Gern birschte sich der Einzeljäger in die grüne Farbe des Waldes gekleidet gegen den Wind, den Bogen in der Hand, Schritt für Schritt an das Wild heran. Dazu benutzte er entweder natürliche Deckungen oder künstliche, indem er einen Schirm aus grünen Zweigen oder ein Schild mit aufgemalten Ochsen vor sich hielt. Nach dem Schuß ließ man das getroffene Tier durch Bluthunde verfolgen. Für solche Jagd empfiehlt Roy Modus einen leichten und biegsamen Bogen zu verwenden, den der Schütze längere Zeit gespannt halten konnte, während er sich dem Wilde näherte.
Bild 57. Reiherbeize mit dem Falken und dem Windspiel.
Im Hintergrunde Hasenjagd mit Laufhunden. (Holzschnitt von Jost Ammann in „Das Neuw Jag und Weydwerck Buch“, Frankfurt 1582.)
Neben diesen Jagdarten spielte die von alters her geübte Beize mit dem Jagdfalken das ganze Mittelalter hindurch eine sehr große Rolle. Man schrieb damals die Einführung dieser Jagdart fälschlicherweise dem sagenhaften König Dankus von Armenien zu. Tatsache ist, daß sie allerdings durch die Kreuzzüge mancherlei Beeinflussung aus dem Orient, wo sie ebenfalls mit großer Leidenschaft ausgeübt wurde, erfuhr, besonders von seiten des im 10. Jahrhundert lebenden Arabers Mohammed Tarkani, der ein verbreitetes Buch über die Jagd mit dem Falken schrieb. Unabhängig von ihm schrieb der gelehrte Albertus Magnus (als Graf von Bollstädt 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren, wurde Dominikaner und starb, nachdem er Bischof von Regensburg gewesen, 1280 in Köln) und fast gleichzeitig Kaiser Friedrich II., der Enkel Friedrichs I. Barbarossas (1194–1250), eine allerdings erst im Jahre 1596 in Augsburg gedruckte Abhandlung über das Federspiel. Das Buch des von einer sizilianischen Mutter geborenen und mit Vorliebe in Palermo residierenden Fürsten, der zahlreiche Beziehungen zu den Arabern unterhielt und selbst einen Harem besaß, handelt eigentlich nur von der Zähmung des Falken und nicht von der Jagd mit ihm, obschon es den Titel trägt: de arte venandi cum avibus (über die Kunst mit Vögeln zu jagen). Dieser Fürst war selbst ausübender Falkenjäger und ließ zu seiner Belehrung vor der Abfassung des Buches über die Falknerei Falkner aus dem Oriente kommen, wo die Kunst mit dem Falken zu jagen in hoher Blüte stand. Auch in Byzanz war die Falkenbeize ein beliebtes Vergnügen der großen Herren. Dort schrieb Demetrios, wahrscheinlich Arzt des griechischen Kaisers Michael Palaeologus, in griechischer Sprache ein Buch über Falknerei, das im Jahre 1612 ins Französische übersetzt in Paris gedruckt wurde.
Zur Kreuzfahrerzeit und später kamen die gesuchtesten Jagdfalken aus Island und Norwegen und wurden neben den von unsern Altvordern von jeher gezähmten Habichtarten, dem Hühnerhabicht und Sperber, als sehr geschätzte Jagdgehilfen gehalten. Diese hellfarbigen nordischen Falken waren auch bei den vorderasiatischen Völkern die gesuchtesten. So schlug Sultan Bajazet I., nachdem er am 28. September 1396 bei Nikopolis das abendländische Kreuzheer unter König Siegmund besiegt hatte, alles Lösegeld aus, das ihm für die dabei gefangen genommenen Herzog von Nemours und zahlreiche andere französische Edelleute angeboten wurde, gab sie aber sofort frei, als ihm statt des Geldes zwölf weiße isländische, zur Beize abgerichtete Falken vom Herzog von Burgund geschickt wurden. Und Philipp August, König von Frankreich, dem bei der Belagerung von Akkon ein prächtiger weißer Falke wegflog, bot den Türken für dessen Rückgabe vergeblich 1000 Goldstücke.
