Ganz Europa, mit Ausnahme des höheren Nordens, namentlich Skandinaviens und Rußlands, bewohnt die Wildkatze (Felis catus), ein echtes Waldtier, das ausgedehnte, dichte Wälder der Mittelgebirge, namentlich Nadelwälder, bevorzugt, von denen sie in die Wälder des Flachlandes hinausschweift. In Mitteleuropa wird sie noch im Harz und in den Ostalpen, besonders aber in den ganz unbewohnten Gebirgswaldungen der Karpaten gefunden. Sie ist bedeutend stärker als die Hauskatze, hat einen dickeren Kopf, einen gedrungeneren Leib, einen kürzeren, buschigeren, schwarzgeringelten Schwanz, der von der Wurzel bis zum schwarzen Ende gleichmäßig dick, ja an der Spitze aufgetrieben erscheint. Ihre Farbe ist bräunlichgrau mit schwarzen Querstreifen, auf dem Scheitel mit schwarzen Längsstreifen und gelblich weißem Fleck an der Kehle. Sie erreicht eine Körperlänge von 70–90 cm und ein Gewicht von 9 kg. Sie ist äußerst scheu und lebt nur während der Ranzzeit oder solange die Jungen noch nicht selbständig sind in Gesellschaft, sonst stets allein. Den Tag über verbirgt sie sich gern in hohlen Bäumen, Felsspalten, verlassenen Fuchs- oder Dachsbauten, oft auch in dichtbewachsenen Sümpfen und tritt mit Beginn der Dämmerung ihre Jagdzüge an. Vorsichtig und listig, unhörbar sich anschleichend und geduldig lauernd, überfällt sie den Hasen in seinem Lager, den Vogel in seinem Nest, das Eichhörnchen auf dem Baume, springt dem Reh und dem Hirschkalb auf den Rücken und zerbeißt ihm die Halsschlagader, lauert an Seen und Wildbächen auf Fische und Wasservögel und weiß sie mit großer Geschicklichkeit zu erbeuten. Weitaus die Hauptnahrung aber bilden Mäuse und daneben kleine Vögel. Das in der Art der Fortpflanzung der Hauskatze nahestehende Tier wirft im April oder Mai sechs anfangs noch blinde Junge, bringt sie in Baumhöhlen, Felsspalten oder ähnlichen Verstecken unter, schleppt sie bei Befürchtung von Gefahr in ein anderes Versteck, gleicht im Benehmen sehr der Hauskatze, spinnt in guter Laune wie sie und drückt ihre Gefühle durch Bewegungen der Schwanzspitze aus. Vielfach vermischt sie sich mit der Hauskatze und erzeugt dann ungebärdige Junge, die leicht verwildern und sich wie der Vater raubend in den Wäldern herumtreiben.

Der früher überall in den Ländern nördlich der Alpen verbreitete Luchs (Felis lynx) wird gegenwärtig nur noch im Norden von Skandinavien und Rußland gefunden. Ostwärts verbreitet er sich durch den größten Teil des nördlich vom Himalaja gelegenen Teiles von Asien. In den entlegenen Gebieten der Alpen wird er gelegentlich noch erbeutet, ist in den Karpaten häufiger, wurde aber auf den Mittelgebirgen Deutschlands und Frankreichs längst ausgerottet. Die letzten fünf Luchse des Thüringer Waldes wurden zwischen 1773 und 1796, der letzte oberschlesische Luchs 1809, die letzten beiden Harzer Luchse 1817 und 1818, der letzte Luchs der schwäbischen Alb 1846, der letzte französische in dem Departement Haute-Loire 1822 geschossen. Er ist ein ausgesprochenes Waldtier, das mit Leichtigkeit Bäume erklettert, um von deren untersten Ästen aus dem Wild auf dessen Wechseln aufzulauern, ihm beim Vorübergehen ins Genick zu springen und die Halsschlagader aufzubeißen. Wie die Wildkatze ist der Luchs ein durchaus nächtliches Tier, das sich tagsüber in allerlei Schlupfwinkeln der dichten von ihm bewohnten Wälder versteckt hält, um nachts auf Raub auszugehen. Im Gegensatz zum Wolf hält sich der Luchs oft längere Zeit in ein und demselben Gebiete auf, um es nachts nach allen Richtungen zu durchstreifen. Größeres Wild zieht er kleinerem vor und scheint sich durchaus nicht mit Mäusefang zu befassen. Er schleicht den Rehen in den Waldungen, den Gemsen auf den Alpen nach, berückt Auer-, Birk-, Hasel- und Schneehühner und fällt räuberisch unter die Schaf-, Ziegen- und Kälberherden, unter denen er gelegentlich großen Schaden anrichtet, indem er mehr erwürgt als er zur Nahrung braucht, auch von einem von ihm geschlagenen Tier oft nur das Blut aufleckt und kleine Partien frißt, das übrige aber, Wölfen und Füchsen zur Beute, liegen läßt. Dadurch macht er sich dem Jäger wie dem Hirten gleich verhaßt, die ihn überall mit Eifer verfolgen. Jung eingefangen und an den Pfleger gewöhnt, wird er sehr zahm und zutraulich. Außer dem Kalbfleisch ähnlichen, sehr schmackhaften Fleisch, das noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auf fürstlichen Tafeln als vorzügliches Mittel gegen Schwindel gegessen wurde, ist sein Pelz sehr gesucht. Die skandinavischen gelten als die schönsten und werden mit 30 Mark und darüber bezahlt. Sibirien liefert alljährlich etwa 15000, Rußland und Skandinavien etwa 9000 Felle. Die Pelze der Luchse des östlichen Sibirien kommen ausschließlich in den chinesischen Handel und werden von den an die Mongolei grenzenden Völkern, besonders den Chinesen, sehr begehrt.

