In der hier angegebenen Weise muß das Rind schon vor etwa 10000 Jahren als Genosse des Menschen gewonnen worden sein, und zwar zuerst in Südasien, das überhaupt die meisten Wildrinder beherbergt, die für die Domestikation von Seite des Menschen in Frage kommen. Zuerst hat der Baseler Zoologe Ludwig Rütimeyer, auf genaue vergleichend anatomische Untersuchungen des ihm zur Verfügung gestellten Materials gestützt, nachgewiesen, daß das älteste Hausrind der Neolithiker Mitteleuropas, die Torfkuh der Pfahlbauern — wie der bereits besprochene Torfhund so genannt, weil ihre Überreste in den inzwischen meist vertorften Kulturschichten jener vorgeschichtlichen Periode der Pfahlbaubewohner gefunden werden —, nicht von einem einheimischen Wildrinde gezähmt wurde, sondern als fremder Import von Süden her zu den Stämmen Mitteleuropas in der jüngeren Steinzeit gelangte. Afrika kommt wegen Mangel an entsprechenden Wildrindern nicht in Betracht, sondern nur Südasien. Von den hier lebenden Wildrindern fällt der Yak (Bos gruniens) als Stammvater des ältesten Hausrindes wegen allzustarken Abweichungen im anatomischen Bau, wie auch wegen der 14 Rippenpaare, die er im Gegensatz zu den 13 des Hausrindes besitzt, außer Betracht. Zudem ist dieses Tier ein ausgesprochener Bewohner des Hochgebirges, dessen kaltem Klima und eisigen Stürmen entsprechend, er das zottige Pelzkleid trägt. Als solches vermag es sich dem heißen Tieflande durchaus nicht anzupassen. Gegen einen Zusammenhang mit dem indischen Gayal oder Stirnrind (Bos frontalis) spricht außer den ebenfalls 14 Rippenpaaren die gewaltige Ausdehnung der Stirnfläche des letzteren und die abweichende Gestalt und Richtung des Gehörns. Auch dieses ist übrigens ein Bergtier, das im Gebirge östlich vom Brahmaputra bis nach Birma hinein in Herden lebt, fast so geschickt wie der Yak klettert, gern das Wasser aufsucht und sich vor der drückenden Mittagshitze in die dichtesten Wälder zurückzieht, wo es wiederkäuend im Schatten ruht.

Bild 4. Ein aus der Elle einer Torfkuh gespitzter, sehr gut in die Hand passender Dolch aus einem neolithischen Pfahlbau der Schweiz. (1⁄3 nat. Größe.)

Auch der Gaur oder das Dschungelrind (Bos gaurus), das den undurchdringlichen Buschwald ganz Südasiens vom Himalaja bis in die indonesische Inselwelt bewohnt, kommt, obschon es 13 Rippenpaare besitzt, aus anatomischen Gründen als Stammvater des Hausrindes nicht in Betracht. Sein Schädel verbreitert sich nach oben zu, statt sich wie bei diesem in dieser Richtung zu verschmälern; auch ist er im Stirnteil auffallend konkav. Hinter dieser Konkavität erhebt sich ein mächtiger Stirnwulst, der beim Stier einer schiefen Wand vergleichbar ist, beim weiblichen Tier allerdings etwas niedriger, aber immer noch recht hoch ist.

Der Banteng der Malaien oder das Sundarind (Bos sondaicus) dagegen erfüllt nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Konrad Keller in Zürich und anderen Zoologen alle Bedingungen dazu, so daß wir ihn mit Sicherheit als Stammvater des ältesten Hausrindes ansprechen können. Der ganze Schädelbau, die eigentümliche Beschaffenheit der Hornzapfen, die bei beiden wie wurmstichiges Holz aussehen, die Gestaltung und Richtung des Gehörnes, die 13 Rippen usw. deuten mit aller Bestimmtheit darauf, daß irgendwo im südlichsten Asien der Banteng gezähmt und aus ihm die ältesten Hausrinder gewonnen wurden, bei denen sich der Gesichtsteil mit der Zeit etwas verkürzte.

Dem scheuen, am liebsten in wasserreichen bis moorigen Waldesteilen seinen Stand nehmenden und deshalb vorzugsweise flache Bergtäler mit langsam strömenden Flüssen bewohnenden Banteng steht in allen körperlichen Merkmalen von allen Hausrindern das indische Zeburind am nächsten. Dieses ist offenkundig ein domestizierter Banteng. Die anatomische Übereinstimmung beider ist auffallend. Beim Zeburind wie bei der Bantengkuh ist der Schädel lang und schmal, das Gehörn nach hinten ausgelegt, die Stirn seitlich abfallend, die Schläfengrube breit und flach, sind die Augenhöhlen fast gar nicht hervortretend, ist der Nasenast des Zwischenkiefers kurz und sind die Backenzähne schief gestellt. Brehm sagt in seinem Tierleben, „daß erwachsene Bantengs sich nicht zähmen lassen, Kälber desselben hingegen sich in der Gefangenschaft leicht an den Menschen gewöhnen und völlig zu Haustieren werden, da das Wesen des Tieres sanfter und milder zu sein scheint als das aller übrigen bekannten Wildrinder.“

