Eine Viehherde hieß bei den Franken sonesti; die einzelnen Individuen derselben wurden nebst etwaigen Pferden, Schafen und Schweinen, jedes mit einer Schelle behängt, unter Aufsicht eines Hirten zusammen ausgetrieben. Durch das Klingeln der Glöckchen konnte man im weitläufigen Bruch oder bei der beliebten Waldhütung das Entlaufen der Tiere besser verhindern, entlaufene auch leichter wieder finden und zur Herde zurücktreiben. Die deutschen Volksrechte bestraften das Entwenden dieser Klingeln sehr hart. So bestimmte das Gesetz der salischen Franken für die Entwendung einer Schelle (skella) von einem Pferde wie von einer Sau 15 Solidi Strafe, 3 aber von anderem Vieh. Wer bei den Burgundern von einem Pferd oder Ochsen die Glocke entwendete, der mußte sie durch ein Pferd oder einen Ochsen ersetzen, die von derselben Beschaffenheit waren als jene, an denen er sich verging. Dies war die Strafe des Freien, der Leibeigene dagegen wurde gehörig durchgebläut, so daß er solches sein Lebtag nie mehr tat. Bei den Langobarden wurden 6 Solidi für die entwendete Pferde- oder Rindschelle erlegt; die Westgoten bestraften dasselbe Vergehen mit 1 Solidus.

Zudem war das Vieh damals gezeichnet, damit es sein Eigentümer jederzeit aus der Herde herausfinden und als sein Eigentum in Besitz nehmen konnte. Beim Vieh wurden besondere Hirtenhunde zur Abwehr des Wolfes und anderer Raubtiere gehalten; wer einen solchen tötete, gab nach dem Volksrechte der Friesen 1, bei anderen Stämmen bis 4 Solidi Buße. Die Hirten hatten großes Recht; wer einen solchen erschlug, mußte bei den Alamannen 40 Solidi Strafe entrichten. Wer ihn mißhandelte, indem er ihn schlug, während ihn zwei andere hielten, bezahlte 9 Solidi. Die Hütung geschah entweder privat oder gemeinschaftlich. Es gab Freie, die sich eigene Hirten hielten; sonst stellten die Sippengenossen gewöhnlich einen Unfreien dazu an, ihr Vieh gemeinsam auf der Weide zu hüten. Während der ganzen guten Jahreszeit war das Vieh auf der Weide und wurde nur im Winter, wenn es wegen des hohen Schnees kein Futter mehr fand, im Stalle von dem im Sommer eingebrachten Heu gefüttert.

Die Fürsorge der Karolinger, besonders Karls des Großen, für die Kultur des Landes zeigt sich auch in den Vorschriften für den Viehstand ihrer Güter. So befahl Karl der Große, auf allen seinen Gütern Milchkühe zu halten und von der Milch auch Butter und Käse zu bereiten. So gab es nach einem uns erhaltenen Verzeichnis auf seinem Gute Stefanswerd 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Jungvieh (animalia minora) und 5 Kälber. Auf seinem Gute Asnapium hatte er 50 Kühe mit Kälbern, 20 Stück Jungvieh (juvencus), 38 jährige Kälber und 3 Stiere, in Grisenwiler dagegen 30 Kühe mit Kälbern, 3 Stiere und 10 Stück Jungvieh stehen; auf einem anderen kleinen Gute hatte er 6 Kühe mit Kälbern und 8 Stück Jungvieh. Aus diesem Verzeichnis und nach allem, was wir sonst noch erfahren, dürfen wir schließen, daß die Kälber damals sehr lange bei ihren Müttern verblieben, wahrscheinlich bis sie die Kuh selbst absetzte. Die Kühe selbst wurden nicht nur zur Milchgewinnung, sondern auch zum Ziehen gebraucht, und zwar nicht bloß von den kleinen Leuten, sondern auch auf den großen Gütern. Daß Kaiser Karl bei der Bereitung von Butter und Käse auf seinen Gütern Reinlichkeit verlangte, beweist, daß man es damit nicht sehr genau nahm. Die Butter hieß damals noch mit einem altdeutschen Worte Schmeer oder Anken. Ein Stück Brot „beschmeeren“ — woraus später allgemein beschmieren wurde — heißt also, es mit Butter bestreichen. Da man schon in jener Zeit begann, den Untertanen, wenn nur irgend möglich, Dienste und Abgaben aufzubürden, so nötigten die Grundherren sie später in einigen Gegenden, herrschaftliche Kühe den Winter über zur Fütterung zu übernehmen. So mußte beispielsweise das Stift Lorch solche Kühe überwintern. Oft wurden die Zehnten in Käse bezahlt. So bekam der Abt von Fulda von drei Alpen, die ihm gehörten und auf die das Vieh zur Sömmerung getrieben wurde, als Entgelt je 3000 Käse, die für die Klosterwirtschaft sehr erwünscht waren. Im Laufe der Jahrhunderte ging dann die Viehwirtschaft hervor, wie wir sie heute noch kennen und auf die einzutreten ganz überflüssig ist.

