Es leuchtet ein, daß bei der in der oben geschilderten Weise betriebenen Schwammfischerei der Fang immer weniger ergiebig wird. Es ist daher ein großes Verdienst von Prof. Oskar Schmidt, daß er bei seinen von 1863–1872 zur Hebung der Schwammfischerei an der Küste Dalmatiens angestellten Studien dazu kam, die Schwämme künstlich zu züchten. Bei der ungemein großen Regenerationsfähigkeit dieser Tiere war das Verfahren ein sehr einfaches. Er zerschnitt den frischen Badeschwamm in kleinere Stücke und befestigte diese auf hölzerne Gestelle, die er an geschützten Orten ins Meer versenkte. Er hatte die Freude, daß die Anlagen gut gediehen und die Schwämme vortrefflich wuchsen. Leider scheiterte der Versuch trotzdem, da einmal unzählige Pfahlwürmer das Holzwerk der Anlage zerstörten, andererseits aber die Küstenbewohner und Schwammfischer selbst sich nicht nur vollkommen gleichgültig gegen die Neuerung, die ihnen doch nur Nutzen bringen sollte, verhielten, sondern sogar die Anlagen zu zerstören suchten. So scheiterte in diesem Falle wie so oft das redlichste und Erfolg versprechende Unternehmen an der Beschränktheit und Indolenz der Menschen, die schließlich, wenn ihre Schwammgründe bei ihrer unsinnigen Methode abgefischt sein werden, was in absehbarer Zeit der Fall sein wird, doch zu der Neuerung der künstlichen Schwammzucht gezwungen sein werden; denn trotz der außerordentlichen Vermehrung des Badeschwammes werden die Schwämme immer seltener, da die unvernünftigen Fischer schon im Frühjahr, wenn der Schwamm mit jungen, bald ausschwärmenden Larven angefüllt ist, Schwämme stechen und auf diese Weise ungezählte Millionen junger Tiere vernichten. Vielleicht wird man aber in späterer Zukunft sich mit künstlichen Schwämmen aus porösem Gummi behelfen und so nach und nach das natürliche Produkt entbehren können.

Neuerdings hat der Lyoner Physiologieprofessor Raphaël Dubois durch seine vieljährigen Versuche in Tamaris der künstlichen Aufzucht von Badeschwämmen neue Wege gewiesen. Da er mit dem Wachstum in kleine Stücke geschnittener Schwämme, die er auf allerlei Gegenständen mit einer Schnur befestigte und, vor zu greller Sonne geschützt, in 2–3 m Tiefe heranwachsen ließ, keine besonders günstigen Resultate erzielte, begann er mit der Aufzucht der in großer Menge von den Mutterschwämmen gewonnenen Larven, die von sehr gutem Erfolg war und für die systematische Aufzucht besonders feiner Schwammarten große Vorteile bietet, so daß wohl diesem Verfahren die Zukunft gehört. Damit dürfte es nicht schwer fallen, die durch vieljährigen Fang von Schwämmen entvölkerten Küsten wieder mit neuem gutem Material zu bevölkern.

Schon das Altertum kannte die heute bei uns übliche Verwendung des Badeschwammes bei den Mittelmeervölkern. Plinius berichtet uns, daß er durch Taucher gewonnen werde, die Taucher aber großen Gefahren, besonders von seiten der Haifische, ausgesetzt seien. Er schreibt darüber wörtlich: „Den Tauchern, welche Badeschwämme am Meeresgrunde holen, werden Haifische gefährlich, die sich oft in Menge einfinden. Die Taucher erzählen, es zeige sich oft über ihrem Kopfe eine wie ein flacher Fisch aussehende Wolke, welche sie niederdrücke und am Auftauchen hindere; deshalb führten sie spitze Dolche bei sich, weil die Wolke nicht Platz mache, wenn sie nicht durchstochen werde. Das alles mag wohl nur Wirkung der Dunkelheit und Furcht sein; aber jedenfalls setzt es mit den Haifischen einen harten Kampf ab und kann man sich nur dadurch retten, daß man mutig auf sie losgeht und sie auf diese Weise in Schrecken versetzt. In der Tiefe ist der Vorteil von beiden Seiten gleich; kommt aber der Taucher an die Oberfläche, so ist die Gefahr für ihn groß, weil er nun das Wasser verlassen will und daher dem Haifisch nicht mehr entgegengehen kann. In diesem Falle muß er sich ganz auf die Hilfe seiner Kameraden verlassen, welche ihn an einem unter den Armen hindurchgezogenen Seil aufwärtsziehen. Sobald der Kampf unter dem Wasser beginnt, schüttelt der Taucher mit der Linken am Seile und zeigt dadurch die Gefahr an, seine Rechte aber kämpft mit dem Dolche. Man zieht ihn nur langsam in die Höhe; sobald er aber dem Schiffe nahe ist, muß er schnell durch einen starken Ruck auf das Schiff geschleudert werden, sonst wird er doch noch verschlungen. Oft wird er vom Ungeheuer noch aus der Luft geschnappt, wenn er sich nicht in eine Kugel zusammenzieht. Aus dem Schiffe hält man zwar dem Haifisch dreizackige Gabeln entgegen, allein er weiß ihnen pfiffig genug auszuweichen, indem er sich unter dem Schiffe verbirgt und von da aus, ohne sich einer Gefahr auszusetzen, angreift. Am sichersten kann man übrigens da tauchen, wo man platte Fische sieht; denn wo diese sind, findet man niemals Raubtiere. Deshalb werden die ersteren heilige Fische genannt.“

