In Farbe und Behaarung macht das Rehwild mit der Jahreszeit einen ähnlichen Wechsel durch wie das Rotwild. Auf die dunkel rostrote, dünne Sommerdecke, die wesentlich aus sprödem, brüchigem Grannenhaar besteht, folgt eine braungraue, dichte Winterdecke, die reichlich mit der weichen, warmen Unterwolle versehen ist. Davon hebt sich der blendendweiße Spiegel ab, der dem gesellig lebenden Tier bei der Flucht im Waldesdunkel die Richtung, in der seine Genossen flohen, verrät. Merkwürdig sind die Haare des Spiegels durch ihre Beweglichkeit. Der Spiegel kann nämlich zusammengezogen und ausgedehnt werden und scheint beim sichernden, d. h. bei dem sich über seine Sicherheit unterrichtenden Tiere viel größer als sonst; beim Äsen dagegen wird der Spiegel zusammengezogen. Außer den gewöhnlich gefärbten Rehen kommen auch albinotisch weiße, schwarze und gescheckte vor. Die schwarzen Rehe werden bei der Umfärbung im Frühling so fahl, daß sie dann nur noch durch den Kopf als solche gekennzeichnet sind. Zu ihnen rechnet man auch die sogenannten Schwarzbuckel, Rehe, die im Sommer zwar rotbraun, im Winter aber an Hals und Rücken, oft sogar bis mitten an den Leib tiefschwarz gefärbt sind, im übrigen aber die gewöhnliche Färbung der Rehe zeigen. Gleich der Weißfärbung tritt auch die Schwarzfärbung plötzlich auf, doch scheint sie mehr oder weniger auf sumpfigem und moorigem Boden, wie er sich in der norddeutschen Tiefebene vielfach findet, vorzukommen. Bei Paarungen mit andersgefärbten Rehen vererbt sie sich viel leichter als Weißfärbung. Wo sich ein schwarzes Reh zeigt, gibt es in wenigen Jahren mehrere, so daß sich schwarzes Rehwild leicht vermehren lassen würde.

Das Verbreitungsgebiet des Rehs erstreckt sich mit Ausnahme der nördlichsten Länder über ganz Europa und den größten Teil von Asien. In der Schweiz und in Südeuropa ist es fast ausgerottet. Seinen liebsten Stand bilden nicht die großen, zusammenhängenden Waldungen, wie sie der Hirsch bevorzugt, sondern die gleich Inseln in den Feldern zerstreut liegenden Wälder. Es zieht nicht die reinen Nadelholzgegenden, sondern diejenigen vor, in denen Laubholz mit abfallenden Früchten, wie Eichen, Buchen, Ebereschen, Elsbeeren usw. an blumenreiche Wiesen mit kräftigem Graswuchs stößt. Das Strauchwerk des Untergrundes bietet ihm in den jungen Trieben vorzügliche Äsung und zugleich ein geschütztes Lager.

Niemals bildet das Reh so starke Trupps wie das Edelwild. Während des größten Teils des Jahres lebt es familienweise zusammen ein Bock mit einer, seltener zwei bis drei Ricken und deren Jungen; nur da, wo es infolge starken Abschusses an Böcken fehlt, gewahrt man Rudel von 12–15 Stück. Im Winter vereinigen sich bisweilen mehrere Familien und leben längere Zeit miteinander. Die Kälber halten sich bis zur nächsten Brunstzeit zu den Ricken, werden dann von diesen abgeschlagen und bilden oft eigene Trupps für sich. Während des Tages hält sich das Reh in einer ruhigen, geschützten Stelle des Walddickichts verborgen und tritt gegen Abend, in Gegenden, wo es ungestört bleibt, bereits in den späteren Nachmittagsstunden, auf junge Schläge, Wiesen oder Felder mit saftigem Klee oder kräftig sprossender Saat, besonders Roggen, heraus, um zu äsen. Dabei ist es wählerisch und nascht von allem nur das Beste, bleibt auch beim Äsen nie lange an demselben Platz, sondern sucht sich Abwechslung zu verschaffen. Es leckt gern Salz und scheint in der Zeit des vollen Pflanzenwachstums nur dann zu trinken, wenn es krank ist. Sein geringes Wasserbedürfnis deckt es von der Feuchtigkeit der aufgenommenen Pflanzenteile und von dem in den Blattwinkeln abgelagerten Tau oder Regen.

