XXV. Die wichtigsten Jagdtiere.
Nachdem wir nun mit den verschiedenen im Laufe der Jahrhunderte in Europa geübten Jagdmethoden bekannt geworden sind, wollen wir einen kurzen Überblick über die wichtigsten bei uns gejagten Tiere geben. Dabei unterscheidet man eine hohe Jagd auf Rotwild, nämlich Hirsch, Reh, Damhirsch, Elch und Gemse, dann Schwarzwild, d. h. Wildschwein, ausnahmsweise auch auf den Bär, und eine niedere Jagd auf Hase, Biber, Eichhörnchen, Murmeltier, Wolf, Fuchs, Dachs, Fischotter, Wildkatze, Luchs, Marder, Iltis, Wiesel und das verschiedene Federwild, welch letzteres im folgenden Abschnitt für sich besprochen werden soll.
Seitdem Ur und Wisent bei uns ausgerottet sind, gilt der Rot- oder Edelhirsch (Cervus elaphus) als das edelste jagdbare Tier unserer Wälder. Deshalb wurde auch die Jagd auf ihn mit größtem Gepränge ins Werk gesetzt und besondere Methoden zu dessen weidgerechter Erlegung ausgebildet. Diese haben wir der Hauptsache nach kennen gelernt, so daß wir uns hier damit begnügen können, seine Besonderheiten kurz aufzuzählen. Ein in der Weidmannssprache als jagdbar und gut bezeichneter Hirsch muß bei der deutschen Jagd wenigstens 12 Enden an den Stangen seines Geweihes haben und etwa 150 kg wiegen. Er ist dann sechsjährig, während ein sogenannter Kapitalhirsch in der Feistzeit bei guter Äsung gegen 300 kg wiegt und 20, ausnahmsweise auch bis zu 24 Enden an seinem Geweih aufweist. Dieses Geweih sitzt aufrecht auf einem kurzen Rosenstock, ist vielsprossig einfach verästelt und wird als sekundäres Geschlechtsmerkmal nur vom Männchen aufgesetzt, um die grimmigen Kämpfe um den Besitz des Weibchens auszufechten. Im Februar wird es abgeworfen und jeweilen in den folgenden Monaten mit wachsender Endenzahl neu gebildet. Während dieser Geweihbildung leben die Männchen zurückgezogen, bis sie im Juli oder August ihre stolze Kopfzier wieder vollendet und „gefegt“, d. h. den lästigen Bastüberzug durch Reiben an Bäumen entfernt haben. Dabei wird vielfach die ursprünglich weiße Farbe des Gehörns beeinflußt, so z. B. sind Bruchhirsche, die an Erlen gefegt haben, an der dunkelbraunen Farbe des Geweihs kenntlich.
Erst im Miozän begann bei den ungehörnten Vorfahren der Hirsche das erste bescheidene Geweih sich zu entwickeln, und zwar als einfache, zunächst mit Haut bedeckte, später von der Haut entblößte Stirnzapfen ohne jede Spur einer Rose. Darauf folgten chronologisch, wie es das einzelne Hirschindividuum als kurze Rekapitulation der Stammesgeschichte bei seiner Entwicklung durchmacht, zunächst das Spießer-, dann das Gablergeweih mit meist unvollkommen entwickelter Rose, die als Beweis dafür gelten kann, daß die Geweihe damals begannen periodisch abgeworfen zu werden. Erst im Pliozän trat als Weiterbildung des Hirschgeweihs der Sechsender auf, dem sich nach und nach, durch die unbehinderte Verbreitungsmöglichkeit begünstigt, Individuen mit noch weiter gegabelten Geweihen anschlossen. Damals sind die Hirsche über die ganze Nordhemisphäre der Erde gewandert und haben sich in zahlreiche Arten gespalten, von denen der Edelhirsch in bezug auf die Geweihbildung die weitaus schönste Form entwickelte. Nach neunmonatlichem Bestande lockert sich der Stirnzapfen durch Entstehung gewisser vielkerniger Zellen, der sogenannten Knochenbrecher, bis sich das Geweih in einer konkaven Fläche vom Stirnzapfen löst.