Wie gute Jagdhunde waren abgerichtete Falken das ganze Mittelalter hindurch die beliebtesten Geschenke zwischen hohen Herren. Namentlich war Preußen eine dankbare Quelle für Falken. So sandte der Hochmeister Heinrich von Richtenberg im Dezember 1471 acht Falken an den Kurfürsten Albrecht von Sachsen, und Albrecht von Brandenburg machte Maria, der Katholischen, ein ähnliches Geschenk. Lange Zeit übte die dänische Regierung den Brauch, alljährlich eine Anzahl Falken durch ein besonderes Schiff aus dem Norden holen zu lassen und sie geschenkweise an die europäischen Fürsten zu verteilen. Brabanter Kaufleute brachten Falken aus dem Norden nach Frankreich und Spanien. Im Weißkunig wird von Kaiser Maximilian gesagt, er habe Falken gehabt aus der Tartarei, aus der Heidenschaft, aus Rußland, Preußen und von der Insel Rhodus. Lopez von Ayala, kastilischer Gesandter bei Karl V. und Karl VI., erzählt, daß der Preis eines Falken mit hohem Flug 40 Franken in Gold und derjenige eines speziell auf den Reiher abgerichteten Falken 60 Goldfranken betrug. Das sind nach unserem Gelde 472 und 708 Mark, also in Berücksichtigung des damaligen hohen Geldwertes ganz anständige Preise.
Eingehend wird die Abrichtung des meist aus dem Horst genommenen und in einem künstlichen Horst mit rohem Fleisch, Käse, Eiern und Milch aufgezogenen jungen Falken geschildert. Der Akt der Zähmung ging in der Weise vor sich, daß ihm die Klauen geschnitten und die Fangschuhe aus leichten Riemen mit einer kleinen Schelle, bei deren Klang man später den Falken leichter wieder zu finden vermochte, angelegt wurden, damit er auf der Faust gehalten werden konnte. Durch Blenden mit losem Zusammennähen der Augenlider und Hungernlassen, wobei sie 24 Stunden in einen dunkeln, stillen Raum auf der durch einen dicken Handschuh aus Hirschleder geschützten Faust umhergetragen wurden — dabei löste ein Falkner den andern ab — wurden die Tiere abgemattet und zunichte gemacht. Gern sah man, wenn die übermüdeten Vögel während des Umhertragens einschliefen, denn gerade das Schlafen auf der Faust machte nach Roy Modus den Falken vertraut. Nach dieser Frist bekam der Vogel zu „ätzen“, d. h. zu fressen, und zwar stets auf der Faust. Einige Tage später trug man ihn an hellere, belebtere Orte und lockerte allmählich den Faden, mit dem die Augenlider zusammengenäht waren, daß er etwas zu sehen vermochte; schließlich zog man ihn ganz heraus. War der Vogel im Hause zahm geworden, so trug man ihn ins Freie und gewöhnte ihn an Hund und Pferd. Wenn der Falkner das erstemal mit dem Vogel das Pferd bestieg, um auszureiten, hatte er gern einen leichten Regen, weil der Vogel dann weniger unruhig war. Dann bekam der Falke in stiller Gegend auf einem Federspiel genannten, mit Leder überzogenen Stiel, an dem flatternde Bänder und Vogelschwingen befestigt waren, zu fressen. Er wurde nun daran gewöhnt, auf diesem gefüttert zu werden; dadurch gelang es, ihn herbeizulocken, wenn er verflogen war, indem man ihm den Federspiel zeigte und die Bänder im Winde flattern ließ. Das erweckte in dem hungrigen Tiere das Bewußtsein, er werde dort zu fressen bekommen, und kam herbei, um sich daraufzusetzen. Deshalb mußte der Falke stets hungrig sein, wenn es zur Jagd ging, sonst riskierte der Falkner, daß er nicht wiederkam.