Zuerst tritt die alte Geiß mit anbrechender Nacht vorsichtig aus dem schützenden Walde heraus, um in der Nähe ihrer Kitze, die im Dickicht ruhen, zu äsen. Auf den geringsten Klageton derselben kommt sie angstvoll herbeigerannt, um jene zu beschützen und einen etwa sich an sie heranschleichenden Fuchs mit den Vorderläufen in die Flucht zu schlagen. Auf den ersten Warnungsruf der Mutter drücken sich diese Tierchen, solange sie erst unbeholfen zu gehen vermögen, mit vorgestrecktem Kopf fest in ihr Lager im dichten Unterwuchs oder hohen Gras. Erst wenn sie 4–6 Wochen alt sind, folgen sie der Mutter zu den Äsungsplätzen. Sie knuppern auch hier und da ein wenig am Gras oder Klee, aber es schmeckt ihnen noch nicht, da ihre Verdauungsorgane nur Milch zu bewältigen vermögen. Während der Nacht bleiben die Rehe auf den Wiesen und Feldern, um mit der Morgendämmerung wieder ihre Verstecke im angrenzenden Wald aufzusuchen. An gewitterigen Tagen sind sie sehr unruhig, benutzen kaum die üblichen Wechsel und ist auch ein Birschgang auf sie an den gewöhnlichen Äsungsplätzen erfolglos.

Ende Juni schwellen den Rehböcken die Hoden an und beginnt die Brunstzeit, die im Juli auf der Höhe ist und bis in den August hinein andauert. Von Geilheit getrieben umwirbt der Rehbock ungestüm die Geiß, die sich nicht gleich willfährig zeigt und sich lange im Kreise herumdreht und sich dem Bocke, dessen sie sich kaum erwehren kann, zu entziehen sucht. Der in voller Begierde hinter der brunstigen Geiß herziehende Bock vergißt alle Vorsicht, stößt röchelnde Laute aus und folgt in immer kleiner werdenden Bogen der Geiß, die sich schließlich beschlagen läßt. Da der Bock in dieser ruhelosen, angestrengten Zeit wenig frißt und häufig beschlägt, wird er immer matter. Trotzdem springt er noch Wochen nach der Brunst auf den Ruf der Geiß und ist seine Kampfbegier gegen Nebenbuhler noch größer als zuvor. Grimmig kämpfen die Böcke um die Weibchen und können dabei mit ihrem Gehörn so aneinander geraten, daß sie sich nicht wieder trennen können und verfolkelt, wie der Jäger sagt, elend verhungern müssen.

Das im Eileiter befruchtete Ei des Rehs verweilt ohne sich weiter zu entwickeln bis nach Mitte Dezember, also volle 41⁄2 Monate im Fruchthalter, der auch keine Veränderung zeigt. Erst dann beginnt es sich rasch zu entwickeln und die Gebärmutter auszudehnen, so daß der Keimling nach etwa 25 Tagen sich nur noch zu vergrößern braucht. Vierzig Wochen nach erfolgreichem Beschlage, also im Mai, setzt die Rehgeiß an dem stillen Orte, an den sie sich zu ihrer Entbindung zurückgezogen hat, ein bis zwei, selten drei Kitze, die der Mutter schon nach wenigen Stunden, allerdings zunächst recht unbeholfen, in spinnenhaften Bewegungen zu folgen vermögen. Nach der Brunstzeit gehen die vorübergehend von der Mutter abgeschlagenen Kitze wieder mit ihr und oft gesellen sich noch die zweijährigen hinzu. Bis zum September ist der Sprung gesammelt und Ende September tun sich mehrere derselben, aber selten mehr als 8–10 Rehe, zu Rudeln zusammen, die der inzwischen wieder von den Strapazen der Brunst erholte Bock führt. Das Verfärben beginnt jetzt wieder und schreitet je nach der Witterung rascher oder langsamer vor. Mitte Oktober ist kaum mehr ein braunrotes Reh anzutreffen. Um diese Zeit werfen schon einzelne starke Böcke ihr Gehörn ab; die meisten aber verlieren ihr Gehörn erst im November, manche sogar erst im Dezember oder gar im Januar.

