Bild 47. Jagd auf Wildenten und anderes Wassergeflügel mit dem Wurfstock (Bumerang). (Nach Wilkinson.)
Hinter dem Herrn steht dessen Gattin und davor das Töchterchen, das seinen Vater auf die Gans vor ihm aufmerksam macht. Zu oberst stürzt eine Wildgans, vom Wurfholz getroffen, herunter.

Von ihnen trat die Wildgans als die verhältnismäßig am leichtesten zähmbare zuerst in die Abhängigkeit des Menschen, und zwar begegnen wir ihr im wasserreichen Ägypten zuerst als Haustier. Dort hatte man schon sehr früh außer der Gans auch Reiher und Kraniche eingefangen und nach Stutzung der Flügel eingehegt in kleinen, von Hirten getriebenen Herden gehalten. Dann haben auch die Griechen und Römer der späteren Zeit nicht nur Kraniche gefangen, um sie als geschätzten Braten zu essen, sondern auch zuvor in besonderen Gehegen gemästet. So klagt Plutarch über die Grausamkeit mancher Leute, die den zum Mästen eingesperrten Kranichen und Schwänen die Augenlider zusammennähen. Schon Platon erwähnt Anstalten zum Füttern von Gänsen und Kranichen. Später berichtet der Römer Varro zu Ende der Republik, daß Sejus eine Villa besitze, auf der große Herden von Gänsen, Hühnern, Tauben, Kranichen, Pfauen, Siebenschläfern, Fischen, Wildschweinen und anderem Wild gehalten würden, wodurch er ein jährliches Einkommen von 50000 Sesterzien (= 7500 Mark) erziele. Noch lange erhielt sich in Italien die Vorliebe für Kranichbraten, zu dessen kunstgerechter Zubereitung der Feinschmecker Apicius die nötige Anweisung gab. Reiher wurden von den Römern der Kaiserzeit kaum gegessen, wohl aber Störche. So sagt Horaz in einer seiner Satiren, der Storch sei in seinem Neste sicher gewesen, bis man durch einen gewesenen Prätor erfuhr, daß er vortrefflich schmeckt. Nach Porphyrio war es Asinius Sempronius Rufus, der die Sitte einführte, junge Störche zu essen. Auch Flamingos waren bei den römischen Feinschmeckern beliebt. So berichtet Plinius, der Erzschwelger Apicius habe die Römer darauf aufmerksam gemacht, daß die dicke Zunge des Flamingo vortrefflich schmeckt. Martialis erwähnt sie als Leckerbissen für Leckermäuler, und Suetonius berichtet: „Kaiser Vitellius war im Essen ganz unmäßig und ließ, nebst anderen Leckerbissen, auch Flamingozungen auftischen.“ Nach Älius Lampridius ließ der schwelgerische Kaiser Heliogabalus bei seinen großen Schmausereien auch Gehirn von Flamingos auftragen.

Alle diese Wasservögel sind aber nie gezüchtet oder gar zu Haustieren erhoben worden. Nur die Gans wurde es, und zwar waren nach den auf uns gekommenen Darstellungen an den Wänden der altägyptischen Gräber diese Gänse im Alten Reich viel schlanker und zierlicher als die plumpen Gestalten unserer hochgezüchteten jetzigen Gänse. In einem altägyptischen Gau war der Erdgott Keb mit der ihm heiligen Gans über dem Kopfe dargestellt und wurde „der große Gackerer“ genannt. Den alten Ägyptern war das Gänseei das Symbol des Welteies, aus dem die ganze Schöpfung hervorgegangen sein sollte. Die Eier des von ihnen gezähmten Tieres aßen sie wohl deshalb nicht, doch spielte der Braten von erlegten wilden, wie auch später von zahmen Gänsen eine bedeutende Rolle im Leben der Ägypter; denn unter den Opferspeisen, die den vornehmen Toten dargebracht wurden, steht solcher mit an erster Stelle.