Der wilde Banteng ist ein verhältnismäßig leicht gebautes Rind von braunroter bis kastanienbrauner Farbe bei den Kühen und jungen Stieren, dagegen schwarz bei alten Stieren. Weiß dagegen sind bei beiden Geschlechtern die untern Enden der Beine bis oberhalb der Knie- und Hackengelenke, ein großer ovaler Bezirk auf der Hinterseite der Schenkel, ein Streifen an der Innenseite der Beine, die Lippen und die Innenseite der Ohren. Bei den Kälbern, deren Beine in ihrer ganzen Ausdehnung außen kastanienbraun gefärbt sind, trägt der Rücken einen dunkeln Längsstreifen. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Stieres beträgt 1,6–1,7 m, die Körperlänge etwa 2,6 m und die Schwanzlänge 0,9 m. Die bei jungen Tieren walzigen, bei ausgewachsenen an der Wurzel abgeflachten Hörner richten sich zuerst nach außen und oben, aber gegen die Spitze zu etwas nach rückwärts und innen. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Gras. Gewöhnlich frißt es von vormittags 9 bis nachmittags 4 Uhr und geht dann trinken. Nachts legt es sich zum Ruhen nieder. Es meidet angebaute Gegenden so viel als möglich, stellt sich aber gelegentlich auf Äckern mit junger Saat zum Weiden ein. Es lebt meist in kleinen Herden von 5 oder 6 bis 20 Stück, die von einem großen Bullen geführt werden. Alte Stiere sollen sich gerne von der Herde trennen und einsiedlerisch leben. Werden diese verwundet, so greifen sie den Menschen, den sie sonst fliehen, ohne Zaudern an.

In diesem Banteng oder Sundarind hat nun der Südasiate nicht bloß das gefügigste, sondern auch das schönste Wildrind zum bildsamen Haustier herangezogen und damit alle weitere Haustiergewinnung vorbereitet. Dieser südasiatische Stamm der Hausrinder hat sich dann, weil sein großer Nutzen einleuchtete, sehr bald über weite Gebiete ausgedehnt. In der ostasiatischen Inselwelt reicht es bis Bali und Lombok, weiter nördlich bis China und Japan; hier überall macht ihm heute der später domestizierte Hausbüffel starke Konkurrenz. Nach Westen zu treffen wir ihn zuerst in Persien und Mesopotamien, dann auch sehr früh schon im Niltal an, wo uns auf einer der noch der neolithischen Negadazeit angehörenden skulptierten Schieferplatte von Giseh (s. [Tafel]), und noch deutlicher auf einer gleichzeitigen Platte im Louvre das charakteristische bantengähnliche Hausrind der ältesten nachweisbaren Zeit Ägyptens entgegentritt. Als Büffelfigur, sagt Keller, könne dieses Bild schon der Kopfbildung wegen nicht aufgefaßt werden. „Der Stier auf der Platte des Louvre zeigt vielmehr im Verlauf des Gehörns, in der auffallenden Stirnbreite und in der Kürze der Schnauze die typischen Kennzeichen eines alten Bantengstiers. Wir sind daher zu der Annahme gezwungen, daß das Hausrind der frühägyptischen, vorpharaonischen Zeit der Bantengstammform noch sehr nahe stand.“

Vom Niltal aus hat sich dieses Hausrind südasiatischer Herkunft weiter südlich zu den Hamiten verbreitet, die lange Zeit allein von den außerägyptischen Afrikanern in seinem Besitze waren. Erst später haben es dann die intelligenteren Stämme der Negerbevölkerung in Süd- und Westafrika übernommen. Madagaskar mit seiner starken Rinderzucht hat das Tier von Ostafrika her erhalten. Von Äthiopien gelangte schon vor der Zeit des alten Reiches im 4. Jahrtausend v. Chr. ein großgehörnter Rinderschlag von Bantengabstammung, der heute nur noch in Zentralafrika gefunden wird, nach Ägypten, wo er bald mit Vorliebe gezüchtet wurde. Dieser buckellose Schlag, aus dem meist der heilige Apis (altägyptisch hapi) genommen wurde, besaß ein ungewöhnlich langes, leier- oder halbmondförmiges oder auch gerade nach oben außen gerichtetes Gehörn und war von weißer, schwarz- oder rotbunter Färbung. Der nach Älian dem Mondgotte heilige Apis war nach Herodot schwarz, trug auf der Stirne ein weißes Viereck, auf dem Rücken das Bild eines Adlers, am Schwanz zweierlei Haare und auf der Zunge einen Käfer. Diese Färbung wird noch häufig beim Duxerschlag, namentlich aber bei den Eringerschlägen des südlichen Wallis angetroffen.