Einst waren außer dem Menschen, der mit Schlingenstellen und Schießen ihm nachstellte, Bär, Wolf und Luchs die schlimmsten Feinde des Rehs. In Mitteleuropa kommt nur noch der Fuchs in Betracht, der unabläßlich den Rehkitzen und kranken älteren Rehen nachstellt. Angeschossenem Rehwild folgt der Fuchs auf der schweißigen Fährte wie der beste Hund; findet er es noch lebend auf dem Wundbett, so beschleunigt er den Tod durch Zerreißen der Halsadern, ist es aber schon verendet, so beginnt er es von der Wunde aus anzuschneiden. Auch Wildkatze, Baummarder und Iltis stellen den Kitzen eifrig nach und kennen deren Fiepton und Angstschrei genau. Von den mitteleuropäischen Vögeln wird nur der Uhu den jungen Rehen gefährlich, im Hochgebirge und in Asien auch der Adler. Eine besondere Klasse von Feinden, gegen die die Rehe vollkommen machtlos sind, bilden die den Hirsch greulich peinigenden Dassel- oder Bießfliegen und Bremsen, deren Larven entweder in den Schleimhäuten der Nasenhöhle oder im Unterhautzellengewebe besonders des Rückens schmarotzen und ihrem Träger arg zusetzen, ja ihn gelegentlich zugrunde richten können. Lästig werden auch Zecken, Läuse und verschiedene Eingeweidewürmer; ebenso sind ansteckende Krankheiten, worunter besonders die Tuberkulose und Wild- oder Rehseuche, zu erwähnen.

Wegen ihrer Anmut und ihres zutraulichen Wesens werden Rehe schon seit alter Zeit als Hausgenossen gehalten. Der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom lebende Spanier Columella schreibt in seinem Buche über den Landbau: „Wilde Tiere, wie Rehe (capreolus), Antilopen, Hirsche und Wildschweine, hält man entweder zu eigenem Vergnügen, oder zum Verkauf und Gewinn. Im ersteren Falle genügt jeder nahe am Wohnhaus gelegene umzäunte Platz und man füttert und tränkt sie aus der Hand; im zweiten muß ein Stück Wald, der auch Wasser enthält, für das Wild bestimmt und ummauert oder mit Latten umzäunt werden.“ Plinius meint, die Rehe und Wachteln ernähren sich von Gift, werden dabei dick und fett, sind aber gleichwohl die gutmütigsten Tiere der Welt. Tatsächlich fressen Hirsche und Rehe in der Brunstzeit mit Vorliebe Pilze, worunter auch giftige, die ihnen nicht schaden. Merkwürdigerweise behauptet derselbe Plinius in seiner Naturgeschichte, daß das „kleine, ästige Gehörn des Rehwilds“ nicht abfällt. Dies und daß es von den antiken Schriftstellern kaum erwähnt wird, beweist, daß es schon damals in den Mittelmeerländern fast ausgerottet war.