Gutgenährte Hirsche im mittleren Lebensalter tragen die stärksten Geweihe. Reiche Nahrung, unterstützt durch Salzlecken und Genuß von Kalkphosphaten in assimilierbarer Form, ebenso Trennung von den Hirschkühen kann die Geweihbildung so ungewöhnlich beschleunigen, daß schon im dritten Lebensalter statt eines Sechsenders Zehn- und Zwölfender entstehen, oder ein sonst sechsjähriger Zwölfender im nächsten Jahre als Sechzehnender erscheint. Umgekehrt verringert sich im hohen Alter bei Abnahme der Körperkräfte die Zahl der Enden wieder. Mehr als 20 Enden sind schon sehr selten. Gemäßigtes und Höhenklima, Sumpf- und Moorboden begünstigen, anhaltend heißes, tropisches Klima und Ebenen hemmen die Geweihbildung. Auch die Geweihe gefangener, auf Inseln oder in abgegrenzten Wäldern lebender Hirsche zeigen, wie diese selbst, einen Rückgang in der Entwicklung. Außer Erkrankungen der Stirnzapfen können Verletzungen der Weichteile, insbesondere der Geschlechtsorgane und des Skeletts die Geweihbildung teilweise oder ganz unterdrücken oder Mißbildungen der Geweihe hervorrufen. Je schwerer die Verletzung oder je näher die Zeit der Verletzung dem Beginn der Geweihbildung war, um so größer ist die Abnormität in der Geweihbildung. Sonderbarerweise deformiert die Verletzung einer Vorderextremität beide Geweihteile, während die Verletzung einer Hinterextremität nur die Mißbildung einer, und zwar der entgegengesetzten Geweihhälfte zur Folge hat. Wahrscheinlich ist die letzte Ursache aller Abnormitäten in der Geweihbildung die Ernährungsstörung, die die Hirsche infolge von Verletzungen und Krankheiten erleiden. Auch mangelhafte Entwicklung der Geschlechtsdrüsen spielt dabei mit. So bedingt eine Entwicklungshemmung der Hoden Geweihlosigkeit. Bei kastrierten Hirschen steht, einerlei ob sie bei der Kastration ein Geweih trugen oder nicht, die Geweihbildung still, und einseitig kastrierte werfen das Geweih nur auf einer, und zwar der Schädigung entgegengesetzten Seite ab und setzen es nur dort wieder auf.
Der Edelhirsch bewohnte ursprünglich ganz Europa bis zum 65. Grad nördlicher Breite und Südsibirien bis zum 55. Grad nördlicher Breite. Nach Süden hin bilden der Kaukasus und die Gebirge der Mandschurei die Grenzen seines Verbreitungsgebiets. In allen stärker bevölkerten Ländern hat er begreiflicherweise stark abgenommen oder ist, soweit er nicht künstlich gehegt wird, verschwunden. Am häufigsten ist er noch in Osteuropa und Asien, besonders im Kaukasus und im bewaldeten südlichen Sibirien zu finden. Er liebt ausgedehnte ruhige Waldgebiete oder dicht bewachsene Bruchgegenden, bewohnt aber auch, beispielsweise in Schottland, unbewaldete Berge und findet dort nur in deren Tälern und Schluchten Verstecke. Seinen Stand oder Wohnort ändert er in ungestörten Gegenden nur in der Brunstzeit und beim Aufsetzen des neuen Geweihs, ebenso bei Mangel an Äsung. Er lebt rudelweise nach Alter und Geschlecht gesondert — nur die Kapitalhirsche leben bis zur Brunstzeit meist einzeln — tagsüber versteckt, um sich erst bei Sonnenuntergang auf regelmäßigen, nur infolge von Störungen aufgegebenen Wechseln aus dem Dickicht nach seinen Äsungsplätzen auf Feldern, Wiesen und andern lichten Plätzen zu begeben. Dort hält er sich fressend die Nacht über auf, um sich mit der Morgendämmerung wieder in sein Versteck zu begeben. Während die Hirsche in den aus lauter männlichen Stücken bestehenden Rudeln selbst auf ihre Sicherheit bedacht sein