Wie die Wildhunde werden auch sie noch geheult haben statt zu bellen, wie dies übrigens viele, nur sehr unvollständig domestizierte Hunde von Naturvölkern und auch die herrenlosen, mit dem Islam, der den Hund als unreines Tier verachtet, bis nach Europa gebrachten Pariahunde des Orients, wie überhaupt alle verwilderten und aus der Botmäßigkeit des Menschen entlaufenen Hunde heute noch tun. Erst später haben sie das sie als Haustiere kennzeichnende Bellen gelernt, „was“ — wie der vorgenannte Dr. Heck sich ausdrückt — „so im Hundeblut drin liegen muß, daß selbst manche zahme Vollblutwölfe und Schakale es sich angewöhnen!“ Jedenfalls besaßen sie auch noch wie ihre wilden Vorfahren Stehohren und einen hochgetragenen, noch nicht geringelten Schwanz und haben wie sie und ihre Verwandten, Wolf und Fuchs, beim Traben „geschnürt“, d. h. die vier Füße bei gerade in der Bewegungsrichtung gehaltenem Körper in eine gerade Linie hintereinander gesetzt, und zwar immer einen Hinterfuß in die Spur eines Vorderfußes derselben Seite. Später dagegen gewöhnte sich der Hund als Genosse des Menschen an zu „schränken“, d. h. beim Trabe den Körper schief zur Bewegungsrichtung zu stellen und Vorder- und Hinterfuß derselben Seite schief nebeneinander zu setzen. Auch in seinem anatomischen Bau nahm der Hund als Haustier gewisse Eigentümlichkeiten und Merkmale an, die ihn von seinen wilden Verwandten unterscheiden, von denen wir hier nur den verhältnismäßig starken Stirnabsatz erwähnen wollen.
So weit wir dies nachweisen können, ist der afrikanisch-südasiatische graue Schakal, der nachts, zu Meuten vereinigt, die Ansiedelungen des Menschen nach Aas und eßbaren Abfällen aller Art absucht und den Schafen und Lämmern sehr gefährlich wird, der älteste vom Menschen zu seinem Gesellschafter erhobene Wildhund. Als Verzehrer von Leichen nahm er, nach dem auf niedriger Kulturstufe allgemein verbreiteten Glauben, mit dem Fleisch und den Eingeweiden auch die Seele des betreffenden Wesens in sich auf. Durch dieses Beherbergen eines Geistes wurde er von selbst zu einem Geistwesen, einem Fetischtier erhoben, das dem Menschen von größtem Nutzen sein konnte, wenn er es gut behandelte. So galt noch den alten Ägyptern der Schakal als Wüstengott Anubis, der über die in der westlich vom Niltal gelegenen Wüste beerdigten Toten Wache hielt, für heilig und nahm man eingefangene Exemplare dieser Wildhundgattung in Pflege und Wartung. Dies geschah auch anderwärts, und so mußte sich unwillkürlich aus diesem in Größe und Aussehen, besonders aber in der Kopfbildung mitten zwischen Fuchs und Wolf stehenden Wildhunde mit der Zeit ein Haustier entwickeln.
Das Gekläff dieser futterneidischen Tiere, welche schon in frühester Vorzeit wie heute noch die Niederlassungen des Menschen nächtlicher Weile umschwärmten, um dort etwas aufzustöbern, mit dem sie ihren allzeit regen Hunger stillen konnten, warnte den Menschen vor einem Überfall durch übelgesinnte Menschen oder Raubtiere irgend welcher Art. Ja, scheinbar ganz unmotiviert ausgestoßen, sollte es nach dem Glauben aller auf niedriger Kulturstufe lebender Stämme, ihm den Besuch der die Lebenden allseitig umgebend gedachten Geister der Abgeschiedenen anzeigen. Wenn sie auch der Mensch selbst nicht sah, so glaubte er nichtsdestoweniger felsenfest an deren Vorhandensein und wunderte sich durchaus nicht darüber, daß diese Wildhunde als Leichenesser und damit als mit Geistwesen beseelt erachteten Tiere solche sahen, er dagegen nicht.
