Die großen Tibetdoggen sind heute noch in Europa wenig bekannt. Die ältesten Angaben über dieselben findet man in der chinesischen Literatur, nämlich im Schu-king, demzufolge 1121 v. Chr. ein Tibethund, der auf die Menschenjagd dressiert war, als Geschenk an den Kaiser von China gelangte. Heute bringen tibetische Händler solche häufig nach dem chinesischen Reich. Nach Europa gelangte die erste Kunde von diesen gewaltigen Tibethunden zu Ende des 13. Jahrhunderts durch den Venezianer Marco Polo, der erzählte, daß er die Größe eines Esels erreiche und zur Jagd auf wilde Ochsen (Yaks) verwendet werde. Fünf Jahrhunderte hindurch hörte man nichts mehr von ihm, bis der Engländer Samuel Turner um 1800 auf einer Gesandschaftsreise im Auftrage der Ostindischen Kompanie nach Tibet diese starken Hunde von 70–80 cm Schulterhöhe antraf, die er als bösartig bezeichnet. Nach ihm gab Bryan Hodgson eine genauere Beschreibung von ihnen. Er bezeichnet die Hunde von Tibets Hauptstadt Lhassa als die schönsten; sie seien von schwarzer Farbe mit braunen Beinen. Nach Hooker wird diese Dogge bei den Karawanen der Tibeter vielfach zum Lasttragen benützt. Diese Rasse, die nur vereinzelt über Tibet hinausgeht und z. B. in den Vorbergen des Himalajas vereinzelt angetroffen wird, steht schon durch die ziemlich wenig verkürzte Schnauze der Stammform am nächsten.

Die Geschichte der Doggen ist kurz folgende: Der Bildungsherd, in welchem durch Zähmung des großen, schwarzen Tibetwolfes die ältesten Doggen hervorgingen, ist Tibet. Von hier drangen diese durch ihre Stärke geschätzten Nutztiere nach Nepal und Indien, vereinzelt auch nach China vor. Von Indien aus gelangten sie frühe nach Persien und von da bereits in einer kurzhaarigen Form in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Assyrien und Babylonien, wo wir sie mehrfach als Jagdhunde, teils an einem Riemen geführt, teils frei dahinstürmend, abgebildet finden. So finden wir eine höchst charakteristische Darstellung der assyrischen Dogge auf einer Topfscherbe aus Birs Nimrud. Noch viel wahrheitsgetreuer sind die auch künstlerisch viel höher stehenden Basreliefs von dem aus dem Jahre 668 v. Chr. stammenden Palast Asurbanipals in Kujundschik, die nun ebenfalls im Britischen Museum sind. Auf der einen Darstellung sehen wir den Auszug zur Jagd. Einige Jäger schreiten mit den Fangnetzen voran; ihnen folgen andere, eine kampfbegierig vorwärtsstürmende Dogge an der Leine führend. Auf der andern erblicken wir, wie vier bissige Doggen mit kräftigen Halsbändern ein Wildpferd anfallen und es niederzureißen versuchen.

Später erwähnt Herodot um die Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, ein Satrap von Babylon habe die Einkünfte von vier Städten auf den Unterhalt solcher Hunde verwendet, was auf eine größere Zahl derselben schließen läßt. Zu seiner Zeit gab es ähnlich große Hunde auch in Epirus, wohin sie nach Keller aus den Euphratländern durch den Zug des Xerxes gekommen sein sollen. Nachschübe dieser Doggen erfolgten durch den Eroberungszug Alexanders des Großen nach Indien, indem dieser makedonische König ihm vom Könige Porus und andern indischen Fürsten geschenkte gewaltige Hunde nach seiner Heimat Makedonien sandte. Über die Leistungsfähigkeit dieser indischen Hunde, die nur Tibeter gewesen sein können, erzählt der römische Geschichtschreiber Curtius Rufus auf griechische Quellen gestützt folgendes: Nach Überschreitung des Hydaspes und nach Besiegung des Porus kam Alexander ins Gebiet des Königs Sopites. „In diesem Lande gibt es sehr vortreffliche Jagdhunde, die, wie man sagt, beim Anblick eines Wildes sogleich zu bellen aufhören und besonders für die Löwenhatz sehr gut sind. Um Alexander davon zum Augenzeugen zu machen, ließ Sopites einen außerordentlich großen Löwen bringen und ihn bloß von vier Hunden hetzen, die sogleich den Löwen anpackten. Ein Hatzknecht nahm hierauf einen dieser Hunde, die am Löwen hingen, bei einem Bein und suchte ihn loszureißen. Als er nicht loslassen wollte, hieb er ihm dieses ab. Da er aber auch dies nicht beachtete, hieb er ihm ein zweites Bein ab, und, weil er noch immer den Löwen festhielt, schnitt er ihm ein Glied nach dem andern vom Rumpfe, und trotzdem hielt der Hund, obschon inzwischen tot, noch den Löwen mit den Zähnen fest. So hitzig sind diese Tiere von Natur auf die Jagd!“