Drei Menschenalter nach Plinius berichtet uns der griechische Sophist Oppian über die Schwammfischerei: „Am schlimmsten sind diejenigen Leute dran, die nach Badeschwämmen (spóngos) tauchen. Zu ihrem Geschäfte bereiten sie sich dadurch vor, daß sie wenig essen und trinken, wodurch der Atem freier wird, auch schlafen sie viel. Bevor sie ans Werk gehen, bitten sie die Götter, ihnen Schutz gegen gefährliche Seetiere zu verleihen. Sehen sie irgendwo den Kallichthys (d. h. Schönfisch), so sind sie frohen Mutes und wissen, das kein gefährliches Tier in der Nähe ist. Wollen sie tauchen, so haben sie ein Seil um den Leib, in der linken ein Bleigewicht, in der rechten eine Sichel, im Munde Öl. Das Blei bringt sie schnell auf den Grund, das Öl spucken sie aus, wo sie einen Schwamm sehen; denn Öl macht das Wasser durchsichtig. Die Schwämme sind an Felsen angewachsen. Der Taucher schneidet eiligst ab, was er erreichen kann, zuckt dann schnell am Seil, damit ihn die Kameraden wieder hinaufziehen. Kommt er glücklich an die Oberfläche, so ist er doch vor Angst und Anstrengung ganz elend; oft aber wird er in der Tiefe von den Ungeheuern verwundet oder ganz zerrissen.“ Daß alle Autoren so einstimmig über die großen Gefahren von seiten der Haie bei der Schwammfischerei berichten, beweist, daß diese Tiere im Altertum in den Mittelmeergegenden viel häufiger waren als heute, da man diesen gefährlichen Raubfischen mit allen Mitteln entgegentritt und sie so viel als möglich auszurotten sucht.

Hier könnten noch die ausschließlich das Meer an der Oberfläche oder in größeren Tiefen als Plankton lebenden einzelligen Radiolarien erwähnt werden, deren Kieselschalen als Kieselgur oder Infusorienerde als eine farblose oder gefärbte mehlartige Masse oft mächtige Lager bildet wie in der Lüneburger Heide, am Vogelsberg bei Franzensbad, in Ungarn, Toskana, Schweden, Finnland, Virginia usw. Sie dient zur Bereitung von Dynamit, indem das Nitroglyzerin damit getränkt wird, von Wasserglas, Ultramarin, von Tonwaren aller Art, Papiermaché, Siegellack, zum Kitten, als Formsand und Poliermittel, zur Umhüllung von Dampfkesseln und feuerfesten Schränken als schlechter Wärmeleiter statt Asbest usw. In Schweden und Finnland wird sie sogar dem Brote beigemischt. Bei vielen unkultivierten Völkern bildet sie als eßbare Erde, rein oder mit andern Stoffen vermischt, eine nicht nur in Zeiten von Hungersnot, sondern auch sonst beliebte Speise. Es sei hier nur an die südamerikanischen Erdesser, die Otamaken, erinnert, über die Alexander von Humboldt in seinem Buche: Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents eingehend berichtet. Dort sind alle bis dahin bekannten Erde essenden Stämme zusammengestellt, so daß wir alle Interessenten darauf verweisen können. Zu dieser sind im Laufe des 19. Jahrhunderts noch zahlreiche neue hinzugekommen, so daß wir heute sagen können, daß diese Sitte fast über die ganze Erde verbreitet ist und eine größere Rolle spielt, als man bis dahin glaubte. Außer dem mageren Kieselgur werden auch die verschiedensten fetten Erden, besonders Tonarten, mit Behagen und ohne irgend welche Nachteile verspeist, vorausgesetzt, daß die Gesamternährung durch allzugroße Zufuhr dieses natürlich nicht nahrhaften Balastes nicht leidet.

