Die auffallende Gestalt schätzt man an den Kropf- und Huhntauben. Die Kropftauben haben einen gestreckten Körper mit langen Federn meist auch an den Beinen und Füßen. Sie sind durch die Fähigkeit ausgezeichnet, den Schlund enorm aufzublasen und ihn beliebig lange in diesem Zustande erhalten zu können. Auch sie sind offenbar aus Asien zu uns gelangt, sind aber schon lange in Europa eingebürgert, da sie bereits Aldrovandi im Jahre 1600 erwähnt. Als Stammform der besonders in Zentraleuropa und in den Küstenländern der Nord- und Ostsee, nicht aber in den Mittelmeerländern stark verbreiteten Kropftauben gilt die deutsche Kropftaube, die eine bedeutende Körpergröße erlangt und deren Kropf beständig sehr stark aufgeblasen ist. Die hauptsächlich in der Normandie, dann auch im übrigen Nordfrankreich gehaltene französische Kropftaube hat einen fast kugeligen, vom Rumpf abgesetzten Kropf und lange Beine. Ihr Gefieder ist häufig einfarbig weiß, blau oder gelb, auch fahlrot mit braunen Binden. Dagegen niedriggestellt in den Beinen und überhaupt zwergartig ist die holländische Ballonkropftaube, deren Kopf wie bei den Pfauentauben zurückgebogen ist. Deren ballonartiger Kropf nimmt im aufgeblasenen Zustande die Hälfte der Taube ein. In der äußeren Haltung und Bewegung dem Huhn ähnlich, auch durch bedeutende Größe ausgezeichnet, sind die Huhntauben. Am gedrungenen, vorn gerundeten Rumpf mit kurzen Flügeln und kleinem, aufrecht getragenem Schwanz sitzt auf langem, kräftigem, gebogenem Hals der stets unbehaubte Kopf mit kurzem Schnabel. Ihr Steiß ist dicht mit Flaum besetzt. Diese Taubenart ist der Pfauentaube nahe verwandt und stammt vermutlich wie die letztere aus Ostasien. Eine typische Rasse ist die Maltesertaube, die in Vorderindien stark gezüchtet wird und dort heimisch ist, vermutlich aber über Malta zu uns gelangte. Ihre äußere Erscheinung ist etwas vierschrötig, die Brust voll und der sehr kurze Schwanz steil aufgerichtet. Ihr nahe verwandt ist der Epaulettenscheck, ebenfalls ein Produkt südasiatischer Zucht, das ziemlich früh nach Europa gelangte. In Italien wurde sie unter dem Namen Tronfo bekannt. Sie trägt meist dunkles Gefieder mit weißer Zeichnung an Kopf und Flügeln.
Ebenfalls südasiatischer Herkunft sind die Tümmler- oder Purzlertauben, so genannt, weil sie die seltsame Gewohnheit angenommen haben, sich während des Fluges durch die Luft rückwärts zu überschlagen. Daneben gibt es auch solche Typen, die auf dem Boden purzeln. Ein guter Tümmler überschlägt sich schon beim Aufsteigen und führt seine eigentümliche Bewegung in der Weise aus, daß er die Flügel über dem Rücken zusammenschlägt, sich rückwärts überwirft und dann mit einem kräftigen Flügelschlag wieder in die frühere Flugrichtung einlenkt. Auch beim Kreisen wird das Purzeln ausgeführt, doch zeigt der Vogel seine Kunst nur bei Wohlbefinden. In der Mauser oder in entkräftetem Zustande versagt er, ebenso an fremdem Ort, bis er sich genügend eingelebt hat. Ganz gute Vögel tümmeln zwei- bis dreimal in rascher Aufeinanderfolge. Meist sind die Tümmler von geringer Körpergröße mit kleinem, zierlichem Kopf und langem, mittellangem oder kurzem Kopf und befiederten oder glatten Füßen. Hinsichtlich der Zeichnung sind Weißschwanz-, Elster- und Scheckzeichnung häufiger als bei anderen Rassen. Von charakteristischen Tümmlern mögen die gehaubten Kalotten und Nönnchen, die preußischen Weißkopftümmler, die Kopenhagener Elstern, die englischen Baldheads, die kurzschnäbeligen Barttümmler und die Königsberger Mohrenkopftümmler hervorgehoben werden.