Etwas abweichend von diesem Berichte erzählt der griechische Geschichtschreiber Diodorus Siculus zur Zeit Cäsars und Augustus: „Der indische König Sopites kam aus seiner Residenz dem Alexander entgegen, bewirtete dessen Soldaten einige Tage hindurch aufs glänzendste und schenkte ihm außer vielen andern wertvollen Dingen 150 Hunde von außerordentlicher Größe und Stärke. Um nun eine Probe von ihren Heldentaten zu geben, ließ er vor Alexander einen großen Löwen in ein Gehege bringen, und ließ dann auch zwei der schwächlichsten der geschenkten Hunde hinein. Diesen war der Löwe überlegen. Jetzt wurden noch zwei andere Hunde hineingelassen, und bald hatten die vier Hunde den Löwen so gepackt, daß sie ihn überwältigten. Darauf schickte Sopites einen Mann ins Gehege, der ein großes Messer trug, um einem der Hunde das rechte Bein abzuschneiden. Als Alexander das sah, schrie er voll Entsetzen auf, und Leute seiner Leibwache eilten hin, dem Inder Einhalt zu gebieten. Sopites aber versprach dem Alexander, er wolle ihm drei andere Hunde für den einen geben; und so schnitt denn der Inder dem Hunde ganz langsam das Bein ab, ohne daß dieser sich muckste. Er hielt im Gegenteil den Löwen mit seinen Zähnen so lange fest, bis er sich verblutet hatte und starb.“ Nebenbei bemerkt kommt es auch heute nicht selten bei Sauhatzen vor, daß sich Hunde so fest in das Beutetier verbeißen, daß sie von selbst nicht wieder loskommen können. Für diesen Fall muß der Hatzmeister dem Hunde einen stets bei sich geführten fußlangen Holzknebel von der Seite in den Mund schieben, indem er diesen behutsam öffnet.

Einen weiteren Bericht über die außerordentliche Leistungsfähigkeit dieser indischen Doggen hat uns der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte überliefert. Er schreibt nämlich: „Als Alexander (der Große) nach Indien zog, hatte ihm der König von Albanien einen Hund von ungeheurer Größe geschenkt. Das gewaltige Tier gefiel ihm, und er ließ erst Bären, dann Eber und endlich Antilopen zu ihm; aber der Hund blieb ruhig liegen und blickte sie mit Verachtung an. Erbittert über dessen Faulheit ließ ihn der Eroberer töten. Dies erfuhr der König von Albanien und sandte ihm einen anderen, mit der Aufforderung, ihn nicht an schwachen Tieren, sondern an Löwen und Elefanten zu versuchen; er habe nur zwei solcher Hunde gehabt und dieses sei der letzte. Ohne sich lange zu besinnen, ließ Alexander einen Löwen los; diesen machte der Hund augenblicklich nieder. Darauf befahl er, einen Elefanten vorzuführen, und nie sah er ein Schauspiel mit größerem Vergnügen an als das, das sich ihm jetzt darbot: Der Hund sträubte alle seine Haare, bellte furchtbar donnernd, erhob sich, sprang bald links, bald rechts gegen den Feind, bedrängte ihn und wich wieder zurück, benutzte jede Blöße, die er sich gab, sicherte sich selbst vor dessen Stößen und brachte es so weit, daß der Elefant vom immerwährenden Umdrehen schwindelig niederstürzte, so daß bei seinem Falle die Erde erdröhnte.“ Jedenfalls waren diese indischen Hunde von einer den Griechen bis dahin für unmöglich gehaltenen Tapferkeit und Stärke.

In Griechenland erfreuten sich die großen epirotischen Hunde neben den lakonischen von ägyptischer Windhundabstammung, die zur Jagd dienten, und den vom westasiatischen Schakal stammenden Spitzhunden, die als getreue Wächter des Hauses gehalten wurden, in der klassischen Zeit der größten Wertschätzung. Der 389 v. Chr. verstorbene attische Dichter Aristophanes berichtet, daß die starken epirotischen Hunde von fürsorglichen Ehemännern zur Hut der Frauengemächer benutzt wurden. Wie grimmig diese dreingeschaut haben müssen, beweist die Tatsache, daß der finsterblickende Höllenhund Kerberos von den Dichtern zum Stammvater der epirotischen Zuchten erklärt wurde.

Von den Griechen erhielten dann die Römer die hochgeschätzte epirotische Dogge, die sie Molosser (canis molossus) nannten. Eine eingehende Beschreibung des Tieres gibt der römische Ackerbauschriftsteller Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., und hebt den mächtigen Kopf des Tieres hervor. Diesen gewaltigen Hund, den sie mit Vorliebe bei den blutigen Tierhetzen im Amphitheater verwendeten und mit dem sie gewiß bei den Helvetiern und Germanen Aufsehen erregten, brachten die Römer zu Beginn der christlichen Zeitrechnung auch in ihre Kolonien nördlich der Alpen. So fand man vor einem Jahrzehnt im römischen Standlager von Vindonissa (dem heutigen Windisch am Zusammenfluß von Aare und Reuß) auf mehreren offenbar an Ort und Stelle hergestellten Tonlämpchen ein vollständiges Hundebild, das gut auf den antiken Molosser paßt. Es stellt einen sehr kräftig gebauten, hängeohrigen Hund dar, dessen Kopf eine dicke Schnauze aufweist. Der Körper erscheint langhaarig und der starkbehaarte Schwanz erinnert lebhaft an denjenigen unserer Bernhardinerhunde. Bemerkenswert und ebenfalls für den Doggencharakter sprechend ist der Umstand, daß an der Hinterpfote eine deutliche Wolfsklaue gezeichnet ist. Später kam eben dort auch ein wohlerhaltener Molosserschädel zum Vorschein, der nun in der Landwirtschaftlichen Sammlung in Zürich aufbewahrt wird.

Tafel 3.

„Vor dem Hunde wird gewarnt.“
Mosaik aus einem Hausflur in Pompeji.