Einleitung.

Unter den Nutztieren des Menschen sind weitaus die wichtigsten seine Haustiere, an die zunächst jeder denkt, wenn von solchen die Rede ist. Ohne diese Nutztiere wäre es ihm vollkommen unmöglich gewesen, die Kulturhöhe zu erreichen, auf der wir ihn heute angelangt sehen. Welche bedeutende Rolle sie im Haushalte des Menschen spielen, ist genugsam bekannt, so daß wir hier nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge ein kurzer Überblick über die Verbreitung der Haustiere auf der Erde. So hat das Ackerbauministerium der Vereinigten Staaten kürzlich eine Statistik aufgestellt, wonach man die Haussäugetiere der gesamten Erde auf anderthalb Milliarden schätzt; davon sind 580 Millionen Schafe, 95 Millionen Pferde, 9 Millionen Esel, 2 Millionen Kamele, 21 Millionen Büffel, 100 Millionen Ziegen, 150 Millionen Schweine und 900000 Renntiere. Dabei besitzen die Vereinigten Staaten von Nordamerika die größte Anzahl von Schweinen, nämlich 50 Millionen, und Pferden (25 Millionen). In bezug auf die Zahl der Pferde werden sie beinahe von Rußland eingeholt. Für die Schafzucht kommt an erster Stelle Australien mit 88 Millionen, dann Argentinien und an dritter Stelle die Vereinigten Staaten mit 57 Millionen. Die Hälfte aller Maulesel der Erde gehört den Vereinigten Staaten und ein Drittel aller Ziegen wird in Indien angetroffen. Diesem Lande gehört auch die erste Stelle in bezug auf den Besitz von Großvieh mit 70 Millionen Zebus oder Buckelochsen. Die Zahl der kleineren Nutztiere, vor allem der Hühner, Enten, Gänse, Tauben festzustellen, ist vollkommen unmöglich, geht aber jedenfalls in die vielen Milliarden.

Im folgenden wollen wir nun in der chronologischen Reihenfolge, wie sie unter die Botmäßigkeit des Menschen gelangten, die Zähmung der verschiedenen Haustiere und die Geschichte ihrer Verbreitung über die Erde vor unserem geistigen Auge entrollen. Den Anfang dabei macht der Hund, der weitaus der älteste Genosse des Menschen aus dem Tierreich ist, und infolge dieser überaus langen Domestikation auch am meisten intellektuell vom Umgange mit seinem ihm geistig so sehr überlegenen Herrn profitiert hat.

Die ältesten Nutztiere des Menschen waren alle diejenigen, die ihm in ihrem Fleisch zur Speise und in ihrem Felle als Wärmeschutz gegen die Unbill der Witterung, besonders die Winterkälte, dienten. So lange der Mensch als Jäger genug Beutetiere zur Verfügung hatte, kam es ihm durchaus nicht in den Sinn, sich etwa gefangene Beute als lebenden Proviant zu reservieren und in eingehegten Bezirken zu seiner Disposition zu halten. Und wenn er auch einmal ein junges Tier, das in seine Gewalt geriet, lebend nach Hause brachte und es angebunden oder in irgend welchem Verschlag gefangen hielt, so tat er dies nicht aus Nützlichkeitsgründen, sondern zu seinem und seiner Kinder Vergnügen. So halten die südamerikanischen Indianer und andere Jägerstämme auf niederer Kulturstufe nicht selten die verschiedensten Tiere um ihre Wohnstätten herum in Gefangenschaft, aus dem einfachen Grunde, weil sie ihnen Unterhaltung bieten. Sie wollen durchaus keinen Nutzen von ihnen ziehen und halten sie als große Kinder bloß zu ihrem Vergnügen.

In der Regel pflanzen sich solche gefangene Tiere überhaupt nicht fort, so daß schon dadurch keine Kontinuität in der Gefangenhaltung, die zur Haustierschaft hätte führen können, möglich ist. Und pflanzen sie sich auch ausnahmsweise fort, so fehlt dem Menschen dennoch zunächst die Erkenntnis, daß in der Zähmung dieser oder jener Tierart ein wirtschaftlicher Fortschritt liegen könne. Er erstrebt von diesen Genossen überhaupt keinen Nutzen, sondern nur Unterhaltung; und als er weiterhin dazu kam, auch einen Nutzen aus ihnen ziehen zu wollen, war es meist nicht der für uns Menschen einzig in Betracht kommende materielle Nutzen, der sie ihm angenehm machte, sondern ein ideeller Nutzen als nützliche Vermittler zwischen ihm und der von ihm so gefürchteten, ihn überall umgebend gedachten Geisterwelt. So sind, wie wir bald sehen werden, verschiedene, und zwar die ältesten Haustiere, zunächst aus solchen Gründen der Geisterfurcht, also des Aberglaubens, wie wir es auffassen, in ein innigeres Verhältnis zum Menschen getreten.

