Wie die verschiedenen einheimischen Entenvögel, so haben auch die verschiedenen einheimischen Wildtauben von jeher als Wildbret die Beachtung des Menschen gefunden. Unter ihnen ist die Felsentaube (Columba livia) die Stammform sämtlicher Haustauben. Sie hieß bei den alten Griechen peleiás, und der Pluralis peleiádes diente diesen zur Bezeichnung der Sternwolke des Siebengestirns, die ihnen wie ein Schwarm wilder Felsentauben vorkam. Daraus ist dann unsere Bezeichnung Pleiaden entstanden. Häufig spricht Homer von peleiádes, worunter er stets wilde Tauben versteht. Sie sind ihm das Sinnbild des Flüchtigen und Furchtsamen. So entzieht sich Artemis der Göttermutter Hera, die ihr den Köcher geraubt hat:

„Weinend aber entfloh sie zur Seite sofort, wie die Taube,

Die vom Habicht verfolgt in den Spalt des zerklüfteten Felsens

Schlüpft — nicht wars ihr beschieden des Räubers Beute zu werden.“

Hektor flieht vor Achilleus wie die „scheue, flüchtige“ Taube vor dem Falken:

„Wie im Gebirge der Falk, der geschwindeste unter den Vögeln,

Leicht im Schwunge des Flugs der schüchternen Taube sich nachstürzt.

Seitwärts flüchtet sie bang; dicht hinter ihr stürmt er beständig

Nach mit hellem Geschrei und brennt vor Begier sie zu fangen.“

Auch im Sagenkreis der Argonauten erscheint die Taube als der schnellste Vogel. Das Schiff Argo war, wie der Name sagt, wunderbar schnell, und als es auf seiner Fahrt zwischen zwei zusammenschlagenden Felsen hindurchfahren sollte, sandten die Schiffer auf den Rat des greisen Sehers Phineas zuvor eine Taube aus; wenn diese unverletzt hindurchflog, hofften die Helden ebenfalls unversehrt durchzukommen. So verderblich seien diese Felsen, heißt es in der Odyssee, daß selbst die geschwinden Tauben ihnen nicht immer entgehen und Vater Zeus, dem sie Ambrosia bringen, die verlorenen durch andere ersetzen muß. Daß nun die Schiffer Tauben bei sich hatten, um sie von ihrem Schiffe aus fliegen zu lassen, beweist, daß man also schon im hohen Altertum solche gefangene und noch nicht gezähmte Tiere zur Bestimmung des nächstgelegenen Landes oder als Opfer mit sich nahm. Solches taten wie die Griechen so auch die Phönikier, wie wir u. a. auch aus der später zu würdigenden Tatsache von den weißen Tauben auf der Flotte der Perser unter Xerxes wissen, die nach deren Scheitern am Vorgebirge Athos freikamen und von den Anwohnern eingefangen wurden.