Wie der Hund, so ist auch das Rind zunächst nicht aus Nutzungsgründen, sondern infolge abergläubiger Vorstellungen vom Menschen unterjocht und in seinen Dienst genommen worden, um dann, als man später seinen Nutzwert erkannte und auszubeuten begann, vorbildlich für die Zähmung der übrigen Haustiere zu werden. Die Gewinnung eines so großen, starken Tieres, wie es das Rind ist, war durchaus nichts Einfaches und sich von selbst Verstehendes. Alte, entwickelte Individuen dieser Tierart gefangen zu halten und gar zur Fortpflanzung zu bringen, ist schon für uns unmöglich, wie viel mehr für den in seinen Vorstellungen, Erfahrungen und Hilfsmitteln so sehr beschränkten vorgeschichtlichen Menschen der jüngeren Steinzeit!

Ohne Zweifel haben sich die meisten alt, etwa in Fanggruben gefangenen Tiere, wenn sie ausnahmsweise nicht sofort als willkommene Beute zur Fleischgewinnung getötet und verspeist wurden, einfach totgerast. An eine Fortzucht wäre bei Tieren solcher Art, die am Leben blieben, in keiner Weise zu denken gewesen. Junge Tiere dagegen, die am leichtesten lebend zu bekommen und zu zähmen gewesen wären, konnte man ohne fremde Milch nicht am Leben erhalten. Da es nun an dieser völlig gebrach und die weiblichen Tiere, abgesehen von ihrer selbstverständlichen Unfruchtbarkeit in der Gefangenschaft und der dadurch bedingten Milchlosigkeit, auch nicht zum Melken oder zum Zulassen fremder Kälber an ihr Euter zu bringen waren, so konnte auch nicht durch solche in jugendlichem Alter gefangene Kälber an eine Zähmung dieses starken Wiederkäuers gedacht werden.

Für die erste Gefangenhaltung, Eingewöhnung und Züchtung des Rindes waren andere Gründe maßgebend als diejenigen der Nutzung für sich selbst. Solche der allertriftigsten Art waren aber religiöse, auf die der verstorbene Alfred Nehring in Berlin vom Katheder aus und Eduard Hahn in seinem Haustierbuche vollständig überzeugend hinwiesen, so daß wir jedenfalls hierin das tatsächliche Motiv der Gewinnung des Rindes als Haustier zu erblicken haben. Ihr Gedankengang ist folgender: Eine uralte, hier nicht näher zu verknüpfende Anschauung, die ich bei Besprechung des Mondkultus in meinem Werke: Der Mensch zur Eiszeit in Europa und seine Kulturentwicklung bis zum Ende der Steinzeit eingehend gewürdigt habe, schreibt bei allen Völkern auf niedriger Kulturstufe, so auch bei denjenigen des südasiatischen und westasiatisch-europäischen Kulturkreises, dem die hier in Betracht kommenden Stämme angehörten, dem Mond einen weitgehenden Einfluß auf Wachstum und Gedeihen aller Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt mit Einschluß des Menschen zu. Von jeher hat er durch seinen schwankenden Lauf in Verbindung mit seinem den Primitiven unerklärlichen Gestaltwechsel von der feinsten Sichel bis zum glänzenden Vollmond die Aufmerksamkeit des Menschen viel eher auf sich gezogen und sie zu Grübeleien aller Art veranlaßt, als die täglich in derselben Gestalt ihre Bahn am Himmel zurücklegende Sonne. War diese ihm in ihrer machtvollen, Hitze bis zur Dürre erzeugenden Erscheinung das männliche Prinzip, so war ihm der in sanftem Lichte strahlende Mond, der mit dem Tau und dem Regen der Erde und allem auf ihr Lebenden Fruchtbarkeit spendete und ein für den Ackerbauer wichtiger Zeitmesser war, das weibliche Prinzip — auch bei den alten Germanen trotz des später vertauschten Geschlechts. Schon auf niedriger Kulturstufe mußte es dem Menschen auffallen, daß die Menstruation des Weibes, die wir im Deutschen als monatliche Reinigung bezeichnen, wie die Schwangerschaft und Fruchtbarkeit überhaupt völlig in Verbindung mit dem Mondlaufe stand, von jenem geheimnisvollen Gestirn geregelt und also auch — nach primitiver Anschauung — bedingt wurde.