Die Warzentauben sind kräftig gebaute, meist einfarbige Tauben mit einer warzenartigen Wucherung an der Schnabelbasis und oft auch noch am Augenring. Der Kopf ist in der Regel ohne Haube, die Füße sind glatt, die Farben gesättigt, doch die Neigung zu Gefiederzeichnung gering. Die Rasse stammt aus dem Orient und die einzelnen Schläge werden häufig unter dem Sammelnamen „türkische Tauben“ zusammengefaßt. Sie heißen auch Bagdette, weil sie in Bagdad zuerst gezüchtet worden sein sollen oder wenigstens von dort zu uns kamen. Von den bekannteren Schlägen ist zunächst die französische Bagdette zu nennen. Bei ihr ist der gedrungene Körper mit knapp anliegendem blauem, weißem oder geschecktem Gefieder bedeckt. Die Haltung ist aufrecht. Der starke Schnabel ist etwas gekrümmt, die rosenrote Schnabelwarze ist sehr umfangreich. Die kräftigen Beine sind karminrot. Trotz dem Namen wird diese Rasse in Frankreich selten gehalten. Auch die Nürnberger Bagdette ist wenig verbreitet. Der glatte Kopf trägt einen langen, stark gekrümmten Schnabel, an dessen Basis ein mäßig umfangreicher Warzenhöcker sitzt. Zu den geschätztesten englischen Zuchttauben gehört die englische Bagdette oder Carrier. Die Stammrasse ist im Orient weit verbreitet und wurde vor etwa 200 Jahren in Europa importiert und von englischen Züchtern veredelt. Die Färbung ist schwarz, braun, blau oder weiß, der Schnabel lang und gerade, die Schnabelwarze enorm, bis zur Größe einer Walnuß entwickelt, daneben sind die warzigen Augenringe sehr umfangreich. Die Indianer- oder Berbertaube ist schwarz, braun oder gelb, selten blau befiedert, der Schnabel kurz, das große Auge mit weißer Iris von einem mächtigen, rotgefärbten Warzenring umgeben. Auch sie stammt aus dem Orient und wurde von Nordafrika aus nach England, Holland und Deutschland eingeführt. Durch Pinselhaare am Hals ist die in Italien stark verbreitete römische Taube ausgezeichnet. Diese wird wegen ihrer bedeutenden Größe auch Riesentaube genannt. Zu dieser Gruppe gehören auch die Korallenaugen, die Syrier, Kurdistaner und andere, deren Name schon auf die orientalische Herkunft hinweist.
Ebenfalls aus dem Morgenlande wurden die Brieftauben bei uns eingeführt, die triebartig stets zu ihrem heimatlichen Schlage zurückkehrt und denselben auch dank ihrem hochentwickelten Orientierungsvermögen auf sehr große Entfernungen hin mit Sicherheit findet, wobei sie per Minute einen Kilometer zurücklegt. Selbst längere Internierung an einem fremden Orte schränkt ihren Heimatstrieb nicht ein; so vermag sie selbst nach sechs Monaten wieder ihren heimatlichen Schlag zu finden. Diese Eigenschaft, die durch ihre außerordentlich scharfen Sinne bedingt wird, hat ihr eine wichtige Rolle im Kriegsdienst gesichert, weil sie, wenigstens vor der Zeit der drahtlosen Telegraphie, oft das einzige Mittel zur Besorgung des Nachrichtendienstes bot. Auch von der hohen See aus kann sie Meldungen nach dem Lande überbringen. In wichtigen Fällen wird man, wenn sie zum Depeschendienst verwendet wird, mehrere Brieftauben mit denselben Nachrichten, die man in leichten Federspulen an der Schwanzbasis befestigt, absenden, da Raubvögel gelegentlich solche Tauben wegfangen und man so sicherer ist, seinen Zweck zu erreichen. Neuerdings hat man sie auch zu photographischen Aufnahmen des feindlichen Geländes benutzt, indem man ihr einen leichten Photographenapparat mit selbsttätigem Belichter um die Brust hing. Von den in Europa weiter gezüchteten Schlägen sind am bekanntesten und geschätztesten die Antwerpener, Lütticher und Brüsseler Brieftaube. Ihr Gefieder ist vorwiegend blau mit dunkeln Flügelbinden.
Außer der Felsentaube ist nur noch eine Taubenart, eine Lachtaube (Columba risoria), ebenfalls in Asien zu einem Hausvogel erhoben worden. Indessen gibt es außer den Hauslachtauben, die den wilden Lachtauben sehr ähneln und die große Mehrzahl bilden, nur noch weiße Lachtauben; aber auch sie tragen das schwarze Genickband des wilden Stammes. Der Leucismus dieser Vögel beweist, daß sie schon längere Zeit in des Menschen Pflege sein müssen. Erst im 17. Jahrhundert kamen sie aus China oder Indien nach Europa, wo sie jedoch nur beschränkte Verbreitung fanden. In ihrer Heimat Asien aber scheinen sie ihres angenehmen Wesens wegen vielerorts gezüchtet zu werden. Der Lieblingsaufenthalt dieser Vögel sind dürre Steppen, in denen sie ihr Lachen und Girren aus fast jedem Busche hören lassen. Doch haben sie sich trotz ihrer angeborenen Scheu teilweise auch schon an den Menschen gewöhnt. So genießen Lachtauben in Konstantinopel das Privilegium, von jeder Kornladung ihren Tribut in Anspruch nehmen zu dürfen.
