In der Ilias wird das böotische Thisbe und das lakedämonische Messe als taubenreich, wie bei Äschylos die Insel Salamis als taubennährend, bezeichnet. Bei den Spielen bei der Beerdigung seines Freundes Patroklos läßt Achilleus eine lebendige, an die Spitze des Mastbaums gebundene Taube als Ziel aufstellen. Nach diesem schießt zuerst der gefeierte Bogenschütze Teukros; da er aber vergessen hatte, dem Apollon sein Gelübde zu tun, trifft er nur die Schnur, und die nun befreite Taube strebt kreisend zum Himmel empor. Da ergreift Meriones schnell den Bogen, betet und holt den flüchtigen Vogel mit dem Pfeil aus der Höhe herunter.
Außer der Felsentaube peleiás unterschieden die alten Griechen von Wildtauben noch die Hohltaube oinás, die Ringeltaube pháps und die Turteltaube trygṓn, während sie die später erhaltene Haustaube als peristerá bezeichneten. Demgemäß nannten sie das Taubenhaus peristereṓn oder peristerotropheíon, wie uns der gelehrte Varro berichtet. Dieser Name der Haustaube tritt uns erst in der späteren attischen Sprache entgegen, während die Dorier fortfuhren, peleiás zu sagen. Wie kamen nun die Griechen zu diesem Haustier, das erst gegen das Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen eine gewöhnliche Erscheinung wurde?
Die wilde Felsentaube ist in Westasien in Verbindung mit dem Kult der Liebesgöttin allmählich in die Abhängigkeit des Menschen geraten und zum Haustier erhoben worden. Bevor wir uns klar zu machen suchen, wo dies vermutlich geschah, wollen wir das freilebende Tier in seinen Lebensgewohnheiten kennen lernen. Die Felsentaube bewohnt die Felsküsten der Mittelmeerländer und ganz Westasien, von Kleinasien und Syrien bis Indien und China; sie geht tief nach Afrika hinein bis Abessinien und reicht östlich bis zu den Kapverdischen Inseln im Süden und Schottland im Norden. Auf diesem ungeheuren Gebiet hat sie als Ausdruck ihrer Anpassungsfähigkeit eine große Anzahl von Lokalformen gebildet, wodurch sich die Spaltung in zahlreiche Rassen nach ihrer Domestikation begreifen läßt. Überall in ihrem Verbreitungsgebiet ist sie Standvogel und nistet stets in dunkeln Felslöchern, niemals auf Bäumen, wie Hohl-, Ringel- und Turteltauben. In Färbung des Gefieders, Lebensweise und Betragen weicht die Felsentaube wenig von unserer primitiven Haustaube, der sogenannten Feldtaube, ab. Sie ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf der Unterseite mohnblau, der Kopf hell schieferblau, der Hals bis zur Brust dunkel schieferfarben, oben hell blaugrün, unten purpurfarben schillernd. Die Lendengegend ist weiß; doch ist dieses Merkmal nicht so konstant wie die beiden ziemlich breiten schwarzen Querbinden auf den Flügeln. Die Flügel sind aschgrau, der Schwanz ist dunkel mohnblau, am Ende schwarz; die äußersten Federn desselben sind weiß. Das Auge ist schwefelgelb, der Schnabel schwarz, an der Wurzel lichtblau, der Fuß dunkel blaurot. Die beiden Geschlechter sind in der Färbung wenig verschieden, die Jungen aber dunkler als die Alten.
Die Felsentaube ist gewandter, namentlich behender im Fluge als ihre domestizierten Abkömmlinge, die Feldtauben, und sehr menschenscheu. Sie geht nickend, fliegt klatschend ab, durchmißt mit pfeifendem Geräusch etwa 100 km in der Stunde, steigt gern empor und kreist oft längere Zeit in dicht geschlossenen Schwärmen; denn sie liebt die Geselligkeit im Gegensatz zu der nur in einzelnen Pärchen lebenden und nie sich zu größeren Schwärmen zusammenfindenden baumbewohnenden Ringel-, Hohl- und Turteltauben. Beim Nahrungsuchen läuft sie stundenlang auf dem Boden herum; beim Trinken watet sie bisweilen ein bischen ins Wasser hinein. Sie lebt von allerlei Sämereien und nistet dreimal im Jahre. Mit Beginn des Frühlings wirbt der Tauber sehr eifrig rucksend unter allerlei Bücklingen und Drehungen um ein Weibchen, dem er die größte Zärtlichkeit bekundet, während er gegen andere Genossen zänkisch und unverträglich ist. Erwidert sie seine Gefühle und ist damit die Ehe zustandegekommen, so sammelt er allerlei trockene Pflanzenstengel und dürre Halme, mit denen die Täubin das Nest baut, in das sie zwei glattschalige, rein weiße Eier legt. Beide Geschlechter brüten, die Täubin von 3 Uhr nachmittags bis 10 Uhr vormittags ununterbrochen, der Täuberich dagegen in den übrigen Stunden. Nachts schläft letzterer in der Nähe des Nestes, immer bereit, die Gattin zu beschützen, und duldet nicht einmal, daß sich ihr eine andere Taube nähert. Nach 16–18 Tagen schlüpfen die äußerst unbehilflichen, blinden Jungen aus, die in der ersten Zeit von beiden Eltern mit dem im Kropfe gebildeten Futterbrei ernährt werden, um dann später erweichte, endlich härtere Sämereien nebst Steinchen als Reibemittel für den muskulösen Kaumagen zu erhalten. Schon nach vier Wochen sind sie erwachsen, schwärmen mit den Alten aus, machen sich in wenigen Tagen selbständig, und die Eltern schreiten alsbald zur folgenden Brut. Jung aus dem Neste genommene Felsentauben benehmen sich ganz wie Feldtauben, befreunden sich mit dem Menschen, sind aber nicht so untertänig wie Haustauben.