müssen, fällt in den aus männlichen Exemplaren gemischten Rudeln die Pflicht der Wachsamkeit hauptsächlich den weiblichen Stücken, den Tieren, zu. So steht an der Spitze solcher Rudel stets ein Leittier, eine Hirschkuh, von der das Vordringen des ganzen Rudels auch in der Brunstzeit so lange abhängt, als das Rudel nicht, wie man sagt, vom Hirsche gepeitscht, d. h. getrieben wird. Zu Beginn der in den September und Oktober fallenden Brunstzeit trennen sich die Männchen, und zwar die älteren vor den jüngeren, von ihren Rudeln, um die Weibchen aufzusuchen und, beim Rudel angekommen, die schwächeren Hirsche von ihm zu entfernen. Mit im Nacken angeschwollenem Hals und windhundartig eingezogenen Weichen geht der Hirsch den Tieren nach und Nebenbuhlern entgegen, um sie von seinem Harem in grimmigem Kampfe zu verdrängen. Unterliegt er dabei, so muß er denselben dem glücklicheren Sieger überlassen; doch entfernt er sich erst, wenn alle Versuche zu siegen erfolglos waren, unwillig das ihm abgejagte Rudel umkreisend. Treffen aber gleichstarke Hirsche zusammen, so bekämpfen sie einander so lange, bis der eine getötet ist oder beide Kämpfer mit den Geweihen ineinander verschlungen sind und nicht mehr loskommen, wodurch sie beide dem Hungertode verfallen. Oft bleibt der Streit stundenlang unentschieden. Nur bei völliger Ermattung zieht sich der Besiegte zurück. Abends und morgens ertönt der Wald vom Röhren der Hirsche, die ihre Nebenbuhler zum Kampfe auffordern.
Nach der Brunstzeit, die jeweilen nach vollkommener Entwicklung des Geweihes und des Sommerhaares eintritt und mit dem Beschlagen der Tiere endet, rudelt sich das Rotwild wieder friedlich zusammen. Es bildet sich das dichtere, warme Winterhaar, und im Februar werfen die starken Hirsche schon ihr Geweih ab, während die jüngern dieses oft erst im Mai verlieren. Bei jenen ist es schon im Juni, bei diesen erst wieder im August vollkommen ausgebildet. Nach dem Abstoßen des Geweihs bildet sich auch das Sommerhaar aus; ist dieses entwickelt, so wirft die Hirschkuh im Mai oder Anfang Juni nach einer Tragzeit von 40–41 Wochen ein, selten zwei Kälber, die der Mutter schon nach wenigen Tagen folgen und nur während der Brunst auf kurze Zeit von ihr abgeschlagen werden. Das neugeborene Kalb liegt in einem Versteck zwischen hohem Heidekraut oder anderem Gestrüpp, bleibt tagsüber sich selbst überlassen und wird abends von der Mutter aufgesucht und genährt. Verläßt sie es wieder, so drückt sie das Kleine mit der Schnauze in sein Lager nieder, wo es zusammengekugelt, den Kopf nach Hundeart dicht beim Schwanze haltend, den ganzen Tag über ruhig liegen bleibt, ohne auch nur den Kopf zu erheben. Doch entfernt sich die Mutter nicht weit von ihm; an einer Stelle unter dem aus der Richtung des Kalbes kommenden Winde ist sie stets auf seine Sicherheit bedacht und vertreibt sofort alle sich ihm nähernden Raubtiere. Bald folgt das Junge der Alten, wächst rasch heran und trennt sich vor Jahresfrist von der Mutter. Bis zum ersten Haarwechsel im Oktober trägt es ein weißgeflecktes Jugendkleid. Im ersten Herbst wird das weibliche Kalb Schmaltier, im folgenden Übergehendtier, später, wenn es zu tragen beginnt, Alttier genannt, während das Hirschkalb im ersten Winter Spießer, im zweiten Gabler, meist aber gleich Sechsender wird. Auch die Stufe des Achters wird häufig übersprungen, sehr selten aber die des Sechsers und die des Zehners. Im dritten Jahr ist das Hirschkalb erwachsen.