Bild 3. Idol in Mondgestalt mit einfachen geradlinigen Ornamenten, sogenanntes „Mondhorn“, vom Ebersberg, aus einer Station der Bronzezeit am Irchel im Kanton Zürich.

Was nun die Darstellung dieses vergöttlichten Wesens der Fruchtbarkeit anbetrifft, so hat man von jeher den Mond als Sichel im Gegensatz zur als Scheibe und später als scheibenförmiges Rad dargestellten Sonne abgebildet. Diese Sichelgestalt des Mondes wiesen in auffallender Form die gerade abstehenden Hörner des Wildrindes auf. Aus diesem Grunde war es naheliegend, ja nach der Denkweise aller Menschen auf niedriger Kulturstufe geradezu selbstverständlich, daß eine engere Beziehung zwischen dem Wildrinde und der Mondgöttin bestand und ersteres zum heiligen Tiere der letzteren erklärt wurde. Heischte nun die Göttin Opfer, damit sie dem Hackbauern und seiner Frau Fruchtbarkeit spende und seine Feldfrüchte gedeihen lasse, so war offenbar dasjenige des ihr durch die Sichelgestalt der Hörner engverbundenen und ihr heiligen Tieres ihr weitaus das liebste. Deshalb brachte man es dar, um sich ihr Wohlgefallen und ihren Schutz zu erringen. Am allernotwendigsten waren diese Opfer zur Zeit der schreckhaften Mondfinsternisse, wenn die so überaus wichtige, ja unersetzliche Göttin der Fruchtbarkeit von irgend welchen bösen Dämonen verschlungen zu werden drohte. Wie nun heute noch die Chinesen bei solchen Fällen mit allen ihnen überhaupt zur Verfügung stehenden Instrumenten einen gewaltigen Lärm verursachen, um diese vermeintlichen bösen Dämonen zu vertreiben, so glaubten die Stämme des südasiatischen Kulturkreises dieses Ziel der Befreiung der Fruchtbarkeitsgöttin aus der Gewalt böser Mächte, die sich durch die sonst ganz unerklärliche Verfinsterung dokumentierte, noch besser durch schleuniges Opfer eines Exemplars der ihr heiligen Tiere zu erreichen. Da aber lag die Schwierigkeit! Man wußte nicht von vornherein, wann solche Zustände des Überfalls, der Schwäche und Krankheit der Mondgöttin eintraten. Es war dies nur in ganz ungleichen, unbestimmten Zwischenräumen der Fall, und dann, wenn es am nötigsten war, hatte man just kein frischerbeutetes Wildrind zum Opfer bereit, konnte somit der bedrängten Göttin nicht beistehen, ihr nicht helfen und verscherzte damit ihr Wohlwollen. In der Urzeit war überhaupt kein Gebot für den bequemen und arbeitsscheuen Menschen so dringend als eine Kultpflicht, der er sich durchaus nicht entziehen konnte, wenn ihm überhaupt an seiner und der Seinigen Existenz gelegen war. Es galt also, da die Mondfinsternisse ganz plötzlich eintraten, sich nicht auf den Ertrag der Jagd zu verlassen, sondern die Opfertiere für alle Fälle vorrätig zu halten, um im Falle der Not sie zum unerläßlichen Opfer bei der Hand zu haben. Das erreichte man am einfachsten dadurch, daß man kleine Herden des Wildrindes in durch in den Boden geschlagene Holzpfähle eingezäunte Reviere trieb und sie dort in halber Gefangenschaft hielt, in der sie sich innerhalb des gewohnten Familienverbandes ruhig fortpflanzten.