Die Stammform dieser altägyptischen Gans war nun nicht diejenige unserer europäischen Gänse, von der alsbald die Rede sein wird, sondern die die afrikanischen Gewässer bewohnende, durch ihre auffallend schöne Zeichnung ausgezeichnete Nilgans (Chenalopex aegyptiacus). Sie besucht von Afrika und Syrien aus ziemlich regelmäßig Südeuropa, aber nur ausnahmsweise Deutschland. Sie vertritt die Gattung der Baumgänse und kennzeichnet sich durch ihre schlanke Gestalt, den dünnen Hals, großen Kopf, kurzen Schnabel, die hohen Füße, die breiten Flügel und das prachtvolle Gefieder. Kopfseiten und Vorderhals sind gelblichweiß und fein gesprenkelt; ein Fleck um das Auge, der Hinterhals und ein breiter Gürtel am Mittelhals sind rostbraun, das Gefieder der Oberseite grau und schwarz, das der Unterseite fahlgelb, weiß und schwarz quergewellt, die Mitte der Brust und des Bauches lichter, erstere durch einen großen, rundlichen, zimtbraunen Flecken geschmückt, die Steißfedern schön rostgelb, die Flügeldecken weiß, gegen die Spitze zu schwarz, prachtvoll metallisch schimmernd, die Schwingenspitzen und Steuerfedern glänzend schwarz.

Der schöne Vogel bewohnt ganz Afrika, besonders soweit es mit einem Waldsaum eingefaßte Ströme besitzt, da er am liebsten im Walde und auf Bäumen nistet. Im nördlichen Nilgebiet bilden Inseln und Sandbänke im Strom seinen bevorzugten Aufenthalt. Von ihnen aus fliegt er dann auf die Felder hinaus, um daselbst zu äsen. Er ist überaus vorsichtig, scheu und mißtrauisch, daneben aber auch streitsüchtig mit Geschlechtsgenossen.

Die Zähmung der einheimischen Nilgans wurde schon sehr früh von den alten Ägyptern bewerkstelligt, so daß sie zweifellos als der älteste im Niltal domestizierte Vogel anzusehen ist. Schon auf den Grabgemälden des Alten Reiches (2980–2475 v. Chr.) sehen wir Bäuerinnen Gänse dieser Art auf den Markt oder in den Tempel zum Opfer bringen. Auf anderen sehen wir, wie Nilgänse gestopft werden, um sie fett zu machen, oder wie an einem Bratspieß in glühender Asche Gänsebraten kunstgerecht hergestellt wird. Erst im Neuen Reich (1580–1205 v. Chr.) wird dazu ein über dem Feuer stehender Metallkessel verwendet, wobei der Küchenjunge zum Umwenden des Bratens sich einer großen zweizinkigen Gabel bedient. Wir sehen auch Geflügelhändler sie gerupft in ihrem Laden feilbieten, dessen Wand eine ganze Reihe dieser gemästeten Vögel birgt, die fein säuberlich ausgenommen waren und durch ihre appetitliche Auslage zum Kaufen einluden.

Bild 48. Geflügelladen im alten Ägypten mit teilweise gemästeten Gänsen.
(Nach Wilkinson.)

Wie hoch die Zucht der Nilgans im Neuen Reiche Ägyptens entwickelt war, zeigt uns ein im Britischen Museum in London aufbewahrtes Gräberbild aus Theben, auf dem ganze Herden von Gänsen und ganze Körbe voll geschlachteter Leiber derselben einem hohen Beamten vorgeführt werden. Dabei werden die sich herandrängenden Gänsehirten von den Aufsehern zur Ruhe gewiesen. Auf diesem, wie auf den anderen altägyptischen Bildern, ist die Darstellung der Nilgans ungemein naturgetreu. Merkwürdigerweise ist diese Zucht, die über 2000 Jahre hindurch von der größten wirtschaftlichen Bedeutung für Ägypten war, späterhin spurlos verschwunden. Weder im Niltal noch sonstwo in Afrika läßt sich irgend welche Spur der Erhaltung dieser einstigen Gänsezucht nachweisen. In Europa wurde sie gelegentlich wieder aufzunehmen versucht; doch wurde die Nilgans nicht mehr in den Haustierstand erhoben, sondern sie wird nur gelegentlich als Ziervogel gehalten. Nach J. Geoffroy St. Hilaire ist 1839 in Frankreich die Aufzucht dieses Tieres mit gutem Erfolg gelungen. Die gezüchteten Exemplare nahmen nach und nach an Größe zu und die Befiederung wurde etwas heller. Gleichzeitig gelang es von 1844 an, die Brutzeit zweckmäßig zu verschieben, indem die Eiablage vom Ende Dezember oder Anfang Januar bis 1846 in den März und später in den April hinausgeschoben wurde. Leider wurde dieser vielversprechende Versuch nicht weitergeführt und die Zucht der Nilgans aufgegeben, bevor sie wiederum zum wirklichen Hausvogel, wie sie es einst im alten Ägypten gewesen, geworden war.