Mit diesen letzteren Wildarten haben wir uns schon mit den eigentlichen Pelztieren befaßt, die wesentlich ihres schönen, dichten Felles wegen gejagt werden. Zu ihnen gehören auch Marder, Iltis, Wiesel, Hermelin, Zobel und die übrigen Marderarten, die wir im nächstfolgenden Abschnitte für sich betrachten wollen. Es sei hier nur noch bemerkt, daß zum Ersatz des vielfach ausgerotteten einheimischen Wildes vielfach fremdes eingeführt wurde, so beispielsweise Hasen und Rotwild aus Ungarn; doch sind die großen Hoffnungen, die man an diese Blutauffrischung knüpfte, nur zum geringen Teile erfüllt worden. Mit gutem Erfolge hat man jedoch das südeuropäische Wildschaf, den Muflon, aus Korsika und Sardinien, im Harz, im Thüringerwald und in anderen Gebirgsgegenden eingeführt. Seine Lebensgewohnheiten wurden auf Seite 135 besprochen, so daß wir an dieser Stelle nicht näher darauf einzutreten brauchen.

XXVI. Nützliche wilde Vögel.

Alle größeren einheimischen Vögel sind beliebte Jagdobjekte, von der scheuen Trappe und dem Urhahn bis zu den Rebhühnern. Die stattliche Trappe (Otis tarda) ist ein Bewohner der baumlosen Ebene, die außer der Brutzeit als Standvogel in geselligen Vereinen von 6–10, im Winter oft in Scharen von 50–100 Stück lebt. Von den entlegensten Brachfeldern, auf denen sie stets Nachtruhe hält, zieht sie morgens früh auf ihre Futterplätze, wo sie außer größeren Insekten und Sämereien aller Art hauptsächlich Teile grüner Pflanzen frißt. Dabei reckt der scheue Vogel oft den Kopf in die Höhe, um sich umzusehen. Geht er ruhig seiner Nahrung nach, so schreitet er langsam und gemächlich einher, läuft er davon, so holt ihn ein flüchtiger Hund nur schwer ein. Im Fluge bewegt er sich mit langsamen Flügelschlägen ohne sonderliche Anstrengung. Im März kämpfen die Männchen um die Weibchen, bis die Paare sich gefunden haben und zu brüten beginnen. In der zweiten Hälfte des Mai, wenn sich das Weibchen im jungen Getreide verbergen kann, bereitet es das Nest in Form einer Mulde im Boden und brütet darin in 30 Tagen seine 3 Eier aus. Die zunächst sehr unbeholfenen, erst nach einigen Tagen ordentlich laufen lernenden Jungen verbergen sich mit der Mutter meist im Getreide und leben zuerst nur von Insekten und deren Larven, später von zartem Grün. Sie werden von den Eltern sorgsam bewacht und kräftig selbst gegen ebenbürtige Feinde verteidigt. Da die Trappen besonders im Alter kein wohlschmeckendes Fleisch haben, werden sie hauptsächlich wegen der Schwierigkeit, mit der ihnen beizukommen ist, gejagt. Um sie leichter beschleichen zu können, bedient man sich des Schießpferdes oder des Bauernwagens, verkleidet sich gelegentlich auch einmal als Bauernfrau mit dem obligaten Tragkorb.

