Über den Erdgrund.
So dem Blitz gleich stiegst du herab und fragtest,
Sel’ge, mit unsterblichem Antlitz lächelnd:
‚Welch ein Gram verzehrt dir das Herz, warum doch
Riefst du mich, Sappho?‘“
Wie bei den Griechen diente auch bei den ihnen so vieles entlehnenden Römern der Name Taube, wie Spätzchen und Häschen, als Kosewort; so heißt es bei Plautus u. a.: mea columba. Eine besondere Rolle spielte dann die Taube in der christlichen Kirche. Man findet sie in den ältesten christlichen Katakomben Roms häufig abgebildet. Als reiner, frommer Vogel diente sie früh als Ausdruck der neuen Religion und der damit verbundenen Seelenstimmung, und man glaubte, daß beim Tode des Gläubigen sich dessen Seele als Taube zum Himmel hinaufschwinge, wie einst in ihrer Gestalt der heilige Geist auf die Erde herniederkam. Als der Frankenkönig Chlodwig im Jahre 496 nach Besiegung der Alamannen mit 3000 Franken in Reims zum Christentum übertrat und sich taufen ließ, brachte eine Taube dem Bischof Remigius, wie Hinkmar im Leben des Heiligen erzählt, das Ölfläschchen zu dessen Salbung vom Himmel herab. Seit der Zeit der Kirchenväter herrschte ein allgemeiner Glaube in der Christenheit, daß die Taube keine Galle habe und deshalb so sanft und ohne Falsch sei; daher kommt es, daß schon der St. Galler Mönch Ekkehard in seinen Benediktionen, den Tischgebeten, den heiligen Geist bittet, sein Tier, die „Taube ohne Galle“ für das Verspeisen zu segnen. Gleicherweise preist Walter von der Vogelweide die schöne, sanfte Griechin Irene von Byzanz, die Gemahlin des am 21. Juni 1208 von Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordeten deutschen Königs Philipp von Schwaben, als ein rôs âne dorn, ein tûbe sunder gallen.
Wie der Papst besonders verdienten Christen die goldene Tugendrose verschenkte, so verlieh er ihnen auch als Auszeichnung gelegentlich das Bild der Taube, das Symbol des heiligen Geistes. Den Germanen war einst, wie allen Indogermanen, die graue wilde Taube ein düsteres Geschick und den Tod ansagender Vogel. Nicht anders war es bei den Römern, bei denen, wie wir sahen, durch das Herbeifliegen einer Haustaube der bevorstehende Tod des Kaisers Macrinus angekündigt worden sein soll. Ihr trat nun, wie dem Heidentum das Christentum, die anmutige und zärtliche, zutraulich mit dem Menschen lebende und aus seiner Hand das Futter nehmende weiße, fremdländische Taube gegenüber, in deren Gestalt der heilige Geist auf die Erde gekommen sein sollte. Schon letztere Tatsache gab ihr einen Heiligenschein und machte sie in Anknüpfung an altorientalische Vorstellungen zu einem Gegenstand religiöser Verehrung. So werden in Moskau und den übrigen Städten des weiten Rußland Scharen von meist weißen Tauben von den Gläubigen unterhalten und ernährt, und einen der heiligen Vögel zu töten, zu rupfen und zu essen wäre eine große Sünde und würde dem Täter übel bekommen — ganz wie einst zur Zeit Xenophons und Philos in Hierapolis und Askalon. Noch heute wohnen auf den Kuppeln der Markuskirche und auf dem Dache des Dogenpalastes im halbgriechischen Venedig Schwärme von Tauben, die, von niemandem beunruhigt, auf dem Markusplatz ihr Wesen treiben und zur bestimmten Stunde auf öffentliche Kosten ihr Futter gestreut erhalten.