Außer dem eigentlichen Rind sind aber noch andere Vertreter der Rinderfamilie vom Menschen gezähmt und in Pflege genommen worden. Von diesen soll nun noch die Rede sein. Ein naher Verwandter des Hausrindes ist der schon zu Eingang erwähnte Gayal oder das Stirnrind (Bos frontalis). Dieses Wildrind ist in beiden Geschlechtern bis zu den Knien braun, im untern Teil der Beine weiß oder gelblich, hat kurze Gliedmaßen, einen kurzen Kopf mit außerordentlich breiter Stirn und fast gerade nach auswärts gerichtetem Gehörn. Die Eingeborenenstämme südlich und nördlich vom Tal des Assam in Hinterindien fangen nicht nur Kälber desselben, um sie einzugewöhnen, sondern halten es schon so lange in gezähmtem Zustand als Haustier, daß es als Folge weitgehender Beeinflussung durch Domestikation in ziemlich vielen Exemplaren ganz weiß, andere wenigstens fleckig gefärbt sind. Die Herden zahmer Gayals werden von den Indochinesen des Fleisches wegen gehalten; auch soll teilweise ihre Milch genossen werden. Die Tiere, die weder zur Bearbeitung des Bodens, noch zum Tragen von Lasten verwendet zu werden scheinen, streifen, um zu fressen, während des Tages unbeaufsichtigt im Walde umher und kehren abends ins Gehöft ihres Besitzers zurück. Sie vermischen sich zuzeiten ungehindert mit dem neben ihm gehaltenen indischen Buckelrind, dem Zebu. Merkwürdigerweise sind von den aus dieser Kreuzung hervorgegangenen Bastarden nur die weiblichen Exemplare fruchtbar, nicht aber die männlichen, während bei den anderen Kreuzungsprodukten zwischen verschiedenen Rinderarten die männlichen und weiblichen Bastarde gleicherweise in der Regel unbegrenzt fruchtbar sind.

Auch der Gaur oder das Dschungelrind (Bos gaurus), dessen Verbreitungsgebiet von Vorderindien bis Siam und Cochinchina im Osten und die Halbinsel von Malakka im Süden reicht, ist in etlichen Berggegenden zwischen Assam und Birma gezähmt und wird als Haustier gehalten, obschon alle in Indien zu Züchtungszwecken eingefangenen Gaurkälber eingingen und keines das dritte Lebensjahr erreichte. Dieser Gaur scheint das größte lebende Rind zu sein und erreicht in den Stieren 1,8 m Schulterhöhe bei einer Körperlänge von 2,9 m. Die vordere Rückenhälfte trägt einen hohen Kamm, die Ohren sind klein, die Hörner an der Wurzel ziemlich stark zusammengedrückt, auf ihrer ganzen Länge gebogen und mit der Spitze nach innen und etwas nach rückwärts gerichtet. Beim Stier sind sie 50–60 cm lang. Das kurzbehaarte Fell ist bei jungen Männchen und Weibchen braun, bei alten Männchen dagegen schwarz. Die untern Teile sind ziemlich heller und die Beine vom Knie und vom Hackengelenk an bis zu den verhältnismäßig kleinen Hufen weiß. Die Kälber tragen einen schwarzen Längsstreifen auf dem Rücken. In den Berggegenden, die es bewohnt, hält es sich an den Wald und die hohen Grasbestände. Seine Lebensweise deckt sich fast ganz mit der beim Banteng geschilderten. Es klettert ausgezeichnet und hat hierzu trefflich geeignete kurze Beine.

