heißen gant (Gans) und das Pfund ihrer Federn kostet 5 Denare (= 3 Mark). Daher kommt es, daß die Offiziere der dort stehenden römischen Hilfstruppen so oft angeklagt werden, ganze Kohorten auf die Gänsejagd statt auf die Wache zu schicken. So sehr sind wir nun schon verweichlicht, daß sogar Männer kaum schlafen können, wenn ihr Kopf nicht auf einem Kissen aus Gänseflaum ruht.“ Bis auf den heutigen Tag ist ja das Schlafen in Federbetten eine mehr nordische Sitte geblieben, die den in einem wärmeren Klima lebenden Südländern nicht zusagte, sonst hätten die Römer am Ende auch diese Gewohnheit den Germanen am Niederrhein entlehnt.
Dagegen kannte das Altertum noch nicht den Gebrauch der Gänsefeder zum Schreiben, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa dazu üblich war. Es benutzte dafür das Schreibrohr, den Kalamós der Griechen, den die Römer als calamus übernahmen, der dann später als Kelâm zu den Arabern gelangte und von ihnen bis auf den heutigen Tag gebraucht wird. Erst der Anonymus Valesii, zur Zeit des Ostgotenkönigs Theodorich, erwähnt als Schreibinstrument auch die penna, d. h. Feder, die mit Vorliebe von den Flügeln der Gans genommen wurde. Dann erwähnen Isidorus Hispalensis, der als Bischof von Sevilla in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts n. Chr. lebte, ebenso der um 670 n. Chr. lebende Paulus von Ägina Gänsefedern zum Schreiben. Von da an war sie in ganz Europa bis in die Neuzeit im Gebrauche.
Wegen ihrer Wachsamkeit wurden im Altertum auf dem Kapitol neben Hunden auch Gänse gehalten. Letztere waren nach Livius und Diodorus Siculus der Juno geweiht und weckten die eingeschlafenen Schildwachen, als einst Gallier das Kapitol belagerten und heimlich bei Nacht am Felsen hinaufkletterten. Zum Dank für jene Rettung vor Überfall wurden nach Servius „jährlich am selbigen Tage mit Gold und Purpur geschmückte Gänse auf Sänften in Rom zur Schau herumgetragen, während die Hunde, die den Feind nicht verraten hatten, ans Kreuz geschlagen wurden“. Nach Plinius war es die erste Sorge der Zensoren, einen Vertrag mit den Leuten zu schließen, welche die Fütterung der heiligen Gänse auf dem Kapitol übernehmen wollen. Derselbe Autor sagt dann auch: „Die Gans verliebt sich mitunter in Menschen; so ist der Knabe Ägius zu Olenus von einer solchen und von einer andern Glauce, die Spielerin der Kithara am Hofe des Königs Ptolemäus, geliebt worden. Die Gänse scheinen sogar für Weisheit empfänglich zu sein, denn es bezeugte eine dem Philosophen Lakydes eine solche Anhänglichkeit, daß sie ihn nirgends, weder auf der Straße, noch im Bade, weder bei Nacht, noch bei Tag verließ.“ Solche Beispiele ließen sich auch aus der Gegenwart in größerer Zahl anführen.
Bei den Kelten und Germanen war die Gans in einer kleineren, weniger hochgezüchteten Art schon vor ihrem Bekanntwerden mit der römischen Kultur vorhanden. Wir erwähnten vorhin den Passus bei Plinius, der von der Gesuchtheit der Daunen der germanischen Gänse als Polstermaterial für die Kopfkissen der Römer berichtet. So hat auch Gudrun in der Edda ihre Gänse auf dem Hof, und diese schrieen hell auf, als ihre Herrin am Leichnam Sigurds laut jammerte:
Und hell aufschrieen
Die zierlichen Vögel,