In den beiden letztgenannten Städten sind schon bedeutende orientalische Einflüsse bemerkbar. Im heutigen, mohammedanischen Morgenland hat die Taube durch die Jahrhunderte den Stempel der Heiligkeit bewahrt und wird als Gegenstand religiöser Verehrung in halbwildem Zustande um die Moscheen gehalten. Schon im frühen Altertum geschah dies, wie wir sahen, in den Tempeln der Liebesgöttin. Aber auch sonst stand die Taube in einem gewissen Verhältnisse zum Menschen. Wie in der Genesis erscheint im altbabylonischen Sintflutbericht die Taube (samâmu-summatu) neben dem Raben als Sendling Schamaschnapischtims, des babylonischen Noah, um das nächste Land auszukundschaften. Auf solche Weise haben auch die alten Phönikier und Griechen, wenn sie sich ausnahmsweise einmal aus der Sehweite der Küste entfernten, durch das Aussenden von Tauben das nächste Land erkundet, wie dies die nordischen Wikinge mit gefangen gehaltenen Raben machten. Auch anderwärts wird die Taube in Keilinschriften erwähnt; so heißt es auf einer Tontafel medizinischen Inhalts: „Die Krankheit des Kopfes fliege davon, wie eine Taube in ihren Schlag.“
Wie in Mesopotamien und Syrien wurde auch im alten Ägypten die Felsentaube als Haustier gehalten. Schon zur Zeit der ältesten Dynastien finden wir sie, wie erwähnt, unter dem Hausgeflügel abgebildet, doch trat ihre Zucht damals gegenüber derjenigen der dort einheimischen Nilgans stark zurück. So ist auf einem Grabe eine vom Menschen gefütterte Schar Tauben dargestellt. Auf einem andern heißt es zwar: „Die Taube holt sich Futter“, während daneben steht: „Die Gans wird gefüttert“ und „die Ente erhält zu Fressen.“ Mit dieser sich selbst das Futter holenden Taube ist sehr gut die Feldtaube charakterisiert, die heute noch im Niltale, wie im Morgenlande überhaupt, in halbwildem Zustande auf alten ruhigen Gebäuden, Tempeln und in für sie errichteten Türmen gehalten wird. Zum Nisten dienen ihr hoch übereinandergeschichtete eiförmige Töpfe, die mit Nilschlamm oder Mörtel miteinander verbunden wurden. Jeder Topf ist an dem nach außen gekehrten Ende etwas durchbrochen, um Luft und Licht durchzulassen. Der Eingang für die Taube befindet sich aber an der innern Seite. Von hier aus wird auch alljährlich der angesammelte Mist als das einzige von den Tieren Benutzte zusammengekratzt, um als wertvoller Dünger besonders für die Melonenkulturen verwendet zu werden. Dieser Taubendünger ist für den Orientalen deshalb so wertvoll, weil in dem holzarmen Lande der Mist der pflanzenfressenden Haustiere als Brennmaterial benutzt wird. Der verstorbene Ägyptologe Brugsch Pascha berichtet von seiner Reise nach Persien, daß die berühmten Melonen von Isfahan in Persien wesentlich dem reichlichen Taubendünger, den sie erhalten, ihre Vorzüglichkeit verdanken. Schon im Altertume gab es übrigens da, wo wir solchen noch heute begegnen, derartige Taubentürme. So werden sie schon im Alten Testament bei Pseudo-Jesaias 60, 8 erwähnt, der sagt: „Wer sind die, welche fliegen wie die Wolken und wie die Tauben in ihren Wohnkammern?“ Auch auf der späteren Königsburg in Jerusalem, die im Jahre 70 n. Chr. im allgemeinen Brande unterging, waren nach Josephus „viele Türme mit zahmen Tauben.“
Nach der Sage wurde die Taube für die Mohammedaner deshalb ein heiliger Vogel, weil eine solche, die sich durch seinen Eintritt in die Höhle, in der sie brütete, nicht stören ließ, den Propheten Mohammed auf seiner Flucht vor der Gefangennahme durch die ausgesandten Häscher schützte. Deshalb wird sie überall in der mohammedanischen Welt in halber Wildheit gehalten, ohne irgend welchen Nutzen aus ihr zu ziehen. Einzig ihr Mist wird, wie oben gesagt, als Düngmittel verwendet. Von den ebenfalls halbwilden, auf öffentliche Kosten oder von den Gläubigen ernährten Tauben des Kreml in Moskau und der Markuskirche in Venedig wird nicht einmal dieser verwendet. Ebenso ist es in den mohammedanischen Moscheen und in den siamesischen Pagoden. „Taube der Moschee“ zu heißen, ist ein lobendes Prädikat für einen frommen Moslem. In Indien und China hat sich ohne allen europäischen Einfluß schon in alter Zeit eine namhafte Taubenliebhaberei entwickelt, die früh zur Züchtung verschiedener Kulturrassen führte. So wird vom mächtigen Eroberer mohammedanischen Glaubens, dem Großmogul Akbar dem Großen, der von 1556 bis 1605 regierte, berichtet, daß er sich persönlich mit ihrer Zucht abgab und an seinem Hofe über 20000 Tauben hielt. Um seine Arten zu vermehren, ließ er sich von den Herrschern in Iran und Turan seltene Rassen senden. So besaß er schließlich bereits 17 verschiedene Taubenrassen. In Syrien soll es heute noch mehr Taubenfreunde und -Züchter geben als selbst in England, das in der Zucht dieses Haustieres Großes geleistet hat. Auch die Chinesen haben Freude an der Taube und halten sie gern. Dabei schützen sie ihre Taubenschwärme durch das Anbringen kleiner Pfeifen aus Bambus, die dann beim Fliegen durch schwirrende Töne die Raubvögel abhalten sollen. Dieser Gebrauch ist auch bei den Japanern üblich, die dieses Haustier, wie so vieles andere, von den Chinesen übernahmen.