Nachdem 1866 die künstliche Ausbrütung der Straußeneier geglückt war, ging die Sache rasch vorwärts. In Algier freilich, wo die ersten Versuche stattfanden, vermochte sich die Straußenzucht nicht einzubürgern; dagegen hatten die Farmer im Kaplande überraschende Resultate. Schüttelte man auch dort anfänglich die Köpfe über den Versuch, Strauße zu züchten, so kamen doch einzelne Farmer dadurch zu Vermögen. Die Straußenfarmen wuchsen bald wie Pilze aus dem Boden, und die Kaufpreise der Vögel stiegen rasch in die Höhe. Während noch im Jahre 1865 im Kaplande nicht mehr als 80 zahme Strauße gezählt wurden, hielt man zehn Jahre später schon 21751 Stück. Im Jahre 1886 schätzte man den dortigen Bestand an gezähmten Straußen auf 150000 Stück und später stieg er gar auf 200000 Stück, so daß man sehr wohl begreift, wie heute die Straußenzucht einen der wichtigsten Erwerbszweige Südafrikas bildet, soweit es von Europäern bevölkert ist. Vom Jahre 1865–1885 hob sich die Ausfuhr von 1500 auf 90000 kg Federn jährlich, was einen Wert von etwa 20 Millionen Mark darstellt. In neuerer Zeit ist der Preis der Federn und damit auch der Vögel stark gesunken; doch ist die Straußenzucht gleichwohl immer noch lohnend. Die allzugroße Inzucht der Tiere scheint aber die Qualität der Federn verschlechtert zu haben, so daß eine nicht künstlich verstärkte Feder heute tatsächlich eine Seltenheit geworden ist. Eine Auffrischung der Zuchten mit Wildmaterial ist wegen des starken Rückganges freilebender Strauße bedeutend erschwert.

Kleinere Farmer lassen die Strauße den Tag über im Felde herumlaufen und treiben sie abends in die Gehöfte, wie es übrigens die Somali schon vor den Europäern machten, um die Straußenfedern leichter als durch die mühevolle Jagd auf jene so überaus schnellaufenden Tiere zu erlangen. Viel häufiger als solche kleine sind große Zuchten, in denen etwa 100 Vögel auf einem Raum von 250 ha, von Drahtzäunen oder Steinmauern umgrenzt, gehalten werden. Die Nahrung besteht aus Gras und Laubwerk; daneben wird auch Mais verfüttert. Die Straußenhenne legt im dortigen Frühjahr im Laufe von 14 Tagen 12–16 ihrer elfenbeinfarbenen, dickschaligen Eier, deren Ausbrütung, wie wir sahen, fast ausschließlich das Männchen besorgt. Sie wird aber auch sehr häufig im Incubator genannten Brutapparat vorgenommen, wodurch eine gleichmäßigere Erwärmung und infolgedessen auch eine größere Zahl von ausschlüpfenden Jungen erzielt wird. Im Laufe des Jahres erfolgen 2–3 Bruten, so daß die Vermehrung eine sehr starke ist. Im Brutapparat bedarf das Ei zu seiner völligen Bebrütung durchschnittlich 43 Tage. Die Jungen werden mit kleingeschnittenem Grünfutter, besonders Luzerne, dann in Wasser eingeweichter Brotkrume und Kleie aufgezogen, was einige Vorsicht und in der ersten Zeit Trennung von den Alten erfordert, da diese gegen die auf diese Weise gewonnenen Jungen sehr bösartig zu sein pflegen. Sobald die Tiere drei Jahre alt sind, werden ihnen zum erstenmal Federn entnommen, nicht ausgerissen, sondern an der Wurzel mit der Schere abgeschnitten. Der Stumpf fällt dann aus und an seiner Stelle entwickelt sich eine neue Feder. Alle acht bis zehn Monate wird dieser Prozeß, bei welchem man die Vögel vielfach in ein bewegliches Holzgestell einspannt, wiederholt, und 15 Jahre lang kann man bei einem gesunden Tier auf Rentabilität rechnen. Bei einem jährlichen Unterhalt von 80 Mark pro Vogel erzielt man eine Ernte von 1 kg Federn im Werte von 260–1200 Mark. Es ist dies also eine sehr schöne Verzinsung des Anlagekapitals.

Die Straußenzucht gedeiht nur in Steppengegenden und sandigen Gebieten. Der Wind hat wenig Einfluß auf das Wohlbefinden der Tiere; dagegen sind die Strauße sehr empfindlich gegen Nässe und Kälte. Starke Verheerungen richten leicht übertragbare Wurmparasiten unter ihnen an. Es wird angegeben, daß die jungen Strauße mit Vorliebe Exkremente von Trappen und Feldhühnern aufpicken und auf diese Weise die Keime von parasitischen Würmern in sich aufnehmen, die sie im wilden Zustande nicht in sich haben. Ferner brechen sich die Tiere in ihrer Ungeschicklichkeit leicht die Fußknochen und gehen dann meist zugrunde. Noch schlimmer aber ist es, daß der Absatz des Produktes ganz von den Launen der unberechenbaren Mode abhängt und die Preise mit dem zunehmenden Angebot sinken.

Trotzdem die Kapregierung einen hohen Ausfuhrzoll auf lebende Vögel und Eier festsetzte, hat sich die Straußenzucht, außer der blühenden Zucht von Matarieh bei Kairo in Ägypten, auch außerhalb Afrikas eingebürgert, vor allem in Kalifornien und Argentinien. Auch Neuseeland züchtet diesen Schmuckvogel mit Erfolg; in Australien dagegen vermochte er bis jetzt nicht zu gedeihen. Seit kurzem ist man auch in Deutsch-Südwestafrika dem Beispiele der Engländer gefolgt. So ist in Otjkondo ein Gebiet von 8200 ha ganz für die Aufzucht dieser Vögel reserviert worden. Da diese, wenn sie rationell betrieben wird, nur einen Verlust von 10 Prozent verursacht und die Vögel sehr fruchtbar sind, d. h. zwei- bis dreimal jährlich 10–16 Eier legen, so kann die Zucht sehr lukrativ sein.