Auf diese Weise war der schwierige Übergang des Wildlings vom Freileben zur Knechtschaft des Menschen ein unmerklicher geworden und konnte allmählich zur Gewinnung des Rindes als Haustier führen. Von frühester Jugend an häufiger mit dem Menschen in Berührung kommend, gewöhnte es sich nach und nach an diesen und seinen Geruch, der ihm im wilden Zustande Schrecken einflößte. Als der Gottheit geweihtem, heiligem Tiere ließ man ihm innerhalb der Umhegung volle Freiheit und suchte es nicht nur vor allfälligen Feinden, sondern auch, wenn nötig, vor Futtermangel zu schützen. Solcher Dienst von seiten des ihm wohlwollenden Menschen wurde von ihm bald dankbar empfunden. An den Verkehr mit dem Menschen immer mehr gewöhnt, ließ es sich schließlich mit zunehmendem Zahmwerden berühren, ja schließlich sogar melken; doch wurde die Milch als Produkt des ihr heiligen Tieres der Mondgöttin geopfert und erst sehr viel später riskierte der Mensch das zunächst wohl als strafbaren Frevel empfundene Wagnis, dieses geheiligte Produkt selbst zu genießen. Er trotzte kühn dem Zorne der Gottheit, um sich vielleicht mit dem Genusse dieses heiligen Kultobjektes direkt, ohne Vermittlung jener, einen Vorteil irgend welcher Art, besonders aber die Fruchtbarkeit betreffend, zu erringen. So wurde die Milch, indem der Mensch die Scheu vor diesem heiligen Produkt immer mehr ablegte, von einem Opfertranke schließlich ein geschätzter Haustrank, den man sich auch zu nichtrituellen Zwecken zu verschaffen versuchte.

Durch gegenseitige Gewöhnung aneinander zog sich das Band der Freundschaft zwischen Rind und Mensch immer enger, bis schließlich das von der Mutter entwöhnte Kalb, durch Anbieten von Salz zum Lecken angezogen, in engere Verbindung mit seinem Herrn trat und langsam der eigentlichen Zähmung unterworfen wurde. Solch heiliges Tier wurde selbstverständlich nur als Opfer an die bedrängte oder um Hilfe angerufene Mondgottheit geschlachtet und dessen Fleisch nur als Opferspeise auch vom Menschen gegessen. Je mehr aber die Domestikation dieses Tieres fortschritt und sich sein Nützlichkeitsverhältnis dem Menschen gegenüber offenbarte, um so schwerer entschloß sich letzterer, solch nützliches Tier der Gottheit zu opfern. Es konnte ihr anderweitig im Leben noch mehr als mit seinem Tode dienen, indem es beispielsweise das heilige Kultgerät der Fruchtbarkeit spendenden Göttin, ihr Idol in Kuhhorngestalt, auf dem mit massiven Rädern versehenen Wagen bei dem zu ihren Ehren abgehaltenen festlichen Umzuge zog. Dazu wurden zunächst die größeren Kälber und später von den geschlechtsreifen Tieren nur die fügsameren Kühe verwendet. Der unbotmäßige starke Stier konnte dazu nicht in Betracht kommen, schon weil man zu schwach war, ihn bei solcher Dienstleistung zu bändigen und in seiner Gewalt zu behalten. Zudem konnte er nach weitverbreitetem Glauben primitiver Völker nur als Kastrat Diener einer weiblichen Gottheit werden. So wurde das Tier, um zum Gottesdiener gemacht und als solcher bei den Umzügen bei Gelegenheit der Feste der Mondgöttin zum Ziehen von deren heiligem Wagen mit dem Kultbild verwendet werden zu können, durch Abschneiden der Hoden — was sich ja sehr leicht bewerkstelligen ließ — entmannt. Die Folgen dieses Eingriffs machten sich bald bemerkbar durch Verleihung einer sanfteren Gemütsart und Neigung zu Fettwerden, was die Mastfähigkeit erleichterte, alles Eigenschaften, deren Auftreten der Mensch als Nachwirkungen jener Operation nicht voraussehen und so zielbewußt herbeiführen konnte.