In höherem Ansehen als sie stehen beim Weidmann die Ur- und Birkhühner, von denen fast nur die Männchen im Vorfrühling — von Ende März an — auf der Balz, während welcher die sonst äußerst vorsichtigen Vögel weder sehen noch hören, geschossen werden. Das Urhuhn, d. h. großes Huhn (Tetrao urogallus), ist ein echter Waldvogel und lebte ursprünglich im Tiefland, wurde aber mit der Ausrodung des Waldes aus der Ebene ins Gebirge hinauf vertrieben. In Europa ist es heute von den Gebirgen der südeuropäischen Halbinseln bis Rußland und zum Eismeer und durch Sibirien bis nach Kamtschatka verbreitet. Das meiste Urwild kommt in Asien, aber auch noch in Rußland vor. Allen andern Waldarten zieht es den Kiefernwald vor, lebt aber nur in ausgedehnten Waldbeständen mit reichem Unterwuchs und ernährt sich vorwiegend von Kiefernadeln, Wacholderbeeren und anderer Pflanzenkost.

Das Birkhuhn (Tetrao tetrix) dagegen liebt gemischte, lockere Waldbestände mit zerstreutem Buschwerk und erhielt seinen Namen nach seiner Vorliebe für Birken. Es äst gern Laubknospen und hat einen bestimmten Standort, den es nur wechselt, wenn es beunruhigt wird. Sein Verbreitungsgebiet stimmt mit dem des vorigen überein, doch lebt es sowohl im Tiefland, als im Mittel- und Hochgebirge, und geht in letzterem über die Baumgrenze hinaus. Seine Balzzeit währt von Mitte März bis Mitte oder Ende Mai; dabei balzt der Birkhahn im Gegensatz zum Urhahn, der dies stets auf Bäumen tut, fast ausschließlich auf dem Boden, auch fleißiger und zu verschiedener Tageszeit, nicht bloß wie jener in der Morgen- und Abenddämmerung. Auf den Balzplätzen des Tieflandes und des Mittelgebirges, auf Waldblößen, Weiden oder Torfstichen balzen manchmal gleichzeitig 20 und mehr Hähne, im Hochgebirge treten sie dagegen mehr vereinzelt auf. Je schlechter ein Forst bewirtschaftet wird, desto eher ist Birkwild darin anzutreffen. In Rußland und Sibirien verbreitet es sich mehr und mehr nach Norden, indem es vielfach die Stände des durch die großen Holzrodungen vertriebenen Urwilds einnimmt. In Neufundland ist es mit Erfolg eingeführt worden. In Mitteleuropa ist es weniger zahlreich als das Urwild vertreten, dagegen ist es im Norden zahlreicher als jenes. Infolge der stärkeren und besseren Bodenbewirtschaftung nimmt es bei uns mehr und mehr ab, wie auch das Haselwild.

Das Haselhuhn (Tetrao bonasia) ist das kleinste der mitteleuropäischen Waldhühner und liebt im allgemeinen ähnliche Standorte wie das Urwild, meidet aber die dem Birkwild besonders zusagenden wilden oder verwilderten Holzbestände und Kahlschläge. Gern lebt es an Waldstellen, wo es leicht zwischen Laub- und Nadelholz wechseln kann. Es ernährt sich vorzugsweise von Laubholzknospen und Waldbeeren, wie auch von kleinen Tieren aller Art. Es lebt vorzugsweise in den gemischten Wäldern von Mittelgebirgen und in den Vorbergen und dem Waldgürtel der Alpen, obwohl es ursprünglich mehr ein Vogel des Tieflandes als des Gebirges ist. Am reichsten an Hasel-, wie überhaupt an Waldhühnern, ist heute noch die russische Tiefebene. Je mehr in andern Ländern der Wald aus dem Tieflande verschwand, um so mehr hat sich das Haselhuhn in deren Gebirge zurückgezogen. Je mehr die unterwuchslosen, geschlossenen Hochwälder aus Reinbeständen namentlich von Nadelholz verschwinden, um so seltener wird das Haselwild, weil ihm dadurch besonders die zu seiner Äsung notwendigen Beerenfrüchte entzogen werden. Es hält sich vorzugsweise am Boden auf, wo es durch Scharren allerlei Insektenlarven und Gewürm verschiedenster Art zu erlangen sucht. Es läuft sehr gewandt und bildet familienweise ganze Ketten im Wald, kommt jedoch manchmal auch einzeln vor. Da es sich bei Beunruhigungen im Gestrüpp oder im dichten Astwerk versteckt oder sich an den Boden drückt, wird es von Unkundigen auch in gutbesetzten Revieren kaum je wahrgenommen. Es ist ein treuer Standvogel und liefert ein hochgeschätztes Wildbret. Es erzeugt mit dem Schnee- und Birkhuhn Bastarde.