Da es zahlreiche Rassen der Haustaube gibt, die im einzelnen sehr starke Abweichungen in der äußeren Erscheinung erkennen lassen, so war unter den Züchtern früher die Annahme allgemein verbreitet, daß mehrere wilde Stammarten angenommen werden müssen. Indessen haben die umfassenden Untersuchungen von Charles Darwin diese Frage endgiltig gelöst und festgestellt, daß sie alle von der Felsentaube abstammen, die schon im Freileben so veränderlich ist, daß man, wie gesagt, mehrere geographische Rassen von ihr unterscheidet. Er führt eine Reihe von Gründen an, die ausschlaggebend für die Abstammung aller unserer Taubenrassen von der Felsentaube sprechen. Wenn auch unsere Haustauben in Einzelehe leben, haben sie wie die wilde Stammart einen starken Hang zur sozialen Lebensweise, vermeiden es wie diese auf Bäume zu fliegen oder gar ihre Nester auf denselben anzulegen, sondern verlangen vielmehr für ihre Nistplätze halbdunkle, unzugängliche Orte. Alle Haustauben betragen sich wie die Felsentaube und legen wie diese je zwei Eier. Bei allen Rassen derselben treten gelegentlich mohnblau wie die Wildform gefärbte Individuen mit dem charakteristischen Metallschimmer am Halse und den schwarzen Flügelbinden auf. Darwin hat ausgedehnte Kreuzungsversuche bei verschiedenen Haustaubenrassen gemacht und dabei häufig bei den Nachkommen schwarze Flügelbinden auftreten sehen, auch wenn die Zuchttiere keine Spur davon erkennen ließen. Durch Kreuzung mancher Schläge, die durchaus kein Blau in ihrem Gefieder besaßen, erhielt er Nachkommen von blauer Färbung und Zeichnung, die als vollständige Rückschläge in die Felsentaube erschienen. Die Felsentaube kreuzt sich fruchtbar mit den Haustaubenschlägen und letztere kreuzen sich unter sich, was ebenfalls für die Felsentaube als gemeinsame Ausgangsform hindeutet. Schon bei den wilden Felsentauben tritt gelegentlich Leucismus auf, der dann bei manchen der vom Menschen gezüchteten Schläge überwiegt.
Dieses Auftreten der weißen Farbe hält Ed. Hahn für sehr wichtig, indem Tauben dadurch zuerst die Aufmerksamkeit, den Schutz und später die Pflege des Menschen erworben haben sollen. Er sagt in seinem Buch über die Haustiere und deren Beziehungen zum Menschen: „Bei keinem Tier ist es so deutlich, daß seine Einführung mit religiösen Momenten zusammenhängt, und bei keinem Tier lassen sich so leicht die ursprünglichen Bedingungen der Einführung feststellen. Grotten und Felshöhlen, aus denen vielleicht noch ein starker Quell entspringt, gehören zu den ursprünglichsten Heiligtümern; dies sind Stellen, die die Taube mit besonderer Vorliebe bewohnt, und so scheu sie sonst ist, oft mit merkwürdiger Nichtachtung des menschlichen Verkehrs auch trotz aller Störungen innebehält. Jede Gottheit nimmt die Tiere, die sich ihr freiwillig anvertrauen, in ihren Schutz. Fanden sich nun einmal unter den Tauben einige Albinos, so war die weiße, lichtglänzende Verkörperung der Gottheit von selbst gegeben, und daß die Taube mit ihrer äußerst verliebten Natur der Göttin der Liebe geweiht wurde, ist ebenso selbstverständlich. Ich glaube sogar sagen zu können, daß die Taubengestalt in so alter Zeit sich mit der Vorstellung, unter der man sich die Gottheit des weiblichen Prinzips verkörpert dachte, verband, daß sie von sehr bedeutendem Einfluß auf die Ausgestaltung dieses weiblichen Prinzips selbst gewesen ist; bekanntlich wurde Semiramis, die nur eine spezialisierte Form der großen Göttin darstellt, aus einem großen Ei am Ufer des Euphrat von den Tauben ausgebrütet (Diodor II, c. 4; später flog sie als Taube gen Himmel, c. 20). Schon in ältester Zeit hat die Taube sich als heiliger Vogel der Göttermutter durch den ganzen Orient verbreitet. Die Phönizier brachten sie so weit sie den Kult ihrer Götter trugen, z. B. nach dem Berge Eryx in Sizilien, und mit der Leichtigkeit, mit der sich der heilige Vogel wieder an anderen Stellen festsetzte, gab er dann seinerseits Grund zu neuen Heiligtümern der Venus. An eine Benutzung des Vogels, etwa zur Speise, war in solchen Fällen natürlich nicht zu denken, stand er doch unter dem unmittelbaren Schutz der Göttin. Erst sehr viel später lernte man den Vogel auch als Braten schätzen; hier waren es wohl die Römer zuerst. Doch ging die Idee des Zusammenhangs des Vogels mit der Venus nicht gleich ganz verloren; das beweist uns Martial (der in einer seiner Xenien sagt: ‚Nicht soll diesen Vogel essen, wer geil zu sein begehrt‘).“
