Während auch die Ostasiaten als Feinschmecker junge Tauben gern essen, tun dies die christlichen Abessinier nicht aus religiöser Scheu, da die Taube als Sinnbild des heiligen Geistes bei ihnen als heiliges Tier gilt. Man findet sie deshalb in jenem Lande häufig in der noch dort geübten byzantinischen Kunst abgebildet. Die abessinischen Juden müssen für ihre vorgeschriebenen Opfer wilde Tauben fangen, wie das in der älteren Zeit im Judentum auch bei den Turteltauben der Fall war. Auch in den Haussaländern ist sie geschützt wie in allen dem Islam huldigenden Ländern. Durch die Araber wurde sie dann den Negern Ostafrikas gebracht, die sie teilweise willig annahmen. So werden sie in Unjamwesi in großen Schlägen aus Rindenschachteln gehalten, worunter auch viele weiße. Bis zum Jahre 1883 hatten sie sich bis in das Herz des schwarzen Kontinents, zum Flusse Lulua, verbreitet.
Mit den Europäern gelangte die Taube natürlich auch nach Amerika und Australien, wo sie vollständig eingebürgert wurde. An zahllosen Stellen ist die Taube verwildert und hat mehr oder weniger die Färbung ihrer wilden Vorfahren angenommen, so besonders in den Mittelmeerländern und auf vielen ozeanischen Inseln. Auf den Azoren flossen bei den verwilderten Tauben die weißen Flügelbinden zusammen. Das gab den Ornithologen Gelegenheit, eine neue Unterart aufzustellen, wie deren durch künstliche Auslese und zielbewußte Zucht zahlreiche durch den Menschen willkürlich geschaffen wurden.
Schon im Altertum entstanden die Stammformen der meisten heutigen Taubenrassen im Morgenlande, um dann nach dem Abendlande verbreitet zu werden. So war schon im Mittelalter die Zahl der in Europa bekannten Taubenrassen beträchtlich. Man züchtete damals bereits in den Niederlanden eigene Rassen, zu denen durch die Einfuhr aus dem Orient stets neue hinzukamen. Von den Niederlanden, die im 15. Jahrhundert das kultivierteste Volk Mitteleuropas besaßen, verbreitete sich die Taubenzucht im 16. Jahrhundert über Deutschland, England, Frankreich und die diesen benachbarten Länder. Schon vor dem Jahre 1600 waren die Hauptrassen unserer Haustaube vorhanden; seither gingen einzelne wieder verloren, während andere eine Umbildung erfuhren. In seiner Ornithologie führt der Italiener Ulysses Aldrovandi die um 1600 in Europa gezüchteten Taubenrassen auf, die damals immer noch vorzugsweise in den Niederlanden gezüchtet wurden. Es gab dort besondere Vereine von Taubenzüchtern, die Anregungen in diesem Wirtschaftszweige zu geben bestrebt waren. Trotz der einheimischen Zucht hat aber die Einführung orientalischer Taubenrassen noch nicht aufgehört; denn wie früher ist noch immer das Morgenland das Hauptzuchtgebiet der Taube.
Von der in Westasien zuerst gezähmten Felsentaube sind so zahlreiche Rassen hervorgegangen, daß es schwer hält, sie alle einzureihen. Der wilden Stammform am nächsten stehen die im wesentlichen nur durch ihre Färbung und Zeichnung von ihr verschiedenen Feldtauben, deren Hauptverbreitungsgebiet das westliche Europa ist. Sie haben in ihrer Lebensweise eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, indem sie von ihrem Nistplatze aus aufs Feld fliegen, um ihr Futter selbst zu suchen. Nur im Winter werden sie gefüttert. In der Regel sind sie glattköpfig, d. h. ohne Haube, und ohne Federhosen an den Beinen. Als Nutzvögel stehen sie wegen ihrem Fleischwert obenan.
An die Feldtauben schließen sich die zahlreichen Spiel- oder Farbentauben an, die durch eigenartige Färbungen und Zeichnungen von konstantem Charakter ausgezeichnet sind. Die meisten von ihnen gehen wie die Feldtauben aufs Feld; doch ist ihre Abhängigkeit vom Menschen größer. Man unterscheidet bei ihnen Lerchen-, Star- und Storchtauben, Schwalben- und Gimpeltauben, Weißschwänze, Weißschläge, Farbenbrüster, Latztauben, Mohren- und andere Farbenköpfe. Die in mehreren Farbenvarietäten auftretende Eistaube besitzt ein wie bereift erscheinendes hell lichtblaues Gefieder. Die gelbliche bis bräunlichrote Mondtaube ist durch eine halbmondförmige Zeichnung auf der Brust charakterisiert. Nahe mit ihr verwandt ist die fahlgelbe Elbe oder Schweizertaube. Die Maskentaube ist ganz weiß mit dunklem Schwanz und halbmaskenartigem Stirnfleck. Dabei ist der Kopf glatt oder mit Haube versehen, die Beine sind glatt oder befiedert.