Viel wichtiger als diese beiden Wildrinder ist eine dritte Art für den Menschen geworden. Es ist dies der in seinen ältesten Vertretern erdgeschichtlich schon im Pliocän auftretende Büffel (Bubalus). Von den beiden heute noch lebenden Arten ist nicht der wilde Schwarz- oder Kaffernbüffel (Bubalus caffer) Afrikas, sondern der südasiatische Büffel (Bubalus arni) vom Menschen in vorgeschichtlicher Zeit gezähmt und zum nützlichen Haustier erhoben worden, das von den Indern Arni, von den Malaien Hinterindiens dagegen Kerabau genannt wird. In Insulindien besonders ist er nachträglich wieder verwildert, da er sich dort der Aufsicht von seiten des Menschen zu entziehen wußte. Die Domestikation dieses weitaus kühnsten und wildesten unter den indischen Wildrindern erfolgte bedeutend später als diejenige des weit gutmütigeren Banteng. Dieser Wildbüffel bewohnt heute noch die sumpfigen Rohrwälder und die dicht mit hohem Gras bewachsenen Ebenen des Brahmaputra und Ganges vom Ostende von Assam bis nach Tirhut im Westen und diejenigen der östlichen Zentralprovinzen Indiens. Er ist ein besonders im Alter dünnbehaartes, am ganzen Körper dunkelgraues, fast schwarzes, an den Beinen jedoch meist heller gefärbtes massig gebautes Rind mit kräftig behörntem Kopf auf gedrungenem Hals, etwas gestrecktem Rumpf, dicken und kurzen Beinen und großen, für die Fortbewegung auf sumpfigem Boden breit ausladenden Hufen. Der niedrig getragene Kopf ist gestreckt und flachstirnig und trägt sehr große, schwarze, im Querschnitt dreieckige, in einer Ebene zuerst auf- und auswärts, dann nach innen und vorn, von der Gesichtsebene aus etwas nach rückwärts gebogene Hörner, die der Krümmung entlang gemessen 2 m lang werden können. In Oberassam findet sich eine nicht bloß durch die fahlere Färbung, sondern auch durch die Form des Schädels abweichende Unterart.

Dem Wildbüffel sagen heiße, sumpfige oder wasserreiche Gegenden am besten zu, denn er ist ein großer Wasserfreund, der vortrefflich schwimmt und sich so gebärdet, als ob das Wasser sein eigentliches Lebenselement sei. Auf dem festen Lande erscheint er in allen seinen Bewegungen schwerfälliger als im Wasser, in dem er sich tagsüber während der größten Hitze mit Vorliebe aufhält und, darin liegend, nur einen Teil des Kopfes herausstreckt. Nachts und am frühen Morgen weidet er, bricht gern in Pflanzungen ein und richtet darin bedeutende Verwüstungen an. Sein Wesen wird als mürrisch und unzuverlässig geschildert; er ist voll Mut und Angriffslust und läßt dann seine tiefdröhnende Stimme erschallen. Die Paarungszeit fällt in den Herbst; dann lösen sich die sonst bis zu 50 Stück zählenden Herden in kleinere Trupps auf, die je ein Stier um sich versammelt. Etwa 10 Monate nach der Paarung, also im Sommer, wirft die Kuh 1–2 Kälber, die sie sorgsam gegen alle Angriffe wilder Tiere behütet. Der Wildbüffel ist keineswegs scheu, scheint auch die Nachbarschaft des Menschen nicht zu meiden. Oft nimmt eine Herde oder ein einzelner Stier von einem Felde Besitz, von dem dessen Eigentümer zurückgetrieben wird. Angegriffen und besonders verwundet, stellen sie den Gegner und suchen ihn mit ihren gewaltigen Hörnern niederzurennen.

Wann und wie der indische Wildbüffel zuerst gezähmt wurde, ist völlig unbekannt. Jedenfalls geschah dies irgendwo in Südasien, wo nach der Domestikation des Banteng die seinige nahe lag. Dabei veränderte sich sein Charakter in einer für den Menschen sehr günstigen Weise. Ist der Wildbüffel sehr kampflustig, weil er sich selbst dem Tiger überlegen fühlt, so ist er im zahmen Zustande seinen Bekannten gegenüber überaus sanftmütig und anhänglich und läßt sich sogar von einem Kinde lenken. Nur fremden Leuten und Tieren gegenüber zeigt er sich feindlich und beweist dann einen großen Mut. Nach wie vor ist ihm das Wasser ein überaus wichtiges Lebenselement, auf das er nur ungern verzichtet und das er immer wieder zur Kühlung aufsucht.

Tafel 15.