Bild 49. Gänsebraterei im alten Ägypten.
a) Zerkleinerte Gänse in einem Kessel, d) Sieden in einem Kessel, f) Braten von Gänsen am Spieß. (Nach Wilkinson.)

Außer der Nilgans scheinen die Ägypter noch drei andere Arten von Wildgänsen gezähmt und mit gestutzten Flügeln in Herden gehalten zu haben. Dies dürfen wir vor allem nach dem berühmten Wandgemälde des Alten Reiches, das unter dem Namen die „Gänse von Meidum“ bekannt ist, schließen. Darauf sehen wir nach Gaillard und Lortet weidende Graugänse (Anser cinereus), dann Bläßgänse (Anser albifrons) und Rothalsgänse (Branta ruficollis). Immerhin war diese Zucht nur sehr vereinzelt und ohne volkswirtschaftliche Bedeutung, da sie sehr bald aufgegeben wurde.

Die Stammform unserer Hausgans ist nicht die afrikanische Nilgans, sondern die in Europa und Nordasien heimische, auf dem Rücken bräunlichgraue, auf der Unterseite gelblichgraue, spärlich und unregelmäßig gefleckte Grau- oder Märzgans (Anser cinereus). Sie gehört mehr den gemäßigten Gegenden als dem hohen Norden an und ist die einzige der bei uns vorkommenden Arten, die in Deutschland brütet. Hier erscheint sie schon Ende Februar oder Anfang März, also noch vor der eigentlichen Schneeschmelze in kleinen Gesellschaften, um, wie dies wenigstens früher der Fall war, an allen größeren stehenden Gewässern in schwer zugänglichem Schilfdickicht oder mit Gesträuchern und hohem Gras bewachsenen Inseln zu brüten und nach Beendigung der Mauser Ende Juli wieder nach Süden abzuziehen, wo sie den Winter verbringt. Treu halten die Familien zusammen. Die im Gegensatz zu den überaus schwerfällig gewordenen Hausgänsen viel rascher und zierlicher sich bewegenden, gut und ausdauernd fliegenden, gewandt schwimmenden und bei großer Gefahr in gewisse Tiefe tauchenden wilden Graugänse beweisen einen scharfen Verstand und zeigen sich sehr vorsichtig und mißtrauisch. Nur die Hausgänse erfreuen sich, als ob sie die nahe Verwandtschaft herausfühlten, ihrer Zuneigung, indem sie sich diesen auf den Weideplätzen oft nähern, ja einzeln sich nicht selten unter diese mischen. In die aus allerlei Stengeln und Halmen von Schilf, Rohr oder Binsen unordentlich und locker hergestellten und mit einer dicken Daunenlage ausgepolsterten Nester legen die jüngeren Weibchen 5–6, die älteren dagegen 7–14 durchaus denen der Hausgans gleichende, glattschalige, glanzlose, etwas grobkörnige Eier von grünlichweißer oder trübgelblicher Färbung. Am 28. Tage der Bebrütung entschlüpfen die Jungen, werden noch etwa einen Tag lang im Nest festgehalten, dann auf das Wasser geführt und zum Futtersuchen angeleitet. Später werden Wiesen und Felder zum Äsen aufgesucht. Abends kehrt alt und jung noch zum Nest zurück. Nach ungefähr zwei Wochen wird dieses für die inzwischen heranwachsenden Jungen zu klein und letztere nehmen bald hier, bald dort, dicht neben der Mutter hingekauert, ihre Schlafstelle ein.

Jung eingefangene Graugänse werden bald zahm, doch verleugnen sie, sobald sie erwachsen sind, so wenig als die von Hausgänsen erbrüteten und erzogenen Wildgänse, ihren Freiheitsdrang und Wandertrieb. Sie beginnen zu fliegen und ziehen, wenn man sie nicht gewaltsam zurückhält und ihnen die Flügel stutzt, im Herbst mit anderen Wildgänsen nach Süden. Zuweilen geschieht es, daß einzelne zurückkommen und das Gehöft, in welchem sie großgezogen wurden, wieder aufsuchen; aber sie gehören doch zu den Ausnahmen. Von vier im Hause erbrüteten und erwachsenen wilden Graugänsen, die Boie beobachtete, entzogen sich nach und nach drei der Obhut ihrer Pfleger; eine aber kehrte im nächsten Frühling und in der Folge noch 13 Jahre lang zu dem Gut zurück, auf welchem man sie aufgezogen hatte, bis sie endlich ausblieb, also wohl ihren Tod gefunden haben mußte. Sie stellte sich in den 13 Jahren nie früher als den 1. und nie später als den 4. April, also mehrere Wochen später als die übrigen Gänse ein, zeigte sich auf dem Hofe sehr zahm, außerhalb aber ebenso scheu als die wilden ihresgleichen, kam in den ersten Wochen nach ihrer Rückkunft gewöhnlich morgens und abends, um sich Futter zu holen, blieb auch wohl eine halbe bis eine ganze Stunde, flog dann jedoch immer wieder zurück, und zwar sofort dem nahen See zu, so daß man auf die Vermutung geriet, sie möge dort ihr Nest haben. Von der Zeit an, in welcher die wilden Gänse Junge auszubringen pflegen, blieb sie länger auf dem Hof, und später hielt sie sich beständig dort auf. Abends 10 Uhr erhob sie sich regelmäßig und flog stets in derselben Richtung davon, dem See zu.