Von den übrigen Taubenarten ist keine einzige in Abhängigkeit vom Menschen geraten. Zwar haben schon die alten Römer wilde Ringel- und Turteltauben gefangen und gemästet, um sie als leckeren Braten zu verzehren; aber zu Haustieren sind sie damals nicht erhoben worden. Seit der ältesten Zeit haben die Dichter die durch Vorderasien und das gemäßigte Europa verbreitete Turteltaube (Columba turtur) wegen ihres klangvollen Rucksens und der ehelichen Zärtlichkeit, mit der Männchen und Weibchen aneinander hängen, besungen. Weil sie auch leicht zu fangen und in Gefangenschaft zu erhalten war, ist sie auch zu allen Zeiten und überall vielfach gehalten worden; aber sie scheint sich in der Gefangenschaft nicht fortgepflanzt zu haben, so daß sich ihrer Haustierwerdung erhebliche Schwierigkeiten entgegenstellten. In halber Freiheit aber pflanzt sie sich willig fort, und so haben sie schon die alten Römer gehalten. So berichtet Varro in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts v. Chr.: „Für Turteltauben baut man auch ein besonderes, demjenigen für Haustauben bestimmten ähnliches Gebäude, gibt ihnen aber offene Nester und füttert sie mit trockenem Weizen. Sie ziehen zur Erntezeit viele Junge und diese lassen sich schnell mästen.“
XVIII. Die Sing- und Ziervögel.
Ihres lieblichen Gesanges wegen hat der Mensch je und je Vögel seiner Umgebung mit Schlingen oder in Fallen gefangen, um sie in kunstlos aus Stäbchen geflochtenen Bauern in seiner Behausung aufzustellen, damit sie ihn durch ihr munteres Wesen und ihr wohllautendes Liebeswerben erfreuten. Von allen Finkenarten, die zu diesem Zwecke am häufigsten in Gefangenschaft gehalten werden, ist nur der Kanarienvogel (Serinus canarius) zu einem eigentlichen Haustier geworden, indem er sich nicht nur regelmäßig in der Gefangenschaft fortpflanzt, sondern auch verschiedene Spielarten hervorgebracht hat. Seine Heimat sind, wie der Name schon andeutet, die Kanarischen Inseln westlich von Afrika, wo diese unserm Girlitz am nächsten verwandte Finkenart gezähmt und zum Haustier gemacht wurde. Der auch in seiner Heimat von Spaniern und Portugiesen canario genannte Vogel ist merklich kleiner und schlanker als derjenige, der in Europa gezähmt gehalten wird, und kommt noch häufig in denjenigen Teilen der Kanaren vor, die noch nicht ganz abgeholzt sind; denn sein bevorzugter Standort sind Bäume, in deren Laub er sich vermöge seiner Färbung geborgen weiß. Beim erwachsenen Männchen ist die Farbe vorwiegend Gelbgrün untermischt mit Aschgrau, nur die Brust ist nach hinten zu heller, gelblicher und der Bauch weißlich. Auch die schwarzgrauen Schwanzfedern sind weißlich gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind dagegen bräunlich fleischfarben. Die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Pflanzenstoffen, allerlei Samen, zarten Blättern und saftigen Früchten, namentlich Feigen. Wasser zum Trinken und Baden ist ihm unbedingtes Bedürfnis. Sein Flug gleicht demjenigen des Hänflings. Er ist etwas wellenförmig und geht meist nur von Baum zu Baum. Mit Vorliebe baut er sein Nest im März auf jungen Bäumen in über 2 m Höhe, um darein fünf blaß meergrüne Eier mit rötlichbraunen Flecken zu legen. Während das Weibchen brütet, sitzt das Männchen in seiner Nähe, am liebsten hoch oben auf einem noch unbelaubten Baum, um seinen von demjenigen des zahmen Kanarienvogels wenig verschiedenen Gesang erschallen zu lassen. Die Brutzeit dauert 13 Tage; dabei werden drei bis vier Bruten jährlich großgezogen. Die Jungen bleiben im Nest, bis sie vollständig befiedert sind und werden noch eine Zeitlang nach dem Ausfliegen von beiden Eltern, namentlich aber vom Vater, aufs sorgsamste aus dem Kropfe gefüttert.
Der Fang der wilden Kanarienvögel ist sehr leicht; besonders die jungen gehen fast in jede Falle, sobald nur ein Lockvogel ihrer Art daneben steht. Auf den Kanaren bedient man sich gewöhnlich zu ihrem Fange eines Schlagbauers, der in der Mitte einen Käfig mit dem Lockvogel und seitlich davon je eine Falle mit aufstellbarem Trittholz besitzt. Er wird in baumreicher Gegend in der Nähe von Wasser aufgestellt und fängt am ergiebigsten morgens. In der Gefangenschaft sind die Vögel unruhig und brauchen längere Zeit, ehe sie die ihnen angeborene Wildheit abgelegt haben. Sperrt man sie in engen Käfigen zu mehreren zusammen, so zerstoßen sie sich leicht das Gefieder. Sie sind sehr gesellig und schnäbeln sich gern untereinander. Die jungen Männchen geben sich durch fortgesetztes lautes Zwitschern zu erkennen. Doch sind die Vögel außerordentlich empfindlich und gehen leicht an Krämpfen ein.