Diese überaus unheimliche, aber höchst wichtige Eigenschaft, besonders die nächtlichen Unholde aller Art erspähen zu können und von ihrem, dem Menschen unsichtbaren Vorhandensein durch Heulen und später Bellen Kunde geben zu können, war wohl die älteste Nutzungseigenschaft, die der Hund dem Menschen bot. So wurde er für ihn mit der Zeit nicht nur ein wohlgelittener Begleiter, sondern geradezu ein sich immer mehr unentbehrlich machender Genosse, der ihm die trefflichsten Dienste leisten konnte wie kein anderes Wesen.
Diese höchste Wertschätzung des Hundes spricht schon zu Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends das altpersische Gesetzbuch aus, das von diesem Tiere geradezu behauptet, durch seinen Verstand bestehe die Welt. Wer eine solche uns ganz paradox erscheinende Behauptung aufstellt, muß schon gute Gründe dazu haben; nur ein Volk, dem der Hund ein unentbehrlicher Begleiter und Freund geworden war, konnte einen solchen Ausspruch tun. Diesem damals noch vorzugsweise Viehzucht treibenden arischen Volksstamme, dessen Vorfahren einst an der Ostsee gehaust hatten, waren außer dem gleicherweise wie der Hund die Unholdgeister der Nacht vertreibenden Feuer später auch der aus Indien bezogene Hahn schützende Fetische, deren Stimme, nächtlicherweile als Zeugnis der Wachsamkeit und des Kampfesmutes erhoben, die Erlösung von den dunkeln Sorgen der Nacht ankündigte. Das altpersische Gesetzbuch Bun-Dehesch sagt auch vom Hahn, wie vom Hunde, seine Stimme zerstöre das Böse; dadurch sei er den Dämonen und Zauberern feind, ein Gehilfe des Hundes. Er solle Wache halten über die Welt, als ob kein Herden- und kein Haushund (also schon damals wurden in Persien zwei verschiedene Arten von Haushunden unterschieden!) erschaffen worden. Das Gesetz sage: wenn Hund und Hahn gegen die Unholde streiten, so entkräften sie dieselben, die sonst Menschen und Vieh plagen. Und deshalb sage man: durch den Hund und den Hahn würden alle Feinde des Guten überwunden.
Noch der altgriechische Dichter Homer gibt zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends für den damals allgemein verbreiteten Glauben Zeugnis, daß der Hund als Wächter am Herdfeuer die bösen Unholdgeister, die, Übles sinnend, lautlos durch das Dunkel der Nacht schleichen, durch sein Gebell verscheuche. Und als später aus diesen Ahnengeistern vergöttlichte Wesen wurden, so verblieb dem Hund auch dann noch die Fähigkeit sie zu sehen und als solche zu erkennen, wo der Mensch mit seinen stumpfen Augen nichts sah. So wird beispielsweise in der Odyssee erzählt, wie Pallas Athene den Menschen unsichtbar in Ithaka erschien. Weder Odysseus, noch sein Sohn Telemachos bemerkten irgend etwas von ihrem Erscheinen:
„Denn nicht allen sichtbar erscheinen die seligen Götter;
Nur die Hunde sahen sie und bellten nicht, sondern entflohen
Winselnd und zitternd vor ihr nach der andern Seite des Hofes.“
Diese uralte Vorstellung lebt im Volksglauben heute noch fort. So bedeutet beim Landvolke das nächtliche Heulen des Hundes einen Todesfall in der betreffenden Richtung, d. h. der Hund sieht vermeintlich die Annäherung des Geistes, der als Todesursache betrachtet wird, und zeigt dies dem Menschen, der solches nicht zu sehen vermag, auf seine Weise an.