I. Der Hund.

Der unstet als Jäger lebende paläolithische Mensch hat noch keinerlei Haustiere sein eigen genannt; erst zu Beginn der jüngeren Steinzeit gelangte der Mensch in den Besitz von solchen. Unter diesen ist weitaus das älteste der Hund, der uns in Europa zum erstenmal zu Beginn der neolithischen Zeit, vor etwa 12000 Jahren in sehr loser Verbindung mit dem Menschen, der an den Küsten der Ostsee in den Muschelhaufen die Abfälle seiner Nahrung anhäufte, entgegentritt. Dieser Hund der frühneolithischen Muschelesser an den Küsten des nordischen Meeres, speziell Dänemarks, war zum größten Teil noch ein Wildhund, und zwar ein zutraulicher Schakal, der sich freiwillig dem Menschen anschloß, um an der von ihm übriggelassenen Beute den knurrenden Magen zu füllen und sich in der warmen Asche der von ihm verlassenen Lagerfeuer zu wärmen. Junge dieses wenig scheuen und überaus gesellig veranlagten Wildhundes wurden gelegentlich gefangen und an den Lagerplatz der Horde gebracht, um hier als Spielzeug und Gefährten der heranwachsenden Jugend freiwillig Futter und ein warmes Plätzchen am Feuer zu erhalten. Von den Erwachsenen werden besonders die mitleidvollen Weiber diese drolligen Wesen gehätschelt und, wie dies heute noch sehr häufig bei kulturell niedrig stehenden Menschen vorkommt, die der Mutterbrust entbehrenden allzu jungen, hilflosen Gäste an ihrer Brust gesäugt haben. Durch solchen überaus engen Verkehr mit dem Menschen faßte der Wildling bald Zutrauen zu ihm und trat in ein besonderes Freundschaftsverhältnis zu den Kindern und Weibern, die sich seiner freundlich annahmen, während die Männer diese neuen Familienglieder häufig genug mit Fußtritten und Prügeln regaliert haben werden. Letztere sorgten auch sonst dafür, daß es ihm nicht zu wohl wurde in ihrer Mitte, und schlugen ihn häufig genug tot, besonders in Zeiten, da die Muschellese, der Fischfang oder die Jagd aus irgend welchen Gründen unergiebig war und der grimmige Hunger sich bei ihnen geltend machte. An verschiedenen auf uns gekommenen Bruchstücken von Hundeschädeln aus den dänischen Kjökkenmöddings oder Muschelabfallhaufen können wir erkennen, daß sie mit Holzknütteln eingeschlagen und dann weiter aufgebrochen wurden, um außer dem Fleisch, das als Speise diente, auch das warme Gehirn als besondere Delikatesse dieser Menschen zu verzehren.

Daß es diesem die größte Ähnlichkeit mit dem Schakal aufweisenden Wildhunde bei diesen unkultivierten Muschelessern im Ostseegebiet in jeder Beziehung schlecht genug ging, das beweist schon sein stark verkümmertes Knochengerüst. Es muß schon eine rührende Anhänglichkeit gewesen sein, daß dieses durch Hunger und Entbehrungen der schlimmsten Art herabgekommene Geschöpf bei solch schlechter Behandlung es in der wenig verlockenden Gesellschaft dieser rohen Menschen aushielt und es nicht vorzog, das ungebundene Leben der viel besser genährten freien Verwandten zu führen. Es liegt eben im gesellig lebenden Hundegeschlechte eine überaus treue Anhänglichkeit an die Umgebung, der die Einzelindividuen durch Aufnahme und Gewöhnung in jugendlichem Alter angepaßt wurden. Das können wir heute noch in den zoologischen Gärten beobachten, wo wir häufig genug sehen, wie sich jung eingefangene und unter einigermaßen guter Behandlung frei aufgezogene Schakale oder Wölfe mit Freudensprüngen, schweifwedelnd, den Körper zur Seite gekrümmt, sich an den Pfleger herandrängen und dessen Hand liebkosen. Mit vollem Recht schreibt der erfahrene Tierzüchter, Dr. Heck, der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens über den Hund: „Wer wissen will, woher unser liebenswertestes Haustier, das nicht bloß seines körperlichen Nutzens halber vom Menschen unterjocht worden ist, sondern sich ihm freiwillig, von ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu eigen gegeben hat: der Hund, stammt, der komme mit mir bei meinem mächtigen rumänischen Wolfsrüden vorbei und beobachte ihn, wenn ich nur mit den Fingern schnalze oder gar ein paar freundliche Worte mit ihm spreche! Die Liebe zum Menschen steht diesen Tieren auf dem Gesicht geschrieben, sie ist ihnen angeboren.“

Daß diese halbzahmen Hunde der Muschelesser Dänemarks dem Menschen außer als Fleisch- und Pelzlieferanten irgend welchen Nutzen gewährten, oder von ihm gar zum Aufspüren der Beute auf der Jagd verwendet wurden, ist zweifellos ganz ausgeschlossen. Jedenfalls blieben sie vorzugsweise in Gesellschaft der Frauen und Kinder an den Lagerplätzen und erhielten dort von jenen, die ihnen in erster Linie freundlich gesinnt waren, allerlei unvollständig abgenagte Knochen und sonstige Speiseabfälle zu essen. Diese Aufmerksamkeiten belohnten sie durch ihre Wachsamkeit. Mit einem außerordentlich feinen Geruchssinn und scharfem Gehör ausgestattet, meldeten sie alle sich dem Lagerplatze nähernden Menschen und Tiere lange bevor die dort weilenden Menschen ihrer gewahr wurden. Diese ihre Dienste waren besonders in der dunkeln, unheimlichen Nacht, in der ein Überfall durch bösgesinnte Menschen und wilde Tiere doppelt zu befürchten war, von größtem Vorteile für ihre menschlichen Genossen, da sie im Gegensatz zu diesen, in einen sehr tiefen Schlaf verfallenden Wesen nur einen äußerst leichten Schlaf besitzen, durch das geringste Geräusch erwachen und dann ihre Umgebung durch Lautgeben auf allfällige Ruhestörer aufmerksam machen.