Das eingefangene Rehkitzchen gewöhnt sich sehr rasch an seine Umgebung, sowohl an Mensch als auch an Tier. Es spielt mit dem Hunde wie mit seinesgleichen, legt bald alle Scheu ab, ist für Leckerbissen sehr empfänglich, klettert auf Bänke und Tische und wird der verhätschelte Liebling aller. Bei der Ricke kann diese Liebenswürdigkeit länger anhalten und bleibt sie mit zunehmendem Alter ein angenehmer Hausgenosse, aber es empfiehlt sich, zur Zeit der Brunst ein wachsames Auge auf sie zu haben, falls Wald in der Nähe ist und Rehe dort stehen. Ist ihr der Weg zum Walde abgeschnitten, dann bleibt sie dem Hause treu. Der gefangen gehaltene Rehbock jedoch wird schon nachdem er seine Spitzen gefegt hat, unangenehm, er gefährdet Kinder und Frauen durch seine Stöße, tyrannisiert alle Haustiere, besonders die braven Jagdhunde, die genau wissen, daß sie ihm nichts tun dürfen, und muß regelmäßig früher oder später eingesperrt oder einem zoologischen Garten geschenkt werden. Hier ist ihm in der Regel trotz sorgsamer Pflege und vielfältiger Fütterung kein sehr langes Leben beschieden, da der Aufenthalt in einem eingehegten, wenn auch noch so großer Wildpark sein Gedeihen ungünstig beeinflußt. Er gehört in den Wald, dessen Zierde er ist, und bildet die bevorzugte Beute des Weidmanns, der ihn auf Anstand oder Ansitz, auf dem Birschgange, durch Blatten oder Treiben mit Hunden erlegt. In Deutschland werden alljährlich etwa 200000 Rehe geschossen, die drei Millionen Kilogramm Wildbret geben und einem Verbrauchswert von 3–4 Millionen Mark gleichkommen. Das Wildbret vom Reh ist sehr kurzfaserig und liefert deshalb einen sehr zarten Braten. Das Mark der Röhrenknochen gibt ausgelassen ein vorzügliches Fett zum Schmieren von Gewehrschloß und anderen Stahlwerkzeugen. Die Gehörne bilden Material zu allerlei Zierat, das Fell liefert Decken und Leder, mit Haaren vom Winterfell werden feinere Reitsättel gefüttert. Jedenfalls ist aber der Schaden, den das Reh in jungen Schlägen anrichtet, größer als sein Nutzen.

Im Gegensatz zu dem in der Gefangenschaft hinfälligen Reh, das sich auch keineswegs regelmäßig im Zwinger fortpflanzt, ist der zwischen Rotwild und Renntier stehende Damhirsch (Dama vulgaris) für das Leben in Parks wie geschaffen. Man kann sich auch kaum eine größere Zierde solcher großer Anlagen beschaffen als eben das Damwild, das seinen Namen davon tragen soll, daß es das Wild der Damen ist. Es ist weit weniger scheu als Hirsch und Reh, treibt sich an lichten Waldstellen oft ungescheut am hellen Tage umher und wechselt weder so regelmäßig noch so weit wie der Rothirsch. Im engeren Wildpark wird es so neugierig-zutraulich, daß es den Namen Wild kaum mehr verdient und es schon ein ganz schlimmer „Schießer“ sein muß, der am Niederknallen eines so wenig scheuen liebenswürdigen Geschöpfes noch ein Vergnügen findet. Mit seinen bunten Farben und seiner unruhigen Lebhaftigkeit ist es zur Belebung einer Parklandschaft wie geschaffen, und tatsächlich bevölkert es auch, besonders in England, die Umgebung aller Sommerschlösser, für deren nicht selten gelangweilte vornehme Bewohner es gewiß viel unterhaltender ist als das scheu sich zurückziehende Rotwild. Nur muß man junge Bäume und Anpflanzungen gegen das Damwild noch sorgfältiger schützen als gegen das Rotwild, da es noch mehr wie dieses das Schälen, d. h. Abnagen der Rinde und Verbeißen, d. h. Abfressen der sprossenden Zweige und Blätter, jene beiden großen Verbrechen des Wildes in den Augen des Forstmanns und Gärtners, sich zuschulden kommen läßt. Doch kann man diese Neigung, der zweifellos bestimmte physiologische Bedürfnisse zugrunde liegen, dadurch ablenken, daß man den verschiedenen, in der modernen Forstwirtschaft allerdings streng verpönten Unterholzsträuchern im Park ihre Stelle läßt, außerdem auch durch rationelle Fütterungs- und Leckeinrichtungen von Salz mit Lehm und aromatisch bitteren Stoffen abschwächt.