Mit der Äsung wechselt der Edelhirsch nach der Jahreszeit ab; im Herbst hält er sich gern an die Buchen- und Eichelmast, im Winter lebt er von Baumrinde, Moos und Heidekraut. Dabei zwingt ihn hoher Schnee aus den höheren Gebirgen auf Vorberge und in Ebenen hinabzusteigen, wo er sichere, gegen den Wind geschützte Stellen aufsucht, um im Frühjahr nach dem alten Standort zurückzukehren. In der Brunstzeit nehmen die starken Hirsche nur wenig Futter zu sich, trinken aber um so mehr und baden und suhlen mit Leidenschaft, wenn sie das Rudel in die schützende Deckung gebracht haben. Regelmäßig werden vom Rotwild in der Nähe seines Standortes angelegte Salzlecken aufgesucht. Außer Wolf und Luchs ist sein größter Feind der Mensch, der es auf dem Anstand oder Birschgang schießt, es zu Pferde, zu Wagen und zu Schlitten beschleicht, es auf Treibjagden, nur noch ausnahmsweise auf Parforcejagden erlegt und den Hirsch in der Brunstzeit durch das Nachahmen seiner Stimme auf einer Schneckenschale oder einem besonderen Instrument, dem Hirschruf, herbeilockt. Getriebenes Rotwild geht ohne Umstände ins Wasser. Angeschossene, von Hunden heftig verfolgte Hirsche suchen namentlich in bergigen Gegenden gerne die Bäche auf, in denen die Hunde den wegen ihrer langen Beine begünstigteren Tieren nur schwer folgen können. In die Enge getrieben, wehren sie sich, den Rücken deckend, mit ihrem Geweih tapfer gegen eine ganze Hundemeute, indem sie damit wuchtige Stöße austeilen. Selbst dem Menschen können sie gefährlich werden. So wurde unter anderen auch der griechische Kaiser Basilius im Jahre 886 von einem Hirsche, der ihm das Geweih in den Leib stieß, getötet, nachdem er vorher schon einmal durch einen solchen beinahe das Leben verloren hätte. Sonst wird das Edelwild auch von Fliegen, Mücken und Bremsen in hohem Maße gepeinigt. Es läßt sich leicht zähmen und zum Fahren und Reiten, wie auch zu verschiedenen Kunststücken abrichten. So fuhr nach Pausanias die Priesterin der Diana an deren Tempel zu Paträ in Achaia beim jährlich einmal prunkvoll durch eine Prozession gefeierten Feste der Göttin auf einem von zahmen Hirschen gezogenen Wagen. Nach Älius Lampridius fuhr auch Kaiser Heliogabalus in Rom mit vier Hirschen, und nach Flavius Vopiscus führte Kaiser Aurelian bei dem Triumphe, den er 273 nach Besiegung der Königin Zenobia von Palmyra und des gallischen Gegenkaisers Tetricus in Rom abhielt, einen einst dem Gotenkönige gehörenden Wagen mit, an den vier Hirsche gespannt waren. Außerdem ließ er im Zuge 20 Elefanten, 4 Königstiger, verschiedene zahme Löwen, 200 verschiedene Bestien aus Syrien, Giraffen, Elche und andere Seltenheiten vorführen. Sehr beliebt waren die Hirsche bei den Jagdspielen in der Arena. So ließ Kaiser Probus bei solchen einmal tausend Hirsche auf einmal in die Arena los. Wie reich müssen die Wälder damals noch an solchem Wild gewesen sein, daß eine so große Zahl derselben auf einmal zur Augenlust des Pöbels zu Tode gehetzt werden konnte. Daneben hielt man schon damals in den Parks der Vornehmen zahmes Rotwild, worunter gelegentlich auch als Rarität Albinos. So sah Pausanias um 160 n. Chr. in einem Park in Rom weiße Hirsche, konnte aber nicht angeben, woher sie stammten. Noch im Mittelalter waren sie an manchen Orten sehr zahlreich; so wurden im Jahre 1619 auf einer Treibjagd in Preußen 672 Hirsche, 614 Tiere und 179 Kälber erlegt, darunter ein Zwanzigender von über 360 kg Gewicht. Das Rotwildbret ist geschätzt, nur zur Brunstzeit ist es wegen des ihm anhaftenden strengen Geschmacks unbeliebt; aus seiner Haut verfertigt man ein starkes, weiches Leder und aus seinem Geweih die verschiedensten Gegenstände. Leider ist der Schaden, den das Rotwild anrichtet, viel größer als der Nutzen, den es bringt. Nur aus diesem Grunde ist es in den intensiver bevölkerten Gegenden Europas ausgerottet worden.