War der Falke so weit zahm, daß er auf den Ruf herbeigeflogen kam, ruhig auf der Hand stand und darauf fraß, so begann man damit, ihm lebenden Raub zu zeigen. Meist benutzte man dazu Tauben, denen man die meisten Schwungfedern ausgerissen hatte, so daß sie mehr flatterten als flogen, so daß sie vom Falken leicht zu schlagen waren. Dann durfte der Falke von der Taube fressen. Später nahm man sie ihm ab und bot ihm dafür das Ziget oder den kalten Flügel. Die ersten Stoßübungen machte der Falke an einer langen Schnur, und erst wenn der Falkner des Vogels sicher zu sein glaubte, wurde ihm die Fessel abgenommen. Nach und nach brachte man den Vogel an größeres Wild und allmählich lernte er Enten, Gänse, Fasanen, Hasen, Trappen, Weiher, Kraniche und Reiher schlagen.
In zahlreichen mittelalterlichen Gedichten ist vom Falken die Rede; denn damals war die Reiherbeize das Hauptvergnügen der großen Herren weltlichen und geistlichen Standes. Überallhin, selbst zur Messe nahmen sie wie ihren Hund, so auch den Falken mit sich. Die Beize konnte nur bei gutem Wetter und am besten im Herbst geübt werden, da die Falken im Frühjahr mauserten und dann äußerst empfindlich waren, im Winter aber durch den Schnee geblendet wurden. In der Zeit der Hohenstaufen war der Gebrauch der Lederhaube durch die Araber aufgekommen und wurde an Stelle der Blendung durch Zusammennähen der Augenlider nicht nur bei der Dressur, sondern auch später zu Hause und unterwegs öfter aufgesetzt, um das Tier ruhig zu halten. Der Falke wurde vom Jäger oder der Jägerin in der Weise auf der behandschuhten rechten Hand gehalten, daß er mit den Fängen zwischen das Handgelenk und die gebogenen Finger griff. Nie durfte die Schelle erklingen, wenn der Vogel richtig getragen wurde. Die Fessel war um den kleinen Finger geschlungen; an ihr wurde der Falke gehalten. Beim Ausritt mußte der Falke stets gegen den Wind gerichtet sein und erst wenn er jagen sollte, nahm man ihm die Haube ab. Eine solche Falkenbeize erforderte sichere Pferde, die kein Hindernis scheuten, da man beim Dahinsausen in Verfolgung des von den Stöberhunden aufgescheuchten Reihers die Augen mehr gegen den Himmel zur Beobachtung der interessanten Flugkünste von Raubvogel und Wild, als auf die Erde richtete und deshalb leicht stürzte. Besonders war dies bei den in Seitensitz reitenden Damen der Fall, die im Mittelalter das rechte Bein nicht um das Sattelhorn gelegt hatten, sondern seitwärts im Sattel saßen, die Füße auf ein Brett gestellt. Da konnte denn freilich der Halt kein sicherer sein. Auf einer Reiherbeize verunglückte denn auch durch einen Sturz vom Pferd am 27. März 1482, erst 25jährig, die immens reiche Tochter und Erbin Herzogs Karl des Kühnen von Burgund, seit 1471 die Gemahlin des Erzherzogs Maximilian von Österreich, des späteren Kaisers Maximilian I., dem sie zwei Kinder, Philipp den Schönen und Margarete, geboren hatte. Auch Maximilians zweite Gemahlin verunglückte auf einer solchen Jagd durch Sturz vom Pferde.
In Frankreich wurde die Beize auch vom Mittelstand geübt. Ritter, Domherren, Bürger und Junker taten sich zusammen und ließen ihre Falken und Sperber auf Rebhühner und Lerchen fliegen. Der Anblick des zu Tode gehetzten Wildes bot diesen noch wenig feinfühligen Menschen die schönste Augenweide und war ihre höchste Lust. In Tirol war schon seit dem Jahre 1414 dem Adel verboten, Fasanen und Rebhühner auf eine andere Art zu fangen als mit dem Federspiel. Kaiser Maximilian I. hat dann die Reiherbeize in den österreichischen Erblanden neu belebt und an vielen Orten auch Enten, zum Teil unter Aufwendung von erheblichen Kosten, als Jagdwild hegen lassen. Auch auf seinen Reisen und Feldzügen übte er die Jagd und das Beizen aus, ersteres am Vormittag und letzteres am Abend. Allgemein wurde die abendliche Beize bevorzugt, weil dann der Falke den größten Hunger hatte und die geringste Neigung zeigte, sich zu verfliegen.