XX. Die Nutzfische.

Noch mehr als für die fluß- und seenbewohnenden Binnenländer ist für die Küstenbewohner der Fischfang eine wichtige Erwerbs- und Nahrungsquelle. Und mit dem immer besser eingerichteten Versand der Fische sind auch die meisten Städte im Innern vorzüglich mit diesem ebenso nahrhaften als billigen Nahrungsmittel versorgt, das in den weitesten Schichten der Bevölkerung eine zunehmende Bedeutung gewinnt. Nach vielen Milliarden Mark belaufen sich die Werte, die von den verschiedenen Völkern dem Meere, der Mutter alles Lebens, in Form von Fischen entnommen werden. So hat auch in Deutschland nicht nur die Küsten-, sondern besonders auch die Hochseefischerei immer größere Bedeutung erlangt, nachdem hierin England vorbildlich vorangegangen war. Vom überreichen Erntesegen, der lange Zeit vorzugsweise den Briten zufloß, kommt nun ein stets wachsender Teil auch den Deutschen zugute. Werden doch jährlich allein für 40 Millionen Mark Heringe nach Deutschland eingeführt.

Unter den zahlreichen Meerfischen haben besonders die Schellfische mit Einschluß der Kabeljaus oder Dorsche, daneben die Heringe durch ihr gehäuftes Auftreten in der Laichzeit in manchen Gegenden eine große Bedeutung erlangt. Diese suchen seichtere Stellen des Meeres zur Ablage ihrer Eier auf und werden dann in großen Netzen in Menge gefangen, teilweise auch mit der Grundschnur erbeutet, die etwa 2000 m Länge hat und gegen 1200 Angelschnüre mit köderbewehrten Haken besitzt. Letztere wird ausgeworfen und alle sechs Stunden emporgeholt, der Fang ausgelöst, die verbrauchten Köder ersetzt und die Schnur neu gelegt. Währenddem beschäftigen sich die Fischer mit Handangeln, von denen sie je eine in die Hand nehmen, rasch emporziehen, wenn sie merken, daß sich etwas gefangen hat, und sofort wieder in die Tiefe versenken. Letzteres geschieht besonders beim Schellfisch, Kabeljau und Merlan (Gadus morrhua, aeglefinus und merlangus), von denen ein Mann täglich 300 bis 400 Stück zu erbeuten vermag. Am besten schmecken alle diese Fische frisch verzehrt. Durch das Trocknen verlieren sie an Geschmack, doch bleibt bei ihrer ungeheuren Menge gleichwohl nichts anderes übrig, als den größten Teil auf diese Weise zu konservieren, außerdem eine beträchtliche Menge davon in Fässern einzusalzen.

Der Kabeljau — jung Dorsch genannt — bewohnt den nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans und die angrenzenden Gebiete des Eismeeres, hat seine Hauptverbreitung zwischen dem 50. und 75. Breitegrad, kommt nicht südlicher als im 40. Breitegrad vor, wird 1–1,5 m lang und bis 40 kg schwer. Zur Laichzeit zieht er in gewaltigen Zügen, die über 100 km breit und 30 km lang sein können, dicht gedrängt an die zur Eiablage geeigneten flachen Stellen des Meeres, an den Lofoten, dann an der Doggerbank in der Nordsee (dogg heißt im Altholländischen der Kabeljau), besonders aber an der Neufundlandbank, wo allein alljährlich etwa 1300 Millionen Kilogramm Kabeljaus gefangen werden. Die Neufundlandbank ist heute noch die wichtigste Fangstelle des Kabeljaus und wurde seit Anfang des 16. Jahrhunderts von Engländern, Holländern, Franzosen, Portugiesen und Spaniern aufgesucht und fleißig ausgebeutet. Schon im Jahre 1615 waren 250 englische Schiffe dort beschäftigt. Heute sind es deren 1800 mit 17000 Matrosen, während die Amerikaner noch mehr senden, um den hier gebotenen Reichtum aus dem Meere zu schöpfen. Die meisten Kabeljaus werden mit beköderten Angeln an der Grundschnur oder an Angelschnüren, die von den Booten herabhängen, gefangen und sofort geköpft und ausgenommen. Sie werden dann meist halbiert und die einzelnen Teile auf Stangen getrocknet. So liefern sie den „Stockfisch“, während sie mit Salz bestreut und auf Felsen getrocknet als „Klippfisch“, und in Fässern eingesalzen als „Laberdan“ in den Handel gelangen. Beim Ausweiden der Fische kommt die Leber in ein besonderes Faß, der Rogen in ein anderes, die übrigen Eingeweide werden als Köder verwendet. Die abgeschnittenen Köpfe dienen vielfach als Viehfutter. Die Lebern läßt man in großen Bottichen stehen und in Zersetzung übergehen, wobei sich in ihnen ein Öl an der Oberfläche sammelt. Es ist dies der Lebertran, der von Zeit zu Zeit abgeschöpft, durch Seihen gereinigt und, seiner Güte entsprechend, in verschiedene Fässer gefüllt wird. Am besten ist natürlich der wenige Tage nach Beginn der Fäulnis gewonnene Lebertran, am schlechtesten der Rest, den man durch Auskochen erlangt.