Die Trommeltauben weichen im Äußeren nicht auffallend von den Feldtauben ab, sie zeichnen sich aber durch ihre Stimme aus, die kein abgesetztes Rucksen, wie die anderer Tauben, sondern ein fortgesetztes Fortrollen ist, wobei das stillsitzende Tier den Kropf etwas aufbläht und mit den Flügeln zittert. Manche Trommeltauben sind am Kopf mit einer Haube und an der Schnabelbasis mit einer Federnelke geziert. Die Füße sind glatt oder befiedert. Die Färbung ist sehr verschieden. Häufig erscheint die Zeichnung gescheckt, auch blau, wie bei der Altenburger Trommeltaube, die besonders in Sachsen sehr beliebt ist. Als der beste Trommler gilt die etwas schwerfällig gebaute russische Trommeltaube, die meist einfarbig schwarz mit stahlblauem, bronzeschimmerndem Halse ist und am großen Kopf Muschelhaube und Federnelke trägt, welch letztere Augen und Schnabel bedeckt.
Bei den Lockentauben erscheint das Gefieder gelockt oder struppig. Das Gefieder ist weich und flaumig und die Deckfedern sind nicht abgerundet, sondern in eine Spitze auslaufend, welche zu einer Locke umgebogen ist. Das Gefieder ist blau bis fahlrot; der Kopf bald glatt, bald mit Haube versehen und die Beine nackt oder befiedert. Am stärksten gelockt ist die österreichische Lockentaube. Weniger hoch sind die Locken bei der holländischen Lockentaube, die fast stets eine Muschelhaube besitzt.
Die Perückentauben sind Tauben mit kurzem, kleinem Kopf, flacher Stirn und eigentümlicher Perücke oder Kapuze, die in der Weise zustande kommt, daß die verlängerten Federn unten am Hals regelmäßig gescheitelt sind, so daß ein Teil die Schultern bedeckt, die Hauptmasse aber sich nach vorn und oben richtet, so daß sie den Kopf hinten vollständig umschließen. Diese Perücke ist eine übermäßige Weiterentwicklung der Kopfhaube, die wir bei vielen Formen antreffen. Sie sind teils einfarbig blau oder weiß, teils „gemöncht“, indem aus der roten, gelben oder schwarzen Grundfarbe der weiße Kopf hervorsticht. Flügel und Schwanz weisen ebenfalls weiße Federn auf. Im allgemeinen sind die Vertreter dieser Rasse durch die gesättigten Töne der Grundfarbe bemerkenswert. Das Wesen dieser Vögel ist auffallend ruhig; sie fliegen nur wenig umher.
Eine kleine, zierliche Rasse, die bei den Taubenliebhabern stark bevorzugt wird und ein sehr weites Verbreitungsgebiet besitzt, sind die Mövchen. Der kleine Kopf mit kurzem Schnabel ist bald glatt, bald behaubt. Vom Kinn verläuft ein faltiger Kehlsack gegen die Brust und der Vorderhals ist mit strahlig angeordneten, abstehenden Federn verziert. Von den zahlreichen Varietäten sind hervorzuheben: das deutsche Schildmövchen mit spitzer Haube, Schildzeichnung und etwas schleppenden Flügeln, dann die durch schöne Haltung, gewölbte Brust, hohe Beine und etwas aufgerichteten Schwanz ausgezeichneten italienischen Mövchen. Die milchblaue Varietät derselben gilt als besonders schön. Sehr geschätzt sind neben den ägyptischen auch die chinesischen Mövchen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt wurden, deren eigentliche Heimat aber nicht sicher ermittelt werden konnte, jedenfalls aber irgendwo in Asien zu suchen ist. Hals und Brust tragen bei dieser Spielart eine sehr umfangreiche Federrosette; außerdem ist oben am Hals noch eine deutliche Krawatte, welche den Kopf umgibt. Die kurzschnäbligen und mit befiederten Füßen versehenen Satinetten oder Atlasmövchen besitzen eine weiße Grundfarbe mit braunroten, schwarz umsäumten Flügeldeckfedern. Sie gehören mit zu den schönsten Tauben und sollen aus dem Orient stammen.
Eine ebenfalls alte Rasse von offenbar ostasiatischer Abstammung sind die nach ihrem pfauenartig aufgerichteten Schwanz so genannten Pfauentauben, die schon vor dem Jahre 1600 in Indien gehalten wurden. Während normalerweise die Zahl der Schwanzfedern bei der Taube 12 beträgt, ist sie bei den heute noch in Asien gezüchteten Pfauentauben auf 14 bis 24, bei den in Europa gezüchteten jedoch auf 28 bis 40 gesteigert worden. Diese sind breit, am Bürzel in 2 bis 3 Reihen angeordnet und werden fächerförmig aufgerichtet getragen, während die Flügel hängen, so daß sie unter den Schwanz zu liegen kommen, ohne sich zu kreuzen. Der lange Hals ist gebogen, so daß der Kopf weit nach hinten zu liegen kommt. Das Gefieder ist verschieden gefärbt, häufig einfarbig blau, weiß oder schwarz.