Als Kastrat, d. h. geschlechtslos gemachtes Wesen, war nun der Ochse der vorzugsweise, ja später ausschließlich der Göttin geweihte Diener, während ihm gegenüber auch die Kuh als Geschlechtstier zurücktrat. Ein grausam-wollüstiger Zug haftet nun einmal dem Dienste der Fruchtbarkeitsgöttin an und verlangte wie vom menschlichen Diener, der sich ihr völlig geweiht hatte, auch von dem von jenem ihr geweihten Tiere die freiwillige beziehungsweise erzwungene Geschlechtslosigkeit, von ihren Dienerinnen aber, die nicht kastriert zu werden vermochten, wenigstens das Zölibat, wenn nicht die Prostitution, d. h. das sich anderen Preisgeben im Dienste der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, wie dies in den semitischen Kulten Vorderasiens allgemein üblich war und in Südasien, speziell Indien, heute noch üblich ist. Bis in die Gegenwart haftet den Kastraten ein Beigeschmack von Heiligkeit an. So sind es Eunuchen, die seit der ältesten Zeit den zum Fetisch erhobenen Meteorstein der Kaaba in Mekka und das Grab des Propheten Mohammed in Medina hüten. Eunuchen sind es, die nicht nur den Harems der mohammedanischen Großen vorstehen, sondern auch den Dienst in den Gemächern des „Sohnes des Himmels“ in Peking besorgen und in der Privatkapelle des „Heiligen Vaters“ in Rom singen.

Eine noch viel größere Bedeutung als der Wagen mit dem heiligen Kultbild der Göttin der Fruchtbarkeit erlangte als heiliges Gerät im Dienste der Mondgottheit der Pflug. Viel ausgiebiger als mit der von beiden Händen geführten Hacke ließ sich mit dem hakenförmig gekrümmten Holze mit später erz- beziehungsweise eisenbewehrter Spitze der Boden zur Aufnahme der Ackerfrucht aufreißen. Dieser Pflug wurde zunächst von kriegsgefangenen Knechten, dann aber noch erfolgreicher durch den zum Diener der Fruchtbarkeitsgöttin gemachten Ochsen gezogen. Er war ein heiliges Werkzeug, mit dem man den Schoß der Allmutter Erde aufriß, um sie zur Fruchtbarkeit zu zwingen, wie das Pflügen eine heilige Handlung, die wie vor vielen Jahrtausenden, so heute noch vom Kaiser von China, vom feierlichsten Zeremoniell umgeben, zur Eröffnung des Ackerbaues seiner Untertanen vor allem Volke vollzogen wird. Wie die Heiligkeit des Gerätes, so zieht sich die Heiligkeit des Gottesdieners durch die ganze menschliche Kulturgeschichte. Bei vielen Völkern, so in den meisten Gebieten Asiens, ist heute noch der den Pflug ziehende Ochse ein Tier, dessen Fleisch nicht gegessen wird. Wie die Chinesen, Inder und Westasiaten, hatte noch der gebildete Römer Cicero die Anschauung, das Rind sei zum Pflügen und nicht zum Gegessenwerden da; und Die Chrysostomus berichtet, daß in Cypern derjenige, der einen Pflugochsen getötet hatte, als Mörder mit dem Tode bestraft wurde. Wie bei den Juden, so wurde auch bei den alten Griechen ursprünglich die Tötung eines Ochsen bestraft. Gleicherweise war sie bei den nüchternen Römern verpönt, weil der Ochse ein Genosse des Mannes und ein Diener der Ceres sei. Der Grieche Plutarch bekennt, daß er es nicht über sich bringe, einen im Dienst alt gewordenen Ochsen auch nur zu verkaufen. Erst nach und nach schwand wenigstens bei einem Teil der Menschen das Vorurteil der Heiligkeit und Unantastbarkeit des Gottesdieners und wurde der Ochse als Mastvieh ebensogut in Benutzung von Seite des Menschen gezogen wie die milchende Kuh, deren Milch nicht mehr Opfer, sondern profanes Genußmittel war.