In der dargestellten Weise mag irgendwo in Westasien die wilde Felsentaube vor allem in gewissen albinotischen Individuen als heiliges Tier der großen Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit unverletzlich erklärt und dann sogar in menschliche Pflege genommen worden sein, bis sie sich schließlich an ihre Beschützer gewöhnte und zum Haustier wurde. Und was zunächst nur einigen auserwählten Individuen zuteil wurde, das erstreckte sich später auf das ganze Geschlecht, so daß die Felsentaube überhaupt für ein unverletzliches, heiliges Tier galt. So war seit den ältesten geschichtlichen Zeiten die Felsentaube der großen Göttermutter und Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, Astarte, heilig und wurde überall in Vorderasien bei ihren Tempeln in größeren Scharen gehegt. Auch mag da und dort ein Taubenpärchen in den Höhlen, die als älteste Kultorte dienten, später auch an dunkeln Orten der Steintempel genistet und sich so an den Umgang mit dem Menschen gewöhnt haben. Dies gab vielleicht dem betreffenden Kultorte ein besonderes Ansehen, so daß dann künstlich von den Priestern Tauben dort angesiedelt wurden, wodurch die Zähmung beschleunigt wurde.
Als der Grieche Xenophon im Jahre 400 v. Chr. im Heere des jüngeren Cyrus mit anderen griechischen Söldnern Syrien durchzog, fand er, daß die Einwohner die Fische und Tauben als göttliche Wesen verehrten und ihnen kein Leid anzutun wagten. Nach Pseudo-Lucian waren in Hierapolis oder Bambyce die Tauben so heilig, daß niemand eine derselben auch nur zu berühren wagte. Wenn dies jemandem wider Willen widerfuhr, dann trug er für den ganzen Tag den Fluch des Verbrechens; „daher leben auch,“ fügt der Verfasser hinzu, „die Tauben mit den Menschen ganz als Genossen, treten in deren Häuser ein und besetzen weit und breit den Erdboden.“ Ganz dasselbe berichtet der Jude Philo von Askalon, wo auch ein berühmter Tempel der Göttin Astarte — der Aphrodite uraniḗ. wie die Griechen sich ausdrückten — war. Er schreibt nämlich: „Ich fand dort eine unzählige Menge Tauben auf den Straßen und in jedem Hause, und als ich nach der Ursache fragte, erwiderte man mir, es bestehe ein altes religiöses Verbot, die Tauben zu fangen und zu profanen Zwecken zu verwenden. Dadurch ist das Tier so zahm geworden, daß es nicht bloß unter dem Dache lebt, sondern ein Tischgenosse des Menschen ist und dreisten Mutwillen treibt.“
Als der Dienst der semitischen Göttin Astarte durch die der Schiffahrt kundigen Vertreter dieses Stammes weiter westlich im Mittelmeer verbreitet wurde, zog selbstverständlich ihr heiliges Tier, die zahme Taube, mit und wurde an ihren Heiligtümern in halber Wildheit gehalten, wie dies heute noch überall im Orient auch unter den Mohammedanern der Fall ist. Allgemein bekannt sind die Tauben der Göttin in Paphos auf Zypern, die paphiae columbae der Römer, die im Tempel ein- und ausflogen, ja sich selbst auf das Bild der Göttin setzten. Von Zypern gelangte der Dienst dieser orientalischen Liebesgöttin schon vor der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zu den die Küsten des Ägäischen Meeres und die Inseln nebst Kreta bewohnenden Mykenäern. Dort sind ihre auf uns gekommenen Darstellungen stets von Tauben umgeben. So fand man im dritten Grabe der Burg von Mykenä zwei einst auf Kleider genähte Goldbleche mit dem Bildnis einer jedenfalls sie darstellenden weiblichen Gottheit, auf deren Haupt eine Taube sitzt. Im einen fliegt außerdem von jedem Arme eine Taube aus. Fünf andere Goldbleche aus dem 3. und 5. Grabe stellen ein von Tauben umgebenes Gebäude dar, das wohl an den Astarte-Aphroditetempel von Paphos erinnern soll. Dann sind auf einem elfenbeineren Spiegelgriff aus mykenischer Zeit zwei weibliche Gottheiten dargestellt, von denen jede eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln und ausgestrecktem Hals auf dem einen Arm hält.