XXII. Die Honigbiene.

Unter allen Insekten ist zweifellos die gemeine Honigbiene (Apis mellifica) das weitaus nützlichste und seit Urzeiten dem Menschen durch ihre süßen Vorräte von Honig dienstbar. Soweit überhaupt historische Urkunden zurückreichen, wissen wir, daß alle Völker von jeher den in hohlen Baumstämmen oder Felslöchern von wilden Bienenkolonien zusammengetragenen Honig aufsuchten und als äußerst geschätzte Speise oder — mit Wasser verdünnt — als überaus beliebtes Getränk genossen. Von den heute noch auf niedriger Kulturstufe lebenden Volksstämmen wissen wir, daß dem Naturmenschen der Begriff Honig den höchsten denkbaren Gaumengenuß bedeutet, den er sich so häufig als möglich zu verschaffen sucht. Alle Jägerstämme schauen auf ihren Streifereien durch die Natur mit Eifer nach etwaigen Kolonien wilder Bienen aus, und manche Stämme, wie z. B. die Australier, ergreifen gern reich mit Pollen zum Neste zurückkehrende Bienen, um ihnen mit Harz eine Flaumfeder anzukleben, so daß sie gerade noch wegfliegen können. Den so gezeichneten Bienen folgen sie raschen Laufes, bis sie den Bienenstock mit dem ersehnten Honigvorrat ausgekundschaftet haben. Dann wird derselbe ausgeplündert und der Honig, wohl weil er konzentriert zu süß ist und in größeren Mengen widersteht, mit Wasser in der Vertiefung eines Felsens verdünnt und ausgetrunken. Blieb irgendwo eine solche Honiglösung in Wasser in einem Gefäße stehen, so entstand von selbst durch die hineingefallenen allgegenwärtigen Hefepilze das älteste berauschende Getränk des Menschen, der Met, der bei allen Völkern der Vorläufer von Bier und Wein war, wie wir im 15. Abschnitte des ersten Bandes der Kulturgeschichte der Nutzpflanzen eingehend besprachen.

Wie dem Jäger ist auch dem Viehnomaden der Honig ein ersehntes Labsal, und als das Höchste, was Jahve seinem Volke, den Kindern Israels, auf ihrem vieljährigen Zuge durch die Wüste versprechen konnte, war ein Land, in welchem „Milch und Honig“ fließt. Das sollten sie im Lande Kanaan finden. Aber schon zur Zeit der großen Propheten Judas fanden die Nachkommen dieser Viehzüchter israelitischen Stammes, daß ein Land voll Honig ein Land der Unkultur sei. So war auch dem gebildeten Griechen, wie wir in Platons Schrift Kritias lesen, ein Land voll Honig ein Land der Wüste; denn vor der intensiveren Kultur durch den Menschen flüchten sich die wilden Bienen gern in Einöden zurück, wo sie ohne Beunruhigung durch jenen der unermüdlichen Arbeit zum Wohle ihres Gemeinwesens obliegen können.

Nach den Veden und den Gesetzen Manus war der zunächst immer noch von wilden Bienen gesammelte Honig bei den Indern nicht nur ein wertvolles Geschenk für die Menschen untereinander, sondern auch eine geschätzte Opfergabe für die Götter. Auf den Märkten des Landes bildete er einen begehrten Handelsartikel, von dem die Könige, die seit den ältesten Zeiten mit Honigwasser gesalbt wurden, den sechsten Teil als ihnen gebührende Abgabe beanspruchten. Auch bei den alten Babyloniern und Ägyptern fand der Honig als Tauschmittel, Opfergabe und Arznei ausgiebige Verwendung. In der späteren Zeit mögen hier überall die Bienen auch als Haustiere gehalten worden sein, indem man gelegentlich einen Schwarm der wilden Biene abfing und in einem hohlen Baum ansiedelte, um sich dann des von ihnen gesammelten Honigvorrats zu bemächtigen. Gleicherweise liebten die alten Juden den Honig als leckere Speise, doch verwandten sie ihn in der uns überlieferten Zeit nicht als Opfergabe. Der Prophet Hesekiel berichtet uns, das die Bewohner von Juda und Israel nebst Wein, Öl und Balsam auch Honig nach der alten phönikischen Handelsstadt Tyrus brachten. Aus dem Talmud erfahren wir, daß der Honig zu Geschenken beliebt war, um sich die Gunst jemands zu erwerben. Man benutzte ihn bei den Juden wie bei den zuvor genannten Völkern zur Verbesserung des Weines, zur Herstellung von heilenden Salben und Heiltränken. Damals (um 200 n. Chr.) wurden die Bienen jedenfalls schon gezüchtet; denn in der Mischna, dem ersten Teile des Talmuds, finden wir verschiedene Angaben über die Bienenwirtschaft und das Bienenrecht. Die Bienen wurden meist in aus Stroh oder Rohr geflochtenen Körben gehalten und die Völker bei der Entnahme des Honigs durch Räuchern getötet. An einer Stelle des Talmuds wird sogar von einer Bienenwohnung gesprochen, die mit Fensterchen versehen war.