Das Wildbret der alten Graugänse ist zwar hart und zähe, dasjenige der Jungen dagegen zart und außerordentlich schmackhaft. So ist es kein Wunder, daß die Tiere von alters her vom Menschen erbeutet wurden, um als willkommene Nahrung zu dienen. Wie wir Überreste dieser Wildgänse unter den Speiseabfällen der frühneolithischen Kjökkenmöddings der Muschelesser Dänemarks antreffen, so begegnen wir ihnen, wenn auch allerdings selten, in denjenigen der Pfahlbauzeit. Doch gezähmt kannten die vorgeschichtlichen Europäer die Gans durchaus nicht, obwohl ihr gleichende Vögel nebst Rinderköpfen auf einem bei Frankfurt an der Oder gefundenen heiligen Wagen der Bronzezeit dargestellt sind. Letztere waren der Gottheit geweihte wilde Tiere. Im alten Babylonien finden wir Gewichte in Gestalt eines Schwimmvogels, der vermutlich ebenfalls eine Gans darstellt. In Indien, wo der Vogel Henza eine wichtige mythologische Rolle spielt, hat man mehrfach Gänsefiguren in Gräbern gefunden, so daß man annehmen darf, daß diesem Vogel in den religiösen Anschauungen der dortigen Bewohner eine gewisse Bedeutung zukam. In Birma sind nach Yule heute noch Gewichte in Gebrauch, von denen die Eingeborenen wissen, daß sie Gänse darstellen. Daraus schließt Eduard Hahn, daß die Gänsezucht im alten Babylonien wie in Ägypten in Blüte gestanden haben muß und von dort weiter östlich verbreitet wurde. Es ist dies wohl möglich, ja wahrscheinlich, weil dort viele Kanäle diesen Wasservögeln Gelegenheit zum Baden und Tauchen gewährten. Doch haben die solcher Wasseransammlungen entbehrenden Juden diesen Nutzvogel weder von dort noch von Ägypten her übernehmen können. In den heiligen Schriften der Juden wird die Gans nirgends erwähnt; erst seit dem Mittelalter ist bei den nach Europa gekommenen und hier häuslich niedergelassenen Juden der Genuß von Gänsefleisch und von Gänsefett zum Schmälzen des Rindfleisches, da ihr Gesetz die Verwendung von Rinderfett oder Butter zu letzterem verbietet, sehr beliebt geworden.

Dagegen hielten bereits die Griechen des homerischen Zeitalters zahme Gänse in kleinen Herden. Im Hofe des Königs Menalaos von Sparta, dem Bruder des mächtigen Herrschers des „goldreichen Mykene“, Agamemnon, gab es schon, wie uns im 15. Gesang der Odyssee berichtet wird, die „sehr große, gemästete, weiße Gans“, auf welche ein Raubvogel hinabstößt. Diese kennzeichnenden Beiwörter legen Zeugnis dafür ab, daß wir es hier mit einem sehr alten, schon längst in der menschlichen Zucht und Pflege befindlichen Tiere zu tun haben, bei dem sich der bei Haustieren so weit verbreitete Leucismus schon vollkommen ausgebildet hatte. Wahrscheinlich hatten die alten Griechen die weiße Hausgans von Norden her erhalten. Da die wilde Stammform in Südeuropa nicht brütet, sondern im Herbst mit bereits erwachsenen Jungen in das Gebiet des Mittelmeeres fliegt, so ist sie wohl in ihrem südlichsten Brutbezirk, in Mitteleuropa, irgendwo von vermutlich indogermanischen Stämmen in die Haustierschaft gebracht worden. Hier konnten leicht nach Tötung der Mutter erbeutete junge Wildgänse in des Menschen Pflege herangezogen und später durch Brechen der Flügel vor dem Davonfliegen beim Größerwerden bewahrt werden.

Bei den Griechen galt die Gans für einen lieblichen Vogel, dessen Schönheit bewundert wurde und der zu Geschenken an geliebte Knaben und Mädchen diente. Als Ziervogel erscheint sie auch im 19. Gesang der Odyssee, wo von Penelope, der treuen, von Freiern viel umworbenen Gattin des Odysseus, als sie ihrem unbekannten, in Bettlergestalt ihr gegenübersitzenden Gemahl ihren Traum erzählt, gesagt wird, sie besitze — nicht draußen bei der Ökonomie, sondern bei der Wohnung — 20 Gänse, die anzusehen ihr Freude mache. Diese ausdrücklich hervorgehobene Zahl scheint offenbar einen nicht unbedeutenden Reichtum darzustellen. Nach späterer griechischer Vorstellung sind Gänse wachsame Hüterinnen des Hauses. So war auf dem Grabe einer guten Hausfrau unter andern Emblemen eine Gans abgebildet, um die Wachsamkeit der Verstorbenen hervorzuheben. In der bekannten Fabel des aus Kleinasien gebürtigen Äsopos ist von der Gans die Rede, die goldene Eier legt. Hier erscheint also dieses Tier genau in der Stellung wie bei uns das Huhn, in China aber die Ente, die dort zur Eierlegerin herangezüchtet wurde. Aristoteles berichtet von der Gans, daß sie 30 Tage brütet und der Gänserich ihr dabei nicht helfe. Sonst fließen die literarischen Quellen über dieses Tier bei den Griechen nur spärlich.