Weit kleiner, deshalb auch viel weniger schädlich und infolgedessen auch seine Haltung mit den modernen forstwirtschaftlichen Grundsätzen besser vereinbar ist das Reh (Capreolus caprea), das schon nach anderthalb Jahren ausgewachsen ist. Im Vergleich zum Edelhirsch ist es gedrungener gebaut und sein Kopf kurz und abgestumpft. Das Gehörn zeichnet sich durch breite Rosenstöcke und verhältnismäßig starke, mit weit hervortretenden Perlen besetzte Stangen aus. Gewöhnlich setzt die Hauptstange nur zwei Sprossen an, so daß das ganze Gehörn nicht mehr als sechs Enden hat. Und diese Sechserstufe erreicht das Reh so schnell, daß seine Altersbestimmung dadurch unmöglich ist. Sein Alter, das auf 15–16 Jahre, in seltenen Fällen aber auch bis 20 Jahre geht, ist nicht leicht, am sichersten noch am Gebiß zu bestimmen. Das Gehörn steht wie beim Hirsch in innigstem Zusammenhang mit der geschlechtlichen Reife des Rehes. So bekommen Rehböcke, die in frühester Jugend ihrer Hoden beraubt wurden, kein eigentliches Gehörn, sondern eine als Perückengehörn bezeichnete unförmliche Wucherung, die auch entsteht, wenn die Hoden, etwa durch einen Schuß, verkümmern. Falls aber die Böcke nach der Ausbildung des Gehörns ihrer Hoden beraubt werden, werfen sie das Gehörn überhaupt nicht ab. Auch hier macht sich die Entfernung oder Verletzung nur eines Hodens am Gehörn der anderen Körperseite geltend. Die ersten Spieße werden im Februar oder März gefegt, und in der Regel im darauffolgenden Dezember abgeworfen. Auf diese sogenannte Kopfspießerstufe folgt die Schmalspießerstufe, wobei die Spieße noch kein scharfes Ende und auch keine eigentliche Rose, sondern an deren Stelle einen aus Perlen besetzten Kranz haben. Sie werden im darauffolgenden Dezember, wenn der Bock 21⁄2 Jahre alt ist, abgeworfen. Erst auf der auf die Schmalspießerstufe folgenden Gablerstufe zeigt das Gehörn zum erstenmal wirklich scharf ausgebildete Enden, wodurch es erst zu einer Waffe wird. Gleichzeitig damit tritt die Geschlechtsreife ein. Mit dem ersten wahren Sechsergehörn ist der Rehbock vier Jahre alt. Die hell- bis dunkelbraune Färbung des Gehörns hängt wesentlich von den Holzarten ab, an denen es gefegt wurde. So färbt die gerbstoffreiche Rinde der Eiche die Stangen dunkel, während sie an Kiefern ziemlich hell bleiben. Fortpflanzungsfähige Rehgeißen erhalten nie ein Gehörn; diese Abnormität in Form kleiner, zwar auf Rosenstöcken stehender, aber keiner Fegung unterliegender Knöpfe, die nur ausnahmsweise zu wohlgefegten Gehörnen auswachsen, entsteht nur bei unfruchtbaren Tieren mit mehr oder weniger zwitterigen, bei alten auch mit entarteten Geschlechtsorganen. Gelegentlich mag auch eine äußere Verletzung an der Stirne Gehörnbildung bei Ricken veranlassen; denn bei einer Rehgeiß, der ein Glassplitter an einer der Stellen, wo der Bock das Gehörn trägt, eingedrungen war, bildete sich dort ein 11,6 cm langer, ein wenig gegabelter Auswuchs. Dieses pathologische Geißengehörn wird wohl niemals abgeworfen, was bei den Böcken etwa Mitte Dezember geschieht. Nach vier Monaten, etwa Ende April, ist das neue Gehörn gewöhnlich fertig und gefegt, und zwar bei den stärkeren Böcken früher als bei den schwächeren.